„Wir sehen in den neuen Playern am Markt deutlich mehr Chancen als Risiken“

von am 22.01.2020 in Aktuelle Top Themen, Allgemein, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Medienförderung, Medienordnung, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Plattformen und Aggregatoren

„Wir sehen in den neuen Playern am Markt deutlich mehr Chancen als Risiken“
Dr. Christoph Palmer, Geschäftsführer der Produzentenallianz

Durchschnittbudgets der Filme stagnieren oder werden wegen sinkender Finanzierungsbeiträge der Sender und der Verleiher geringer

22.01.2020. Interview mit Dr. Christoph Palmer, Geschäftsführer Produzentenallianz

Bei der Debatte um die Novellierung des FFG geht es auch darum, wie deutsche Filme mehr Besucher erreichen und wie sie international erfolgreich sein können. Die Produzentenallianz hat die Ursachen für den Erfolg des deutschen Films in den letzten 20 Jahren analysiert. Wie Dr. Christoph Palmer, Geschäftsführer Produzentenallianz in einem Gespräch mit medienpolitik.net informiert, waren erfolgreiche Kinojahre dadurch gekennzeichnet, dass es eine Handvoll oder mehr deutsche Filme gab, die mehr als zwei, drei oder vier Mio. Besucher hatten. Und das waren im Durchschnitt Filme, die relativ hohe Budgets aufwiesen. „Insofern“, so Palmer „muss es besorgen, dass die Durchschnittbudgets der Filme stagnieren oder – auch wegen der kontinuierlich sinkenden Finanzierungsbeiträge der Sender und der Verleiher – sogar geringer werden. Dem kann aber die Novelle des FFG nicht allein entgegenwirken.“ Hierzu sollte unter anderem im DFFF die Förderintensität für alle Produktionen auf mindestens 25 Prozent angehoben werden, um zumindest teilweise einen Ausgleich für wegbrechende andere Finanzierungsbestandteile zu schaffen. Fragen an Dr. Christoph Palmer zu Finanzausstattung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, zur „Fokussierung“ des Programms, zur Finanzierung der FFA und zur Präsenz von „Netflix“-Filmen in Kinos.

medienpolitik.net: Herr Palmer, der Bewegtbildmarkt verändert sich weiter. 2019 sind weitere VoD-Plattformen gestartet, der Bedarf an exklusiven Angeboten wächst bei diesen Plattformen. Wie sehen Sie die Chancen für deutsche Produzenten, sich in diesem globalen Wettbewerb zu behaupten und sich ein Stück des neuen „Auftragskuchens“ abschneiden zu können?

Palmer: Wir erleben, wie das lineare Fernsehen von neuen Programmanbietern wie Netflix und Amazon Prime Video auch in Deutschland herausgefordert wird. In Zukunft werden die Zuschauer*innen ihre Inhalte immer mehr auf den verschiedenen Online-Plattformen suchen und finden. Lagen die Gesamterlöse von Streamingdiensten im Jahr 2017 in Deutschland bei 1,1 Milliarden Euro, werden sie bis 2023 auf 2,5 Milliarden Euro prognostiziert. [1] Für Produzent*innen bedeutet das, neue Erzählformen und Formate zu entwickeln und immer aufwändiger herstellen zu müssen. Als Interessensvertretung der Produzent*innen sehen wir in den neuen Playern am Markt daher deutlich mehr Chancen als Risiken. Allerdings erkennen auch wir die Tendenzen, dass immer mehr in Eigenregie produziert wird und manche Akteure das am Markt befindliche Know-how exklusiv an sich binden wollen. Wer allerdings für sämtliche Wertschöpfungsstufen selbst verantwortlich sein will, verschließt sich den kreativen Potenzialen des Marktes. Diese Erkenntnis scheint inzwischen bei vielen Playern angekommen zu sein: Unsere Mitgliedsfirmen produzieren nämlich mit großem Erfolg schon seit geraumer Zeit für Netflix und Co.   

medienpolitik.net: Auf der anderen Seite werden die öffentlich-rechtlichen Sender von 2021 – 2014 trotz steigender Kosten mit annähernd den gleichen finanziellen Mitteln auskommen müssen wie in der gegenwärtigen Beitragsperiode. Befürchten Sie, dass die Einsparungen weiter zulasten der Auftragsproduktionen gehen?

