„Bei uns wird nicht zugespitzt sondern zugehört“

von am 15.04.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Digitale Medien, Journalismus, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk, Social Media

„Bei uns wird nicht zugespitzt sondern zugehört“
Michaela Kolster und Eva Lindenau, PHOENIX-Programmgeschäftsführerinnen

PHOENIX-Videos wurden im 1. Quartal auf YouTube rund 19 Millionen Mal aufgerufen

15.04.2020. Interview mit Michaela Kolster und Eva Lindenau, PHOENIX-Programmgeschäftsführerinnen

„Die Zuschauer können sich somit bei PHOENIX einen eigenen, sehr authentischen Eindruck des Krisenmanagements der Bundesregierung und der Länder verschaffen“, beschreibt Eva Lindenau, PHOENIX-Programmgeschäftsführerin, die gegenwärtig wichtigste Funktion des Ereignis- und Dokumentationskanals von ARD und ZDF. Dazu wurden und werden weiterhin alle wichtigen Pressekonferenzen der Bundes- und Landesregierungen sowie des Robert-Koch-Instituts (RKI) zur Corona-Krise live oder leicht zeitversetzt gezeigt. Dazu kommen die Pressestatements der Bundesminister und Ministerpräsidenten. Die Ereignisse würden jedoch nie für sich allein stehen, sondern vertieft und ergänzt werden, durch Hintergrundinformationen in Dokumentationen und Reportagen, durch Analysen, Interviews, Expertenmeinungen im Studio sowie durch Diskussions- und Gesprächssendungen, erläutert Michaela Kolster. Insgesamt erreichte der Sender im 1. Quartal einen Zugewinn von 400.000 Zuschauern täglich. In den sozialen Netzwerken haben insbesondere die Live-Videos der Pressekonferenzen einen hohen Zuspruch.

medienpolitik.net: Viele TV-Sender haben während der Corona-Krise ihre Informationsangebote stark ausgebaut. Wie sieht PHOENIX seine Aufgabe in dieser Zeit?

Lindenau: Unser Auftrag ist es, das ganze Bild zu zeigen. Das gilt natürlich auch in Krisenzeiten wie diesen. Konkret bedeutet das: Wir zeigen die Pressebriefings des Robert-Koch-Instituts (RKI) zur Entwicklung der Pandemie in der Regel in voller Länge, ebenso die Regierungspressekonferenzen in der Bundespressekonferenz oder die Pressestatements der Bundesminister und Ministerpräsidenten, die wir ebenfalls in voller Länge abbilden. Die Zuschauer können sich somit bei PHOENIX einen eigenen, sehr authentischen Eindruck des Krisenmanagements der Bundesregierung und der Länder verschaffen. Wie genau lautete die Antwort des Ministers auf die Frage nach fehlenden Schutzmaterialien? Welche Worte hat die Kanzlerin in ihrer Ansprache genau gewählt? PHOENIX steht für das Erleben aller relevanten Pressekonferenzen, Debatten und Erklärungen in Echtzeit und dieser ungekürzte und unverfälschte Gesamteindruck ist gerade in Krisenzeiten extrem wichtig: Die Menschen können sich ihr eigenes Bild machen, sie verpassen nichts, verfolgen Reden in ganzer Länge. Das hilft auch, Fakenews und Verschwörungstheorien entgegenzuwirken.

medienpolitik.net: Was erfährt der Zuschauer oder Nutzer bei PHOENIX, das er bei anderen Sendern nicht erfährt?

Kolster: Über unsere umfassende Live-Berichterstattung hinaus, liefert PHOENIX zusätzlich Vertiefung und Einordnung. Das heißt, ein Ereignis steht nie für sich allein, sondern wird vertieft und ergänzt durch Hintergrundinformationen in Dokumentationen und Reportagen, durch Analysen, Interviews, Expertenmeinungen im Studio sowie durch Diskussions- und Gesprächssendungen. Insbesondere unsere Gesprächsformate mit Politikern, Experten und Journalisten bieten den Zuschauern die Möglichkeit, die vielen, teilweise widersprüchlichen Informationen zu einem Thema zu verstehen, zu gewichten, einzuordnen und sich eine eigene Meinung zu bilden. Unser Ziel ist es, mit unseren Talk-Formaten eine sachliche und fundierte Einordnung zu bieten sowie die Zuschauer zur Meinungsbildung zu befähigen.

