„Einnahmen sind teilweise existenzbedrohend eingebrochen“

von am 30.03.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Dualer Rundfunk, Filmwirtschaft, Hörfunk, Medienwirtschaft, Rundfunk

„Einnahmen sind teilweise existenzbedrohend eingebrochen“
Hans Demmel, Vorstandsvorsitzender des VAUNET- Verband Privater Medien

Private Sender mit Rekordreichweiten beim jungen Publikum

30.03.2020. Interview mit Hans Demmel, Vorstandsvorsitzender des Verbands Privater Medien (VAUNET)

Bei RTL Aktuell ist seit Ende Februar ein deutlich höheres Interesse der Zuschauer an Informationen zu verzeichnen als in der Zeit vor der Corona-Krise. Insbesondere die „RTL Aktuell“-Spezials stießen auf großes Interesse vor allem beim jüngeren Publikum und erzielten Marktanteile bis zu 23,5 Prozent in der Zielgruppe der 14-49-Jährigen. Auch andere private Sender erreichten mit Informations- und Unterhaltungsangeboten vor allem bei Jugendlichen wachsende Zuschauerzahlen. Sie ändern ihre Programme, produzierten der Situation entsprechende Formate und stellten sich flexibel auf die veränderte Mediennutzung ein. In einem medienpolitik.net-Gespräch verweist Hans Demmel, auf rückläufige Einnahmen bei privaten Sendern: „Betroffen ist grundsätzlich nicht nur das Werbe-, sondern ebenso das Abonnenten- und Produktionsgeschäft (z. B. Filme, Serien, Sport) und der Bereich der Off-air-Events wie z.B. Konzerte und andere Veranstaltungen. Besonders dramatisch trifft es die lokalen und regionalen Medienangebote, deren Einnahmen teilweise schon heute existenzbedrohend eingebrochen sind.“ Die beiden großen Sendergruppen haben dennoch den betroffenen Produktionsfirmen Soforthilfen und die teilweise Übernahme von zusätzlichen Kosten zugesagt.

medienpolitik.net: Herr Demmel, was leistet der private Rundfunk in der gegenwärtigen Corona-Krise?

Demmel: Er informiert umfassend – in seinen zwei privaten Nachrichtensendern – die im Übrigen ihre Marktanteile in den vergangenen Wochen verdoppelt bzw. verdreifacht haben- rund um die Uhr, in den großen Hauptprogrammen mit umfassenden, teilweise täglichen Informations-Sondersendungen und -formaten zur besten Sendezeit sowie in den Regionen mit seinen privaten TV- und Radiosendern. Zudem bietet er mit allen Sendern einschließlich der Pay-TV- und Spartenangebote ein umfassendes Unterhaltungsangebot für alle die, die nun mehr Zeit zu Hause verbringen. Damit entsprechen auch die Privaten dem deutlich gestiegenen Informationsbedürfnis der Menschen in der Corona-Krise, der insgesamt, bei öffentlich-rechtlichen wie den Privaten, zu einer deutlich höheren Mediennutzung führt.

medienpolitik.net: Sehen Sie eine Art Arbeitsteilung mit den öffentlich-rechtlichen Sendern, die vor allem informieren und den Privaten, die vor allem unterhalten?

Demmel: Wenn Sie diese Frage so stellen, können Sie nicht nur in den letzten Wochen die privaten Sender nicht eingeschaltet haben. Sie informieren täglich und umfassend, zeigen Hintergründe zur aktuellen Krise auf und informieren und geben Rat. Für die Information der Bevölkerung leisten die privaten Sender einen gleichwertigen Beitrag wie die öffentlich-rechtlichen zu Erreichung der verschiedenen Zielgruppen, bei den Privaten insbesondere der Jüngeren.

medienpolitik.net: Die Reichweitenzahlen bei den Öffentlich-rechtlichen steigen bei linearen und Online-Angeboten, der öffentlich-rechtliche Rundfunk deckt anscheinend alles ab – zumindest ist das der Eindruck aus Veröffentlichungen der letzten Tage…Verliert der private Rundfunk an Bedeutung?

Demmel: Die Frage verkennt vollkommen die aktuelle Marktsituation und ich muss mich in aller Form dagegen verwehren, dass die Funktion des privaten Rundfunks in dieser Form in Frage gestellt wird. Nur, um das mit einer aktuellen Momentaufnahme der Marktanteile aus der vergangenen Woche zu verdeutlichen: Am Montag letzter Woche lagen bei den 14- bis 49-Jährigen RTL (11,6 %) und ProSieben (9,5%) deutlich vor der ARD (7,2%), danach folgten, in dieser Reihenfolge, Sat.1 (6,9%), VOX (6,5%) und das ZDF (6,1%). Auch bei den Nachrichtenreichweiten bewegen sich die Marktanteile der Öffentlich-Rechtlichen und Privaten in der gleichen Zielgruppe auf Augenhöhe: RTL aktuell hatte einen Marktanteil von 21,4%, die Tagesschau von 20,8%.

medienpolitik.net: Können Sie auch noch etwas zum privaten Hörfunk sagen: Wie bewerten Sie die Rolle der zahlreichen privaten Hörfunkanbieter gegenwärtig?

