„Revolutionen sehen anders aus“

von am 10.03.2020 in Aktuelle Top Themen, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Medienförderung, Medienwirtschaft

„Revolutionen sehen anders aus“
Helge Albers, Geschäftsführer der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein (FFHSH)

Kontroverse Diskussion, wie der deutsche Film besser werden kann

10.03.2020. Interview mit Helge Albers, Geschäftsführer der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein (FFHSH)

Das Drama „Es gibt kein Böses“ des im Iran festgehaltenen Wahlhamburgers Mohammad Rasoulof wurde bei der Berlinale mit dem Goldenen Bären gekürt. Der Film wurde von der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein gefördert. In „Es gibt kein Böses“ geht der Regisseur in vier Episoden der Frage nach, inwieweit Menschen in einer autoritären Herrschaft für ihr Handeln selbst verantwortlich sind, ganz gleich, was sie anderen antun. Deutscher Produzent ist die Hamburger Cosmopol Film. Insgesamt war Hamburg mit 18 geförderten Filmen bei der 70. Berlinale vertreten. Wie Helge Albers, Geschäftsführer der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein gegenüber medienpolitik.net betont, sei der aktuelle Ruf nach einer Verknappung deutscher Filme in Zeiten der Plattformökonomie, fragmentierter Finanzierungsmärkte und digitaler Herstellungs- und Auswertungsmöglichkeiten eher rückwärtsgewandt. Aktuell verdienen die meisten Produzenten erst in der Produktionsphase ihr Geld. Das führe dazu, dass viele aus wirtschaftlichen Zwängen heraus zu früh anfangen müssen, ihre Filme produzieren. Die FFHSH will die Antragssteller in die Lage versetzen, ihre Stoffe auszuentwickeln – oder, wenn nötig, auch die Entscheidung zu treffen, Stoffe fallen zu lassen.

medienpolitik.net: Herr Albers, Sie haben für dieses Jahr 16 Millionen Euro Jahresbudget. Was wollen Sie damit vor allem fördern?

Albers: Bei uns steht weiterhin der Kinofilm im Vordergrund – in allen Facetten von der Arthouse-Perle bis zum großen Blockbuster. Neu hinzu kommt, dass die Stadt Hamburg uns seit 2019/2020 nun jährlich eine Million Euro für die Förderung von High-End-Serien zur Verfügung stellt. Das ist ein tolles Signal für den Standort. Bei der Serienförderung werden wir uns auf die Entwicklung der Stoffe konzentrieren. Damit setzen wir einerseits die Mittel effizient ein und geben andererseits in der Hoch-Risiko-Phase unseren Produzenten die notwendige Rückendeckung. Seit diesem Jahr zahlt auch die in Hamburg ansässige Warner Bros. in unseren Fördertopf ein. Das eigens dafür geschaffene Gremium „Nordbuster“ kann jährlich eine Million Euro für Drehbuch- und Produktionsförderung vergeben. Gefördert werden Projekte mit einem besonderen Publikumsinteresse und einer starken Verankerung in unserer Region. Ein Viertel dieser Summe kommt zudem dem Nachwuchs zugute, um die Talententwicklung am Standort zu stärken. Darüber freuen wir uns sehr. Und last but not least: Ab April können wir nun auch innovative Formate unterstützen – von der VR-Experience bis zur Webserie.

medienpolitik.net: Wie wird der Standort Hamburg/Schleswig-Holstein von dem Mehr an Fördermitteln profitieren?

Albers: Einerseits erhoffen wir uns durch die Serienförderung einen erhöhten Werbeeffekt für den Standort. Die Verankerung der Projekte in unserer Region ist uns enorm wichtig. Auch wirtschaftlich kann die Produktion von Serien mit erhöhten Regionaleffekten punkten. Und gleichzeitig sorgen mehr High End-Produktionen auch für eine weitere Professionalisierung unserer Branche.

medienpolitik.net: NRW hat den Fernsehfilm, Berlin den Kinofilm, Baden-Württemberg den Animationsfilm – wodurch zeichnet sich Hamburg-Schleswig-Holstein aus?

