Integration ist wichtiger denn je

von am 11.12.2019 in Aktuelle Top Themen, Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Internet, Kommunikationswissenschaft, Medienpolitik, Medienwissenschaft, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Social Media, Studie

Integration ist wichtiger denn je

Das ZDF und der gesellschaftliche Zusammenhalt – Studie zur Bestimmung medialer Integrationsleistungen

11.12.2019. Die Angebote des ZDF leisten aus Sicht der Bevölkerung einen wichtigen Beitrag für den Zusammenhalt der Gesellschaft. 62 Prozent sind der Auffassung, das ZDF vermittele mit seinen Sendungen wichtige Werte wie Meinungsfreiheit, Demokratie, Gleichbehandlung, Toleranz und Integration. Acht Prozent stimmen dieser Aussage überhaupt nicht zu. 67 Prozent meinen, das ZDF achte in seinem Programm darauf, dass Menschen nicht ausgegrenzt und nicht respektlos behandelt werden. Nur sechs Prozent stimmen dieser Aussage überhaupt nicht zu. Eine Mehrheit in der Bevölkerung sieht den aktuellen Zustand der Gesellschaft kritisch. Der Zusammenhalt hat nach Auffassung der Befragten in den vergangenen Jahren abgenommen. Gleichzeitig stuft die überwiegende Mehrheit soziale Tugenden und Werte aber als außerordentlich wichtig ein – die 14- bis 29-Jährigen noch mehr als der Durchschnitt. Das ZDF trage dazu bei, dass Werte vermittelt und das Miteinander in der Gesellschaft gefördert werden. So sind 57 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren der Meinung, dass Filme und Serien des ZDF vielfältige Lebensweisen und vielschichtige Charaktere zeigen. Lediglich sieben Prozent stimmen dieser Aussage überhaupt nicht zu. Die Ergebnisse stammen aus der Studie „Das ZDF und der gesellschaftliche Zusammenhalt“, die das ZDF gemeinsam mit dem Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut (HBI) und dem Forschungsinstitut „mindline media“ durchgeführt hat.

Essentieller Bestandteil des Auftrags des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist es, das Zusammenleben in pluralistischen Gesellschaften und eine Kultur des Verstehens zu befördern (Integrationsauftrag). Die Studie hat sich zum Ziel gesetzt, diese integrative Funktion des ZDF zu untersuchen und damit die gesellschaftliche Relevanz des ZDF-Angebots noch umfassender als bislang zu beschreiben.  Die Integrationsfunktion des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist von besonderer Aktualität vor dem Hintergrund zweier Entwicklungen:

  • Die Fragmentierung der Medienlandschaft macht es zunehmend schwieriger, mit einem Programmangebot möglichst viele Bevölkerungsgruppen und alle Generationen zu erreichen. Dies erschwert naturgemäß die praktische Umsetzung der Integrationsaufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.
  • Nicht nur in den USA, sondern auch in Europa und in Deutschland erleben wir derzeit eine Tendenz zur Polarisierung und Spaltung der Gesellschaft (insb. durch rechtspopulistische Parteien).

Die Folge:

Der gesellschaftliche Zusammenhalt nimmt ab. Der Integrationsauftrag ist heute wichtiger denn je für unsere freiheitliche und pluralistische Gesellschaft. Dies ist Anlass zur Reflektion, wie der gesellschaftliche Zusammenhalt in der Gesellschaft aktuell wahrgenommen wird und ob es einen positiven Zusammenhang zwischen ZDF-Nutzung und Integrationsgrad der Menschen gibt. Im Fokus stehen unter anderem die Fragestellungen, wie wichtig der öffentlich-rechtliche Programmmix aus informierenden und unterhaltenden Programmen für die Integration ist und welche Bedeutung dabei neben der Information auch der Unterhaltung und dem Sport zukommt. Darüber hinaus ist es ein übergeordnetes Ziel, die Wirkung von Medien für die gesellschaftliche Integration besser zu verstehen und damit den Diskurs über den Beitrag der Medien zum gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern. Gemeinsam mit dem Leibniz-Institut für Medienforschung/Hans-Bredow-Institut (HBI) und dem Forschungsinstitut mindline media hat das ZDF 1205 Personen ab 14 Jahren repräsentativ von Dezember 2018 bis Januar 2019 telefonisch befragt. 

