„Die Medienregulierung muss länderübergreifend agieren“

von am 19.02.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Digitale Medien, Gesellschaftspolitik, Internet, Journalismus, Medienkompetenz, Medienregulierung, Netzpolitik, Social Media

„Die Medienregulierung muss länderübergreifend agieren“
Prof. Dr. Uwe Hasebrink, Direktor des Leibniz-Instituts für Medienforschung/Hans-Bredow-Institut

Das Nachrichtenrepertoire Heranwachsender setzt sich aus verschiedenen Offline- und Online-Quellen zusammen

19.02.2020. Interview mit Prof. Dr. Uwe Hasebrink, Direktor des Leibniz-Instituts für Medienforschung/Hans-Bredow-Institut

Die Mehrheit der europäischen Kinder und Jugendlichen im Alter von 9 bis 16 Jahren nutzt ihr Smartphone „täglich“ oder „fast ständig“. Damit ist sowohl der Anteil der Smartphone-Nutzer als auch die Dauer ihrer Internetnutzung im Vergleich zu 2010 erheblich gestiegen. In einigen Ländern hat sich die Zeit, die Heranwachsende jeden Tag online verbringen, sogar fast verdoppelt. Trotzdem erhalten viele Kinder bisher wenig Unterstützung und Hinweise für eine sichere Online-Nutzung – weder von Eltern noch von Lehrern oder Freunden. Dabei sind vor allem Eltern und Freunde als Ansprechpartner bei negativen Online-Erfahrungen gefragt, Lehrer oder Fachkräfte hingegen werden nur selten um Rat gebeten. Dies sind Ergebnisse der international vergleichenden EU-Kids-Online-Studie. Das Fazit von Prof. Dr. Uwe Hasebrink: „Das Ziel, dass alle Kinder und Jugendlichen Ratschläge und Hinweise zum sicheren Umgang mit dem Internet erhalten, ist noch nicht erreicht; die entsprechenden Initiativen der letzten Jahre sind daher fortzuführen und insbesondere mit Blick auf schwer erreichbare Gruppen zu intensivieren.“

medienpolitik.net: Herr Hasebrink, das Leibniz-Instituts für Medienforschung ist Koordinator des EU Kids Online-Forschungsverbundes. Warum wurde dieser Forschungsverbund gegründet? Existieren denn nicht schon ausreichend Studien über die Mediennutzung von Kindern?

Hasebrink: Der Forschungsverbund EU Kids Online wurde 2006 gegründet, er umfasst heute Teams aus 35 europäischen Ländern. Von Beginn an verfolgt er vor allem zwei Ziele: Zum einen will er die Erfahrungen, die Kinder und Jugendliche mit den Onlinemedien machen, möglichst ganzheitlich erfassen; es geht daher nicht nur um die Mediennutzung, sondern auch um Fähigkeiten, um Chancen und Risiken der Onlinekommunikation, um die Bewältigung belastender Erfahrungen und um die Unterstützung, die junge Menschen von ihren Eltern, ihren Peers und in der Schule erhalten. Zum anderen steht der Vergleich zwischen den europäischen Ländern im Fokus des Interesses, also die Frage, inwieweit die jeweiligen kulturellen, sozialen und politischen Rahmenbedingungen mit Unterschieden in den Online-Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen einhergehen. Da Onlinekommunikation zunehmend grenzüberschreitend erfolgt und in wesentlichen Bereichen von global agierenden Konzernen geprägt wird und entsprechend auch die Medienregulierung länderübergreifend agieren muss, bedarf es auch länderübergreifender Studien, die Aufschluss über die Perspektive der Kinder und Jugendlichen geben können. Mittlerweile erstrecken sich diese Bemühungen auch auf die globale Ebene: EU Kids Online war maßgeblich an der Gründung des ähnlich ausgerichteten Verbunds Global Kids Online beteiligt, der von UNICEF getragen wird. 

medienpolitik.net: Die Mehrheit der europäischen Kinder und Jugendlichen im Alter von 9 bis 16 Jahren, so hat die Studie ergeben nutzt ihr Smartphone „täglich“ oder „fast ständig“. Wofür wird es vor allem genutzt?

Hasebrink: In unserer neuen Befragung von 2019 war der entscheidende Unterschied zu der vorherigen Befragung von 2010, dass damals das Smartphone als Zugang zum Internet so gut wie keine Rolle spielte, während es heute den Normalfall darstellt. Im Vordergrund der Nutzung stehen Videos, Musik, Kommunikation mit Freunden und der Familie, soziale Netzwerkplattformen und Spiele.

medienpolitik.net: Welche Rolle spielen dabei soziale Netzwerke?

