„Qualitätsjournalismus fällt nicht vom Himmel“

von am 21.11.2019 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Internet, Journalismus, Kommunikationswissenschaft, Medienordnung, Medienpolitik, Medienwissenschaft, Verlage

„Qualitätsjournalismus fällt nicht vom Himmel“
Prof. Dr. Klaus Meier, Lehrstuhl für Journalistik, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt

Medienwissenschaftler fordert klare Regeln für staatliche Journalismus-Förderung

21.11.2019. Interview mit Prof. Dr. Klaus Meier, Lehrstuhl für Journalistik, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt

Prof. Dr. Klaus Meier von der Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt attestierte der Medienbranche bei der 13. Medienversammlung der Landesanstalt für Medien NRW angesichts des digitalen Innovationsdrucks „Ratlosigkeit in Zukunftsfragen“ und plädierte für einen stärkeren Transfer der Forschung in die Praxis. Als Beispiel für eine neue Art von „Transferforschung“ nannte der Journalistik-Professor Forschungskooperationen der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt mit unterschiedlichen Medienhäusern, unter anderem mit dem Bayerischen Rundfunk (trimediale Redaktion „Bayern aktuell“), den „Nürnberger Nachrichten“ (Newsdesk-Einführung), dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ (Multimedia-Stories und Podcasts) oder dem Media Lab Bayern (Innovationsreport). In einem Interview mit medienpolitik.net äußerte sich Meier zu den Chancen der Zeitungsverlage, den digitalen Wandel erfolgreich zu gestalten.

medienpolitik.net: Herr Meier, Sie haben berechnet, dass 2033, also in 14 Jahren, die letzte gedruckte Tageszeitung erscheint. Wie realistisch ist dieser Wert? Prognosen über den Tod der gedruckten Zeitungen gab es schon viele.

Meier: Dieser Wert beruht auf einer einfachen, aber langfristig stabilen Berechnung: 2012 habe ich erstmals die Auflagenzahlen der gedruckten Tageszeitungen in Deutschland der vergangenen 20 Jahre in eine Trendberechnung geschickt. Fast alle Werte lagen tatsächlich sehr genau auf einer Kurve, die sich langsam, aber immer stärker senkt. Die Kurve traf 2034 die Nulllinie. 2019 habe ich die Berechnung wiederholt: Alle Auflagenzahlen bis 2018 liegen wieder fast genau auf dieser Linie – alles in allem sogar leicht darunter: Die Linie trifft jetzt 2033 auf die Null. Aber natürlich sind das Gesamtwerte für die ganze Branche. Es wird Zeitungen geben, die schon in den nächsten fünf bis zehn Jahren den täglichen Druck einstellen. Für andere Verlage – vor allem die Großverlage mit sicherlich weiteren Zukäufen und Zusammenschließungen – wird sich der tägliche Druck vielleicht noch länger als 2033 rentieren.

medienpolitik.net: Welche Umstände könnten diesen Zeitpunkt hinauszögern?

Meier: Einzelne Verlage können diesen Zeitpunkt durch Zusammenschlüsse und Synergieeffekte vielleicht hinauszögern. Vermutlich tragen auch die von der Bundesregierung geplanten staatlichen Vertriebszuschüssen dazu bei. Aber grundsätzlich besteht eher die Aussicht, dass es sich nicht verzögert, sondern verkürzt. Das kommt sehr auf die Entwicklung im digitalen Infomarkt, auf den Erfolg von Paywall-Modellen und vor allem auch auf die technischen Entwicklungen bei den digitalen Endgeräten an. Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass das Smartphone an der aktuellen Informationsnutzung heute so großen Anteil haben würde? Als 2010 das erste iPad auf den Markt kam, dachte die Verlagsbranche, es würde ihr Geschäftsmodell retten – mit der Möglichkeit, Apps mit in sich geschlossenen Quasi-Zeitungsprodukten zu verkaufen. Auch wenn inzwischen schon 1,6 Millionen ePaper-Verkäufe 13,4 Millionen verkauften gedruckten Tageszeitungen gegenüberstehen, setzt sich die digitale Reichweite von Inhalten der Zeitungsredaktionen aus ganz verschiedenen Verbreitungswegen zusammen. Digitale Zeitungsangebote werden nach AGOF-Studien täglich von ca. 15 Millionen Menschen genutzt; sie erreichen damit jeden Tag über 20 Prozent der Bevölkerung ab 16 Jahren.

medienpolitik.net: Noch 14 Jahre sind doch eigentlich ausreichend Zeit, um sich darauf auch mit Geschäftsmodellen einzustellen?

Meier: Ja, das sehe ich so. Deshalb liegt der Sinn der einfachen Berechnung eines angeblichen Sterbedatums vor allem im Wachrütteln in der Gegenwart: Die Zukunft der Zeitung liegt sicherlich im Digitalen und nicht in der Printausgabe. Dort, wo es in zehn Jahren noch eine gedruckte Ausgabe geben wird, wird sie noch teurer sein und nur von einer Bildungselite gekauft werden, die sich mehrheitlich kurz vor oder in Rente befindet. Und viele Zeitungsverlage arbeiten ja auch an der entscheidenden Frage, wie man die vielen Millionen Menschen, die täglich digitale Zeitungsinhalte nutzen, dazu bewegen kann, dafür auch zu bezahlen, also zu verstehen, dass Journalismus Geld kostet.

„Der Sinn der einfachen Berechnung eines angeblichen Sterbedatums liegt vor allem im Wachrütteln in der Gegenwart“

medienpolitik.net: Ist es aus ihrer Sicht problematisch, wenn in 14 Jahren die letzte gedruckte Zeitung erscheint?

