„Der qualitätsvolle deutsche Kinofilm braucht eine breitere Unterstützung“

von am 17.02.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk

„Der qualitätsvolle deutsche Kinofilm braucht eine breitere Unterstützung“
Johannes Klingsporn, Geschäftsführer des VdF e.V. - Verband der Filmverleiher e.V.

Filmverleiher fordern, dass BKM – FFA- und DFF-Förderung gleichermaßen justiert werden

17.02.2020. Interview mit Johannes Klingsporn, Geschäftsführer des VdF e.V. – Verband der Filmverleiher e.V

In einem Interview mit medienpolitik.net betont Johannes Klingsporn, Geschäftsführer des VdF, dass die Verleiher gemeinsam mit den Produzentenverbänden die Erlössituation der Produzenten „bei erfolgreichen Kinofilmen“ verbessern wollen. Die Gesprächsrunden der letzten Wochen hätten gezeigt, dass im Bereich der Kinofilmproduktion ein Mechanismus gesucht werde, der die Produzenten im Erfolgsfall früher an den Erlösen aus der Verwertung des Films partizipieren lasse. Dazu schlagen die Verleiher vor, die Verleihförderung neu zu gestalten. „Die Tilgung dieser Förderung soll nicht wie bisher zu 100 Prozent an den Förderer, sondern zu 50 Prozent an den Produzenten und zu 50 Prozent an den Förderer erfolgen.“ Ein zwingender Erlöskorridor – wie im Eckpunktepapier der CDU/CSU und SPD-Bundestagsfraktionen angeregt – wird abgelehnt. „Er würde das Risiko-Investment der Verleiher deutlich reduzieren und zu sinkenden Besucher- und Umsatzzahlen deutscher Filme führen“, erläutert der VdF-Geschäftsführer. Zugleich kritisieren die Verleiher das rückläufige Engagement der öffentlich-rechtlichen Sender bei Kinoproduktionen sowie deren Blockade eines Auswertungen über Pay-TV und S-VoD.

medienpolitik.net: Herr Klingsporn, In den vergangenen Wochen wurden zahlreiche Gespräche zur Novellierung des FFG geführt. Inzwischen existiert auch ein Eckpunktepapier der Fraktionen von CDU/CSU und SPD für Änderungen am Filmförderungsgesetz. Was ist Ihr Resümee aus diesen Gesprächen?

Klingsporn: Die Gesprächsrunden haben gezeigt, dass im Bereich der Kinofilmproduktion ein Mechanismus gesucht wird, der die Produzenten im Erfolgsfall früher an den Erlösen aus der Verwertung des Films partizipieren lässt. Es besteht weitgehend Einigkeit, dass die Anzahl neuer deutscher Kinofilme mit jährlich über 200 Produktionen zu hoch ist. Es werden zu viele Low-Budget-Filme realisiert, die häufig auf Desinteresse beim Publikum stoßen. Es besteht weitgehend Konsens, dass mehr deutsche Kinofilme im Bereich 4-8 Mio. Euro realisiert werden sollen, die dann mit höheren Vermarktungsbudgets (die Vermarktungsbudgets sollten in der Regel circa 30 Prozent des Herstellungsbudgets erreichen) deutlich mehr Menschen für den deutschen Kinofilm begeistern können: 40 Millionen Besucher für deutsche Kinofilme sind keine Utopie. Die deutsche Filmtheaterwirtschaft steht vor einem Investitionsstau. Es fehlt an einem branchenweiten digitalen Kommunikationsansatz, der die personalisierte digitale Kundenansprache ermöglicht. Das geplante Zukunftsprogramm Kino muss breit aufgestellt werden.

medienpolitik.net: Welche Schlussfolgerungen ergeben sich daraus für Sie?

Klingsporn: Grundsätzlich gilt: die Trennung von U und E führt in die Sackgasse; der qualitätsvolle deutsche Kinofilm braucht eine breite Unterstützung in der Herstellung und der Vermarktung, gerade die BKM muss ihr Förderspektrum weiten. Dieser neue deutsche Kinofilm findet seine Heimat in der Fläche und in den Großstädten, in den Arthaus-Kinos und den Multiplexen. Die derzeit realisierten Projekte in dieser Förderkonstellation (FFA/BKM/DFFF) sind eher Low-Budget-Filme. Nach einer Auswertung der SPIO liegt der Förderanteil in dieser Kombination im Durchschnitt bei „nur“ 700.000 Euro. Die BKM muss sich öffnen für einen kulturell weiteren Blick. Es gibt viele Filme mit einem kulturellen Anspruch, die aber auch publikumsattraktiv sein können und sollen. Auch diese Filme sollten im Rahmen der BKM-Kulturförderung förderbar werden. 

medienpolitik.net: Welche Überlegungen sollten die weitere Diskussion um das FFG bestimmen?

