„Vertrauen schaffen und Akzeptanz erzielen ist für uns tägliches Brot“

von am 28.02.2020 in Allgemein, Archiv, Journalismus, Medienordnung, Medienpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk

„Vertrauen schaffen und Akzeptanz erzielen ist für uns tägliches Brot“
Thomas Kleist, Intendant des Saarländischen Rundfunks

SR-Intendant fordert, dass die ARD ihre Kostenstruktur überprüft und spürbar senkt

28.02.2020. Interview mit Professor Thomas Kleist, Intendant des Saarländischen Rundfunks (SR)

Der Saarländische Rundfunk ist nach Radio Bremen die zweitkleinste ARD-Anstalt. Bei beiden Sendern reicht der Rundfunkbeitrag aus ihrem Bundesland nicht aus, um ein Programm anzubieten, das dem Auftrag entspricht. Deshalb hat die ARD einen neuen Finanzausgleich vereinbart. Ungeachtet dessen verbleibt für beide Anstalten eine beachtliche Finanzierungslücke, die sie schließen müssen, jedoch nicht ganz aus eigener Kraft schließen können. „Deshalb“, so SR-Intendant Thomas Kleist gegenüber medienpolitik.net „wird der SR genau darauf achten, dass auch die ARD insgesamt ihre Kostenstrukturen überprüft und im Laufe der Beitragsperiode spürbar senkt, was sich dann auch kostenmindernd auf den SR auswirken wird.“ Daran, so Kleist müssten auch die anderen Landesrundfunkanstalten ein hohes Interesse haben, denn die Beitragsempfehlung der KEF stelle alle Sender vor große Herausforderungen und mache weitere Kostenreduzierungen notwendig. Vertrauen will die ARD-Anstalt vor allem durch die Einhaltung der journalistischen Spielregeln und das Einordnen und Gewichten des täglichen Geschehens schaffen. Akzeptanz soll erreicht werden, indem man sich als Teil der Lebenswelt, Partner und täglicher Begleiter der Saarländerinnen und Saarländer sieht, ihnen Heimat und Orientierung geben und Identität stiften will.

medienpolitik.net: Herr Kleist, am 1. Januar ist im Saarländischen Rundfunk eine umfassende Organisationreform in Kraft getreten. Was ist der Kern dieser Reform?

Kleist: Die Organisationsreform sieht die Zusammenlegung, den Neuzuschnitt sowie die Reduzierung von SR-internen Organisationseinheiten vor; damit einhergehen bauliche Veränderungen sowie eine programmlich crossmediale Neuausrichtung. Unter anderem wurden in den Bereichen Kultur, Politik, Wirtschaft/Soziales/Umwelt und Sport crossmediale Ressorts gebildet, die künftig für alle Ausspielwege des SR Programmbeiträge liefern. Des Weiteren werden in allen Redaktionen die Voraussetzungen dafür geschaffen, die Sozialen Netzwerke besser nutzen zu können, um unter anderem das jüngere Publikum auch künftig zielgenau zu erreichen. Die Orga-Reform betrifft die Programmdirektion des SR einschließlich Produktion, aber auch die Bereiche Personalmanagement, Honorare und Lizenzen sowie die gesamte Technik.

medienpolitik.net: Was versprechen Sie sich davon?

Kleist: Wir müssen auch im digitalen Zeitalter unser gesamtes Publikum zielgenau erreichen. Voraussetzung hierfür ist eine enge Zusammenarbeit in Hörfunk, Fernsehen und Online sowie ein moderner Auftritt in den sozialen Netzwerken. Dazu müssen crossmediale Workflows organisiert werden. Auf dem Weg dahin haben wir uns für agile Instrumente in der Unternehmensentwicklung entschieden. Die Crossmedialität ist allerdings nur ein Unternehmensziel. Daneben haben wir uns auch zum Ziel gesetzt, die Binnenpluralität zu erhalten und unsere Programmmarken zu stärken. Dieser herausfordernde Changeprozess wird jedoch nur funktionieren, wenn die Betroffenen mitmachen. Deshalb haben wir zeitlich befristet einen eigenen „Crossmedia-Manager“ verpflichtet und ausdrücklich auch die Rücksichtnahme auf die Mitarbeitenden als eigenes Unternehmensziel formuliert. Wir sind davon überzeugt, dass wir mit dieser SR-internen Umorganisation für die Entwicklungen in der digitalen Zukunft gut aufgestellt sind. Wir werden jünger und schneller und bedienen doch auch gewohnt verlässlich unser Stamm-Publikum. Mit der Reform haben wir auch die Basis dafür geschaffen, den SR im digitalen Wettbewerb als effiziente, kleine, agile Einheit zu präsentieren. Weiterhin sind Kooperationen mit wissenschaftlichen Einrichtungen im Bereich der Cyber-Sicherheit und Künstlichen Intelligenz auf dem Halberg in Vorbereitung. Vom Wissenstransfer zwischen wissenschaftlichen Einrichtungen und einem digitalen Medienunternehmen wie dem SR erwarten wir auch zusätzlich positive Impulse für den saarländischen Standort.

medienpolitik.net: Auch im Saarland ist bekannt für sein närrisches Treiben. Der SR berichtete darüber unter anderem mit „Alleh Hopp“ und der „Narrenschau“. Inwieweit gehört die Widerspiegelung von Karnevalsveranstaltungen zur Grundversorgung eines öffentlich-rechtlichen Senders?