Meier: Aus heutiger Sicht erfüllen die Tageszeitungen eine zentrale öffentliche Aufgabe für Gesellschaft und Demokratie – überregional genauso wie regional oder lokal. Wir können uns zurzeit nicht vorstellen, wie sie in dieser Hinsicht durch etwas Anderes komplett und zufriedenstellend ersetzt werden könnten. Es geht dabei nicht um das Geschäftsmodell der Verlage, sondern um den Journalismus, also die redaktionelle Leistung der Tageszeitungen. Wenn sich mittelfristig erweisen sollte, dass digitaler Journalismus nicht marktfähig ist, dass also keine oder nicht genügend kleine oder großen Unternehmen erhalten bleiben oder neu entstehen, die journalistische Leistung marktfähig zur Verfügung stellen, dann müssen wir uns als Gesellschaft Gedanken dazu machen, wie wir gemeinnützig Journalismus finanzieren, zum Beispiel über Stiftungen oder unabhängig verwaltete Staatszuschüsse oder eine Ausdehnung des öffentlich-rechtlichen Modells.

medienpolitik.net: Wie sehen Sie die Chancen, dass die Verlage allein mit digitalen Produkten ausreichend Gewinn erwirtschaften, um eine qualifizierte Redaktion zu finanzieren?

Meier: Auch wenn die digitalen Erlöse zurzeit in der Regel noch nicht die Erlöse gedruckter Zeitungen ersetzen können, bin ich zuversichtlich, dass das zumindest bei einigen Verlagen gelingen wird.

medienpolitik.net: Wer kann die Aufgaben des Journalismus und professionelle Unabhängigkeit künftig garantieren?

Meier: Das ist die Kernfrage einer künftigen Medienpolitik. Wir haben in Deutschland ja die glückliche Situation, dass unser öffentlich-rechtlicher Rundfunk und auch der durch öffentliche-rechtliche Institutionen beaufsichtigte privat-kommerzielle Rundfunk zusammen eines der besten Rundfunksysteme der Welt garantieren und den Rahmen für professionelle Unabhängigkeit bilden. Dieser Rahmen muss bleiben – und die Medienpolitik darf ARD und ZDF nicht kaputtsparen und muss hier alle digitalen Verbreitungswege ermöglichen. Aber darüber hinaus besteht schon die Gefahr, dass so genannte „alternative Medien“ – also politische Propaganda – den öffentlichen Diskurs beeinflussen oder sogar in Teilen beherrschen. Die Medienpolitik muss sich zunehmend der Frage widmen, wie unabhängige Redaktionen – auch und vor allem im regionalen und lokalen Raum – unabhängig finanziert werden können. Stiftungsmodelle, mit privatem, aber eventuell auch öffentlichem Kapital, könnten ein Teil der Lösung sein.

„Die Medienpolitik muss sich zunehmend der Frage widmen, wie Redaktionen – auch und vor allem im regionalen und lokalen Raum – unabhängig finanziert werden können.“

medienpolitik.net: Man hat den Eindruck, dass alle Verlage nach wie vor angesichts der digitalen Transformation ein wenig ratlos sind, wie sie sich auf das Ende der gedruckten Zeitung vorbereiten können. Warum hilft ihnen die Forschung dabei anscheinend so wenig?

Meier: Naja, die Forschungsleistung ist schon da. Denken Sie zum Beispiel an die vielen Publikums- und Nutzungsstudien, die die digitale Transformation begreifbar machen und beispielsweise helfen, digitale Zielgruppen zu bestimmen und zu erschließen. Auch im Bereich neuer digitaler Formate oder neuer Organisationsformen – wie zum Bespiel integrierter, crossmedialer Newsrooms – kenne ich etliche Redaktionen und Redaktionsleiter, die hier ausdrücklich sagen, dass Sie von Forschung profitieren. Aber zukunftsfähige Entscheidungen müssen die Verlage schon selbst treffen, das kann ihnen die Wissenschaft nicht abnehmen. Und: Guter Rat aus der Distanz der Forschung ist natürlich auch wesentlich einfacher als Entscheidungen in Transformationsprozessen zu treffen, die Mitarbeiter herausfordern oder ihnen weh tun oder die Unternehmen im Zweifelsfall sogar noch mehr in den Abgrund stoßen. Wenn alles so einfach wäre, würden wir dieses Interview gar nicht führen, sondern wir wüssten alle sowieso, was zu tun ist.

medienpolitik.net: Welchen Beitrag muss die Gesellschaft leisten, welche Rahmenbedingungen müssen geschaffen werden, um auch über 2033 hinaus Qualitätsjournalismus zu sichern? Staatliche Förderung?

Meier: Viele Aspekte dazu habe ich schon angesprochen. Staatliche Förderung müsste klare Regeln und Institutionen bekommen, die transparent und unabhängig entscheiden, wer unter welchen Bedingungen Förderung bekommt. Das ist alles andere als einfach. Grundsätzlich müssen wir uns als Gesellschaft, als Bürgerinnen und Bürger sowie als Politikerinnen und Politiker noch viel mehr bewusstmachen, dass guter Journalismus Geld kostet und Unabhängigkeit benötigt. Qualitätsjournalismus fällt nicht vom Himmel, ist nicht automatisch da, sondern muss von der Gesellschaft und von möglichst vielen Menschen gewollt und gelebt werden – übrigens genauso wie eine freie, offene und demokratische Gesellschaft. Auch hier zeigt sich, dass eine freiheitlich-demokratische Gesellschaft und ein unabhängiger Journalismus zwei Seiten einer Medaille sind. Das eine ist ohne das andere nicht möglich.

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