Polarisierung beim Medienvertrauen nimmt zu

von am 04.03.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Gesellschaftspolitik, Journalismus, Medienkompetenz, Medienwirtschaft, Verlage

Polarisierung beim Medienvertrauen nimmt zu

04.03.2020. Langzeitstudie der Uni Mainz: 28 Prozent der Deutschen äußern grundsätzliches Misstrauen gegenüber Berichterstattung

Der Vorwurf bleibt, aber der Widerspruch gegen den „Lügenpresse“-Vorwurf steigt. Ob es an den Medien selbst oder an den Mediennutzern selbst liegt? Rund 28 Prozent der Bundesbürger äußern aktuell ein grundsätzliches Misstrauen gegen die Berichterstattung etablierter Medien. Das zeigen die Zahlen der am Dienstag veröffentlichten Langzeitstudie „Medienvertrauen“ der Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität. Dabei ist Anteil der skeptisch eingestellten Menschen 2019 im Vergleich zu 2018 um sechs Prozentpunkte angestiegen, 2017 hatte der Wert bei 17 Prozent gelegen. Auf der anderen Seite vertrauen 43 Prozent der Deutschen grundsätzlich bei wichtigen Themen. 2018 wurden 44 Prozent ermittelt, im Jahr davor 42 Prozent.

Die Langzeitstudie, durchgeführt seit 2008, zeigt dabei: Das Medienvertrauen ist über die Jahre stark gewachsen, umgekehrt hat das Medienmisstrauen deutlich zugelegt. Medien polarisieren mehr denn je, zugleich sehen sich weitaus mehr Menschen herausgefordert, Position zu beziehen. Die Gruppe derjenigen, die beim Vertrauen eine mittlere Position einnehmen („teils, teils“) ist von 63 Prozent in 2008 auf den Tiefstwert von 29 Prozent gesunken. So polarisiert sich die deutsche Gesellschaft allgemein zeigt, so sehr gehen mittlerweile die positiven/negativen Einstellungen gegenüber den etablierten Medien auseinander.

„Bevölkerung wird systematisch belogen“

Die Forscher der Uni Mainz haben auch spezielle Einstellungen abgefragt. Insgesamt stimmen 18 Prozent der Bevölkerung der Aussage „Die Bevölkerung in Deutschland wird von den Medien systematisch belogen“ zu. 2018 waren es 16 Prozent, 2016 19 Prozent. In der neuen Umfrage weisen jedoch 58 Prozent den „Lügenpresse“-Vorwurf zurück – dies ist der bisher höchste gemessene Wert in der Langzeitstudie Medienvertrauen“. Ein Jahr zuvor waren es 51 Prozent, 2016 nur 44 Prozent. Die Zahl der Menschen, die sich nicht auf eine Seite festlegen, ist kontinuierlich gesunken und liegt nun bei 22 Prozent (2016 waren es 36 Prozent), heißt es in der Studie.

Eine vergleichbare Polarisierung wie beim „Lügenpresse“-Vorwurf zeigt sich bei anderen Aussagen. So bejahen 23 Prozent die Aussage „Die Medien arbeiten mit der Politik Hand in Hand, um die Meinung der Bevölkerung zu manipulieren“. 53 Prozent verneinen diesen Vorwurf. Im Jahr 2016 lag die Zustimmung bei 27 Prozent, die Ablehnung bei 40 Prozent. Insgesamt weisen aktuell mehr Menschen als in den vergangenen Jahren Aussagen zurück, die den Medien absichtliche Manipulation und systematische Lüge vorwerfen.

Öffentlich-Rechtliches Medien genießen noch am meisten Vertrauen

Unter allen Medien genießen das öffentlich-rechtliche Fernsehen und regionale Zeitungen nach wie vor das höchste Vertrauen bei den Deutschen, wie es weiter hieß. Beim Fernsehen liegt der Wert bei 67 Prozent, ein Jahr zuvor waren es 65 Prozent. Die Regionalzeitungen kommen auf 65 Prozent, 2018 waren es 63 Prozent. Überregionale Zeitungen werden von 55 Prozent der Befragten als vertrauenswürdig eingeschätzt (2018: 49 Prozent). Privatfernsehen kommt auf 26 Prozent und Nachrichten aus sozialen Netzwerken auf zehn Prozent. Am geringsten ist das Vertrauen der Deutschen in Boulevardzeitungen (sieben Prozent).

Am meisten Kritik vom rechten Rand

„Wie in den Vorjahren legen die Befunde nahe, dass das Vertrauen in die etablierten Medien im Zuge der,Lügenpresse‘-Debatte keineswegs in großem Stil erodiert ist. Dennoch hat sich ein relevanter Kern an Kritikern herausgebildet, der die etablierten Medien pauschal verurteilt“, heißt es im Fazit der Studie. Dieser Kern sei zuletzt angewachsen, bei einer insgesamt seit Jahren zunehmenden Polarisierung, die sich klar in den Daten niederschlage. Menschen, die gegenüber den etablierten Medien zynisch eingestellt sind, finden sich demnach überdurchschnittlich häufig am rechten Rand des politischen Spektrums. Sie sind formal niedriger gebildet, deutlich politikverdrossener und sie haben Angst, dass sich ihre wirtschaftliche Situation in der Zukunft verschlechtern wird. Darüber hinaus zeigt sich anhand der erhobenen Zahlen, dass die etablierten Medien vor allem von denjenigen Bürgern pauschal verurteilt werden, die häufig alternative Nachrichtenquellen im Social Web konsumieren und regelmäßig Nutzerkommentare auf den Seiten der etablierten Medien schreiben.

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