Demmel: Die privaten Radioanbieter in den Regionen genießen ein besonders hohes Vertrauen und spielen so in der aktuellen Krise eine wichtige Rolle für die Bevölkerung, um sich über die Situation vor Ort zu informieren. Gerade sie aber leiden besonders unter den aktuellen Folgen der Krise mit Rückgängen der Werbeumsätze in einem teilweise existenzbedrohenden Umfang.

medienpolitik.net: Verschärfen VoD-Angebote globaler Unternehmen noch die Situation für die privaten TV-Sender?

Demmel: Der Markt für audiovisuelle Angebote wächst insgesamt: Die lineare Nutzung liegt konstant auf einem sehr hohen Niveau, die Onlinenutzung wächst auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau sehr dynamisch. Da praktisch alle linearen TV-Anbieter auch mit eigenen Streamingangeboten im Markt sind, etwa mit Joyn TVNOW oder Sky, profitieren sie unter dem Strich von dieser positiven Entwicklung. Auch der VAUNET versteht sich nicht als Vertreter der linearen Sender, sondern ist schon lange die Interessensvertretung der konvergenten audiovisuellen Inhalteanbieter in Deutschland.

„Die Mitarbeitenden von Sendern wie Journalistinnen und Journalisten, Redakteure, Sendertechnik sowie von Produktionsdienstleistern müssen einheitlich in die Liste der systemrelevanten Berufsgruppen aufgenommen werden.“

medienpolitik.net: Sie sagten es gerade, dass die Werbeumsätze wegbrechen. Wie ist die wirtschaftliche Situation der privaten Veranstalter?

Demmel: Betroffen ist grundsätzlich nicht nur das Werbe-, sondern ebenso das Abonnenten- und Produktionsgeschäft (z. B. Filme, Serien, Sport) und der Bereich der Off-air-Events wie z. B. Konzerte und andere Veranstaltungen. Besonders dramatisch trifft es die lokalen und regionalen Medienangebote, deren Einnahmen teilweise schon heute existenzbedrohend eingebrochen sind.

medienpolitik.net: Werden sinkende Umsätze Konsequenzen für das Programm haben? Werden damit weniger Aufträge an Produzenten vergeben?

Demmel: Aktuell sind alle Fragen zu den langfristigen Auswirkungen der Krise Spekulation, da noch niemand abschätzen kann, wie lange sie andauert und welche nachhaltigen Auswirkungen sie letztlich hat. Aktuell sind die Rückgänge in der Produktion nicht der Auftragslage geschuldet, sondern den Corona-bedingten Einschränkungen in der Produktion. in der letzten Woche hat die Mediengruppe RTL Deutschland einen runden Tisch mit Vertretern der Fernsehbranche im Mai angekündigt, an dem Lösungen für unter der Corona-Krise leidenden Produktionsfirmen gefunden werden sollen, und finanzielle Sofortmaßnahmen angekündigt. ProSiebenSat.1 hat für seine laufenden Produktionen, die nicht fortgesetzt werden können, für die Produzenten ebenfalls eine Beteiligung an den an den unvermeidbaren Kosten von bis zu über 50 Prozent angekündigt. Und die öffentlich-rechtlichen Sender unterstützen ebenfalls. Insgesamt gibt es in der aktuellen Lage sehr viel Solidarität und Unterstützung für die betroffenen Produzenten.

medienpolitik.net: Welche politischen und wirtschaftlichen Hilfen fordern Sie gegenwärtig für den privaten Rundfunk?

Demmel: Das Hilfspaket für Beschäftigte und Unternehmen des Bundesministeriums der Finanzen und Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie sowie die in Aussicht gestellten Sofortmaßnahmen der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien zur Abfederung der Belastungen durch COVID-19 begrüßt der VAUNET außerordentlich. Zudem werden auch in den jeweiligen Bundesländern Förderungen für die Kultur und Medienanbieter unumgänglich sein. Die landesweiten, regionalen und lokalen Radio-/TV-Sender tragen dort wesentlich zur Unterrichtung über aktuelle Sachstände bei. Wir sind hier sehr dankbar für das Engagement von Kulturstaatsministerin Monika Grütters und Medienstaatssekretärin Heike Raab, die an den Bund appelliert hat, bei den nun anlaufenden Hilfsprogrammen die Bedürfnisse der Radio-, Fernseh- und Presseunternehmen zu berücksichtigen, sie in die Hilfsprogramme einzubeziehen und die zur Umsetzung Gespräche mit den Landesmedienanstalten aufnehmen will. Und auch auf europäischer Ebene gibt es UnterstützerInnen, die sich für uns einsetzen. Alle haben zudem für die Einordnung der Medienunternehmen als systemrelevant in der nationalen Strategie zum Schutz Kritischer Infrastrukturen (KRITIS-Strategie) ihren Beitrag geleistet. Die Mitarbeitenden von Sendern wie Journalistinnen und Journalisten, Redakteure, Sendertechnik sowie von Produktionsdienstleistern müssen flächendeckend und einheitlich in die Liste der systemrelevanten Berufsgruppen aufgenommen werden. Nur so kann der Rundfunk seine Funktion als kritische Infrastruktur erfüllen.

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