medienpolitik.net: Zunächst einmal haben die Terms of Trade der Produzentenallianz mit der ARD und dem ZDF in den vergangenen Jahren eine deutliche Wirkung erzielt und zu Verbesserungen nicht nur bei den Programminvestitionen, sondern auch in der Zusammenarbeit zwischen öffentlich-rechtlichen Sendern und der Produktionswirtschaft geführt. Eine wichtige Etappe zur Anwendung der Eckpunkte war die erstmalige Verankerung von Sondermitteln für das Programm für die Beitragsperiode 2017 bis 2020. Ohne die Anerkennung der 146,6 Millionen Euro bei der ARD und 98,5 Millionen Euro beim ZDF sowie 8 Millionen Euro bei ARTE wären die weitreichenden Verständigungen über Kalkulationsrealismus und Rechteteilung Gefahr gelaufen, nicht im vollen Maße umsetzbar zu sein.

Wie aktuell der Produzentenbericht 2018 der ARD belegt, hat die ARD ihr produzentisches Volumen deutlich ausgeweitet. Mit 814,6 Mio. € – was einem Plus von 22,31 Mio. Euro bzw. knapp 3 Prozent gegenüber 2017 entspricht – haben die Sender der ARD in 2018 mehr für das Programm zur Verfügung gestellt als im Vorjahr. Es ist allerdings zu konstatieren, dass der Rundfunkbeitrag als zentrales Finanzierungsmodell der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten seit 2009 nicht mehr erhöht, 2015 sogar gesenkt wurde. Durch die angesprochene Kostensteigerung ist es nicht möglich, Ausgaben für Herstellung und Verbreitung über Jahre hinweg aufzuhalten. Hier entsteht in der Tat ein Ungleichgewicht, welches jedoch keinesfalls auf Kosten des Programms gehen darf. ARD und ZDF sind bereits seit einigen Jahren mit der Umsetzung anspruchsvoller Sparpläne beschäftigt. Im vergangenen Jahr haben viele Senderanstalten Umstrukturierungsmaßnahmen in die Wege geleitet, die in den kommenden Jahren Früchte tragen werden. Die verstärkte Zusammenarbeit innerhalb der ARD und zwischen ARD und ZDF etwa bei Technik, IT, Verwaltung, Beschaffung und arbeitsteiliger Zusammenlegung von Betriebseinheiten könnte der Konzentration auf das Wesentliche, nämlich den Programmauftrag, dienen. Es gibt also keinen Grund am Programm zu sparen. Als Verband werden wir uns auch weiterhin intensiv dafür einsetzen, dass trotz Sparzwängen bei den Öffentlich-Rechtlichen weiterhin Programme ohne Qualitätseinbußen produziert werden können, denn davon hängt nicht zuletzt auch die Akzeptanz beim Publikum ab. Dabei ist nicht zu vergessen: Die gesamte Produktionswirtschaft steht im Wettbewerb um Zuschauer auch mit der Konkurrenz aus anderen Produktionsländern. Damit deutsche Produktionen weiterhin mithalten können, muss eine ausreichende finanzielle Ausstattung auch in den kommenden Jahren sichergestellt sein.

„Wer für sämtliche Wertschöpfungsstufen selbst verantwortlich sein will, verschließt sich den kreativen Potenzialen des Marktes.“

medienpolitik.net: Die KEF hat die Aufwendungen für Produzenten nur zu 75 Prozent anerkannt. Die bereits abgeschlossenen Vergütungsregeln aus dem Eckpunktepapier führen zudem bei der ARD zu weiteren Mehrkosten. Sind damit die Vereinbarungen mit der ARD nicht ein Pyrrhussieg für die Produzentenallianz?

