„Machen! Nicht nur darüber reden!“

von am 03.03.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Digitale Medien, Internet, Journalismus, Medienwissenschaft, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

„Machen! Nicht nur darüber reden!“
Matthias Montag, Geschäftsführer der Innovations- und Digitalagentur (ida)

MDR und ZDF entwickeln gemeinsam neue digitale journalistische Angebote

03.03.2020. Interview mit Matthias Montag, Geschäftsführer der Innovations- und Digitalagentur (ida)

Die gemeinsame Innovations- und Digitalagentur (ida) von MDR und ZDF soll am 1. April ihre Arbeit aufnehmen. Zum künftigen Angebot von ida gehören unter anderem technische Services und Produkte, Digitales Storytelling, Datenjournalismus sowie Innovations- und Dialogmanagement. Um die entsprechenden Entwicklungsprozesse für die Nutzerinnen und Nutzer weiter konsequent voranzutreiben, setzen MDR und ZDF Digital mit der neuen Agentur auf die Bündelung von Ressourcen und Kompetenzen. Zunächst sollen 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Leipzig tätig sein. Im Herbst dieses Jahres wird darüber hinaus ein Standort in Erfurt eröffnet, in dem digitale Angebote für Kinder im Fokus stehen. Nach Ansicht von Matthias Montag, ida-Geschäftsführer geht es im Wettbewerb um Aufmerksamkeit vor allem darum, „mit vielfältigen qualitativ hochwertigen Inhalten die Menschen zu erreichen“. Dazu müssten vor allem die unterschiedlichen Angebote für digitalen Journalismus: von Audio über Daten, von interaktiven Formaten, über Live-Video bis hin zu Virtual- oder Augmented Reality ausgebaut werden.

medienpolitik.net: Herr Montag, „Innovation“ ist eines der meist gebrauchten Begriffe im Zusammenhang mit der digitalen Transformation. Was ist für Sie eine Innovation, bezogen auf die elektronischen Medien?

Montag: In der Tat – ein Begriff, der fast schon inflationär benutzt wird. Warum nennen wir uns also trotzdem Innovations- und Digitalagentur (ida)? Der Begriff und die Verankerung im Namen soll vor allem Motivation sein: neu zu denken, neue Wege zu gehen und nicht auf halber Strecke stehen zu bleiben… Im Kontext der Medien bedeutet dies vor allem, Ansätze zu finden, um qualitative Inhalte auf unterschiedlichen Wegen (z. B. durch hervorragende Anwendungen oder Angebote) zu den Nutzern zu bringen.

medienpolitik.net: Sie waren bisher Mitglied des Digitalboards des MDR. Wie innovativ ist der MDR als Medienhaus?

Montag: Der MDR ist seit über fünf Jahren konsequent auf dem Weg zu einem digitalen Medienhaus und das erfolgreich – vielleicht einige Beispiele: die digitalen Angebote des MDR haben 2019 so viele Nutzerinnen und Nutzer wie nie zuvor erreicht. Wir haben eine crossmediale Planung und unser Channel in der ARD-Mediathek ist einer der erfolgreichsten. Wir fokussieren Entwicklungen auf die Nutzer – mit Hilfe eines UserLab – und fördern kreative Ideen aus dem gesamten Haus. Allerdings merken wir, dass wir weiter Geschwindigkeit aufnehmen müssen und Partner brauchen. Wir wollen unsere Messlatten weiter „hoch legen“ und nicht zufrieden sein. Deshalb ist die Gründung von ida ein konsequenter, weiterer Schritt, um in unserem tiefgreifenden Veränderungsprozess eine nächste „Stufe zu zünden“.

medienpolitik.net: Was muss geschehen, damit der öffentlich-rechtliche Rundfunk innovativer sein kann?

Montag: Wir müssen kontinuierlich das  Bewusstsein für den Veränderungsprozess fördern und konkrete Ideen umsetzen. Machen! Nicht nur darüber reden! Eine wesentliche Voraussetzung für Innovationen ist außerdem eine offene Lernkultur und die Entfachung von Begeisterung. Und nicht zuletzt muss man ständig kommunizieren, die Menschen mitnehmen und ständig an unseren digitalen Kompetenzen arbeiten.

medienpolitik.net: Welchen Beitrag kann dazu die neue Digitalagentur ida leisten?

Montag: Indem die Agentur stetig sehr konkrete Impulse liefert –  proaktiv und nicht im Ungefähren, sondern konkret und nah an der Praxis. Also: weniger „Powerpoint“, mehr „Power“. Sie wird sowohl technische, als auch inhaltliche Lösungen anbieten, die den Nutzererwartungen entsprechen. Und das in einem Klima, in dem Ideen reifen können und man nicht über „Fehler“, sondern „Lernerfolge“ spricht.

medienpolitik.net: Was wird Ihr erstes Projekt sein?

