„Wir geben nicht mehr aus, als wir haben“

von am 14.01.2020 in Allgemein, Archiv, Internet, Medienordnung, Medienpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

„Wir geben nicht mehr aus, als wir haben“
Dr. Yvette Gerner, Intendantin von Radio Bremen

Radio Bremen stellt sich auf weitere Einsparungen ab 2021 ein

14.01.2019. Interview mit Dr. Yvette Gerner, Intendantin von Radio Bremen

Radio Bremen gehörte zu den wenigen ARD-Anstalten, die das Jahr 2018 mit einem positiven Finanzergebnis abgeschlossen haben. Der ausgewiesene Jahresüberschuss für das Jahr 2018 betrug 1,547 Mio. Euro bei Gesamterträgen von 110,0 Mio. Euro. Nach Angaben des Senders hat, wie im Jahr zuvor, eine sparsame Bewirtschaftung der Mittel im Programm sowie ein positiver Verlauf des Werbegeschäfts der Tochter Radio Bremen Media für den Überschuss gesorgt. Im Vergleich zur Planung sind auch die Einnahmen für Rundfunkbeiträge höher ausgefallen. Da die Rundfunkbeiträge die Teuerungsrate seit mehreren Jahren nicht ausgleichen, muss der Sender in jedem Jahr etwas einsparen, um am Ende der Beitragsperiode 2017 – 2020 zu einem ausgeglichenen Ergebnis zu kommen. Sollte es bei dem Vorschlag der KEF bleiben, den Beitrag um ca. 86 Cent anzuheben und damit keinen Teuerungsausgleich vorzunehmen, wird es für die kleinste ARD-Landesrundfunkanstalt problematisch. Die Länder haben auch deshalb eine Neufestsetzung des ARD-Finanzausgleichs gefordert. Fragen an Dr. Yvette Gerner, Intendantin von Radio Bremen seit August 2019, zu den Leistungen des Senders und zur finanziellen Situation.

medienpolitik.net:  Sie sind seit August 2019 Intendantin der – an der Anzahl der Mitarbeiter gemessen – kleinsten ARD-Anstalt und kommen vom „großen“ ZDF. Was macht den Reiz dieser kleineren Anstalt aus?

Gerner: Im Land Bremen treffen die Kollegen und ich täglich die Menschen, für die wir unsere Programme machen. Dieser unmittelbare, dem Gemeinwohl verpflichtete Austausch und die starke Verankerung in der Region sind eine große Stärke von Radio Bremen. Es ist aber auch die Stärke der ganzen ARD, mit ihren regionalen Wurzeln, den dritten Programmen und den Hörfunkwellen. Bei Radio Bremen schreiben wir Innovation groß. Neues können wir durch unsere übersichtlichen Strukturen schnell möglich machen. Die Wege in Bremen, Bremerhaven und zu uns sind kurz. Das Land hat viel zu bieten, sowohl wirtschaftlich, kulturell, wie auch gesellschaftlich. Kurzum: Ich habe mich schnell eingelebt und die Vielfältigkeit der Aufgabe ist reizvoll.

medienpolitik.net:  Was leisten die 220 Mitarbeiter (stand 2018) für Bremen, Bremerhaven und die ARD?