Palmer: Warten wir den KEF-Bericht im Februar ab. Die Produzentenallianz hat für eine Aufstockung der Programm-Sondermittel von den 2016 auf 75 Prozent gekürzten Mittel auf 100 Prozent gekämpft. Wir bleiben als Produzentenallianz weiterhin im Gespräch mit der KEF sowie den Ländern und Sendern, um uns für angemessene Programmaufwendungen in den Budgets der Sender einzusetzen. Auch setzen wir uns für eine dauerhafte Verankerung der (Sonder-) Programmittel im Budget der Anstalten ein. Damit würden diese an der rundfunkspezifischen Teuerungsrate ab dem Jahre 2021 teilnehmen, was wir sehr begrüßen würden.

medienpolitik.net: Die Länder wollen unabhängig davon weiter über eine Novellierung des Auftrages verhandeln. Dabei ist von einer „Fokussierung des Auftrages“ die Rede. Welche Überlegungen bestehen bei der Produzentenallianz für eine Weiterentwicklung des Auftrages?

Palmer: Aus Sicht der Produzentenallianz ist zunächst festzuhalten, dass eine „Fokussierung des Auftrages“ nicht gleichbedeutend mit der Reduktion von Programmmitteln sein kann. Das Gegenteil ist der Fall. Durch die Digitalisierung haben die unterschiedlichen Kommunikationskanäle nicht nur zu einer Pluralisierung der Informationsvermittlung geführt, sondern auch diverse „Wirklichkeiten“ entstehen lassen. Auch deshalb bedarf es eines starken öffentlich-rechtlichen Rundfunks, der sich als Medium der gesellschaftlichen Realität versteht und als Forum für breite Bevölkerungsgruppen. Um dem gerecht zu werden, sind nicht nur hochwertige Nachrichten- und Informationsangebote notwendig, sondern auch Spielfilme und Dokumentationen, sowie Unterhaltungs- und Bildungssendungen. All diese Genres haben einen unverzichtbaren Mehrwert für Meinungsbildung und Lebensgestaltung der Menschen, sowohl in den Städten als auch auf dem Land. Es wäre ein fatales Zeichen, hier eine Verknappung des Auftrags vorzunehmen. Deshalb kann „Weiterentwicklung des Auftrages“ nur bedeuten, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk linear wie digital so auszustatten ist, dass er auch zukünftig die facettenreiche Wirklichkeit in den Regionen und Kommunen, die Wirtschaft, die Sportlandschaft, den Wissenschafts- und Bildungssektor und vor allem das reiche und vielfältige kulturelle Leben abbilden kann.

„‘Weiterentwicklung des Auftrages‘ kann nur bedeuten, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk linear wie digital so auszustatten ist, dass er auch zukünftig die facettenreiche Wirklichkeit abbilden kann.“

medienpolitik.net: Seit 1. Mai 2019 ist der Telemedienauftrag in Kraft. Sowohl ARD als auch das ZDF haben angekündigt, die Mediatheken auszubauen und mehr exklusive Inhalte in die Mediatheken zu stellen und damit mehr und mehr zu Plattformen zu entwickeln, die Inhalte unabhängig von der linearen Ausstrahlung anbieten. Ist diese Strategie auch eine zusätzliche Chance für die Produzenten?

Palmer: Diese Strategie bietet dann für Produzent*innen Chancen, wenn sie an der Wertschöpfung von exklusiv für Mediatheken produzierte Filme, Serien oder Dokumentationen beteiligt werden. Anders als beim linearen Fernsehen sind die Inhalte in Mediatheken zu jeder Zeit abrufbar. In der Vergangenheit bestand hier ein Interessenkonflikt zwischen dem Bedürfnis der Sender, möglichst viele Inhalte möglichst lange in ihren Online-Mediatheken anbieten zu können, und dem Geschäftsmodell der Produzent*innen. Diese können ihr Investment in teilfinanzierte Auftragsproduktionen nur über Rechteteilung wieder einspielen. Dazu gehört beispielsweise die Lizenzierung in anderen Ländern oder im Video-on-Demand-Bereich. Je länger jedoch ein Werk kostenlos in einer Mediathek verfügbar ist, desto geringer fällt der Wert aus, den Produzent*innen für ihre Inhalte noch einnehmen können. Im Sinne einer fairen Rechteverteilung wurde inzwischen sowohl mit der ARD als auch mit dem ZDF im Rahmen von Eckpunktevereinbarungen ein erster Lösungsansatz gefunden der zusammengefasst besagt: Je geringer der Finanzierungsanteil der Sender an einer Produktion ist, je eingeschränkter sind die Verwertungsmöglichkeiten in den Mediatheken für die Sender. Mit dem ZDF wurde 2016 ein Gewinnaufschlag vereinbart, der im Lichte der Marktentwicklung geprüft werden muss.

