„Wir brauchen einen konzertierten Vorschlag aus der Branche“

von am 04.02.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Medienförderung

„Wir brauchen einen konzertierten Vorschlag aus der Branche“
Judith Gerlach, Bayerischen Staatsministerin für Digitales

Bayern erwartet eine Neujustierung der Filmförderung des Bundes

04.02.2020. Interview mit Judith Gerlach, Bayerischen Staatsministerin für Digitales

In einem Interview mit Medienpolitik.net fordert Judith Gerlach, Bayerische Staatsministerin für Digitales und auch für die Entwicklung der Filmwirtschaft sowie für Games und innovative audiovisuelle Formate zuständig, von der Filmbranche „einen konzertierten Vorschlag“ für die Stärkung des deutschen Films vorzulegen. Angesichts divergierender Positionen, die von Produzenten, Verleihern und Kinobetreibern in den letzten Tagen im Zusammenhang mit der Debatte zur Novellierung des FFG geäußert worden sind, ist das ein deutlicher Appell zu mehr Einigkeit. Eigentlich sehe sie einen großen Konsens bei allen Beteiligten, Kinobetreibern, Produzenten und Verleihern, dass in Deutschland insgesamt zu viele und zu oft unterfinanzierte, nicht ausreichend entwickelte Stoffe ins Kino kämen, betont die Ministerin.Besser ausgestattete Kinoproduktionen“, wie oft gefordert, benötigten längere Entwicklungsvorläufe, Produktionsfinanzierung, aber auch ein ausreichendes Marketing-Budget. Judith Gerlach bekräftigt, dass die „großen Instrumente der Förderung im Bund nach den Entwicklungen der vergangenen Jahre“ neu justiert und besser strukturiert werden müssten. Die Länderförderungen würden sich dann automatisch diesem System anpassen.

medienpolitik.net: Frau Gerlach, Sie sind Staatsministerin für Digitales und verantworten aber auch die Filmförderung. Wie kann die Filmwirtschaft von digitalen Entwicklungen wie bei Games, Virtual Reality oder Künstlicher Intelligenz stärker profitieren?

Gerlach: Neue Technologien wie Virtual Reality und Künstliche Intelligenz eröffnen kontinuierlich völlig neue Möglichkeiten für die Branche. Über kurz oder lang werden Filme, aber auch Serien, und Games oder VR nicht nur technologisch, sondern auch im Bereich des Storytellings immer mehr zusammenwachsen. Die Gamesbranche war schon immer ein Treiber für neue Technologien, aber auch für neue Erzählformen. Ich denke, dass beispielsweise Games Engines noch weit stärker im Bereich des Films genutzt werden. Zuerst sicherlich im Bereich der Produktion von Animationsfilmen, später bei VFX. Das digitale Filmschaffen nimmt ja schon heute zunehmend einen größeren Raum ein. Das unterstützen wir auch konsequent im Rahmen der Standortentwicklung und Förderung. Zuletzt haben wir ein Maßnahmepaket Virtuelle Realität Bayern auf den Weg gebracht. Drei XR Hubs in München, Nürnberg und Würzburg werden Anwender und Content-Ersteller zusammenbringen und bei der Schaffung innovativer Inhalte unterstützen. Ein spezielles Förderprogramm für neue Inhalte wird dieses Jahr an den Start gehen. Für das Programm Virtuelle Realität Bayern stellen wir 1,5 Mio. € im Jahr zur Verfügung. Damit ist Bayern mit seiner Förderung von Games und XR führend unter den Ländern.

„Der Bund muss mit der FFA nun vorlegen, wie das System der Förderung neu gestaltet werden soll.“

medienpolitik.net: Die Kinos sollen mit einem Zukunftsprogramm Kino zusätzlich gefördert werden. Bayern will sich an der Kofinanzierung beteiligen. Inwieweit sollte der Einsatz moderne Technologien für die Filmpräsentation und Marketing dabei vorrangig gefördert werden?

Gerlach: Das Zukunftsprogramm Kino des Bundes begrüße ich ausdrücklich. Wir haben in Bayern schon seit vielen Jahren eine Investitionsförderung für die Kinos aufgesetzt und diese bereits im Vorgriff auf die kommende Bundesförderung von 1,2 Mio. Euro auf knapp 2 Mio. Euro erhöht. Die beiden Programme stehen nebeneinander und können von Kinobetreibern kumulativ in Anspruch genommen werden. Uns ist aber wichtig, dass wir eigene Schwerpunkte setzen können. Bayern ist Kinoland und hat bundesweit die meisten Kinostandorte. Unsere Kinos sind in den Städten, aber auch im ländlichen Raum wichtige Orte des gesellschaftlichen Miteinanders. Mir liegt das sehr am Herzen. Aktuelle Studien zeigen: Filme werden besser, wenn man sie auf der großen Leinwand im Kino sieht. Auch wenn die Kinoumsätze 2019 wieder deutlich zugelegt haben, sehe ich noch keine Entwarnung was die zukünftige Entwicklung angeht. Das Kino muss weiterhin als Erlebnisort gestärkt werden. Das Kino war immer ein Geschäftsbetrieb und das soll es im Kern auch bleiben. Daher ist es essentiell, dass die Kinobetreiber vor Ort ihr Publikum kennen und entsprechende Angebote machen. Was die Kinos brauchen, ist ein Programm, das die Zuschauer begeistert und zudem besondere Highlights bietet, von VR-Experiences, über E-Sport, bis hin zu Opernabenden, Sport-Übertragungen oder Familien-Specials.

medienpolitik.net: Was ist Ihnen bei der Umsetzung des Zukunftsprogramms Kino insgesamt wichtig?