Albers: Ganz klar: Durch den Kurzfilm! Mit dem international renommierten Kurzfilmfestival und der Kurzfilmagentur hat sich Hamburg zum Epizentrum der kurzen Form entwickelt. Und mit unserem in Kiel ansässigen Gremium „Kurz und innovativ“ gibt es nun zum ersten Mal in Deutschland einen eigenen Fördertopf für diese Filmform. Wenn man bedenkt, dass immer mehr audiovisuelle Inhalte über das Smartphone konsumiert werden und die Aufmerksamkeitsspanne in der Generation YouTube tendenziell eher sinkt, gehört dem Kurzfilm die Zukunft.

„Hamburg hat sich zum Epizentrum des Kurzfilms entwickelt.“

medienpolitik.net: Ab April ist es möglich, Serienförderung zu beantragen. Hierfür stehen für das Jahr 2020 zusätzlich zwei Millionen Euro an Fördergeldern zur Verfügung. Berlin und NRW fördern schon länger Serien. Womit können Sie punkten, um Serienproduzenten nach Hamburg und Schleswig-Holstein zu holen?

Albers: Hamburg ist ein Ort, an dem schon immer gerne und viel gedreht wurde. In der Kombination mit dem maritim geprägten Schleswig-Holstein und dem Zugang zu Nord- und Ostsee ist unser Standort deutschlandweit einmalig. Dieser Vorteil gilt beim Kinofilm, genauso wie bei den Serien. Zudem haben wir bereits viele Anfragen erhalten. Das war auch ein Grund, warum sich im Herbst einige Hamburger Filmschaffende lautstark für eine Serienförderung in Hamburg und Schleswig-Holstein eingesetzt haben. Unsere Produzenten streben in den Serien-Markt und wir können sie nun endlich auch unterstützen.

medienpolitik.net: Sie sprachen es an, Warner Bros. gibt der FFHSH für einige Jahre jährlich eine Million Euro. Das ist ein Novum. Wie überredet man ein weltweit agierendes Medienunternehmen für die deutsche Filmförderung Geld zu geben?

Albers: Ein Überreden war nicht nötig. Warner Bros. hat von Anfang an ein hohes Interesse gezeigt, ihre Heimförderung auch finanziell zu unterstützen. Gerade die Förderung des Film-Nachwuchses ist für Warner und für uns ein zentraler Baustein dieser Zusammenarbeit. Was dagegen viel Zeit gekostet hat, war die juristische Prüfung. Wenn sich ein Ministerium eines Landes und ein global agierendes Wirtschaftsunternehmen zum ersten Mal gemeinsam an einen Tisch setzen, dann muss ein solcher Vertrag von allen Seiten bis ins kleinste Detail geprüft werden. Dass das ein paar Schleifen benötigt, leuchtet auch Nicht-Juristen ein.

medienpolitik.net: Werden Sie das Unternehmen dafür bei der Förderung besonders unterstützen?

Albers: Warner Bros. darf keine Projekte in unser neues Gremium einreichen. Das ist klar getrennt und juristisch lange geprüft worden. Das dazugehörige Nordbuster-Gremium setzt sich aus drei Personen zusammen, von denen zwei von uns benannt werden. Die dritte Person wird von Warner Bros. gestellt, darf allerdings in keinem direkten Abhängigkeitsverhältnis zur Firma stehen. Ich selbst werde nur eine beratende Funktion haben.

medienpolitik.net: Ab 1. April soll die FFHSH umgebaut werden und es wird eine neue Förderrichtlinie geben. Warum jetzt diese Veränderung?

Albers: Weil die Gesellschaft und die Mediennutzung sich rasant geändert haben und im selben Tempo ändern werden. Mit unseren neuen Richtlinien wollen wir möglichst smart und flexibel auf diesen Wandel reagieren können.

„Revolutionen sehen anders aus, aber Evolution ist besser als Stillstand.“

medienpolitik.net: Was wird sich für die Produzenten vor allem ändern?

