„Im Netz treffen Dokfilme auf ein jüngeres Publikum“

von am 19.11.2019 in Allgemein, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Medienwirtschaft, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk

„Im Netz treffen Dokfilme auf ein jüngeres Publikum“
Dr. Katja Wildermuth, Programmdirektorin des MDR für Kultur und Wissen sowie die Jungen Angebote des MDR und MDR JUMP

MDR wünscht sich mehr Vorschläge für investigative Dokfilme von den Produzenten

19.11.2019. Interview mit Dr. Katja Wildermuth, Programmdirektorin des MDR für Kultur und Wissen sowie die Jungen Angebote des MDR und MDR JUMP

Der Dokumentarfilm-Wettbewerb der ARD, „Top of the Docs“, zieht von Berlin nach Leipzig und gesellt sich ab 2020 zu dem dortigen Filmfest im Herbst. Während des Dokumentarfilm-Festivals DOK Leipzig sollen künftig die Kandidaten präsentiert und der Sieger verkündet werden. 2020 wird der Preisträger letztmalig bei der Berlinale in Berlin bekanntgegeben. An dem Wettbewerb „Top of de Docs“ sind die Landesrundfunkanstalten der ARD beteiligt. Sie übernehmen Produktionskosten in Höhe von 250.000 Euro. Außerdem gibt es für den ausgewählten Film einen Sendeplatz im Ersten. Sie sehen, der Stellenwert von Dokumentarfilmen ist bei uns plattformübergreifend hoch und nachhaltig. Wie Dr. Katja Wildermuth, Programmdirektorin des MDR, in einem Interview mit medienpolitik.net betont, sei der Stellenwert von Dokumentarfilmen beim MDR „plattformübergreifend hoch und nachhaltig“. Sie wünsche sich jedoch noch mehr Vorschläge für investigative Dokumentarfilme. „Denn aus meiner Sicht ist der Dokfilm als Genre geradezu prädestiniert, die aktuellen Themen unserer Zeit kritisch aufzugreifen.“

medienpolitik.net: Frau Wildermuth, der MDR war bei der Dokumentarfilmwoche Leipzig mit einem Special-Screening der Produktion „Russlands Milleniumskinder“ vertreten. Warum präsentieren Sie MDR-Dokumentarfilme, die ja im linearen Programm und über die Mediathek zu sehen sind, auf Festivals?

Wildermuth: Auf Festivals werden die Filme von Menschen rezipiert, die wir linear nur bedingt erreichen: Jüngere Zuschauerinnen und Zuschauer – gerade hier in Leipzig sind es sehr viele junge Menschen, die in die Kinos strömen und Dokumentarfilme anschauen – und die Branche. Jedes Festival ist ein Branchentreff, bei dem Programmverantwortliche, Regisseur/innen und Produzent/innen zusammenkommen. DOK Leipzig ist hier wegweisend durch zahlreiche Veranstaltungen, die diese Verknüpfung herstellen. Und auch der MDR setzt mit Veranstaltungen, wie z. B. der ARD-Programmwerkstatt, Zeichen.

medienpolitik.net: Welchen Stellenwert haben Dokumentarfilme im MDR? Was würde in diesem Bereich 2019 produziert?

Wildermuth: Der Dokumentarfilm hat einen festen Platz im TV-Programm, immer am Sonntagabend, und MDR-Dokfilme finden sich nicht-linear unter dem Label „MDR.Dok“ in der Mediathek und auf dem gleichnamigen YouTube-Kanal. Gerade dort erreichen wir jüngere Zielgruppen. Herausheben möchte ich drei -MDR-Koproduktionen: Die „Milleniumskinder“ von Irene Langemann, ein Porträt der „Generation Putin“ in Russland, das wir im Rahmen von DOK Leipzig präsentiert haben. Den Dokumentarfilm „Gundermann“ von Grit Lemke, der bei DOK Leipzig ebenfalls Premiere hatte. Und einen Film vom Altmeister des Genres, Werner Herzog: „Gorbatschow. Eine Begegnung“. Das sind drei Beispiele aus einer ganzen Reihe herausragender Produktionen. Und vieles ist in Planung. Darüber hinaus unterstreichen Projekte wie „Originale 89“ als Online-only-Angebot, dass wir uns auch viele Gedanken darüber machen, wie historische Dokumentarfilme im aktuellen Kontext immer wieder ein neues Publikum finden. Sie sehen, der Stellenwert von Dokumentarfilmen ist bei uns plattformübergreifend hoch und nachhaltig.

medienpolitik.net: Es kommt regelmäßig der Verwurf, im öffentlich-rechtlichen Rundfunk würden zu wenige Dokumentarfilme laufen. Gibt es ausreichend Exposés und Vorlagen von Produzenten, um mehr Dokumentarfilme im Auftrag des MDR produzieren zu lassen?