Kleist: Die Faschingszeit ist für viele Saarländerinnen und Saarländer ein wichtiger Ankerpunkt im Jahresablauf. Viele Menschen im Saarland, unter ihnen auffallend viele Jugendliche, engagieren sich aktiv in Faschingsvereinen. Außerdem stehen über die Faschingstage zigtausende Saarländerinnen und Saarländer an den Strecken der großen und kleinen Umzüge im Saarland. Die „Faasend“ ist also Bestandteil saarländischer Lebensrealität. Es wäre daher sträflich, würden wir das nicht entsprechend in unseren Programmen abbilden. Wir gehen sogar noch einen Schritt weiter: Unsere Heimatwelle SR 3 Saarlandwelle hat sogar einen eigenen Prunkwagen, mit dem sie während der närrischen Tage auf vielen Umzügen im Saarland unterwegs ist. Auf ihm präsentieren sich dann bekannte Moderatorinnen und Moderatoren, Programmmacherinnen und Programmmacher. Dieses Engagement ihres Senders lieben die Saarländerinnen und Saarländer und belohnen uns insoweit auch mit einer exorbitanten Einschaltquote.

„Fokussierung muss verstanden werden als zielgenaue Ansprache der unterschiedlichen Publika.“

medienpolitik.net: Wie hoch ist generell der Unterhaltungsanteil an den Sendungen, die der SR produziert?

Kleist: 2018 betrug der Unterhaltungsanteil im SR/SWR Fernsehen sowohl bei den Erstsendungen als auch bei den Wiederholungen rund elf Prozent. Für den Hörfunk lässt sich kein eindeutiger Wert erheben, da die Sendungen und Programme aus sehr unterschiedlichen Wort- und Musikelementen bestehen und eine klare Unterteilung in Unterhaltung und Nicht-Unterhaltung praktisch nicht möglich ist.

medienpolitik.net: Die Länder planen im Rahmen der Novellierung des Auftrags eine stärkere „Fokussierung“. Welche Konsequenzen hätte das für das Programm des SR?

Kleist: In dieser Frage sind sich alle Verfassungsrechtler einig: Fokussierung darf vor dem Hintergrund unseres Verfassungsauftrags der „umfassenden Grundversorgung“ im Ergebnis nicht Einschränkung bedeuten, sondern muss verstanden werden als zielgenaue Ansprache der unterschiedlichen Publika. Wer sich nur auf Teile seines Auftrages fokussieren darf, der soll einen anderen Teil seines Auftrages wie beispielsweise die Unterhaltung nur noch eingeschränkt wahrnehmen. Diese Einschränkung des klassischen Funktionsauftrags des öffentlich-rechtlichen Rundfunks genügt nicht den vom Bundesverfassungsgereicht gesetzten Leitplanken, wonach der Gesetzgeber gewährleisten muss, dass der klassische Auftrag des Rundfunks nicht nur die Meinungs- und politische Willensbildung, sondern auch Unterhaltung und Kultur umfasst. Und um nochmals auf den Karneval zurückzukommen Die saarländische Faasend ist Kultur und hat zugleich unterhaltenden Charakter. Deshalb sind die „Narrenschau“ und „Alleh Hopp“ fester Bestandteil unserer Berichterstattung über die saarländische Faasend.

medienpolitik.net: Der MDR hat sein Programm für 2020 unter das Motto „Miteinander Leben“ gestellt. Unter welchem Motto steht das Programm des SR?

Kleist: Unser ewiges Motto ist der Claim unseres Senders, unseres Unternehmens, den wir beim SR leben: „Saarländischer Rundfunk – Mein Land. Mein Sender.“

medienpolitik.net: Ihr Jugendprogramm „Unserding“ hat den Claim „…liebt Euch“. Wäre das nicht ein Motto für den gesamten SR?