Klingsporn: Es lohnt sich, die Herstellung, Vermarktung und Verwertung dieser höher budgetierten deutschen Kinofilme ins Zentrum der Novelle des FFG zu stellen. Ohne eine entsprechende Anpassung bei der BKM-Film-Kulturförderung und der DFFF-Förderung bliebe aber auch eine sachgerechte FFG-Novelle nur Stückwerk. Gemeinsam mit den Produzentenverbänden wollen wir die Erlössituation der Produzenten bei erfolgreichen Kinofilmen verbessern. Wir unterstützen zunächst die Erhöhung der Produzentenhonorare und Handlungskosten im Rahmen der FFA-Richtlinien. Wir hoffen, dass BKM, DFFF und Länderförderer diese Erhöhung akzeptieren und übernehmen.

„Es lohnt sich die Herstellung, Vermarktung und Verwertung der höher budgetierten deutschen Kinofilme ins Zentrum der Novelle des FFG zu stellen.“

medienpolitik.net: Was schlagen Sie konkret vor?

Klingsporn: Wir empfehlen die Tilgung der Verleihförderung neu zu gestalten. Die Tilgung dieser Förderung soll nicht wie bisher zu 100 Prozent an den Förderer, sondern zu 50 Prozent an den Produzenten und zu 50 Prozent an den Förderer erfolgen. Unser Vorschlag wird dazu führen, insbesondere wenn er auch von den Regionalförderern mitgetragen wird, dass die Tilgungen an die Förderer zunächst sinken und die Erlöse für die Produzenten bei erfolgreichen Filmen spürbar früher steigen. Wir wissen, dass für die Regionalförderer als nennenswerter Rückfluss häufig nur Tilgungen der Absatzmittel vorliegen. Diese Tilgungen sind gegenüber den Aufsichtsgremien und den Landesrechnungshöfen ein Erfolgskriterium. Wir gehen aber davon aus, dass der neue Anteil der Produzenten also neuer Fördereffekt vermittelt werden kann. Getilgte Mittel der Verleihförderung werden dem gleichen Verwendungszweck zugeführt. Unser Vorschlag führt also zunächst zu einer Schwächung der Verleihförderung.  Ergänzend könnte auch der Zeitpunkt, ab dem die Förderung getilgt werden muss, verändert werden. In der Regel beginnt die Tilgung, wenn die Eigenmittel des Produzenten recoupt worden sind, häufig bei 5 Prozent des Herstellungsbudgets. Eine Tilgung ab dem Recoupement des doppelten Eigenanteils (also 10 Prozent) würde eine weitere deutliche Verbesserung für die Produzenten bewirken. Ein zwingender Erlöskorridor wird von uns abgelehnt. Er würde das Risiko-Investment der Verleiher deutlich reduzieren und zu sinkenden Besucher- und Umsatzzahlen deutscher Filme führen. 

medienpolitik.net: Die Kinobetreiber und auch die Verleiher kritisieren, dass zu viele deutsche Filme produziert werden…

Klingsporn: Derzeit werden zu viele deutsche Kinofilme vor allem mit zu geringen Budgets produziert. Unser Ziel sind weniger deutsche Kinofilme insgesamt, aber mehr deutsche Kinofilme mit Budgets von 4-5 Mio. Euro und mehr zu realisieren. Das Fördersystem in Deutschland sollte pro Jahr 30 – 40 Filme in dieser Größenordnung ermöglichen. Wir gehen davon aus, dass bei diesen Budgets für alle Filmschaffende, die bei der Vorbereitung, Herstellung und Postproduktion der Kinofilme beteiligt sind, die Einhaltung der Sozialstandards gewährleistet ist. Um 30 bis 40 Filme in dieser Budgetklasse herstellen zu können, sind vier Veränderungen notwendig: 1. Die BKM-Filmkulturförderung muss sich breiter aufstellen; 2. BKM – FFA- und DFF-Förderung müssen neu justiert werden; 3. die ÖR-TV-Sender müssen sich mit deutlich höheren Mitteln an der Herstellung beteiligen; 4. die Filmverleihunternehmen müssen die neuen Verwertungsmöglichkeiten auch nutzen können.  

medienpolitik.net: Wie wichtig sind die öffentlich-rechtliche-TV-Sender noch immer für die Kinofilmproduktion?

