„Ausprobieren, lernen, besser machen“

von am 31.03.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Dualer Rundfunk, Filmwirtschaft, Journalismus, Medienwirtschaft

„Ausprobieren, lernen, besser machen“
Jörg Graf, Geschäftsführer von RTL Television

RTL will live TV weiter ausbauen – kein Engpass bei täglichen Serien

31.03.2020. Interview mit Jörg Graf, Geschäftsführer von RTL Television

„Wir stellen seit der Bekanntgabe der verschärften Maßnahmen ab 13. März einen massiven Anstieg der durchschnittlichen linearen TV-Sehdauer um ca. 17 Prozent auf durchschnittlich 213 Minuten am Tag bei den 14- bis 59-Jährigen fest. Dabei haben auch die Unterhaltungsprogramme extrem starke Reichweiten“, schildert Jörg Graf, Geschäftsführer von RTL Television gegenüber medienpolitik.net die aktuelle Situation. Viele Menschen sehnten sich nach einem Stück Normalität, nach Tagesstruktur und auch Ablenkung. Wir machen beides, weil beides wichtig ist: Information und Unterhaltung. Die Corona Krise, so Graf, setze eine unglaubliche Kreativität frei. „Die Frage, der man sich als Programmmacher aus meiner Sicht stellen muss“ gibt der RTL-Geschäftsführer zu bedenken, „ist die: Wenn Menschen täglich viele Nachrichten empfangen, die bedrohlich wirken und Angst machen, wenn man zugunsten der Gemeinschaft die eigene Freiheit etwas einschränken muss, welche Bedürfnisse und Sehnsüchte treten dann verstärkt auf und wie können wir programmlich damit verantwortungsvoll umgehen?“

medienpolitik.net: Herr Graf, die Zuschauerzahlen beim linearen Fernsehen steigen, inwieweit profitiert davon auch RTL Television?

Graf: Die TV-Nutzung ist in der Tat massiv gestiegen. RTL kommt dabei eine besondere Rolle zu, da kein anderer privater TV-Anbieter – jenseits der reinen Nachrichtensender – einen so hohen Anteil an journalistischen Inhalten im Programm hat. Seit dem verschärften Maßnahmenkatalog der Bundesregierung und der Landesregierungen im Kampf gegen die Corona-Krise am 12. März 2020 ist die journalistische Reichweite der Mediengruppe RTL um etwa 23 Prozent auf über 29 Millionen Menschen am Tag gestiegen. „RTL aktuell“ und das „Nachtjournal“ sind in der Zielgruppe 14-49 die führenden täglichen Informationsprogramme unter den Privatsendern.

medienpolitik.net: Bezieht sich das gestiegene Zuschauerinteresse auch auf Unterhaltung oder nur auf die zusätzlichen Informationsangebote?

Graf: Wir stellen seit der Bekanntgabe der verschärften Maßnahmen ab 13. März einen massiven Anstieg der durchschnittlichen linearen TV-Sehdauer um ca. 17 Prozent auf durchschnittlich 213 Minuten am Tag bei den 14- bis 59-Jährigen fest. Dabei haben auch die Unterhaltungsprogramme extrem starke Reichweiten. Wir wissen aus zahlreichen Reaktionen unseres Publikums, dass der Unterhaltung derzeit ebenfalls ein besonderer Stellenwert zukommt. Viele Menschen sehnen sich nach einem Stück Normalität, nach Tagesstruktur und auch Ablenkung. Wir machen beides, weil beides wichtig ist: Information und Unterhaltung.

„Viele Menschen sehnen sich nach einem Stück Normalität, nach Tagesstruktur und auch Ablenkung.“

medienpolitik.net: Wie weit wird RTL Television zum Corona-TV?