Hasebrink: Soziale Netzwerkplattformen werden von mehr als der Hälfte der Befragten in den 19 Ländern täglich genutzt, wobei es einen starken Anstieg ab zwölf Jahren gibt: Bei den 9- bis 11-Jährigen sind es lediglich 28 Prozent, bei den 12- bis 14-Jährigen 63 Prozent und bei den 15- bis 16-Jährigen 77 Prozent. In den beiden jüngeren Gruppen liegen die deutschen Werte deutlich unter dem europäischen Durchschnitt; hier beginnt die Nutzung dieser Plattformen also etwas später als in anderen Ländern.  

„Das Interesse an Nachrichten über gesellschaftlich relevante Themen entwickelt sich erst im Laufe des Heranwachsens.“

medienpolitik.net: Können Sie etwas zum zeitlichen Umfang der Nutzung sagen? Kann man schon von einer extensiven Nutzung sprechen?

Hasebrink: Im Durchschnitt widmen die befragten 9- bis 16-Jährigen in den neunzehn Ländern pro Tag 167 Minuten verschiedenen Onlinemedien. Maßgeblich ist hier das Alter: Bei den 9- bis 11-Jährigen sind es 114 Minuten, bei den 12- bis 14-Jährigen 192 Minuten, bei den 15- bis 16-Jährigen 229 Minuten. Bei den Befragten in Deutschland liegt die Nutzungsdauer spürbar niedriger, nämlich bei 114 (9-11 Jahre), 146 (12-14 Jahre) bzw. 196 Minuten (15-16 Jahre). In allen Ländern kann also festgehalten werden, dass die Onlinekommunikationen einen beachtlichen Teil des Alltags von Kindern und Jugendlichen mitprägt. Ob hier von „extensiver Nutzung“ zu sprechen ist, hängt weniger von der reinen Dauer der Nutzung ab als davon, ob sie aus der Perspektive der Kinder und Jugendlichen oder ihrer Bezugspersonen als problematisch wahrgenommen wird. Bei der Mehrzahl der befragten 12- bis 16-Jährigen (74%) war keines der von uns vorgegebenen Kriterien für einen problematischen Umgang gegeben, in Deutschland lag dieser Wert noch höher (81%). Auf der anderen Seite ist zu betonen, dass es auf europäischer Ebene auch vier Prozent Kinder und Jugendliche gibt, die von sich sagen, dass es mindestens einmal pro Woche vorkommt, dass sie wegen der Internetnutzung nicht zum Essen oder Schlafen kommen.

medienpolitik.net: Wie stark prägt das Internet heute die News- Information der Kinder in dieser Altersgruppe?

Hasebrink: Im Hinblick auf die Nachrichtennutzung ist zunächst zu betonen, dass sich das Interesse an Nachrichten über gesellschaftlich relevante Themen erst im Laufe des Heranwachsens entwickelt. Im Durchschnitt gaben fast 40 Prozent der in Deutschland befragten 9- bis 17-Jährigen an, niemals Nachrichten zu nutzen – 63 Prozent der 9- bis 11-Jährigen, 35 Prozent der 12- bis 14-Jährigen und 19 Prozent der 15- bis 17-Jährigen. Bei der Nachrichtennutzung sind vor allem lustige Geschehnisse und Neuigkeiten über Stars und aus dem Sportbereich von Interesse. Nach wie vor spielen Fernsehnachrichten die größte Rolle in dieser Altersgruppe: 69 Prozent nutzen sie mindestens wöchentlich. Es folgen Soziale Netzwerkplattformen (41%), Radionachrichten (28%) und Nachrichten von verschiedenen Online-Anbietern (27 Prozent); Online-Angebote von Zeitungen und Zeitschriften (7%) sowie von Rundfunkveranstaltern (6%) spielen eine geringere Rolle als gedruckte Zeitungen (14%) und Zeitschriften (12%). Das Nachrichtenrepertoire der Heranwachsenden setzt sich also aus verschiedenen Offline- und Online-Quellen zusammen.

medienpolitik.net: Wie groß sind negative Erfahrungen der Kinder mit dem Internet?

Hasebrink: Wir haben die Kinder und Jugendlichen gefragt, ob sie im letzten Jahr im Internet schlimme Erfahrungen gemacht haben, unter denen sie gelitten haben und die sie nur schwer bewältigen konnten. In den befragten Ländern gaben immerhin 25 Prozent der Befragten an, dass sie im letzten Jahr so etwas erlebt haben. Auf der anderen Seite begegnen Kinder bei der Onlinekommunikation vielfältigen Risiken, die allerdings in vielen Fällen nicht als belastend empfunden werden.

„Kinder begegnen bei der Onlinekommunikation vielfältigen Risiken, die allerdings in vielen Fällen nicht als belastend empfunden werden.“

medienpolitik.net: Eltern sorgen sich oft um die Online-Nutzung ihrer Kinder. Haben Kinder und Eltern ein anderes Risikoverständnis?