Klingsporn: Es ist unbestritten, dass die Investitionen der öffentlich-rechtliche-TV-Sender in den deutschen Kinofilm je Filmprojekt deutlich gesunken sind. Eine nennenswerte deutsche Kinofilmproduktion ist aber ohne ein Investment der öffentlich-rechtliche-TV-Sender nicht möglich. Wir halten eine Beteiligung in Höhe von 20 Prozent der Herstellungskosten für die Übertragung der Senderechte für angemessen. Deutsche Kinofilme müssen verwertbar werden. Derzeit führt eine Beteiligung der öffentlich-rechtliche-TV-Sender an einer Kinofilmproduktion zu deutlichen Nachteilen bei der Verwertung der Filme. Auch bei entsprechender Nachfrage blockieren die Sender die Auswertungen über Pay-Tv und S-VoD. Die digitalen Verwertungsmärkte formieren sich neu. Ob und wann und in welcher Höhe zukünftig die Lizenzpreise für deutsche Kinofilme für die Refinanzierung der Filme verwendet werden können, kann heute nicht sicher prognostiziert werden. Eines ist aber völlig sicher: mit den derzeitigen Investments des öffentlich-rechtliche-TV-Sender in deutsche Kinofilme und mit den Blockaden der Auswertungen in den neuen digitalen Verwertungsmärkten wird das Risiko-Investment der Verleiher bei dieser Art von Kino-Koproduktionen verschwinden. Unser Senderpool-Modell bietet einen Ausweg.

medienpolitik.net: Sie hatten Eingang eine bessere Vermarktung angesprochen. Wie müssten sich die Marketingausgaben entwickeln?

Klingsporn: Der VdF hat auf Basis von FFA-Auswertungen zur Verleihförderung von deutschen Arthausfilmen und größeren deutschen Kinofilmen sowie auf Basis der Kinobesuch- und Kinoumsatzzahlen der deutschen Kinofilme in den Jahren 2015 – 2018 belegt, dass die Verleiher bei deutschen Kinofilmen in der Regel deutlich über 50 bis 70 Prozent der Vermarktungskosten tragen. Wir haben außerdem festgestellt, dass circa 80 Prozent der deutschen Kinofilme nicht einmal ihre Vermarktungskosten aus der Kinoauswertung recoupen. Auf Basis von Modellrechnungen haben wir den Vorschlag gemacht, dass die Förderungsinstitutionen für die Verleihförderung pro Jahr 40-50 Mio. Euro zur Verfügung stellen, wobei die Verleiher jeweils mit 50 Prozent eigenen Risikokapital bei der Filmvermarktung engagiert sein müssen. Wir gehen davon aus, dass bei solch einem Vermarktungsinvestment 40 Mio. Kinobesucher pro Jahr erreicht werden können.

„Mit den derzeitigen Investments des öffentlich-rechtliche-TV-Sender in deutsche Kinofilme und mit den Blockaden der Auswertungen in den neuen digitalen Verwertungsmärkten wird das Risiko-Investment der Verleiher bei dieser Art von Kino-Koproduktionen verschwinden.“

medienpolitik.net: Die TV-Sender erbringen einen Teil ihrer Einzahlungen an die FFA in Form von Medialeistungen. Soll es dabei bleiben?

Klingsporn: Eines der Alleinstellungsmerkmale der FFA besteht in der Gewährung von sogenannten Media-Leistungen für die Vermarktung deutscher Kinofilme. Wir haben der FFA vorgeschlagen, im Rahmen einer Evaluation die Vergabe dieser Medialeistungen zu überprüfen. Eine Arbeitsgruppe aus Vertretern von Vau.net, des BVV und des VdF hat einen Prüfplan entwickelt, den wir gemeinsam mit Vau.net und mit Hilfe der FFA umsetzen wollen. Im Ergebnis wollen wir die Effektivität der Medialeistungen bei den Sendern des Vau.net-Verbandes überprüfen. Außerdem wollen wir wissen, ob der im FFG festgelegte Umrechnungsfaktor (40 Prozent Ersetzungsbefugnis bei 50 Prozent Aufschlag auf den Bruttowerbepreis) angemessen ist. Faktenbasierte Informationen zu diesem Marketingtool sind dringend notwendig, Gerade auch bei der Frage, ob dieses Instrument bei anderen Verwertungskanälen (Social-Media- Plattformen) als Option erfolgreich eingesetzt werden könnte. 

medienpolitik.net: In diesem Jahr soll das Zukunftsprogramm Kino mit 17 Millionen Euro starten. Was erhoffen Sie sich von diesem Programm?