Kleist: Sie können sich mit solchen kreativen Ideen gerne sofort in der Unternehmenskommunikation des SR bewerben. Scherz beiseite. Der Claim passt super zu unserem jungen, crossmedialen Angebot „Unserding“, denn in dieser Zielgruppe sind Liebe und Freundschaft und alles, was damit zu tun hat, wichtige Themen und spielen deshalb auch bei unserer Programmgestaltung eine entsprechende Rolle.

medienpolitik.net: Sehen Sie Möglichkeiten und Notwendigkeiten, noch mehr Bürger in die Programme und die Vorbereitung von Sendungen einzubeziehen und transparenter über die Arbeit der Redaktionen zu berichten?

Kleist: Der SR ist in allem, was er tut, sehr transparent. Und wir waren beispielsweise die Ersten, die über einen „SR-Programmmacher-Tag“ die Bevölkerung dazu aufgerufen haben, sich zu bewerben, um einen ganzen Tag lang erleben zu können, wie wir Programm machen. Die ausgewählten Bewerberinnen und Bewerbern dürfen dann an diesem Tag auch das Programm mitgestalten. SR 3 Saarlandwelle fährt zum Beispiel mit dem „GuMo-Mobil“ jeden Morgen durchs Land, um Saarländerinnen und Saarländer zu treffen, die was zu erzählen haben. Beim „Treffpunkt-Ü-Wagen“ wird gleich ein ganzes Dorf ins Zentrum der Berichterstattung gestellt, und auch das SR Fernsehen ist im Sommer zweimal „vor Ort“ im Saarland, um live von einem Marktplatz ausführlich zu berichten. Außerdem gibt es Studio-Sendungen mit Publikum wie die „sportarena“ oder Kabarett-Veranstaltungen wie „Alfons und Gäste“ oder den „Gesellschaftsabend“ ebenso wie exklusive Konzerte unserer Hörfunkwellen im „Studio Eins“ oder im Großen Sendesaal. Zudem besuchen uns die Saarländerinnen und Saarländer sehr gerne auf dem Halberg: Etwa 10.000 Besucherinnen und Besucher nehmen jedes Jahr an Führungen durch unsere Studios und Redaktionen teil, darunter auch zahlreiche Schulklassen. Auch für die junge Zielgruppe haben wir einiges zu bieten: Beim „SR-Jugendmedientag“ gewähren wir zum Beispiel Schülerinnen und Schüler einen Tag lang Einblick hinter die Kulissen – Moderation im Fernseh-, Hörfunk- oder Synchronstudio inklusive. Auch bei „Media&Me – Backstage bei Medienberufen“ sind wir seit Jahren aktiv und steuern ein Seminar zum Thema Videojournalismus bei. Die Weitentwicklung und Neuentwicklung solcher Formate ist Daueraufgabe aller Redaktionen. 

„Mit der Reform haben wir die Basis dafür geschaffen, den SR im digitalen Wettbewerb als effiziente, kleine, agile Einheit zu präsentieren.“

medienpolitik.net: Was könnte generell das Vertrauen und die Akzeptanz in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk erhöhen. Viele Politiker meinen ja, das hänge auch von der Höhe des Rundfunkbeitrages ab…

Kleist: Vertrauen schaffen und Akzeptanz erzielen ist für uns im SR tägliches Brot. Vertrauen schaffen wir durch die Einhaltung der journalistischen Spielregeln und das Einordnen und Gewichten des täglichen Geschehens. Akzeptanz schaffen wir dadurch, das wir als Medium und Faktor in der saarländischen Öffentlichkeit Teil der Lebenswelt, Partner und täglicher Begleiter der Saarländerinnen und Saarländer sind, ihnen Heimat und Orientierung geben und Identität stiften.

medienpolitik.net: Sie gehen in dieses Jahr mit einem Minus im Wirtschaftsplan von 5,3 Millionen Euro, die durch die Beitragsrücklage ausgeglichen werden können. Haben Sie bewusst nicht gespart, da ja noch die Rücklage existiert?

Kleist: Das Entstehen von Fehlbeträgen am Ende einer Beitragsperiode, hier dem Vierjahreszeitraum 2017-2020, liegt grundsätzlich in der Logik der Festlegung des Rundfunkbeitrags für einen mehrjährigen Zeitraum. Da der Rundfunkbeitrag grundsätzlich so festgelegt wird, dass der Bedarf über den Gesamtzeitraum aus einer fixierten Ertragsgröße finanziert wird, entstehen tendenziell am Anfang einer Beitragsperiode Überschüsse, an deren Ende eher tendenziell Fehlbeträge. Der Zeitraum 2017-2020 ist für die Rundfunkanstalten insgesamt und im Besonderen für den SR durch Besonderheiten gekennzeichnet. Zum einen hat die KEF den Anstalten bereits in den Jahren 2013-2016 die Bildung einer Beitragsrücklage (Beitragsrücklage I) auferlegt, die bei unveränderter Beitragshöhe in den Jahren 2017-2020 zur Finanzierung des Bedarfs heranzuziehen war. Zusätzlich hat die KEF den Anstalten die Bildung einer weiteren Beitragsrücklage (Beitragsrücklage II) auferlegt, die dazu dienen wird, die Beitragsanpassung in den Jahren 2021-2024 zu dämpfen.

