„Kurzfristig und agil auf neue Nachrichtenlagen reagieren“

von am 31.01.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Digitale Medien, Internet, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

„Kurzfristig und agil auf neue Nachrichtenlagen reagieren“
Peter Limbourg, Intendant der Deutschen Welle

Deutsch bleibt auch weiterhin die zentrale Arbeitssprache in der Deutschen Welle

31.01.2020. Interview mit Peter Limbourg, Intendant der Deutschen Welle

Ab Februar nimmt die Deutsche Welle bei seinem Online-Angebot eine „Profilschärfung“ vor. Damit soll, so der Intendant Peter Limbourg, „mehr Wert auf Themen wie Demokratie, Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit, Innovationen sowie deutsche und europäische Kultur“ gelegt werden. Zudem soll die Berichterstattung über und besonders aus den Zielgebieten, vor allem in Asien und Nahost, gestärkt werden. Damit komme es zu „Umschichtungen“ im Bereich der deutschen Online-Nachrichten, wovon auch freie Mitarbeiter betroffen seien. Von einer Marginalisierung des deutschen Programms sei aber keine Rede. Freie Mitarbeiter der Deutschen Welle (DW) hatten in einem offenen Brief an Medien-Staatsministerin Monika Grütters befürchtet, dass die Deutsche Welle das deutsche Online-Programm mittelfristig einstellen wolle. Zur Steigerung der Relevanz des Angebotes die ausländischen Nutzer und zur stärkeren Regionalisierung des Programms soll das Auslandskorrespondentennetz weiter ausgebaut werden. Kürzlich wurde ein Büro in Beirut eröffnet, New Delhi und Jakarta sind für dieses Jahr geplant.

medienpolitik.net: Freie Mitarbeiter der Deutschen Welle haben gegen Einsparungen beim Online-Angebot protestiert. Warum soll hier gespart werden?

Limbourg: Es geht hier nicht um Einsparungen, sondern um die Anpassung der Herstellung redaktioneller Inhalte auf die Abfrage durch unsere Nutzer. Aus Nutzerbefragungen wissen wir, dass aus Sicht unseres Zielpublikums der Markenkern der DW und unsere Profilthemen im Online-Angebot derzeit zu wenig im Mittelpunkt stehen. Daher wurde im Rahmen der Profilschärfung ein größerer Wert auf Themen wie Demokratie, Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit, Innovationen sowie deutsche und europäische Kultur gelegt. Zudem wurde die Berichterstattung über und besonders aus unseren Zielgebieten, hier vor allem Asien und Nahost, gestärkt. Diese inhaltlichen Verschiebungen im Angebot wurden durch interne Umschichtungen im Bereich deutscher Online-Nachrichten bewerkstelligt. Da aber die Profil- oder regionalen Themen nicht unbedingt von den gleichen Autoren abgedeckt werden können wie die nachrichtlichen Inhalte, gibt es freie Mitarbeiter, die aufgrund der Profilschärfung weniger Schichten übernehmen können als vorher. Einige wenige werden wir unmittelbar nicht mehr einsetzen können. 

medienpolitik.net: Die Mitarbeiter machen sich Sorge um das deutschsprachige Angebot. Ist die Sorge berechtigt? Wird das deutsche Programm mittelfristig „marginalisiert“?

Limbourg: Selbstverständlich steht die Deutsche Welle weiterhin zu ihrem deutschsprachigen Angebot. Die benannten Umschichtungen kommen auch dem deutschen Angebot zu Gute, da die Inhalte nach wie vor überwiegend auf Deutsch erstellt werden. Mit dieser Veränderung soll das Angebot für unsere Zielgruppen relevanter und attraktiver werden und sich stärker von anderen deutschsprachigen Angeboten absetzen. Eine Marginalisierung ist
daher nicht zu befürchten.

„Selbstverständlich steht die Deutsche Welle weiterhin zu ihrem deutschsprachigen Angebot.“

medienpolitik.net: Laut DW-Gesetz soll die Deutsche Welle „insbesondere die deutsche Sprache“ fördern. Bleibt es bei dieser Aufgabenbeschreibung?

Limbourg: Dies bleibt selbstverständlich Teil der Aufgabenbeschreibung. Die DW hat einen deutschen TV-Kanal mit einem Kulturschwerpunkt sowie ein umfangreiches Online- und Social Media-Angebot auf Deutsch mit einer thematischen Spannbereite, die von aktuellen Nachrichten über Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft bis zum Sport reicht. Auch internationale Berichte spielen eine immer wichtigere Rolle. Zudem bietet die DW in vielen Sprachen Deutschkurse an, die zu unseren erfolgreichsten Angeboten überhaupt gehören und auch von vielen Schulen und Universitäten im Ausland genutzt werden.

medienpolitik.net: Welche Rolle spielt das deutschsprachige Angebot im Rahmen Ihres Gesamtangebotes?

Limbourg: Nach wie vor ist Deutsch die zentrale Arbeitssprache in der DW. Sehr viele Inhalte werden auf Deutsch erstellt und anderen Redaktionen zur Bearbeitung und Adaption zur Verfügung gestellt. Damit bleibt Deutsch auch intern eine der wichtigsten Sprachen in der DW. Der strategische Fokus liegt aber auf den Fremdsprachen, mit denen wir 95% unserer Nutzer erreichen. 

medienpolitik.net: Die Deutsche Welle erhält 2020 15 Millionen Euro mehr als 2019 und hat jetzt ein Budget von 365,5 Mio. Euro. Wofür setzen Sie die zusätzlichen Mittel ein?