Wildermuth: Exposés – die gibt es mehr als ausreichend. Richtig gute Stoffe sind natürlich seltener. Wir müssen auswählen – natürlich auch mit Blick auf finanzielle Grenzen, die es leider in jedem Genre gibt. Wir produzieren natürlich auch Zulieferungen für Das Erste, z.B. für die Story im Ersten, Mo., 22.45 Uhr, Geschichte im Ersten, Mo., 23.30 Uhr und den Dokumentarfilm im Ersten, Mi., 22.45 Uhr Rund 100 Sendungen gab es 2018 auf diesen Plätzen. Hinzu kommen 22 erstausgestrahlte lange Dokumentarfilme im Ersten und rund 250 weitere Dokumentationen und Reportagen in verschiedenen Längen im Ersten Deutsch Fernsehen. Das zeigt die Bandbreite mit der wir hier gemeinsam unterwegs sind.

medienpolitik.net: Für welche Themenfelder würden Sie sich mehr Ideen wünschen?

Wildermuth: Auch wenn wir wissen, wie schwierig die Entwicklung solcher Stoffe ist – es könnten mehr Vorschläge für investigative Dokumentarfilme auf unseren Schreibtischen liegen. Denn aus meiner Sicht ist der Dokfilm als Genre geradezu prädestiniert, die aktuellen Themen unserer Zeit kritisch aufzugreifen. Auf diese Weise verbinden sich Filmkunst und der gesellschaftliche Wert und die Relevanz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

„Aus meiner Sicht ist der Dokfilm als Genre geradezu prädestiniert, die aktuellen Themen unserer Zeit kritisch aufzugreifen.“

medienpolitik.net: Der bei der Dok-Woche gezeigte Film „Russlands Milleniumskinder“ entstand im Zusammenarbeit mit dem WDR. Sind solche ARD-Koproduktionen im Dokumentarfilmbereich eher die Ausnahme?

Wildermuth: Im Gegenteil, sie sind die Regel. Eine exemplarische Zusammenarbeit aller ARD-Anstalten, die Dokumentarfilme produzieren, ist der Wettbewerb „Top of the Docs“. Sechs Sender übernehmen zusammen 250.000 Euro Produktionskosten und küren eine Gewinnerin bzw. einen Gewinner, mit dem ein herausragender Dokumentarfilm koproduziert wird. Eine engere Zusammenarbeit innerhalb der ARD ist kaum vorstellbar. Nebenbei: Ab 2020 wird der der ARD-Preis „Top of the Docs“ hier bei uns im Rahmen von DOK Leipzig verliehen. Die gesamte Dokumentarfilmszene wird dann auf Leipzig blicken. 

medienpolitik.net: Inwieweit könnten Sie sich bei „Russlands Milleniumskinder“ und ähnlichen anspruchsvollen Dokumentarfilmen eine stärkere Auswertung im Kino vorstellen?

Wildermuth: Die meisten Dokumentarfilme werden im Kino ausgewertet, was für uns natürlich den Nachteil hat, dass wir erst danach senden können. Im Rahmen der „ARD-Programmwerkstatt zur Zukunft dokumentarischer Produktionen“ haben wir uns aber gerade in der letzten Woche mit Produzierenden und Redakteurinnen und Redakteuren aller LRA dazu ausgetauscht, welche neuen „Auswertungspartnerschaften“ für Dokumentarfilme denkbar sind. Wir sind hier sehr offen und verfolgen gemeinsam mit unseren Partnern das Ziel, die Filme bestmöglich ans Publikum zu bringen. Über alle Ausspielwege, auch über das Kino. Noch etwas ist neu: Nach mehr als zwei Jahren intensiv geführter Verhandlungen haben sich die ARD und die Allianz Deutscher Produzenten, der Verband Deutscher Filmproduzenten und der Film- und Medienverband NRW über die vertragliche Zusammenarbeit zu Film- und Fernseh-Gemeinschaftsproduktionen und vergleichbare Kino-Koproduktionen der ARD verständigt. Erstmals ist auch der Dokumentarfilm im Anwendungsbereich dieser Vereinbarung enthalten. Die Zielstellung des Papieres ist u.a. die Auswertungsmöglichkeiten der Produzierenden zu stärken. Verständigungen wie diese kommen dem Dokumentarfilm insgesamt zu Gute.

medienpolitik.net: Am MDR-Tag findet auch eine „ARD-Programmwerkstatt zur Zukunft dokumentarischer Produktionen“ statt. Was sollen die Produzenten dabei lernen? Was ist das Ziel dieser Werkstatt?