Gerner: Das ist eine ganze Menge. Nehmen wir zuerst unser Fernsehprogramm: Das Informationsangebot „buten un binnen“ ist das Herzstück unserer regionalen Berichterstattung. Das Regionalmagazin belegt aktuell Platz zwei im landesweiten Vergleich der Regionalmagazine. Dazu kommen Produktionen für das gemeinsame Dritte mit dem NDR. So produzieren wir die Talkshow „3nach9“ mit Judith Rakers und Giovanni di Lorenzo. Die Beliebtheit des Formats ist seit 45 Jahren ungebrochen, weshalb es nur logisch erscheint, dass „3nach9“ seit letztem Jahr im Wechsel mit Talkshows aus anderen ARD-Häusern auch dienstagabends im Ersten läuft. Darüber hinaus haben die Mitarbeiter in einem Jahr knapp 46.000 Sendeminuten für Das Erste und ARD-Partnerprogramme produziert. Für den deutsch-französischen Sender arte wurden zahlreiche Natur- oder auch historische Dokumentationen gedreht. Für das Nachtmagazin und das Morgenmagazin liefern die Netzreporter*innen Themen aus dem digitalen Kosmos zu. Radio Bremen hat eine lange Tradition, auffällige Formate zu entwickeln, die Liste reicht vom „Beat-Club“ über „Loriot“ bis zur preisgekrönten Sketchcomedy „Kroymann“. Dabei hilft, dass sich in der ARD auch immer Partner für Ideen finden. Nach dem Motto „Gemeinsam sind wir stärker“ ist „Kroymann“ beispielsweise eine Co-Produktion mit NDR, WDR und SWR. Ebenfalls nicht zu vergessen, sind die durch Radio Bremen erstellten Angebote für funk, das Contentnetzwerk von ARD und ZDF. Dazu zählt das preisgekrönte Reportageformat „Y-Kollektiv“ oder das Sportsatireformat „Wumms“. Neben dem Fernsehprogramm liefert Radio Bremen aber auch ein umfangreiches Hörfunkprogramm für ganz unterschiedliche Lebensphasen. Die Spanne reicht von „Bremen Eins“ über „Bremen Vier“ bis zur jungen, sehr digitalen Welle „Bremen NEXT“. Hinzu kommen noch „Bremen Zwei“, mit einem Schwerpunkt auf Kultur und anspruchsvoller Musik, sowie die Zusammenarbeit für das WDR-Programm „COSMO“. Dieser knappe Überblick zeigt, wie vielfältig der Beitrag ist, den die Mitarbeiter*innen für die regionale Identität von Bremen und Bremerhaven leisten und welchen bremischen Touch sie innerhalb der ARD geben. An dieser Stelle darf aber auch nicht unerwähnt bleiben, dass neben den rund 200 Mitarbeitern von Radio Bremen auch die Kollegen der Radio Bremen-Tochter Bremedia und die freien Mitarbeiteren dazugehören und für die Programme von Radio Bremen unverzichtbar sind.

medienpolitik.net: Das Angebot könnte der NDR doch auch noch mit abdecken…

Gerner: Radio Bremen ist ein wesentlicher Teil der regionalen Identität des Landes. Man hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg ganz bewusst für ein föderales Rundfunksystem entschieden und Radio Bremen als einen der ersten öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland für das Land Bremen gegründet – das war vor genau 75 Jahren, weshalb wird dieses Jahr unser Jubiläum feiern werden. Besonders in disruptiven Zeiten der Globalisierung, Digitalisierungsumbrüchen und Angriffen auf das demokratische System ist der öffentliche Rundfunk in seiner Vielfältigkeit der Aufstellung ein Bollwerk der Demokratie. Gerade die Aufgabe, sachlich zu informieren, eine Plattform für die Meinungsbildung zu schaffen und mit unseren Angeboten alle Menschen, von jung bis alt, anzusprechen, ist heute wichtiger denn je. Dazu leistet Radio Bremen mit dem eigenen Programm und vielen smarten Ideen einen Beitrag. Mit dem NDR arbeiten wir in den Bereichen Technik und Verwaltung aber auch programmlich im Dritten, Formaten im Ersten bis hin zu barrierefreien Angeboten schon lange eng zusammen. Das funktioniert sehr gut und ist wichtig für uns. Es kommt aber natürlich auch immer wieder zu Kooperationen mit anderen Landesrundfunkanstalten. Wir bringen uns seit Jahren innerhalb der ARD bei Projekten ein und tragen zur gemeinschaftlichen Stärke des ARD-Angebots auf allen Plattformen bei.

„Radio Bremen ist ein wesentlicher Teil der regionalen Identität des Landes.“

medienpolitik.net:  Der ausgewiesene Jahresüberschuss für das Jahr 2018 betrug 1,547 Mio. Euro bei Gesamterträgen von 110,0 Mio. Euro. Wofür sind diese 110 Mio. Euro vor allem ausgegeben worden?

Gerner: Wichtig ist, dass von dem Rundfunkbeitrag so viel wie möglich ins Programm fließt. Von den 17,50 Euro aus dem Land Bremen erhält Radio Bremen 9,92 Euro. Davon werden 3,15 Euro für das Radio Bremen Fernsehen eingesetzt und 4,06 Euro gehen an den Hörfunk. Zählt man alle programmlichen Projekte zusammen, fließen knapp 80 Prozent in unser Programm. Der vorangegangene Überblick über unser Angebot hat bereits deutlich gemacht, was davon alles produziert wird. Weitere Kosten entstehen für die programmlich notwendige Technik oder IT, dazu noch ein kleiner Restteil für Marketing und Verwaltung. Natürlich muss sich der öffentliche Rundfunk, was Mittelbedarf und Verwendung angeht, verantworten, aber eine rein monetäre Betrachtung greift angesichts der Bedeutung der Leistung doch zu kurz. Der Beitrag zur Meinungsbildung einer offenen und demokratischen Gesellschaft hat einen hohen Wert. Bei aller berechtigten Debatte über Auftrag und Struktur, bei aller Kritik: Wir erreichen mit den unterschiedlichen Angeboten von Fernsehen über Radio bis ins Netz die Menschen in diesem Land, so vielfältig und divers die Gesellschaft ist. Erst kürzlich hat die repräsentative ARD Trend-Befragung wieder gezeigt, dass das Erste aus Publikumssicht unverzichtbar ist und das qualitativ beste Programm bietet.

medienpolitik.net: Wird diese Entwicklung, dass Sie Geld sparen können, für 2019 und 2020 ebenso positiv sein?