Montag: Wir werden z.B. die Nutzerforschung („UserLab“) umsetzen, Know-how-Transfer für laufende Innovationsprozesse sicherstellen und dem MDR die „Reporter App“ für eine smarte Videoproduktion anbieten.

medienpolitik.net: Viele prognostizieren angesichts der VoD-Plattformen und sozialen Netzwerke, dass die klassischen „Rundfunkanstalten“ auf einem absterbenden Ast säßen. Sind Ihnen die globalen Player nicht längst meilenweit enteilt?

Montag: Die Video on Demand-Nutzung ist nur eine Facette der digitalen Transformationsprozesse. Und ja, hier sind uns viele Player voraus – ein Grund, warum der MDR auch auf eine starke ARD-Mediathek setzt. Aber es geht ja um weit mehr, als nur die Video-Nutzung. Wir haben ungeheuer vielfältige Inhalte-Angebote für digitalen Journalismus: von Audio über Daten, von interaktiven Formaten, über Live-Video bis hin zu Virtual- oder Augmented reality. Es geht darum, mit vielfältigen qualitativ hochwertigen Inhalten die Menschen zu erreichen. Die Chance, die vielfältige Gesellschaft abzubilden und die Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen, war noch nie so groß wie in der digitalen Welt.

medienpolitik.net: Ida ist eine Gründung von MDR und ZDF. Welche Erfahrungen bringt der MDR, welche das ZDF ein?

Montag: Das ZDF hat mit ZDF Digital schon viel Erfahrung mit digitalen Veränderungen gesammelt. Davon kann der MDR profitieren. Dort beschäftigt man sich zum Beispiel schon mit KI-gestützter Inhalteplanung oder der Verbesserung von der Barrierefreiheit. Der MDR hingegen hat beispielsweise mehr Erfahrung beim Thema „Audio“ oder „Kinderinhalte““

„Die Chance, die vielfältige Gesellschaft abzubilden und die Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen, war noch nie so groß wie in der digitalen Welt.“

medienpolitik.net: Warum gibt es eigentlich eine solche Agentur nicht für die ganze ARD?

Montag: MDR und ZDF gehen diesen Schritt jetzt hier in Leipzig und Erfurt gemeinsam, aber jeder kann bei Bedarf Beratungen oder Produkte beauftragen. ida ist also offen für alle.

medienpolitik.net: Sie wollen ein „attraktiver Ort für Talente“ sein. Talente im digitalen Bereich suchen gegenwärtig alle Medien. Was können Sie Talenten bieten?

Montag: Zunächst einen hochattraktiven Standort. Leipzig ist eine fantastische Stadt. Eine berufliche Heimat mit einer modernen Unternehmenskultur und vielschichtigen Arbeitswelten. Und anspruchsvolle, wirksame Projekte – unter anderem für interessante Unternehmen wie MDR und ZDF.

medienpolitik.net: Ein zweiter Standort von ida soll mit Blick auf den KiKA in Erfurt entstehen, wo Sie die digitalen Angebote verantwortet haben. Welche Ideen und Überlegungen haben Sie für Kinder-Angebote?

Montag: Auch der KiKA befindet sich mitten in einem digitalen Transformationsprozess. Dabei möchten wir ihm einerseits einen – auch örtlich nahen – Partner zur Seite stellen, um Ideen aufzugreifen und zu unterstützen. Zum Anderen glauben wir, dass es insgesamt in dem Spannungsfeld zwischen Technologie und Inhalt für Kinder noch viel zu entdecken und zu entwickeln gibt. Denken Sie nur etwa an digitale Bildung oder Medienkompetenz. Hier stecken inhaltliche Chancen – gerade für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

medienpolitik.net: Nach der aktuellen EU-Kids-Online-Studie nutzt die Mehrheit der europäischen Kinder und Jugendlichen im Alter von 9 bis 16 Jahren ihr Smartphone „täglich“ oder „fast ständig“. Was bedeutet das in der Konsequenz für Angebote für diese Altersgruppe?

Montag: … dass wir Kindern auch auf diesen Endgeräten sehr gute Angebote machen müssen, um sie zu erreichen. Sowohl inhaltlich, als auch technisch. Vielleicht ein Inhalteformat in Hochkant (-video) oder eine Applikation, die so cool ist, dass sie die Kinder auf ihrem Smartphone haben wollen. Am Besten in einer Kombination aus Inhalt und Technologie. Wir lernen stetig, was und wie Kinder Medien nutzen – und das müssen wir adaptieren und weiterdenken und –entwickeln. Der KiKA hat das ja zum Beispiel mit der „KiKANiNCHEN-App“ schon mal prima geschafft.

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