Graf: Wir informieren und, wie eben beschrieben, werden wir auch weiterhin Unterhaltungsprogramme anbieten. Jeder von uns stellt sich derzeit beruflich und privat auf eine neue Situation ein. Wir lernen auch dazu. Wir haben beispielsweise die „Quarantäne-WG“ an einem Wochenende besprochen und dann montags realisiert. Das war ein Experiment, und wir haben es nach drei Ausgaben auch wieder eingestellt, weil man eine Social-Media-Dramaturgie nicht einfach so auf TV übertragen kann. Das finde ich völlig in Ordnung: Ausprobieren, lernen, besser machen.

medienpolitik.net: Wie stellen Sie ein für RTL angemessenes Verhältnis von Information und Unterhaltung sicher?

Graf: Uns hilft das über Jahre aufgebaute Gerüst der unterschiedlichen Genres. Wir hatten schon vor der Krise „Guten Morgen Deutschland“, „Punkt 12“, unsere Magazine, „RTL aktuell“ und das „Nachtjournal“. Dazu jede Woche „stern TV“. Und schon im letzten Jahr haben wir News-Specials und Sondersendungen viel stärker Raum gegeben als zuvor. Gleichzeitig haben wir in der Unterhaltung einen riesigen Genre-Mix. Von Talkshow über Quiz, tägliche Serien, Prime-Time-Serien, große Live-Shows und Real-Life-Programme. Das hilft uns sehr, weiterhin ein sehr umfassendes Angebot an die Zuschauer zu machen.

„Wir machen beides, weil beides wichtig ist: Information und Unterhaltung.“

medienpolitik.net: Mit „Quarantäne-WG“ schickten Sie täglich Entertainer Live ins Programm. Wird der Live-Anteil – auch wegen der Produktionsprobleme – zunehmen?

Graf: Eines meiner Kernziele war schon lange vor der Corona Krise, den Live-Anteil im linearen TV zu erhöhen. Darin liegt eine sehr grundsätzliche Stärke von TV, und von Radio übrigens auch. Aber bloß, weil etwas live ist, muss es noch nicht gut und zur richtigen Zeit onair sein. Die Corona Krise setzt eine unglaubliche Kreativität frei. Auch mit eingeschränkten Möglichkeiten sehr viele Menschen zu erreichen, ist jetzt unsere Aufgabe. Aber erzählerische Grundprinzipien, eine überzeugende Dramaturgie oder eine stimmige visuelle Umsetzung sind in der Krise nicht weniger wichtig, als sie es vorher waren. In diesem Sinne werden wir weiterhin am Ausbau von live TV arbeiten. Die „Quarantäne“-Show haben wir ausprobiert. Im nächsten Schritt probieren wir das nächste Konzept aus, nehmen aber die Learnings aus diesem Experiment mit.

medienpolitik.net: „DSDS“, „Let’s dance“ und „Wer wird Millionär?“ werden ohne Publikum produziert. Funktionieren hier noch die bisherigen Konzepte? Muss es dafür nicht eigentlich neue Formate geben?

Graf: Ich denke, es hat einen guten Grund, dass wir bei vielen Shows Publikum im Studio haben. Das geht jetzt nun mal nicht, die Eindämmung des Virus geht absolut vor, und die Maßnahme ist völlig richtig. Zudem bleiben uns die Zuschauer treu, neue kommen hinzu. Denn wir erleben die notwendigen Maßnahmen ja alle gemeinsam. Ob im Supermarkt um die Ecke oder bei „Let’s Dance“ im Studio. Ich würde mir jetzt nicht verzweifelt den Kopf darüber zerbrechen, wie man ein Format mit einem bewussten Verzicht auf Publikum unseren Zuschauern als besonders tolle Idee anbietet. Unsere Zuschauer sind klug und merken sofort, wenn wir ihnen mit einer verkopften Idee kommen, die nicht stimmig ist. Die Frage, der man sich als Programmmacher aus meiner Sicht stellen muss, ist die: Wenn Menschen täglich viele Nachrichten empfangen, die bedrohlich wirken und Angst machen, wenn man zugunsten der Gemeinschaft die eigene Freiheit etwas einschränken muss, welche Bedürfnisse und Sehnsüchte treten dann verstärkt auf und wie können wir programmlich damit verantwortungsvoll umgehen? Mich konnte noch niemand schlüssig davon überzeugen, dass unsere Gesellschaft nun ausgerechnet an Formaten wie dem „Bachelor“ oder „Temptation Island“ zerbricht. Vielleicht ist es umso wichtiger, auch Sonne, Strand und Palmen im Programm zu haben, wenn man selbst nicht reisen kann. Wir werden es bei RTL jedenfalls weiter in alle Richtungen ausprobieren.