medienpolitik.net: Die Evaluierungsstudie der FFA hat sinkende Einnahmen für die FFA bis 2026 ergeben. Wie kann der FFA-Etat wenigstens auf einer Höhe von 50 Mio. Sollten alle bisherigen Einzahler, also auch die TV-Sender, zusätzlich zur Kasse gebeten werden?

Palmer: In der Tat ist eine schleichende Erosion der Einnahmen der FFA zu beobachten. Die Erleichterungen, die in den letzten Novellen etwa für die Kinobetreiber eingeführt wurden (teilweise Gewährung der Förderung als Zuschuss) schlagen inzwischen auf der Einnahmenseite voll durch. Die Einnahmen der Videowirtschaft nehmen stark ab und werden auch durch die zunehmenden Einzahlungen der Streaminganbieter nicht voll kompensiert. Auch sind die Rücklagen, die es aus den früheren Vorbehaltszahlungen der Kinobetreiber gegeben hatte und in den letzten Jahren Schritt für Schritt aufgelöst wurden, aufgebraucht. Schließlich geben die Sender tendenziell weniger für die Co-Produktion oder den Lizenzerwerb von Kinofilmen aus, so dass auch deren Einzahlungen nicht zunehmen, sondern allenfalls stabil bleiben. Kommt dann noch ein schlechtes Kinojahr wie das Jahr 2018 hinzu, dann wird es richtig eng. Auch wenn die Evaluierungsstudie der FFA vielleicht zu pessimistisch war, ist von der Novelle des FFG doch zu fordern, hier entschieden gegenzusteuern, um zu vermeiden, dass das Förderinstrument des FFG seine Pilotfunktion verliert. Und hierzu muss eine der beiden denkbaren Wege gegangen werden: Entweder die Abgaben aller Einzahler werden substantiell angehoben, etwa auf eine Zielgröße von fünf oder sechs Prozent der jeweiligen Bemessungsgrundlage, was dann auch eine deutlich erhöhte Förderung auch der Kinos oder der Vermarktung ermöglichen würde, oder die Aufgaben der FFA müssen kritisch daraufhin überprüft werden, welche (auch wenn als solche wünschenswert) tatsächlich zur Erfüllung der Kernaufgabe des FFG, der Förderung des deutschen Kinofilms unbedingt erforderlich sind.

medienpolitik.net: In diesem Jahr soll die Novellierung des FFG erfolgen. Man hört immer wieder die Forderung – von der Politik bis zur Filmwirtschaft – „Mehr Klasse statt Masse“. Unter welchen Bedingungen könnten sich auch die Produzenten dieses Motto zu eigen machen?

Palmer: Diese Forderung ist zunächst einmal ein universeller Gemeinplatz. Sie wird in gleicher Weise in aus deutscher Sicht sehr erfolgreichen Kinoländern, wie etwa Frankreich und USA und dort sogar immer wieder auch von den großen Studios erhoben. In Frankreich gibt es sogar jedes Jahr ca. 300 französische Filme, aber auch dort gilt die ebenfalls universelle Erfahrung, dass der Erfolg eines Filmes im Projektstadium oft nur schwer vorhersehbar ist, weshalb schon seit Jahrzehnten ebenfalls universell der Erfahrungssatz gilt, dass von 10 Produktionen wirtschaftlich zwei wirklich erfolgreich sind, zwei ihre Kosten decken und die verbleibenden sechs mehr oder weniger erfolglos bleiben. Das ist aber nur die rein wirtschaftliche Betrachtung. Denn auch unter den weniger erfolgreichen Filmen kann es ja eine ganze Reihe von Filmen geben, die es sich aus künstlerischen Gründen lohnt zu realisieren und die zum Beispiel auf der ganzen Welt Wettbewerbserfolge erzielen und damit einen wichtigen Beitrag für die Vertretung der Kulturnation Deutschland in der Welt leisten.