Während diese Besonderheiten für alle Landesrundfunkanstalten gelten, hat der SR solitär mit einer besonders ungünstigen Beitragsentwicklung zu kämpfen, die dazu führte, dass die mittelfristigen Ertragsplanungen wiederholt nach unten revidiert werden mussten. Der SR hat diesen Entwicklungen jedoch nicht tatenlos zugesehen. Er hat vielmehr aktiv und frühzeitig Gegenmaßnahmen ergriffen, mit denen die Auswirkungen der ungünstigen Beitragsentwicklung trotz großer Sparanstrengungen jedoch nur teilweise kompensiert werden konnten. Bereits 2017 haben wir ein 10-Punkte-Sparpaket aufgelegt, unter anderem mit dem Verzicht auf unser traditionelles „Halberg Open Air“, der Verringerung der Anzahl von Hörspielen und Features sowie einem reduzierten Engagement bei der regionalen Sport-Berichterstattung und Einsparungen bei der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern. Zudem haben wir auf die Produktion unseres einzigen „SR-Regel-Tatortes“ im Jahr 2018 verzichtet und haben restriktive Planungen auch in den Wirtschaftsplänen 2019 und 2020 festgelegt.

medienpolitik.net: Die Einnahmen des SR aus Rundfunkbeiträgen und ARD-Finanzausgleich vermindern sich im Jahr 2020 um 2,4 Millionen auf 109,1 Millionen Euro. Wie kommt das? Wieso erhalten sie hier weniger Geld?

Kleist: Die Rundfunkbeiträge im Saarland sind bereits seit einer Reihe von Jahren strukturell zurückgegangen. Diese Entwicklung ist für den SR geradezu schicksalhaft und nicht beeinflussbar. Der SR hatte schon 2017 nur noch ein Beitragsaufkommen erreicht, das dem des Jahres 2005 entspricht. Dieses Niveau wird auch für 2020 prognostiziert. Diese strukturellen Mindererträge, die nicht ohne weitgehende Eingriffe in das SR-Programm zu kompensieren gewesen wären, waren auch der Grund dafür, dass der SR im Kreise der Landesrundfunkanstalten um eine Anpassung des Finanzausgleichs nach oben geworben hat.

medienpolitik.net: Die KEF hat einen Rundfunkbeitrag von 18,36 Euro errechnet. Sie bekommen also ab 2021 weiterhin so viel Geld, wie Sie gegenwärtig ausgeben. Das heißt Sie müssen erneut einsparen? Wo und wie?

Kleist: Mit der empfohlenen Beitragsanhebung auf 18,36 Euro monatlich und damit einhergehenden Mehrerträgen für den SR aus Beiträgen und zusätzlichem Finanzausgleich von rund 4,1 Millionen Euro im Jahr wäre eine bedarfsgerechte Finanzausstattung des SR nicht gewährleistet. Normale preis- und tarifbedingte Kostensteigerungen hätten bei weitem nicht kompensiert werden können. Darum haben die Landesrundfunkanstalten zugunsten von Radio Bremen und Saarländischem Rundfunk in den ARD-Sitzungen am 11. und 12. Februar eine Neuregelung des Finanzausgleichs vereinbart.

medienpolitik.net: Also bekommen Sie zumindest von den anderen ARD-Anstalten mehr Geld?

Kleist: Die Neuregelung des Finanzausgleichs, die die Intendantinnen und Intendanten der ARD beschlossen haben, beinhaltet im Kern eine stufenweise Anhebung der gesetzlich bestimmten Finanzausgleichsmasse von bisher 1,6 Prozent auf 1,7 Prozent für 2021/22 und auf 1,8 Prozent ab 2023. Darüber hinaus, also außer dem gesetzlichen Finanzausgleich, hat die ARD Radio Bremen und dem Saarländischem Rundfunk zusätzliche finanzielle Leistungen fest zugesagt. Ungeachtet dessen verbleibt für beide Anstalten eine beachtliche Finanzierungslücke, die sie zwar schließen müssen, jedoch nicht gänzlich aus eigener Kraft schließen können. Deshalb wird der SR genau darauf achten, dass auch die ARD insgesamt ihre Kostenstrukturen überprüft und im Laufe der Beitragsperiode spürbar senkt, was sich dann auch kostenmindernd auf den SR auswirken wird. Daran müssen auch die anderen Landesrundfunkanstalten ein hohes Interesse haben, denn die Beitragsempfehlung der KEF stellt alle Sender vor große Herausforderungen und macht weitere Kostenreduzierungen notwendig.

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