Klingsporn: Wir unterstützen die BKM bei ihrem Ziel, das Zukunftsprogramm Kino möglichst breit aufzustellen. Wir teilen aber die Sorgen von HDF-Kino, dass die bestehende Konzeption „nur“ die Arthauskinos erreicht und diese im Vergleich zu allen anderen Kinos dann auch noch beim Zugang zu FFA-Fördergeldern begünstigt werden. Ein breiterer Markteffekt könnte so nicht erreicht werden. Die Programmkinos verharren seit vielen Jahren bei 12-15 Prozent Marktanteil bei Umsatz und Besuch, ihre Bedeutung für den Gesamtmarkt ist zu gering, um den Gesamtmarkt und damit natürlich auch die Auswertung deutscher Kinofilmproduktion wesentlich zu verbessern. Es liegt im gemeinsamen Interesse der Branche, möglichst viele Kinos in dieses Zukunftsprogramm einzubinden. Der Versuch der BKM, dass Programm auch für Kinos in größeren Städten (>50.000 Einwohner) zu öffnen, ist begrüßenswert; die beiden Kulturkriterien (Programmpreise und Besucheranteile europäischer Filme > 50 Prozent) sind aber ein zu schmaler Korridor.

medienpolitik.net: Wo sehen Sie die Effekte ihres Konzepts für die Branche?

Klingsporn: Unser Vorschlag wird bei erfolgreichen Filmen zu einer deutlichen Verbesserung der Erlössituation bei den Sparten Produktion, Verleih und Kino führen. Diese ökonomische Verbesserung ergibt sich durch höhere Besucherzahlen und frühere Recoupements bei der Produktion. Unser Konzept führt zu einer früheren Erlösbeteiligung auf Seiten der Produktion und damit auch mittelbar über gemeinsame Vergütungsregeln (GVR Produktion/Urheber) zu einer Verbesserung für alle Filmschaffenden, die an diesen Filmwerken mitwirken. Dazu zählen: höhere Handlungskosten und Honorare durch höhere Herstellungskosten, ein früheres Recoupement aufgrund der 50 Prozent Darlehenstilgung bei der Projekt-Verleihförderung und höhere Erlöse aufgrund des Beginns der Darlehenstilgung nach Erreichen der doppelten Eigenkapitalquote. Wir versprechen uns zudem eine frühere und höhere Beteiligung der Produzenten an den Verwertungserlösen wegen einer anderen Finanzierung der Verleih-Vorkosten. Das höhere Vermarktungsbudget wird durch geringere Verleiheigenmittel von 50 Prozent statt 70 Prozent realisiert. Ermöglicht wird dies durch eine Zuschussförderung durch BKM und DFFF sowie effektivere Medialeistungen. Durch die Stärkung der Kinos in der Fläche und durch attraktivere deutsche Kinofilme, die lokal zielgruppengenau ihr Publikum erreichen, wird der deutsche Kinofilm zu einem dynamischen Wachstumstreiber im Kino und allen anderen Filmverwertungsmärkten. Der deutsche Kinofilm wird zum Komplizen seines (digitalen) Publikums.  

medienpolitik.net: Sicher würden sich auch Vorteile für die Verleiher ergeben?

Klingsporn: Unser Konzept führt zu wettbewerbsfähigeren Filmen, die mit höheren Vermarktungsbudgets ausgestattet werden. Unser Konzept unterstützt sowohl Filme, die mit „klassischer“ Major-Finanzierung als auch Filme, die im Rahmen von Kino-Ko-Produktionen hergestellt worden sind. Die Vorteile für uns lägen in höhere Budgets bei gleich bleibenden absoluten Verleihrisiko, einer zielgenaueren Werbung durch effiziente Medialeistung, einer zielgenaueren Werbung durch bessere Verzahnung mit den Social-Media-Kanälen der Kinos und damit mehr Besucher und höhere Umsätze im Kino und den anderen Verwertungsmärkten.  

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