Gerlach: Das Bundesprogramm und unsere Förderung müssen sich sinnvoll ergänzen, aber wir müssen auch eigene Schwerpunkte setzen können. Ich sehe am Ansatz der Bundesförderung, ganz gezielt Arthouse-Kinos im ländlichen Raum zu fördern, durchaus Probleme. Denn gerade im ländlichen Raum sollen die wenigen Kinos doch einen möglichst breiten Querschnitt der Bevölkerung abholen und nicht nur Kino für eine kleine Zielgruppe anbieten.

„Weniger, aber besser ausgestattete Kinoproduktionen hätten bessere Chancen an der Kinokasse.“

medienpolitik.net: Gegenwärtig wird über die Novellierung des FFG beraten. Man hört immer wieder die Forderung – von der Politik bis zur Filmwirtschaft – „Mehr Klasse statt Masse“. Wie sehen Sie diese Forderung? Wie kann sie umgesetzt werden?

Gerlach: Eigentlich sehe ich einen großen Konsens bei allen Beteiligten, Kinobetreibern, Produzenten und Verleihern, dass in Deutschland insgesamt zu viele und zu oft unterfinanzierte, nicht ausreichend entwickelte Stoffe ins Kino kommen. Allein durch die Masse der Neuerscheinungen – im Schnitt zwei pro Tag – ist es schwierig, das gesamte Angebot überhaupt noch wahrzunehmen. „Weniger ist Mehr“ ist daher das Motto der Stunde. Weniger, aber besser ausgestattete Kinoproduktionen hätten bessere Chancen an der Kinokasse. Besser ausgestattet bedeutet dann längere Entwicklungsvorläufe, Produktionsfinanzierung, aber auch ein ausreichendes Marketing-Budget. Wir begleiten mit unserer starken Förderung in Bayern die Branche sehr gerne dabei, das Geschäftsmodell Kinofilmproduktion weiterzuentwickeln. Dafür brauchen wir aber einen konzertierten Vorschlag aus der Branche.

medienpolitik.net: Bayern ist ein leistungsfähiger Standort der Filmwirtschaft. Müssen Sie Sorge haben, dass bei einem Rückgang deutscher Filmproduktionen Bayern Schaden nimmt?

Gerlach: Die Filmproduktion boomt insgesamt seit einigen Jahren in einem nicht dagewesenen Maß. Gerade hochwertige Serien sind gegenwärtig sehr gefragt. Zudem gibt es bei Sendern und Streamingdiensten einen hohen Bedarf an „Original Content“. Eigentlich müssten das herrliche Zeiten vor allem für Produzenten und Kreative sein. Von einem Rückgang der Filmproduktion zu sprechen, kann ich also nicht nachvollziehen. Wenn wir von der Produktion von Kinofilmen sprechen, die vielleicht 15 bis 20% der Gesamtproduktion ausmacht, dann ist das Output-Niveau nach wie vor sehr hoch. Gerade in Bayern haben wir eine sehr erfolgreiche Filmwirtschaft mit größeren und zahlreichen kleineren Playern, die sich sehr erfolgreich entwickeln und ihre Chancen, z.B. im Bereich der Serien, auch konsequent nutzen. Wir unterstützen diese Entwicklung ganz gezielt mit unserer Förderung.

„Auch wenn die Kinoumsätze 2019 wieder deutlich zugelegt haben, sehe ich noch keine Entwarnung was die zukünftige Entwicklung angeht.“

medienpolitik.net: Die Förderung zwischen FFA, Bund und den Ländern soll besser abgestimmt werden. Wie können Sie sich die „bessere Abstimmung“ vorstellen? Welche Rolle sollte dabei die FFA spielen?

Gerlach: Die Abstimmung zwischen den Förderern in Bund und Ländern erfolgt bereits. Mein Eindruck ist, dass wir die großen Instrumente der Förderung im Bund, wie DFFF 1, DFFF 2, GMPF und kulturelle Filmförderung des BKM, nach den Entwicklungen der vergangenen Jahre neu justieren und besser strukturieren müssen. Die Länderförderungen werden sich dann automatisch diesem System anpassen, wenn sie ihre Chancen als Standorte optimal nutzen wollen. Wir werden das jedenfalls tun. Der Bund muss mit der FFA nun vorlegen, wie das System der Förderung neu gestaltet werden soll.

medienpolitik.net: Das Filmfest München soll ausgebaut und erweitert werden. Welche Erwartungen haben Sie an das künftige Filmfest?

Gerlach: Das Filmfest München ist, nach der Berlinale, das zweitgrößte Festival in Deutschland. Und, es ist vor allem ein Sommerfestival. Sowohl als Branchentreff als auch als Publikumsfestival ist das Münchner Filmfest sehr beliebt. Wir wollen diese Stärken aber noch weiter ausbauen: Das Filmfest muss attraktiver, internationaler und digitaler werden. Die Vision ist, dass das Festival ab 2022 an einem zentralen Ort in München, der gut sichtbar ist, ein (temporäres) Festivalzentrum aufbaut und damit ein noch spannenderes Sommer-Event für eine breite Zielgruppe der Bevölkerung entsteht. Hier ist vor allem die Stadt München in der Pflicht.

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