Albers: Neben den neuen Gremien wird es auch mehr Einreichtermine geben. Es wird zukünftig möglich sein, sich insgesamt 16 Mal pro Jahr zu bewerben – jedes unserer vier Gremien hat vier Einreichtermine. Und wir entschlacken die Antragsformulare. Unser Ziel ist es, schneller zu entscheiden und die Filmschaffenden schneller zu unterstützen. Außerdem werden wir zehn Prozent unseres Etats für den Bereich Entwicklung bereitstellen und weitere zehn Prozent reservieren wir für die Herausbringung unserer geförderten Filme. Aus unserem Grünen Drehpass, mit dem die FFHSH seit 2012 Pionierarbeit geleistet hat, wird der Grünen Filmpass: Künftig werden wir nicht nur das Drehen, sondern die gesamte Wertschöpfungskette berücksichtigen – vom Drehbuch bis zum Verleih. Für Produktionen, die majoritär deutsch finanziert sind und in Deutschland gedreht werden, wird der Grüne Filmpass verpflichtend. Und wir werden bei der Beurteilung von Förderprojekten in Zukunft vor und hinter der Kamera noch mehr auf Diversität achten – und führen hierfür ab April eine Diversity-Checkliste als Antragsvoraussetzung ein.

medienpolitik.net: Die Branche beklagt, dass zu viele deutsche Filme entstehen und es wird vor allem von Verleihern und Kinobetreibern gefordert, weniger Filme und diese mit höherem Budget zu fördern. Sie waren vor Ihrer Tätigkeit bei der FFHSH Geschäftsführer und Produzent bei der „achtung panda! Media GmbH“. Können Sie diese Überlegungen mittragen?

Albers: Der Ruf nach Verknappung scheint mir in Zeiten der Plattformökonomie, fragmentierter Finanzierungsmärkte und digitaler Herstellungs- und Auswertungsmöglichkeiten eher rückwärtsgewandt – so sehr ich ihn nachvollziehen kann und mich auch hin und wieder in die Zeiten zurücksehne, als die Startpläne am Donnerstag noch überschaubar waren. Die Geschäftsmodelle der Produzenten liegen in der Herstellung von Filmen. Jeder Film der hergestellt wurde, wird – in welcher Herausbringungsgröße auch immer- auch auf den Markt kommen. Wenn man hier korrigieren möchte, muss also systemisch schon vor der Herstellung angesetzt werden.

„Die Geschäftsmodelle der Produzenten liegen in der Herstellung von Filmen.“

medienpolitik.net: Also mehr Geld für die Entwicklung von Drehbüchern, mehr Geld für die Herausbringung der Filme…

Albers: Aktuell verdienen die meisten Produzenten erst in der Produktionsphase ihr Geld. Das führt dazu, dass viele aus wirtschaftlichen Zwängen heraus zu früh anfangen müssen, ihre Filme produzieren. Wir wollen unsere Antragssteller*innen in die Lage versetzen, ihre Stoffe wirklich auszuentwickeln – oder, wenn nötig, auch die Entscheidung zu treffen, Stoffe fallen zu lassen. Ich bin mir sicher, dass das die Qualität der Filme am Markt verbessern wird.

medienpolitik.net: Wie lassen sich die verschiedenen Wünsche aus der Branche unter einen Hut bringen: Auf der einen Seite den Vertrieb, die Drehbücher, der Budgets für Filme zu erhöhen und auch die Ausstattung der Kinos mehr zu fördern – bei gleichzeitigem Rückgang der FFA-Mittel und rückläufiger Beteiligung der TV-Sender an Kinoproduktionen – und der Forderung der Produzenten, beim Produktionsbereich nichts zu reduzieren?

Albers: Einerseits sind die Stellschrauben, die im Moment im Fokus stehen, ja im Koalitionspapier bereits benannt worden. Revolutionen sehen anders aus, aber Evolution ist besser als Stillstand. Gleichzeitig ist es wichtig, das Mittelaufkommen für die FFA im Blick zu behalten. Aus meiner Sicht findet es zu wenig Beachtung, dass viele der neuen Player von einer Filmwirtschaft profitieren, die über Jahrzehnte durch die Filmabgabe und Steuermittel entwickelt wurde. Hier ist ein fairer Ausgleich notwendig. Auch die genaue Ausgestaltung der 30 Prozent-Regelung der AVMD-Richtlinie der EU scheint mir in diesem Zusammenhang sehr wichtig.

medienpolitik.net: Was ist Ihre wichtigste Erwartung an die Novellierung des FFG?

Albers: Einer Branche, die so starken Dynamiken unterworfen ist, muss ein extrem flexibles Regelwerk zu Grunde liegen. Also soviel Bürokratie wie nötig, aber vor allem soviel Flexibilität wie möglich.

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