„Es ist sinnvoll, die öffentlich-rechtlichen Angebote zu bündeln“

von am 09.01.2020 in Aktuelle Top Themen, Digitale Medien, Filmwirtschaft, Medienpolitik, Medienwirtschaft, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Plattformen und Aggregatoren, Rundfunk

„Es ist sinnvoll, die öffentlich-rechtlichen Angebote zu bündeln“
Volker Herres, Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen.

Die ARD will in der Mediathek mehr Exklusives anbieten. Bei der Degeto wurden dafür Mittel umgeschichtet

09.01.2020. Interview mit Volker Herres, Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen

Im Abendprogramm – zwischen 20:00 und 23:00 Uhr – ist Das Erste im Jahr 2019 mit einem Marktanteil von 14,3 Prozent das meistgesehene Programm geworden, gefolgt vom ZDF mit 13,9 Prozent. RTL kommt auf 9,4 Prozent, SAT.1 auf 5,4 Prozent und ProSieben auf 4,7 Prozent. Bezogen auf den gesamten Sendetag entfallen die größten Teile des Fernsehkonsums auf das ZDF (13,1 %). Bei einer aktuellen Befragung des Institut Kantar „Welcher Sender insgesamt die qualitativ besten Programme anbietet“, erhielt Das Erste mit 24 Prozent die meisten Nennungen, vor dem ZDF mit 14 und RTL mit 13 Prozent. Auch wenn es um die Unverzichtbarkeit der Sender für das Publikum geht, liegt Das Erste mit 20 Prozent weit vorne. 15 Prozent der Befragten nannten RTL und 12 Prozent das ZDF. Diese gute Position will Das Erste in diesem Jahr mit einer Verstärkung seiner Mediathek durch exklusive Produktionen ausbauen. Zudem will Programmdirektor Volker Herres, wie er in einem medienpolitik.net-Gespräch erläutert, große Stoffe, die 2020 im Ersten zu sehen sein werden, vorab als ganze Serien in die Mediathek stellen. Herres geht davon aus, dass für die neuen Angebote keine zusätzlichen Mittel bereit stünden, sondern die vorhandenen Etats umgeschichtet werden müsse.

medienpolitik.net: Herr Herres, was waren aus Ihrer Sicht 2019 die inhaltlichen Highlights im Ersten? Wo war Das Erste programmlich innovativ?

Herres: In der Fiktion sind eine ganze Reihe von Highlights zu nennen: Historische Stücke wie „Lotte am Bauhaus“, die Satire „Big Manni“, die Zweiteiler „Eden“ und „Brecht“ oder der Dreiteiler „Bonusfamilie“. Und jetzt im Weihnachtsprogramm „Der Club der singenden Metzger“ – ebenfalls ein Film in zwei Teilen. Bei den fiktionalen Stücken haben wir verstärkt auf Event-Mehrteiler gesetzt und werden das im kommenden Jahr noch intensiver tun. Auch für Innovatives und Experimentelles war viel Platz in diesem Jahr, denken Sie etwa an das Improdrama „Klassentreffen“ oder an den Murot-„Tatort“ mit Ulrich Tukur. Sowohl die Sendeplätze „DonnerstagsKrimi im Ersten“ als auch „Endlich Freitag im Ersten“ haben sich beim Publikum inzwischen fest etabliert und verzeichnen steigende Zuschauerzahlen. Und auch die Unterhaltungsshows am Samstagabend – vom XXL-Quiz bis zu den Schlagerfesten oder dem ESC – sind Höhepunkte im Programm, weil solche Live-Events große Bindungskraft über alle Alters- und Bevölkerungsgruppen hinweg haben. Im Hauptabendprogramm sind wir mit diesem Programmmix Marktführer im deutschen Fernsehen.

medienpolitik.net: Worin hat sich Das Erste 2019 programmlich und inhaltlich vom ZDF-Hauptprogramm unterschieden?

Herres: Der wesentliche Unterschied liegt in meinen Augen in der inhaltlichen und formalen Vielfalt des Angebots. Darin spiegelt sich natürlich auch die unterschiedliche Handschrift von neun Landesrundfunkanstalten samt der ARD Degeto, die die Sendungen zu unserem Programm beisteuern und redaktionell verantworten. Einen Zweiteiler wie „Brecht“ beispielsweise werden Sie von Machart und Thema her schwerlich im ZDF finden, ebenso einen „Tatort“ wie den gerade von der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste mit dem diesjährigen Fernsehfilmpreis ausgezeichneten „Für immer und dich“. Aber nicht nur im fiktionalen Genre, sondern vor allem auch bei der Information, also der tagesaktuellen Berichterstattung, den Politischen Magazinen und den Dokumentationen, ist die Bandbreite an Ansätzen, Sichtweisen und Positionen viel größer und bunter.

 medienpolitik.net: Medienpolitiker fordern dennoch einen weiteren Abbau von Doppelungen und Überschneidungen zwischen dem Ersten und dem ZDF-Hauptprogramm…

Herres: Es gibt unterschiedliche Forderungen von Politikern. Die FDP fordert zum Beispiel eine Neudefinition des Auftrags für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Wir halten uns aber an den geltenden Rundfunkstaatsvertrag. Der sieht eine Zusammenarbeit von ARD und ZDF vor. Dies tun wir schon lange auf verschiedenen Ebenen kostensparend und erfolgreich. Natürlich versuchen wir, Dopplungen in den linearen Hauptprogrammen weitestgehend zu vermeiden. Darauf wird großes Augenmerk gelegt. Aber wenn es doch mal in Einzelfällen zu Überschneidungen kommt, ist dies noch längst keine Verletzung unseres Auftrags.