„Wir können von fast jedem Winkel der Welt einen Korrespondenten live ins Programm nehmen.“

medienpolitik.net: Wo und wie kann PHOENIX in diesen Tagen seine Stärken ausspielen?

Lindenau: Ein weiteres wichtiges Alleinstellungsmerkmal ist natürlich der Zugriff auf das große Korrespondentennetz – und zwar auf das von ARD und ZDF – sowie der Zugriff auf den großen Programmstock an sehr aktuellen Reportagen, Magazin-Beiträgen und Dokumentationen der Mutterhäuser. Dieser Vorteil ist in der Corona-Krise gerade sehr deutlich sichtbar: Wir können von fast jedem Winkel der Welt einen Korrespondenten live ins Programm nehmen, und gerade in der Corona-Krise kamen unsere Rundum-Schalten in mehrere Länder gut an, in denen die Kollegen uns kurze, schnelle Berichte zu der Situation in ihrem Berichtsgebiet geschickt haben. Dazu können PHOENIX-Zuschauer auch die entscheidenden Konferenzen und Erklärungen aus unseren Nachbarländern verfolgen und können sich damit von der Situation in Italien und Spanien einen eigenen Eindruck machen. Als kleiner flexibler Sender sind wir in der Lage, schnell auch auf kurzfristig angekündigte Pressekonferenzen zu reagieren.

medienpolitik.net: Wie haben sich die Reichweiten in den vergangenen 14 Tagen entwickelt?

Kolster: Die Reichweite von PHOENIX hat sich sehr positiv entwickelt, übrigens nicht nur in den vergangenen 14 Tagen. Im gesamten ersten Quartal 2020 hatten wir gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum deutlich mehr Zuschauer. In diesem Jahr haben wir bisher einen durchschnittlichen Marktanteil von 1,1 Prozent, im Vorjahreszeitraum waren es 0,9 Prozent. In Zuschauerzahlen ausgedrückt, heißt das: Im ersten Quartal hatte PHOENIX durchschnittlich pro Tag 4,44 Millionen Seher gegenüber 4,03 Mio. Seher im Vorjahr – also ein Zuwachs von zehn Prozent. Und wie gesagt, das ging schon vor Corona los. Das Jahr war ja auch schon vor Corona sehr bewegt, denken Sie nur an den angekündigten Rückzug von Annegret Kamp-Karrenbauer vom CDU-Vorsitz, an die Ministerpräsidentenwahlen in Thüringen, der Anschlag in Hanau – das alles haben viele Menschen bei uns im Programm verfolgt.

medienpolitik.net: Wo verzeichneten Sie besonders viele Zuschauer?

Lindenau: Die meisten Zuschauer hatten wir im ersten Quartal mit der Live-Übertragung von Merkels Pressekonferenz am 22. März nach ihrem ersten Corona-Krisentreffen mit den Ministerpräsidenten; die haben an einem Sonntagabend 660.000 Zuschauer bei uns live verfolgt. Auf dem zweiten Platz der TopTen steht die zweite Wahl des thüringischen Ministerpräsidenten am 4. März mit in der Spitze 530.000 Live-Zuschauern. Die Folgeplätze belegen diverse Pressekonferenzen mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und Professor Wieler vom RKI zu Corona. Einen historischen Erfolg haben wir übrigens am 1. März mit dem internationalen frühschoppen zum Thema „Wie geht’s weiter mit der CDU?“ gefeiert: Insgesamt hatten sich erstmals mehr als eine Million Seher zugeschaltet, Marktanteil 4,5 Prozent.

medienpolitik.net: Sie übertragen viel live. Bleibt noch Platz für Kommentierungen und Hintergrundinformationen?