Wildermuth: Das Ziel ist eine inhaltliche Diskussion zu aktuellen Fragen dokumentarischer Produktionen auf Augenhöhe. Wir haben dieses Format als MDR vor vier Jahren während des ARD-Vorsitzes gemeinsam mit der AG DOK und der Produzentenallianz/Sektion Dokumentation in Leipzig im Rahmen der DOK Leipzig etabliert und seither stetig gemeinsam weiterentwickelt. Inzwischen kommen jährlich rund 180 Redakteurinnen und Redakteure aus allen Landesrundfunkanstalten und von Arte zusammen mit Produzierenden aus dem dokumentarischen Bereich. Durch den unmittelbaren Austausch ist viel Verständnis für die Rahmenbedingungen des jeweils anderen entstanden. Das kommt den gemeinsamen Arbeitsprozessen zugute und damit letztlich der Qualität der dokumentarischen Produktionen insgesamt. 2019 haben wir zudem eine große ARTE-Produzentenwerkstatt integriert, die – heruntergebrochen auf die einzelnen Formate – die Abläufe und inhaltlichen Anforderungen an Arte-Produktionen transparent gemacht hat. Hier waren erstmalig alle Arte-Beauftragten der Häuser dabei, um Fragen der Produzierenden zu beantworten. Unsere Intendantin, Frau Prof. Dr. Karola Wille, hat in ihrer Begrüßung zur ARD-Programmwerkstatt noch einmal den unschätzbarem Wert von dokumentarischen Produktionen für unsere Gesellschaft herausgestellt, indem sie eine gemeinsame Faktenbasis schaffen, anhand derer sich jeder eine eigene Meinung bilden kann. Am Ende appellierte sie an alle Teilnehmenden, die Chancen der Digitalisierung jetzt zu nutzen und diesen Anspruch auch in die digitale Welt zu übertragen. Die ARD-Programmwerkstatt wird es deswegen auch im Jahr 2020 im Rahmen der DOK Leipzig wieder geben. Details zum diesjährigen Programm können Interessierte nachlesen unter: https://www.mdr.de/unternehmen/ard-programmwerkstatt-zukunft-dokumentarische-produktionen-100.html

medienpolitik.net: Die ARD führt bereits seit Jahren einen Dokumentarfilmwettbewerb „Top of the Docs“ durch. Die fünf besten Projekte von 37 Einreichungen, werden in Leipzig präsentiert. Einer davon soll im Ersten laufen. Warum nur einer? Ist das „Angebot“ insgesamt so schlecht, dass die anderen nicht die Qualität für das Erste haben?

Wildermuth: Ich fürchte, das ist ein Missverständnis. Der Wettbewerb ist mit 250.000 Euro dotiert, er geht an eine Produktion, die mit dem Geld realisiert wird. Das heißt aber nicht, dass nicht auch andere Dokumentarfilme im Ersten gesendet werden. Produktionen, die eine entsprechende Qualität haben, werden regelmäßig in das Gemeinschaftsprogramm eingebracht. Und es ist durchaus denkbar, dass ein für „Top of the Docs“ eingereichtes Projekt, dass es nicht auf das Siegertreppchen geschafft hat, trotzdem durch uns realisiert wird. Natürlich freuen wir uns sehr, dass „Top of the Docs“ ab 2020 vollständig nach Leipzig zieht und auch der Sieger am MDR-Tag im Rahmen von DOK Leipzig verkündet wird.

medienpolitik.net: Der neue Telemedienstaatsvertrag gibt die Möglichkeit, auch Sendungen exklusiv für das Online-Angebot zu produzieren. Sehen Sie hier eine Möglichkeit, die Präsenz von Dokumentarfilmen in den Mediatheken der ARD zu vergrößern, ohne dass sie vorher linear ausgestrahlt worden sind?

Wildermuth: Ja, das ist eindeutig die Tendenz. Wir stellen fest, dass wir im Netz auf ein jüngeres Publikum treffen, darunter gibt es ganz viele echte Dokfilm-Fans. Filme, die es im Fernsehen eher schwer haben, werden dort begeistert abgerufen. Es gibt halt Themen, die einer jüngeren Zielgruppe vielleicht sehr viel stärker auf den Nägeln brennen, als den Älteren. Ich nenne nur die Klimaproblematik als Beispiel. Und unsere Dokumentarfilme haben etwas, was im Netz leider sehr häufig fehlt: Sie haben Tiefe, sind gründlich recherchiert, sie liefern Fakten statt Fakes. Und das gibt Orientierung in der Informationsflut, die im Internet über uns Tag für Tag hereinbricht.

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