„Den Mittelstand in den Fokus der Förderung stellen“

von am 09.03.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Medienförderung, Medienwirtschaft

„Den Mittelstand in den Fokus der Förderung stellen“

Bund und Länder starten „Zukunftsprogramm Kino“

09.03.2020. Von Helmut Hartung, Chefredakteur ww.medienpolitik.net.

Im Koalitionsprogramm der der CDU/CSU/SPD- Bundesregierung wurde im März 2018 ein „Zukunftsprogramm Kino“ vereinbart, das heute gestartet ist. Nach der erfolgreichen Digitalisierung aller Kinos, die 2015 abgeschlossen werden konnte und die der Bund, die FFA und die Länder mit ca. 60 Millionen Euro gefördert hatte, wurde von den Kinoverbänden auf die Fortführung der Kinoförderung gedrängt. Der HDF Kino hatte von 2018 bis 2023 den Investitionsbedarf der deutschen Kinos bei mindestens 900 Millionen Euro gesehen. Auf das Jahr bezogen sind das 180 Millionen Euro, wovon 2/3 von den Kinos selber gedeckt werden können. Insgesamt beträgt das Defizit also 300 Millionen Euro. Die beiden Kinoverbände hatten deshalb bis 2023 150 Millionen Euro an Förderung angemahnt. Die jetzt beschlossenen Mittel von 17 Millionen Euro für 2020 stellen also nur einen Bruchteil der von den Kinos geforderten Unterstützung dar. Wie hoch die Summen für 2021 – 2023 ausfallen wird steht zudem noch nicht fest.

Nach intensiven Diskussionen mit den Kinobetreibern wurden die Förderkriterien verändert und es kommen mehr Kinos in den Genuss zusätzlichen Geldsegens als ursprünglich beabsichtigt. Die Mittel sollen jetzt Kinos erhalten, die eine besondere strukturelle oder kulturelle Funktion an ihrem Standort erfüllen. Gefördert werden nachhaltige Investitionen, die unmittelbar die Zukunftsfähigkeit des jeweiligen Kinos sichern. Dazu zählen insbesondere Saal-, Projektions- und Kassentechnik, digitale Kundenbindung, Barrierefreiheit, Nachhaltigkeit und Energieeffizienz („Grünes Kino“). Im Rahmen des „Zukunftsprogramms Kino“ können bis zu 60.000 Euro für Kinos mit einem Saal oder bis zu 45.000 Euro pro Saal beantragt werden. Antragsberechtigt sind Kinos mit maximal sieben Sälen, die entweder in Gemeinden mit bis zu 50.000 Einwohnern liegen oder in größeren Städten bestimmte qualifizierte kulturelle Kriterien erfüllen. Die sogenannten Multiplexe sind also außen vor. Ein einzelnes Kino kann so eine Bundesförderung in Höhe von bis zu 315.000 Euro erhalten. Hinzu kommt die Kofinanzierung der Länder und weiterer Förderer wie etwa der Filmförderungsanstalt (FFA). Voraussetzung für eine Förderung ist, dass das Kino seinen Sitz in einem Land hat, in dem eine eigene, der jeweiligen Kinolandschaft angemessene investive Kinoförderung bereitgestellt wird. Die Höhe der Zuwendung beträgt bis zu 40 Prozent der förderfähigen Kosten, Voraussetzung ist eine Eigenbeteiligung der Kinos von mindestens 20 Prozent.

„Eine strukturelle und nachhaltige Förderung der deutschen Kinolandschaft muss der Vielfalt unserer Branche gerecht werden. Die bisher vorgesehene Begrenzung auf kulturell besonders wertvolle Spielstätten ist nicht zielführend.“ (HdF Kino)

Wenn man davon ausgeht, dass sich in den Gemeinden bis 50.000 Einwohnern 25 Prozent aller Kinosäle (ca. 1240) befinden und auch die dazu rechnet, die „bestimmte qualifizierte kulturelle Kriterien“ erfüllen, können maximal 30 bis 40 Prozent aller Kinosäle auf einen Zuschuss hoffen. Außerdem haben vier Bundesländer noch keine Zusage über eine Beteiligung an dem Programm abgegeben.

Zur Begründung der neuen Förderung sagte Kulturstaatsministerin Prof. Monika Grütters. „Der Zugang zur Kultur im ländlichen Raum ist ein wichtiger Faktor für gleichwertige Lebensverhältnissen in ganz Deutschland. Wo die Menschen nicht nur die Folgen von Abwanderung, demografischem Wandel und Versorgungslücken zu tragen hätten, sondern auch zunehmend die Folgen eines schwindenden kulturellen Angebots, finden Populisten leichter Zulauf. Dringender denn je brauchen wir hier Orte der kulturellen Begegnung und des Austauschs. Lokale Kinos machen ansprechende und anspruchsvolle Filme für alle Menschen zugänglich und ermöglichen ein kulturelles Gemeinschaftserlebnis. Diese wichtigen Kulturorte wollen wir auch jenseits der großen Metropolen in der Fläche erhalten.“

Der Hauptverband der deutschen Filmtheater (HdF Kino) begrüßt die neue Kinoförderung, sieht aber auch Nachbesserungsbedarf. „Was die konkrete Ausgestaltung des neuen Förderinstruments betrifft, dürfen sich alle Mitwirkende jedoch noch nicht zufriedengeben,“ so Christine Berg, Vorstandsvorsitzende des HDF KINO. „Zum einen sind die zur Verfügung stehenden Mittel zweifellos ausbaufähig – und zwar sowohl von Seiten des Bundes als auch der Länder. Zum anderen sollte die neue Förderung noch stärker den Mittelstand in den Fokus stellen und inhabergeführten Traditionshäusern Anreize zur Modernisierung geben – jenseits von deren Standort und Programm. Eine strukturelle und nachhaltige Förderung der deutschen Kinolandschaft muss der Vielfalt unserer Branche gerecht werden. Die bisher vorgesehene Begrenzung auf kulturell besonders wertvolle Spielstätten ist nicht zielführend.“

Auch der Verband der Arthouse-Kinos AG Kino-Gilde lobt den Startschuss für eine Investitionsoffensive in die Kinos in Deutschland. „Der Start des Zukunftsprogramms Kino ist ein bedeutendes Signal für den Film- und Kinostandort Deutschland“, so der Verbandsvorsitzende Dr. Christian Bräuer. Aus Sicht des Verbandes ist das Förderprogramm nicht nur eine Investition in die Zukunft der Kinos, sondern auch in den Erfolg des deutschen Films. „Auch im digitalen Zeitalter sind die Kinos die Herzkammer eines Films. Hier erhalten sie Sichtbarkeit und gesellschaftlichen Mehrwert. Dies begründet den Erfolg für die weiteren Auswertungsmedien.“ Erst jüngst hat eine Studie von Ernst & Young gezeigt, dass Filme, die vorher im Kino zu sehen waren, häufiger gestreamt werden. Filme wie „Systemsprenger“ oder „Toni Erdmann“ sind dafür augenfällige Beweise. „Gerade für unabhängige Filmemacher*innen ist der Start im Kino unverändert die beste Chance, ihre Werke einem breiten Publikum zu zeigen. Kinos bereichern damit nicht nur ihre Nachbarschaft, sondern stärken auch nachhaltig die filmkulturelle Vielfallt.“

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