Hasebrink: Ja! Dies zeigt sich etwa im Hinblick auf Treffen mit Personen, die man im Internet kennengelernt hat. Während es für Heranwachsende selbstverständlich ist, Online-Medien auch dazu zu nutzen, sich mit anderen zu vernetzen, auszutauschen und zu treffen, scheint bei Eltern die Vorstellung vorherrschend, dass soziale Medien von Fremden genutzt werden, um das Vertrauen der Kinder zu erlangen und ihnen real zu schaden. Gut zwei Drittel der Heranwachsenden in Deutschland suchen mindestens selten online nach neuen Kontakten. 12 Prozent haben sich im vergangenen Jahr mit einer Person, die sie aus dem Internet kennen, persönlich getroffen, und dieses Treffen überwiegend positiv oder neutral bewertet. 54 Prozent der Eltern zeigen sich indes besorgt, dass ihr Kind im Internet von Fremden kontaktiert werden könnte.

medienpolitik.net: Welches Problembewusstsein haben Kinder, wenn Eltern z.B. Fotos von Ihnen ins Netz stellen?

Hasebrink: Die häufige Praxis von Eltern, Bilder ihrer Kinder in den Sozialen Medien zu teilen, stößt bei einigen Kindern auf explizite Kritik. Im europäischen Durchschnitt geben 20 Prozent der Befragten an, dass ihre Eltern Bilder von ihnen veröffentlichen, ohne sie vorher zu gefragt zu haben; 14 Prozent haben ihre Eltern gebeten, Fotos wieder zu löschen, und sieben Prozent sind nach eigenem Bekunden bereits aufgrund von Postings ihrer Eltern von Gleichaltrigen verspottet oder gehänselt worden.

medienpolitik.net: Kinder und Jugendliche stoßen in sozialen Netzwerken sicher auch immer wieder auf Hassreden. Wie gehen sie damit um? Inwieweit beeinflussen solche Posts ihr gesellschaftliches Verhalten?

Hasebrink: Auf die direkte Frage, ob bzw. wie oft die 12- bis 16-jährigen Heranwachsenden im Netz mit allgemeinen Hassbotschaften, etwa gegenüber bestimmten Gruppen, konfrontiert werden, sagen auf europäischer Ebene 59 Prozent, dass ihnen solche Botschaften noch nicht begegnet sind; in Deutschland sind es sogar 74 Prozent. Dennoch verbleiben zahlreiche Kinder und Jugendliche, die bewusst Hassbotschaften wahrgenommen haben, die sich gegen bestimmte gesellschaftliche Gruppen richten. Im Hinblick auf aggressives Verhalten unter Gleichaltrigen sagen 23 Prozent der europäischen Befragten, dass sie im letzten Jahr Opfer solcher Aggressionen geworden sind, 14 Prozent haben selbst aggressiv gehandelt. Diese Aggressionen sind offline weiter verbreitet als online, es handelt sich also nicht um ein spezifisches Problem der Online-Kommunikation! Diejenigen, die Online-Aggressionen erlebt haben, sprechen am ehesten mit Gleichaltrigen (50%) oder ihren Eltern (40%); außerdem reagieren sie, je nach der Art des konkreten Erlebnisses, mit Änderungen ihrer Onlinenutzung, etwa indem sie bestimmte Kontakte blockieren, ihre Sicherheitseinstellungen ändern oder auch eine Weile die betreffende Plattform oder App nicht nutzen. Über längerfristige Folgen solcher Erlebnisse auf das gesellschaftliche Handeln kann unsere Studie keinen näheren Aufschluss geben; es liegt aber nahe, dass die Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Hassbotschaften sowohl in der Familie als auch in der Schule Platz finden sollte, um so zu vermeiden, dass diese umstandslos als Spiegelbild der gesellschaftlichen Wirklichkeit wahrgenommen werden.

medienpolitik.net: Welche Schlussfolgerungen ergeben sich aus der Studie für die Medienbildung von Kindern?
Hasebrink: Wissen macht stark: Es hilft, die in der Onlinekommunikation angelegten Chancen für Kommunikation, Bildung, Partizipation und Unterhaltung tatsächlich zu nutzen; es hilft, zumindest einige der mit der Onlinekommunikation verbundenen Risiken zu vermeiden; und es hilft, belastende Erfahrungen beim Umgang mit dem Internet zu bewältigen. Das Ziel, dass alle Kinder und Jugendlichen Ratschläge und Hinweise zum sicheren Umgang mit dem Internet erhalten, ist noch nicht erreicht; die entsprechenden Initiativen der letzten Jahre sind daher fortzuführen und insbesondere mit Blick auf schwer erreichbare Gruppen zu intensivieren. 

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