Gerner: Wir haben dem Rundfunkrat im Dezember den Wirtschaftsplan für das Jahr 2020 vorgestellt. Das Gute zuerst: Es gelingt uns, die laufende Beitragsperiode Ende 2020 quasi ausgeglichen zu beenden. Dafür müssen wir aber wieder Mittel umwidmen und kürzen. Das verlangt Anstrengungen und Sparmaßnahmen, die sind schmerzhaft, aber zwingend erforderlich. Wir geben nicht mehr aus, als wir haben.

„Im Jahr des 75. Jubiläums von Radio Bremen in 2020 wünsche ich mir Entscheidungen für eine gesicherte Finanzierung, die ein Programm ermöglichen, das die regionale Identität in seiner ganzen Vielfalt widerspiegelt und auf Dialog mit allen Bürgern setzt.“

medienpolitik.net: Nun empfiehlt die KEF für die Periode ab 2021 einen Beitrag von 18,36 Euro. Was würde das für Radio Bremen bedeuten, wenn es dabei im Wesentlichen bleibt?

Gerner: Sparsames Wirtschaften sind wir bei Radio Bremen bereits gewohnt. Seit 10 Jahren ist der Rundfunkbeitrag, trotz Kostensteigerungen in vielen Bereichen, beispielsweise im Personalbereich, nicht erhöht worden. Klar ist deshalb: Selbst wenn die KEF in ihrem Bericht eine Erhöhung des Beitrags auf 18,36 Euro vorschlägt und alle Landtage dem zustimmen, müssen alle weiter sparen. Als Journalisten haben wir aber natürlich den Ehrgeiz, das beste Angebot für die Menschen zu gestalten, alle zu erreichen. Gerade im Jahr des 75. Jubiläums von Radio Bremen in 2020 wünsche ich mir Entscheidungen für eine gesicherte Finanzierung, die ein Programm ermöglichen, das die regionale Identität in seiner ganzen Vielfalt widerspiegelt und auf Dialog mit allen Bürgern setzt.

medienpolitik.net: Wo kann man bei 220 Mitarbeitern sparen und dennoch den politisch vorgegebenen Auftrag erfüllen?

Gerner: Die Frage stellt sich Radio Bremen jeden Tag aufs Neue und wir werden nicht müde, sie kreativ und verantwortungsvoll zu beantworten. Allein im Rahmen der ARD/ZDF-Strukturprojekte werden wir gemeinsam rund 1 Mrd. Euro im öffentlichen System sparen. Diese Einsparungen tragen auch dazu bei, die erste Erhöhung des Rundfunkbeitrages seit 10 Jahren im Rahmen zu halten. Darüber hinaus werden wir weiter Partnerinnen und Partner für spannende Projekte suchen. Die Kooperation für das Format „Kroymann“ hatte ich ja bereits erwähnt. Das Sportsatireformat „Wumms“, das bei funk erfolgreich ist, entsteht in Zusammenarbeit mit dem NDR und das spannende Hörspiel „Der stumme Tod“, das 2020 parallel zur Serie „Babylon Berlin“ in der ARD Audiothek erscheint, wird mit WDR und rbb verwirklicht.

medienpolitik.net:  Werden Sie sich den „eigenen“ „Tatort“, für den Sie gerade ein neues, interessantes Team vorgestellt haben, auch ab 2021 noch leisten können?

Gerner: Davon gehen wir aus. Wir haben mit Jasna Fritz Bauer, Dar Salim und Luise Wolfram außergewöhnliche Schauspieler verpflichtet und freuen uns auf eine hoffentlich lange und erfolgreiche Zusammenarbeit. Für die ersten Projekte steht die Finanzierung: Im Herbst 2020 wird die erste Klappe für den TV-Tatort fallen.

medienpolitik.net: Sie wollen, so sagten Sie vor dem Rundfunkrat, auch in Zukunft „alle Kraft in relevantes, innovatives Programm stecken“. Was bedeutet das konkret?

