„Die Empfehlung der KEF werden wir respektieren“

von am 19.12.2019 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Digitale Medien, Dualer Rundfunk, Medienordnung, Medienpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

„Die Empfehlung der KEF werden wir respektieren“
Dr. Thomas Bellut Weiterer Text über ots und www.presseportal.de/nr/7840 / Die Verwendung dieses Bildes ist für redaktionelle Zwecke honorarfrei. Veröffentlichung bitte unter Quellenangabe: "obs/ZDF/ZDF/Markus Hintzen"

ZDF will trotz Sparzwang nonlineare Angebote auf allen Verbreitungswegen ausbauen

19.12.2019. Interview mit Dr. Thomas Bellut, Intendant des ZDF

Das ZDF wird, wie auch mehrere ARD-Anstalten, im nächsten Jahr mehr ausgeben als es einnimmt. Das Minus wird 2020 voraussichtlich 194 Millionen betragen. Erträgen in Höhe von 2,21 Milliarden Euro stehen Aufwendungen in Höhe von 2,40 Milliarden Euro gegenüber. Die Differenz will das ZDF aus Rücklage ausgleichen, die in der vergangenen Beitragsperiode durch die Umstellung der Rundfunkfinanzierung entstanden ist. Für die gesamte Beitragsperiode von 2017 und 2020 ist der Haushalt ausgeglichen. In einem Interview für medienpolitik.net zum Jahresende, zieht ZDF-Intendant Dr. Thomas Bellut eine insgesamt positive Bilanz: Beim Publikum habe das ZDF mit einem Marktanteil von gut 13 Prozent die „Nase klar vorn“. In vielen Programmbereichen setze sein Sender Standards und bekomme dafür viele Preise. Thoma Bellut betont aber auch, dass der KEF-Vorschlag für einen Rundfunkbeitrag ab 2021 von 18,36 Euro Konsequenzen für das Programm haben werde: „Wir haben gelernt, sparsam zu wirtschaften und werden das weiter tun.“ Das ZDF werde aber die Empfehlung der KEF respektieren, betont der ZDF-Intendant.

medienpolitik.net: Herr Bellut, welche programm- und medienpolitische Bilanz ziehen Sie für das ZDF für 2019?

Bellut: Wir stehen gut da. Beim Publikum haben wir mit einem Marktanteil von gut 13 Prozent die Nase klar vorn. Und die Qualität stimmt auch. Ich nenne als Beispiel unsere Hochglanz-Serie zum Bauhaus-Jubiläum oder die Dokumentationen und TV-Filme zum Mauerfall vor 30 Jahren, die Berichterstattung über Europa- und Landtagswahlen. In vielen Bereichen setzen wir Standards und bekommen dafür viele Preise. Auch in der nonlinearen Medienwelt kommen wir voran. Die Nutzung unserer Angebote in der ZDFmediathek, aber auch auf Drittplattformen, legt kontinuierlich zu. Auch wenn ich persönlich nie ganz zufrieden bin, sage ich, dass uns 2019 einiges ganz gut gelungen ist. Auch medienpolitisch ist viel passiert. Der neue Medienstaatsvertrag ist ein wichtiger und ein großer Schritt. Er trägt den massiv veränderten Rahmenbedingungen in der Medienlandschaft Rechnung. Außerdem ist er flexibel genug, um auch bei fortlaufenden Veränderungen in den nächsten Jahren seine Wirkung entfalten zu können.

medienpolitik.net: Seit 2016 diskutieren die Länder über eine mögliche Reform des Auftrags und der Festsetzung des Rundfunkbeitrages. Bisher ohne Ergebnis. Hatte diese Debatte dennoch etwas Positives für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk erbracht?

Bellut: Wir sind enger mit der ARD zusammengerückt. Auch wenn das vielleicht nicht immer so wahrgenommen wird. Wir arbeiten in Bereichen, wo das Sinn macht, viel enger und besser zusammen. Auch dass so intensiv über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk diskutiert wird, ist positiv. Es ist wichtig, dass eine Gesellschaft laut darüber nachdenkt, welchen öffentlich-rechtlichen Rundfunk sie haben will. Ich erlebe in vielen Gesprächen mit Politikerinnen und Politikern, aber auch mit Bürgerinnen und Bürgern, dass es eine große Sympathie für einen vielfältigen und unabhängigen Rundfunk gibt. Es gibt aber auch Kritik und Unverständnis. Dem müssen wir uns stellen. Das ZDF geht seit einiger Zeit verstärkt mit Sendungen raus aus dem Studio, hin zu den Menschen und Themen. Das „Morgenmagazin vor Ort“ ist so ein Format. Da gibt es immer auch einen Bürgerdialog, bei dem sich Programmverantwortliche den Fragen des Publikums stellen. Das sind Chancen, uns zu erklären, aber auch gute Gelegenheiten, Stimmungen aufzunehmen.  

„Es ist wichtig, dass eine Gesellschaft laut darüber nachdenkt, welchen öffentlich-rechtlichen Rundfunk sie haben will.“

medienpolitik.net: Die Anhebung des Rundfunkbeitrages, wird Sie dennoch sicher nicht zufrieden stellen, wenn die KEF bislang eine Erhöhung auf 18,36 vorsieht?