medienpolitik.net: Bleibt der Humor in diesen Wochen angesichts der Krise auf der Strecke?

Graf: Das muss jeder für sich entscheiden. Welchem Menschen an einer Supermarktkasse oder im Krankenhaus will man es jetzt übelnehmen, wenn ihm gerade nicht nach Lachen ist. Ich persönlich finde Humor ist ein gutes Ventil, und Comedy war schon immer ein wichtiger Bestandteil im RTL Programm. Wir werden das anbieten, wie immer entscheidet jeder Zuschauer oder auch Nutzer von TVNOW dann selbst, ob sie oder er gerade dazu in der Stimmung ist oder nicht. Auf der Strecke bleiben wird der Humor aber sicher nicht.

„Bei den täglichen Serien wird es nicht zu Engpässen kommen, da die Versorgung auf mehrere Wochen gesichert ist, die pausierenden Dreharbeiten zu GZSZ und „Unter Uns“ wurden unter verschärften Auflagen wieder aufgenommen.“

medienpolitik.net: Es kommt zu Produktionsausfällen und Verschiebungen? Wie weit wird das RTL-Programm darunter in den nächsten Monaten leiden? Senden Sie zum Beispiel alte GZSZ-Folgen?

Graf: Die Dreharbeiten zu fiktionalen Programmen pausieren gerade, bzw. Drehstarts werden mit Blick auf die aktuelle Lage verschoben. Bei den täglichen Serien wird es nicht zu Engpässen kommen, da die Versorgung auf mehrere Wochen gesichert ist, die pausierenden Dreharbeiten zu GZSZ und „Unter Uns“ wurden unter verschärften Auflagen wieder aufgenommen. Wir haben die Lage unserer Programmversorgung selbstverständlich im Blick und können auch kurzfristig mit alternativen Szenarien reagieren. Entscheidend für uns ist, wie rasch die Maßnahmen wirken und ob es verantwortbar ist, individuell je nach Produktion weiter oder wieder zu produzieren. Das unterscheidet uns nicht von allen anderen betroffenen Industrien.

medienpolitik.net: Auch bei RTL gibt es Stornierungen bei der Werbung. Welche Konsequenzen wird das für das Programm haben?

Graf: Was die Information angeht, schließe ich derzeit programmliche Einschnitte aus. Hier steht jetzt ausschließlich im Vordergrund, aktuell zu berichten und die Bevölkerung auf dem Laufenden zu halten. In der Unterhaltung hängt alles von der weiteren Entwicklung ab. Wie gesagt, hilft uns der Genremix, einen Engpass an der einen Stelle an anderer Stelle zu kompensieren. Es ist aber auch so, dass eine Reihe von Kunden genau auf das aktuelle Wir-Gefühl setzt und entsprechende Flächen für ihre Kommunikation benötigt. Dafür hat die Ad Alliance verschiedene Special-Ads im Design der Initiative „Gemeinsam gegen Corona“ oder erst vergangenen Samstag bei DSDS die „Corona-Werbeinsel“ kreiert, mit denen Werbekunden auf die aktuelle Situation reagieren. Die Kollegen gehen auch hier kreativ mit der Situation um.

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