Gerner: Unsere Kriterien für ein gutes Programm sind unser Auftrag und das Interesse und die Nähe zu den Menschen. Darüber hinaus sind mir drei Aspekte besonders wichtig:

In Zeiten, in denen die andere Meinung Gefahr läuft, als „fake“ bezeichnet zu werden, braucht es Dialog. Wir als Medien haben da besondere Möglichkeiten, Kompetenz und gute Ideen. Ein schönes Beispiel sind die „Meinungsmelder“. Dabei laden wir alle Bürger des Landes Bremen ein, uns ihre Meinung abzugeben, damit wir daraus Programm machen. Im letzten Jahr haben im Durchschnitt über 700 Personen an den Befragungen teilgenommen, über 2.500 Personen sind Teil der Newsletter-Community, Tendenz steigend. Zweitens sind Medien längst nicht mehr die Gatekeeper von früher. Um relevant zu sein, die vielen Themen und Probleme der Menschen aufgreifen zu können, Komplexität zu erklären und Verständnis für andere zu entwickeln, braucht es mehr unterschiedliche Perspektiven. Wir müssen Plattform für die gesamte Gesellschaft bleiben und uns deshalb diverser aufstellen. Bei Radio Bremen versuchen wir wirklich alle, also Jung und Alt, Menschen mit und ohne Migrationsintergrund, Männer, Frauen, das 3. Geschlecht etc., in den Blick zu nehmen. Diversity spielt dabei auf ganz unterschiedlichen Ebenen eine Rolle. Bei der jungen Welle „Bremen NEXT“ oder auch bei „COSMO“ arbeiten die Redaktionen in „bunten“ Teams zusammen. Diese Teams schaffen es, Programm für Menschen zu machen, die sich im öffentlichen Rundfunk vorher nicht wiedergefunden haben und ihn deshalb nie gehört haben. Derzeit arbeiten von den einzelnen Redaktionen bis hin zur Personalentwicklung daran, nach außen und innen vielfältiger zu sein bzw. zu werden. Und last but not least müssen wir im non-linearen Bereich an neuen Angeboten arbeiten. Die ARD hat in der Mediathek, in der Audiothek oder auf den Online-Angeboten tagesschau.de, sportschau.de, sowie bei den gemeinsamen Angeboten mit dem ZDF, funk oder KiKa, viel zu bieten. Die Dynamik im Digitalmarkt, was Streaming und die Prozesse auf dem Markt angeht, ist aber enorm. Als öffentliche Medienmacher ist es wichtig, dass wir die Mechanismen und Trends der digitalen Welt besser verstehen. Dass wir dabei jede neue Innovationswelle reiten müssen, sehe ich nicht, aber wir müssen zukunftsfähig bleiben. Es gilt, uns intensiver mit den Entwicklungen und Trends im Netz zu beschäftigen. Vor dem Hintergrund einer hochbrandenden, polarisierten Erregungskultur im Netz braucht es einen unabhängigen, ruhigen Blick und genaue Analyse von Fakten. Öffentlicher Rundfunk hat auch die Aufgabe als kritischer Wächter in einer digitalen Welt, die von globalen Playern immer stärker bestimmt wird, genau hinzuschauen, auf Entwicklungen und Probleme hinzuweisen und den Menschen Zusammenhänge verständlich zu machen.

„Wir müssen Plattform für die gesamte Gesellschaft bleiben und uns deshalb diverser aufstellen.“

medienpolitik.net: Die ARD hat sich auf die Fahnen geschrieben, den Anteil digitaler Angebote zu erhöhen und zum Beispiel für die Mediathek exklusiv zu produzieren. Wie wollen Sie diesen Spagat bei Radio Bremen bewältigen: Sparen, mehr digitale Angebote, aber das lineare Programm nicht vernachlässigen?

Gerner: Da ist Radio Bremen wie ein Profisportler: Wir haben den Ehrgeiz, immer besser zu werden, sind flexibel und glauben an unsere Stärken. Viele non-linearen Ideen spielen inzwischen auch ins klassisch lineare hinein. Aus den „Y-Kollektiv“-Erfahrungen haben wir die „Rabiat“-Dokumentationen fürs Erste entwickelt. Dass wir manches nicht machen können oder gar lassen, um etwas Neues zu ermöglichen, ist bei Radio Bremen aber gelebte Praxis. Dass wir das schaffen, stellen wir 2020 wieder unter Beweis: In diesem Jahr produzieren wir den ersten Tatort fürs Netz, eine sechsteilige Mockumentary mit dem neuen Bremer Tatort-Team, in der ARD Mediathek. Die Radiokolleg*innen arbeiten an neuen Podcast-Ideen. Besonders gespannt bin ich auf die „Chai Society“ der „Bremen NEXT“-Redaktion, die im Februar startet.

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