Wir haben uns bemüht, die Ursachen für den Erfolg des deutschen Films in den letzten 20 Jahren zu analysieren. Dabei ergab sich als deutlichste Relation, dass erfolgreiche Kinojahre dadurch gekennzeichnet waren, dass es eine Handvoll oder mehr deutsche Filme gab, die mehr als zwei, drei oder vier Mio. Besucher hatten. Und das waren im Durchschnitt Filme, die relativ hohe Budgets aufwiesen. Insofern muss es besorgen, dass die Durchschnittbudgets der Filme stagnieren oder – auch wegen der kontinuierlich sinkenden Finanzierungsbeiträge der Sender und der Verleiher – sogar geringer werden. Dem kann aber die Novelle des FFG nicht allein entgegenwirken. Hierzu sollte etwa im DFFF die Förderintensität für alle Produktionen auf mindestens 25% angehoben werden, um zumindest teilweise einen Ausgleich für wegbrechende andere Finanzierungsbestandteile zu schaffen. Die FFA hat über die letzten Jahre die Zahl der von ihr projekt-geförderten Filme Jahr für Jahr reduziert und dadurch die von ihr einsetzten Mittel fokussiert. Zuletzt waren es noch 37 (von in Deutschland herausgebrachten ca. 225 deutschen Filme) Filme. Noch weniger dürfen es meiner Meinung nach nicht werden, wenn die FFA in der gesamten Breite des filmischen Schaffens Akzente setzen will. Ansonsten droht ein schwerwiegender Bedeutungsverlust.

„Es muss uns besorgen, dass die Durchschnittbudgets der Filme stagnieren oder – auch wegen der kontinuierlich sinkenden Finanzierungsbeiträge der Sender und der Verleiher – sogar geringer werden.“

medienpolitik.net: In den vergangenen Wochen gab es bereits Vorschläge, die Drehbuchförderung und das Marketing zu verbessern und hier die Förderung auszubauen. Gleichzeitig sollen aber die Fördermittel nicht erhöht werden. Wie soll das funktionieren?

Palmer: Wenn man die Einnahmen nicht erhöht, dann kann man einzelne Förderbereiche nur zu Lasten anderer Förderbereiche stärken. So mag man sich in der Tat überlegen, die Drehbuchfortentwicklung zu stärken, die in einem produktionsnäheren Stadium ansetzt als die Drehbuchförderung, die immer noch recht geringe Realisierungsquotienten aufweist und für die eine ganz Reihe anderer Fördermöglichkeiten besteht. Die Verleiher haben in ihrem Papier zur Novelle des FFG gefordert, dass ein Drittel der Produktionsförderung für die Vermarktung zur Verfügung stehen soll. Dieses Verhältnis ist im FFG bereits übererfüllt, da nach § 159 FFG für die Referenz- und Projektfilmförderung zusammen 58,5% der Mittel und für die Vermarktungsförderung 21% zur Verfügung gestellt werden. Das ist schon heute mehr als ein Drittel. Hier besteht also kein Änderungsbedarf. Bei anderen Förderinstrumenten ist das noch nicht der Fall. Wir haben deshalb die Verleiher in ihrer Forderung unterstützt, dass dort zusätzliche Mittel für die Vermarktung zur Verfügung gestellt werden sollen. Defizite in anderen Förderbereichen auszugleichen, kann aber nicht die Aufgabe des FFG sein. Solchen Forderungen haben wir deshalb bereits mehrfach klar widersprochen. Weder Verleiher noch die Kinos stellen ja auch wirklich in Abrede, dass auch für sie die wirksamste Unterstützung das Angebot kinoattraktiver Filme ist.

medienpolitik.net: Die Förderung zwischen FFA, Bund und den Ländern soll besser abgestimmt werden. Wie können Sie sich die „bessere Abstimmung“ vorstellen? Welche Rolle sollte dabei die FFA spielen?