Kolster: Ja, über einen Mangel an Sendeplätzen können wir uns nicht beklagen. Hinzu kommt, dass wir ein überaus engagiertes und motiviertes Team haben, das sich auch in Zeiten wie diesen für keine Sonderanstrengung zu schade ist. Das gilt für Feste und Freie in Redaktion, Technik, Produktion, Planung, Controlling sowie für die Teams der Online- und der Kommunikationsabteilung. Die letzten Wochen waren wirklich sehr herausfordernd, zumal ein großer Teil der Kolleginnen und Kollegen auch noch von zu Hause arbeitet – mit allen Herausforderungen, die das Home-Office mit sich bringt.

medienpolitik.net: Christian Drosten, der Leiter der Virologie in der Berliner Charité, hat kürzlich gesagt: „Dass wir den politischen Journalismus hier jetzt auch mal ein Stück weit zurückfahren müssen und den Wissenschaftsjournalismus und den inhaltlich gerichteten Journalismus vortreten lassen müssen – in allen Medien.“ Ist das auch Ihre „Richtschnur“ für PHOENIX?

Lindenau: Wir bei PHOENIX stehen immer und nicht nur in Krisenzeiten für Inhalte. Bei uns wird nicht zugespitzt sondern zugehört! Wir sprechen immer mit den Menschen, die zu einem Thema am meisten zu sagen haben und das sind derzeit natürlich vor allem Virologen, Ärzte, Pflegekräfte und Wissenschaftler. Herr Professor Streeck von der Uni-Bonn war bei uns schon sehr früh zu Gast im Studio, als die Epidemie noch weitgehend auf Asien begrenzt war. Auch der Virologe Professor Kekulé aus Halle war bereits am 2. März als erstes bei uns in einer Ausgabe von „unter den linden“ zu sehen. Er hat sich in unserer Sendung als einer der ersten für eine Schließung der Schulen ausgesprochen, was erst mehrere Wochen später von der Politik umgesetzt wurde.

„Für immer mehr User sind wir im Netz mittlerweile eine ebenso verlässliche und seriöse Marke für die Politik- und Ereignisberichterstattung wie im linearen Fernsehen.“

medienpolitik.net: Wie aktiv ist PHOENIX gegenwärtig in den sozialen Netzwerken?

Kolster: Im vergangenen Jahr haben wir unsere Angebote in YouTube und Twitter geschärft und seitdem unsere Reichweite deutlich gesteigert. Für immer mehr User sind wir im Netz mittlerweile eine ebenso verlässliche und seriöse Marke für die Politik- und Ereignisberichterstattung wie im linearen Fernsehen. In YouTube haben wir beispielsweise seit November 2019 die Zahl der Abonnenten um rund 37.000 auf insgesamt 147.000 gesteigert. Allein im ersten Quartal 2020 wurden unsere Videos auf YouTube rund 19 Millionen Mal aufgerufen und insgesamt ca. 140 Millionen Minuten angeschaut. Das ist ein deutlicher Zuwachs gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Insbesondere die Live-Videos der Pressekonferenzen, die wir auch mit Gebärdensprache live in Social Media übertragen, haben einen hohen Zuspruch. Auch in Twitter verzeichnen wir seit der inhaltlichen Neuausrichtung und Profilschärfung im Sommer 2019 einen rasanten Zuwachs an Followern und eine deutliche Steigerung der Reichweite. Vor der Neuausrichtung hatten wir knapp 85.000 Follower, aktuell sind es mehr als 104.000. Im ersten Quartal 2020 haben uns vor allem die Ministerpräsidentenwahl in Thüringen und die Corona-Krise Tausende neue Follower beschert. Darauf wollen wir uns nicht ausruhen. Wir wollen unseren Auftritt im Netz und in den sozialen Medien noch weiter ausbauen und das Profil weiter schärfen.

medienpolitik.net: In den sozialen Medien werden reißerische und oft falsche Informationen über das Coronavirus verbreitet. Was kann PHOENIX dagegen setzen?