Ausgangspunkt der Studie bildet das Cloud-TV-Gutachten der Professoren Dörr, Holznagel und Picot „Legitimation und Auftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in Zeiten der Cloud“ aus dem Jahr 2016. Dort werden drei Funktionen des Auftrags herausgearbeitet: (1) Meinungsbildungsfunktion (Demokratiefunktion): Beitrag zur individuellen und gesellschaftlichen Meinungsbildung und politischen Willensbildung (2). Kulturauftrag: nicht nur Berichterstattung und Darstellung von kulturellen Ereignissen, sondern Vermittlung der Grundwerte unserer Verfassung und unserer freiheitlichen Gesellschaft (3). Integrationsauftrag: Beitrag zur Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Alle drei Funktionen sind eng miteinander verknüpft und essentiell für das Funktionieren einer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft.  Im Fokus der medienpolitischen Diskussion stehen bislang vor allem die Demokratiefunktion des ZDF und damit der Qualitätsjournalismus und die meinungsbildende Funktion der ZDF-Nachrichten und seiner Informationsprogramme. Unterhaltung und Sport können mit dieser Argumentation allerdings nur unzureichend in ihrer gesellschaftlichen Funktion erfasst werden. Durch die Erweiterung des Blickwinkels um die Wertevermittlung (Kulturauftrag) und die Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts (Integrationsauftrag) treten die verschiedenen Facetten des ZDF-Angebots in ihrer gesellschaftlichen Wirkung noch deutlicher hervor. 

„Jüngere Zuschauergruppen gewichten soziale Werte noch höher als der Durchschnitt der Bevölkerung.“

Zentrale Ergebnisse:

  • Die überwiegende Mehrheit der Befragten stuft soziale Tugenden und Werte wie respektvoller Umgang miteinander, Gerechtigkeit, Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft etc. als außerordentlich wichtig für ihr persönliches wie auch das gesellschaftliche Leben ein. Jüngere Zuschauergruppen – die bekanntlich das ZDF-Programmangebot unterproportional nutzen – gewichten soziale Werte noch höher als der Durchschnitt der Bevölkerung.
  • Der gesellschaftliche Zusammenhalt in Deutschland hat nach Auffassung der Befragten in den letzten Jahren abgenommen. Lediglich rd. ein Drittel der Bevölkerung ist mit dem gesellschaftlichen Zusammenhalt derzeit zufrieden.
  • Die Sendungen und Onlineangebote der ZDF-Familie leisten aus Sicht der Bevölkerung einen klaren Beitrag zur Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts und zur Wertevermittlung und dies gilt auch für jüngere Altersgruppen. Dabei schreiben die Zuschauer der ZDF-Programmfamilie dem ZDF und seinen Angeboten eine deutlich höhere Integrationsleistung zu als jene, die die ZDF-Programmfamilie selten oder nie nutzen.
  • Die Zuschauer der ZDF-Programmfamilie sind in vielerlei Hinsicht gesellschaftlich aktiver als die Selten- oder Nicht-Seher.
  • (Der Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Wertevermittlung des ZDF sind keineswegs auf informierende und kulturell-bildende Sendungen im engeren Sinne beschränkt, sondern finden nach Auffassung der Befragten ebenso in fiktionalen und unterhaltenden Programmen sowie im Sport statt. „Vielfaltsseher“, die sowohl informierende als auch unterhaltende Angebote des ZDF nutzen, sind sozial aktiver als reine Unterhaltungsseher und reine Informationsseher.
  • Bei den Menschen im Osten Deutschlands erzielt das ZDF – entgegen einem weitverbreiteten Vorurteil – bei etlichen Merkmalen eine höhere Zustimmung als im Westen, wenn es um Fragen der Integrationskompetenz sowie nach der Relevanz für das eigene Leben geht. 

Fazit:

Die Integrationsaufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hat auch in Zeiten zunehmender Fragmentierung der Mediennutzung einerseits und einer zunehmenden Polarisierung im Politischen anderseits nichts an Bedeutung verloren. Integration ist wichtiger denn je. Dabei leistet das ZDF sowohl objektiv betrachtet als auch in der subjektiven Wahrnehmung der Befragten einen Beitrag zur Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Das ZDF ist aus Sicht der Bevölkerung nach wie vor ein zentraler „Ort“ für den Zusammenhalt – auch für jüngere Zielgruppen. Dabei wird deutlich, dass Unterhaltungsangebote, Sportübertragungen und der Genremix aus informierenden und unterhaltenden Inhalten für die ZDF-Seher und damit auch für die Zukunft des ZDF wichtig sind. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass diese Angebote gesellschaftlich relevant sind und zum Zusammenhalt beitragen. Ferner wird empirisch belegt, dass Fiktion und Unterhaltung für die ZDF-Seher eindeutig zum Markenkern des ZDF gehören und sie nicht auf diese Angebote verzichten möchten.  Darüber hinaus weist die Studie nach, dass „Vielfaltsseher“, die sowohl informierende als auch unterhaltende Angebote der ZDF-Programmfamilie sehen, im Alltag am sozial aktivsten sind und auch dem ZDF die höchste Integrationskompetenz zuweisen. Des Weiteren sind Unterhaltungsangebote gerade auch zur Ansprache eher integrationsferner Zielgruppen wichtig, d.h. von Zuschauern, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Demokratie besonders kritisch bewerten. Beispielsweise heben Ostdeutsche stärker als Westdeutsche die integrative Qualität der ZDF-Fiktionangebote hervor. Würde das ZDF auf seine unterhaltenden Angebote verzichten, würde es vor allem die jungen und die integrationskritischen Zielgruppen verlieren. Folglich könnte das ZDF seinen Integrationsauftrag nur noch unzureichend wahrnehmen. 

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