„Um globalen Playern eine attraktive, nationale Plattform entgegensetzen zu können, ist es meiner Ansicht nach sinnvoll, die öffentlich-rechtlichen Angebote zu bündeln.“

medienpolitik.net: Sie sprachen jüngst vom „Wettbewerb der Plattformen“. Ersetzt dieser Wettbewerb den Wettbewerb zwischen dem Ersten und dem ZDF-Hauptprogramm – Kooperation und Koordinierung statt Wettbewerb?

Herres: Um globalen Playern eine attraktive, nationale Plattform entgegensetzen zu können, ist es meiner Ansicht nach sinnvoll, die öffentlich-rechtlichen Angebote zu bündeln. Auf dieser Ebene sollten ARD und ZDF nicht konkurrieren, sondern noch intensiver kooperieren. Das schließt einen gesunden Wettbewerb der linearen Hauptprogramme ja nicht aus. Konkurrenz um qualitative Inhalte belebt bekanntlich das Geschäft.

medienpolitik.net: Sie wollen künftig mehr Inhalte exklusiv für die Mediathek produzieren? Aus welchen Bereichen werden diese Inhalte vor allem stammen?
Herres: Zum Großteil aus dem fiktionalen Genre, aber auch aus den Bereichen Dokumentation und Unterhaltung. Es gibt eine Fülle von Angeboten und Ideen aus den Landesrundfunkanstalten etwa für Serien, die exklusiv oder als Vorabangebot für die Mediathek geplant sind. Auch bei der ARD Degeto haben wir hierfür Mittel umgewidmet. Und wir werden große Stoffe, die 2020 im Ersten zu sehen sind, vorab als ganze Serien in die Mediathek stellen. Etwa die historische Eventsserie „Oktoberfest“, den an einem realen Kriminalfall orientierten Mehrteiler „Das Geheimnis des Totenwaldes“ oder „Der Überläufer“ nach Siegfried Lenz. Die schwedische Serie „Kommissar Bäckström“ soll ein halbes Jahr lang nur in der Mediathek zu sehen sein. Hinzu kommen regionale Comedyserien und neue Staffeln von Erfolgsformaten, etwa von „Charité“.

„Wir erreichen mit dem Ersten täglich rund 25 Millionen Menschen. Und diese Reichweite werden wir nutzen, um die Mediathek zu befeuern.“

medienpolitik.net: Wie erfährt der Nutzer von diesen Inhalten?

Herres: Wir werden natürlich auch Marketing betreiben. Aber vor allem nutzen wir unsere lineare Stärke, um auf non-lineare  Angebote hinzuweisen. Wir werden die Planungsprozesse integrieren und vernetzen, so dass wir für jedes Angebot maximale Aufmerksamkeit erreichen. Das ist ja unser Vorteil: Wir erreichen mit dem Ersten täglich rund 25 Millionen Menschen. Und diese Reichweite werden wir nutzen, um die Mediathek zu befeuern.

medienpolitik.net: Florian Hager, ihr neuer Stellvertreter, kommt von Funk. Werden sich diese exklusiven Angebote also vor allem an jüngere Zuschauer wenden?

Herres: Es ist das Ziel, in der ARD Mediathek Angebote zu machen, um verstärkt auch jüngeres Publikum an uns zu binden und für das öffentlich-rechtliche Fernsehen zu gewinnen. 80 Prozent der Nutzungszeit dort entfallen auf Filme und Serien, deswegen werden wir einen Schwerpunkt auf fiktionale Angebote setzen. Aber wir wollen dort auch klar unsere journalistische Kompetenz ausspielen.

medienpolitik.net: Da nicht mehr Geld vorhanden ist, gehen diese zusätzlichen exklusiven Mediathek-Angebote zulasten der Programmqualität des linearen Programms?

Herres: Nein, die Finanzierung gelingt 2020 durch Umschichtungen in vorhandenen Etats und sehr stark durch Synergien. Das ist ja gerade der Sinn der jetzt vereinbarten Vernetzung.

medienpolitik.net: Bedeutet das tendenziell, dass in der Mediathek die Erstverwertung von wiederholbaren, nicht aktuellen Angeboten stattfindet und die Zweitverwertung im linearen Programm?

Herres: Künftig werden mehr und mehr Sendungen vorab abrufbar sein: Das betrifft unter anderem ganz konkret den Donnerstags-Krimi und die Filme aus der Reihe „Endlich Freitag im Ersten“. Auch die neuen Folgen von „Rote Rosen“ und „Sturm der Liebe“ stehen künftig immer jeweils einen Tag vor Erstausstrahlung zur Verfügung. Lineares Fernsehen spielt – allen Unkenruf zum Trotz – aber immer noch eine dominante Rolle, so dass für den überwiegenden Teil der Zuschauerinnen und Zuschauer die lineare Ausstrahlung im Ersten die Premiere bedeutet.

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