Palmer: Mögliche Themen hierfür sind Vereinheitlichung der Antragsunterlagen, Harmonisierung der anerkannten Budgetpositionen, damit nicht mit verschiedenen Budgets gearbeitet werden muss, Abstimmung der Einreichungs- und Entscheidungstermine, Beschleunigung und Vereinfachung des Prüfungsverfahrens.

medienpolitik.net: Die Bundesregierung hat 2019 ein gedrosseltes „Zukunftsprogramm Kino“ gestartet. Unklar ist nach wie vor, auf welche Kinos die Geldmittel wie verteilt werden sollen. Haben Sie in dieser Frage auch Prioritäten oder ist Ihnen die Verwendung dieser Mittel egal?

Palmer: Wir halten den Ansatz, vor Allem das Kino in der Fläche zu fördern und damit Spielorte abzusichern, die ansonsten für das Kino gänzlich verloren gingen, für zunächst durchaus nachvollziehbar. Aber es gibt auch in den Städten eine Vielzahl von Kinos, die sich ebenfalls in einem sehr schwierigen Wettbewerbsverhältnis mit den neuen digitalen Ausspielwegen befinden und deren Verlust für die Kinokultur in Deutschland äußerst schmerzhaft wäre, die somit als unbedingt förderungswürdig erscheinen und durch das in 2020 aufgestockte Förderprogramm auch gefördert werden sollten. Allerdings können wir uns vorstellen, dass Bedingung für deren Förderung z.B. wäre, dass sie dann z.B. für einen Zeitraum von drei Jahren auch einen erhöhten Anteil europäischer Produktionen spielen müssen.

„Filme von Streaminganbietern künstlich ausschließen zu wollen, erscheint unrealistisch und auf Dauer auch nicht – schon gar nicht regulatorisch – durchsetzbar.“

medienpolitik.net: Sie betonen immer wieder, wie wichtig das Kino für sie ist. Aber benötigen Sie das Kino angesichts neuer digitaler Verwertungs- und Finanzierungsmöglichkeiten wirklich noch so dringend, wie im analogen Zeitalter?

Palmer: Der Kinofilm bezieht seine kulturelle Bedeutung doch nicht daraus, dass die Produzenten sonst keine Betätigungsmöglichkeit hätten. Richtig ist, dass die Streaminganbieter und die neuen Erzählformen der Serie sowohl für Produzent*innen wie auch die Zuschauer*innen eine Bereicherung darstellen, für die Produzent*innen allerdings auch vielfältige Herausforderungen z.B. im Hinblick auf die Möglichkeit einer Rechteteilung mit dem Auftraggeber mit sich bringen. Das führt jedoch nicht zu einem Bedeutungsverlust für den Kinofilm als eigener Kunstform mit ihren ganz spezifischen Anforderungen, genauso wenig wie zu einem Bedeutungsverlust des besonderen Erlebnisorts Kino. Wie groß dessen Anziehungskraft auch heute noch ist, zeigen doch gerade die Bemühungen von Netflix & Co, ihre Produktionen durch einen vorgeschalteten Kinostart zu veredeln.

medienpolitik.net: Ist das eine zeitgemäße Reaktion, Netflix aus dem Kino zu verbannen?

Palmer: Wie gesagt, gibt dieses Streben der Streaminganbieter in die Kinos zuallererst dem Bemühen um eine Stärkung des Kinofilms und der Spielstätte Kino Recht. Und natürlich kann ich die Zuschauer und auch die Kinobetreiber verstehen, dass sie Filme, die so gut gelungen sind, dass sie auch auf der großen Leinwand Bestand haben, dort sehen und den Zuschauern zeigen wollen. Sie hier künstlich ausschließen zu wollen, erscheint unrealistisch und auf Dauer auch nicht – schon gar nicht regulatorisch – durchsetzbar. In Wahrheit liegt das Problem auch wohl ganz woanders, nämlich in den Regularien der prestigeträchtigen Festivals und Preisverleihungen. Solange diese es ausreichen lassen, dass als Kinofilm auch ein Film gilt, der nur einen Alibi-Filmstart hatte, solange werden die Produzenten und Auftraggeber dieser Filme versuchen, die geforderten Kriterien zu erfüllen, um in dem Rennen um die Auszeichnungen dabei zu sein.


[1] Vgl. Birkel, Mathias, Goldmedia Analyse: Pay-VOD in Germany – Forecast 2018-2023, 2018

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