Limbourg: Die zusätzlichen Mittel verwendet die DW zur Stärkung der multimedialen Programmangebote und für die technische Infrastruktur, um auch in Zukunft wettbewerbsfähig aufgestellt zu sein. Wir betreiben immer noch den Abbau eines Investitionsstaus aus der Vergangenheit. Es sind Investitionen in Technik und Infrastruktur, um einer dauerhaften Substanzaushöhlung des Anlagevermögens entgegenzuwirken. Weiter werden Mittel zur Finanzierung der laufenden Personalkostensteigerungen benötigt. Das beinhaltet Faktoren wie Tarifsteigerungen, Personalstruktur, Altersversorgung, Mehraufwand für Altersversorgung aufgrund des niedrigen Rechnungszinses. Sachkostensteigerungen aus dem laufenden DW-Etat kommen noch hinzu.

medienpolitik.net: Wo liegen 2020 die regionalen Schwerpunkte?

Limbourg: In unserer Aufgabenplanung haben wir eine Priorisierung der Zielregionen für das journalistische Angebot vorgenommen. Hierbei spielen Asien und Afrika weiterhin die Hauptrolle. Die arabischsprachige Welt, Russland, die Ukraine und nicht zuletzt auch Lateinamerika sind aber ebenfalls im Fokus. Zur stärkeren Regionalisierung unseres Programmangebotes und damit auch zur Steigerung der Relevanz unserer Angebote für Nutzer in unseren Zielgebieten gehört auch der Ausbau des Auslandskorrespondentennetzes. Kürzlich haben wir ein Büro in Beirut eröffnet, New Delhi und Jakarta sind für dieses Jahr geplant.

medienpolitik.net: Der arabische Raum ist schon länger für Sie von großer Bedeutung. Welche Konsequenzen ergeben sich durch die Verschärfung des USA-Iran-Konflikts und den wieder aufgeflammten Krieg in Libyen?

Limbourg: Neben einer Schwerpunksetzung reagieren wir aber in unseren Programmen sehr kurzfristig und agil auf neue Nachrichtenlagen. Das bedeutet, dass wir verstärkt Hintergrundberichte auf allen Ausspielwegen zu den jeweiligen Konflikten anbieten und unser Korrespondentennetz nutzen, um exklusiv, angemessen und umfassend berichten zu können.

„Wir werden der zunehmenden Bedeutung der Regionalisierung von Angeboten Rechnung tragen, indem wir den Anteil originärer und exklusiver Inhalte erhöhen.“

medienpolitik.net: Sehen Sie hier in nächster Zeit eine Verschiebung der Präferenzen?

Limbourg: Im Rahmen der oben beschriebenen Schwerpunktsetzung werden wir selbstverständlich die sich wandelnden Bedürfnisse unserer Zielgruppen stets im Auge behalten und immer wieder auch kurzfristig darauf reagieren. Das bedeutet, dass wir zum Beispiel der zunehmenden Bedeutung der Regionalisierung von Angeboten Rechnung tragen werden, indem wir den Anteil originärer und exklusiver Inhalte erhöhen. In allen Sprachen und Zielregionen wird die Verbreitung unserer journalistischen Inhalte über digitale Ausspielkanäle immer mehr an Bedeutung gewinnen.

medienpolitik.net: Wie hat sich das Interesse an den Angeboten der Deutschen Welle 2019 entwickelt?

Limbourg: Weltweit erreicht die DW aktuell 197 Millionen wöchentliche Nutzerkontakte, 2018 waren es noch 162 Millionen pro Woche. Dies entspricht einem deutlichen Wachstum von 35 Millionen beziehungsweise 22 Prozent. Diese Entwicklung ist vor allem auf einen wesentlich stärkeren Abruf der Online-Angebote zurückzuführen. Rund 61 Millionen Menschen nutzen regelmäßig DW-Angebote im Netz. Außerdem haben unsere vier linearen TV-Kanäle nach wie vor hohen Zuspruch. Die Zuschauerzahlen sind gegenüber dem Vorjahr um zehn Millionen auf über 99 Millionen pro Woche gestiegen. Dazu tragen regionalisierte Inhalte für Afrika und Asien bei. Die Radionutzung bleibt mit einem Publikum von 37 Millionen weiterhin stabil – die Radiohörer der DW leben nahezu ausschließlich in Subsahara-Afrika. 

medienpolitik.net: Das türkische Fernsehen TRT hat jetzt eine Nachrichten-Plattform auf Deutsch gestartet und plant einen deutschsprachigen TV-Kanal. Mitte 2019 haben sie mit Partnern das YouTube-Angebot „+90“ auf Türkisch online gestellt. Werden sie ihre Angebote auf Türkisch nun weiter ausbauen?

Limbourg: Wir arbeiten kontinuierlich an der Verbesserung und Verstetigung unserer Angebote. Das gilt auch für das türkischsprachige Programm. Die langfristige Finanzierung des sehr erfolgreichen Türkisch-sprachigen YouTube Kanals „+90“, den die DW gemeinsam mit BBC, FMM und VOA gestaltet, ist ebenfalls Teil der Planung.

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