Lindenau: Wir zeigen digital wie linear, was wirklich ist. Das beste Mittel gegen falsche Information und reißerische zugespitzte Meldungen ist die Berichterstattung in Echtzeit. PHOENIX steht auch in den sozialen Medien dafür, ungekürzt und unverfälscht Reden, Pressekonferenzen und Debatten zu zeigen. Aus diesem Grund finden Sie zum Beispiel alle Bundestagsdebatten seit unserem Bestehen auf unserem YouTube-Kanal in voller Länge. Ebenso kann jeder User alle Pressebriefings des Robert-Koch-Instituts oder alle Pressekonferenzen von Jens Spahn im Zusammenhang mit der Corona-Krise dort sehen. Das ist unser Verständnis davon, wie wir als Politikplattform und als zentraler Ort der politischen Meinungsbildung im Netz wirken – nämlich indem wir es jedem Interessierten ermöglichen, die politischen Entscheidungsprozesse in diesem Land minutiös nachzuvollziehen.

medienpolitik.net: PHOENIX hat eine relativ kleine Redaktion. Wie bewältigen Sie die zusätzlichen Aufgaben?

Kolster: Wie gesagt, wir sind ein überaus motiviertes Team aus 95 Festen, ähnlich vielen freien Mitarbeitenden und Studenten. Uns allen ist klar, dass dies besondere Zeiten sind und dass wir als öffentlich-rechtliches Informationsprogramm in diesen Zeiten besonders gefordert sind, um die Menschen zu informieren. Gerade in solchen Situationen suchen die Menschen sachliche und verlässliche Informationen, die ohne Übertreibung auskommen. Das ist unser Auftrag und den erfüllen wir.

„Wir müssen im Rahmen unseres Budgets bleiben, dazu ist es gerade in Krisenzeiten wie jetzt wichtig, sich auf das Kerngeschäft zu konzentrieren.“

medienpolitik.net: Wie bleiben Sie trotz zusätzlicher Angebote im Rahmen ihres Budgets?

Lindenau: Wir müssen im Rahmen unseres Budgets bleiben, dazu ist es gerade in Krisenzeiten wie jetzt wichtig, sich auf das Kerngeschäft zu konzentrieren. Wir haben an einigen Stellen mehr Ausgaben als sonst, gleichzeitig mussten wir uns auch intern anders organisieren, um das Ansteckungsrisiko für unser Team zu reduzieren. Es ist noch ein wenig zu früh, um Bilanz zu ziehen, aber selbstverständlich handeln wir mit Blick auf die Beiträge sehr verantwortungsbewusst.

medienpolitik.net: Welche neuen Angebote sind bei PHOENIX jetzt zu finden?

Kolster: Wir haben aktuell unsere barrierefreien Angebote ausgebaut. Zum einen lassen wir wichtige Corona-Pressebriefings der Bundesregierung in der Bundespressekonferenz auf unsere Kosten live in deutsche Gebärdensprache übersetzen. Das gilt auch für die Ansprachen der Bundeskanzlerin und des Bundespräsidenten. Zusätzlich haben wir die Live-Untertitelung ausgebaut, indem wir die Pressekonferenzen des Robert-Koch-Instituts und die Corona-Pressekonferenzen der Bundesregierung untertiteln lassen. Das ist unser Beitrag, um hörgeschädigten Menschen Zugang zu den wichtigen Corona-Informationen zu eröffnen.

medienpolitik.net: Bleibt neben Corona noch Platz für andere Themen?

Lindenau: Ich denke, wir werden mehr und mehr dazu kommen, auch wieder über andere Themen zu berichten. In den vergangenen Wochen hat Corona aber natürlich den Alltag, das Regierungshandeln, die Wirtschaft und unser ganzes Leben dominiert. Am frühen Abend und in der Primetime setzen wir aber bewusst auch auf andere Themen als Corona, weil wir glauben, dass die Zuschauer auch mal eine Auszeit von der Krisen-Berichterstattung brauchen.

Print article