Bellut: Sie haben Recht, faktisch bedeutet das eine Nullrunde für den öffentlichen-rechtlichen Rundfunk und trotzdem ist es eine Erhöhung für die Beitragszahler. Schon das zeigt, dass es sich um ein komplexes und schwieriges Thema handelt. Es geht aber nicht um den Grad meiner Zufriedenheit. Die Zeiten haben sich geändert, der Druck auf alle Beteiligten ist größer geworden. Die Empfehlung der KEF werden wir respektieren.  

medienpolitik.net: Bedauern Sie, dass es anscheinend nicht zur Einführung des Index-Modells kommt?

Bellut: Die Idee, den Rundfunkbeitrag zumindest teilweise an einen Index zu knüpfen, ist aus einer politischen Betrachtung entstanden. Dafür gibt es gute Gründe. Aber auch das bestehende System ist durchaus robust und belastbar. Das KEF-Verfahren ist verfassungsrechtlich abgesichert und hat seine Unabhängigkeit in der Vergangenheit unter Beweis gestellt.

medienpolitik.net: Welche Konsequenzen hat das für das ZDF, wenn der Beitrag bis Ende 2024 nahezu auf dem gleichen Niveau bleibt, wie gegenwärtig (18,35 Euro)?

Bellut: Es bedeutet, dass wir einen Teil der Kostensteigerungen, die es gibt, intern auffangen müssen. Das haben wir auch in der Vergangenheit schon getan. Wir haben gelernt, sparsam zu wirtschaften und werden das weiter tun. Wenn feststeht, mit welcher Höhe wir rechnen können – wir reden ja noch über den Entwurf – müssen wir unsere mittelfristigen Planungen darauf ausrichten. Das werden die Zuschauerinnen und Zuschauer auch im Programm bemerken. An welchen Stellen genau, kann ich aber noch nicht sagen.

„Die Zeiten haben sich geändert, der Druck auf alle Beteiligten ist größer geworden.“

medienpolitik.net: Sie und auch Ihr Kollege Ulrich Wilhelm haben sich standhaft geweigert, Vorschläge für eine Novellierung des Auftrages zu unterbreiten, da das die Aufgabe der Länder sei. War das vielleicht ein Fehler, weil Sie jetzt ausbaden müssen, was die Politik nicht zustande gebracht hat?

Bellut: Wir haben gemeinsam sehr weitreichende Vorschläge gemacht, wie wir in den nächsten Jahren substanzielle Einsparungen vornehmen können. Das Einsparvolumen liegt bei mehr als einer Milliarde Euro. Man kann aber nicht von uns erwarten, dass wir den Auftrag, den wir qua Verfassung und Rundfunkstaatsvertrag haben, selbst in Frage stellen oder neu definieren.

medienpolitik.net: Die Länder wollen weiterhin den Auftrag reformieren. Erfüllt Sie das, angesichts der zurückliegenden Debatte, mit Sorge?

Bellut: Die Bundesländer legen gemeinschaftlich fest, was Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist und was nicht. Sie tun dies in einem stabilen Rahmen, der vom Grundgesetz und von der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts gesetzt ist. Auch in der Vergangenheit hat sich die Konkretisierung dieses Auftrags immer wieder mal geändert. In Rundfunkstaatsverträgen, die Anpassungen an Entwicklungen der Medienwelt vorgenommen haben. Es gab neue Angebote und Angebote, die eingestellt wurden. Damit müssen und damit können wir umgehen. Wir würden uns konstruktiv an den Überlegungen beteiligen – falls gewünscht.

„Wir begegnen der verbreiteten Unbeständigkeit in der Branche mit einer Mischung aus Kontinuität und Flexibilität.“

medienpolitik.net: Welche Erwartungen und Ziele haben Sie für das ZDF für 2020?

Bellut: Wir werden erleben, dass sich die Veränderung im Medienmarkt weiter beschleunigt. Die globalen Plattformen ziehen im Wettbewerb alle Register und investieren Unsummen in Programm und Rechte, weltweit. Wir spüren das zum Beispiel beim Spitzensport. Eine Fußball-EM bei der Telekom oder Champions League bei Amazon Prime – vor ein paar Jahren wäre so etwas undenkbar gewesen. Für viele Sportübertragungen müssen die Fans immer mehr bezahlen – weil sie hinter den Paywalls verschwinden. Aber nicht nur die Angebote, auch das Verhalten des Publikums verändert sich – nicht nur, aber vor allem bei den Jungen. Wir stellen uns darauf ein, indem wir unsere Mediathek und heute.de stärken. Und wir bauen unsere nonlinearen Angebote auf allen anderen Verbreitungswegen aus. Wir begegnen der verbreiteten Unbeständigkeit in der Branche mit einer Mischung aus Kontinuität und Flexibilität. Wir gehen auch mal ins Risiko, testen viel und halten auch mal Misserfolge aus. Dabei vernachlässigen wir aber nicht unseren Anspruch an Qualität und Verlässlichkeit und vergessen auch unser angestammtes Publikum und das lineare Angebot nicht. Dort werden noch immer die mit Abstand größten Reichweiten erzielt. Im Gegenteil: Wir stärken unsere Kernkompetenzen in den Bereichen Nachrichten, Information, Fiction, Kultur und Unterhaltung auf allen Kanälen. Unser Programmauftrag wird durch die Digitalisierung ja nicht verändert. Ein gutes Programm, Qualität, wird immer sein Publikum finden.

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