„Die Krise ist eine Hochzeit der lokalen Medien“

von am 15.04.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Dualer Rundfunk, Hörfunk, Journalismus, Lokalfunk, Medienförderung, Medienordnung, Medienwirtschaft, Rundfunk, Werbung

„Die Krise ist eine Hochzeit der lokalen Medien“
Jochen Fasco, Direktor der Thüringer Landesmedienanstalt (TLM)

Lokal-TV-Sender existentiell bedroht – Bürgerradios für den öffentlichen Betrieb geschlossen

16.04.2020. Interview mit Jochen Fasco, Direktor der Thüringer Landesmedienanstalt (TLM)

Die wirtschaftliche Situation der lokalen Zeitungen und Rundfunkanbieter wird durch die Verlängerung der Kontaktbeschränkungen und des weiter geltenden Veranstaltungsverbotes schwieriger. Zum einen sind bis zu 80 Prozent der Werbeumsätze weggefallen und zum anderen fehlen weiterhin Einnahmen aus der Eventvermarktung. Mehrere Medienanstalten haben bei ihren Landesregierungen deshalb finanzielle Hilfe für die privaten Hörfunkanbieter angemahnt. So forderte Siegfried Schneider, Präsident der Bayerischen Zentrale für neue Medien Soforthilfemaßnahmen des Freistaats Bayern, „um die Handlungsfähigkeit der lokalen Redaktionen in Bayern aufrecht zu erhalten.“ Die Sächsische Landesmedienanstalt (SLM) unterstützt das publizistische Wirken der kommerziellen lokalen und regionalen Rundfunkveranstalter durch die Übernahme der Verbreitungskosten aller sächsischen Lokal-TV-Anbieter mit einem aktuellen Bewegtbildangebot zur Krise. Der Direktor der Thüringischen Landesmedienanstalt Jochen Fasco sieht die Aufgabe der Landesmedienanstalt gegenwärtig vor allem darin, weitere Unterstützungsmöglichkeiten für die Veranstalter und ihre wichtige Arbeit für die Gesellschaft zu eröffnen. Ziel sei es, zusätzliche über den von Bund und Land ausgerollten Rettungsschirm hinausgehende Hilfen zur Abfederung der Übertragungskosten zu ermöglichen.

medienpolitik.net: Herr Fasco, wie schätzen Sie die wirtschaftliche Situation bei privaten Rundfunkveranstaltern ein? Wie systemrelevant sind diese Unternehmen in der gegenwärtigen Zeit?

Fasco: Die Krise um COVID-19 zeigt generell, wie systemrelevant Medienanbieter sind, die mit ihrer Berichterstattung und Information, ihren kritischen Nachfragen und Beiträgen zu Themen in der und um die Krise einen wichtigen Beitrag für den Diskurs in der Demokratie liefern. Gerade regionale und lokale Medien beweisen dies aktuell eindringlich. Sie können spezifische Fragen, die sich vor Ort stellen, aufgreifen und den Menschen die politischen Entscheidungen nahebringen, sie aber auch gleichzeitig hinterfragen. Es ist z. B. von besonderer Bedeutung, dass die politisch Verantwortlichen und öffentlichen Stellen (Bürgermeister, Landräte, Polizei usw.) allgemeine und regional besondere Maßnahmen und Regelungen schnell bekannt machen. Die Menschen benötigen täglich genau diese Informationen. Während das Internet oft an seine Grenzen stößt, erreichen die von der Thüringer Landesmedienanstalt (TLM) zugelassenen regionalen und landesweiten privaten Veranstalter über die Rundfunknetze zuverlässig die Menschen vor Ort und selbstredend auch die weniger internetaffinen Zielgruppen bzw. die Gebiete mit schlechter Netzanbindung. Im Zuge des Einfrierens des gesellschaftlichen Lebens kommen auf die lokalen TV-Sender darüber hinaus vielfältigste neue Aufgaben zu – z. B. angefangen bei der Übertragung von Gottesdiensten in das Kabel-TV, von Konzerten oder Vorträgen der Volkshochschule bis hin zu ggf. schulbezogenen Bildungsfernsehangeboten für die Kinder zu Hause.

„Ohne akute Hilfsmaßnahmen könnte man bereits in einigen Wochen mit den ersten Insolvenzen rechnen.“

Die Krise ist eine Hochzeit der Medien, insbesondere der Lokalmedien. Bedauerlich, dass trotz des stark erhöhten Sendebedarfs es den privaten Fernsehmachern schwerfällt, den Sendebetrieb überhaupt aufrecht zu erhalten. Da gibt es einerseits die mit der Corona-Krise verbundenen personellen Probleme (an einen Quarantänefall ist hier noch gar nicht gedacht). Andererseits brechen derzeit die Werbeeinnahmen und Auftragsproduktionen weg und machen die schon immer latent prekäre wirtschaftliche Lage der lokalen Fernsehstationen noch schwieriger. Ohne akute Hilfsmaßnahmen könnte man bereits in einigen Wochen mit den ersten Insolvenzen rechnen. Mittel- und langfristige Hilfe für Lokal-TV ist aktuell Thema in vielen Bundesländern, z. B. auch in Thüringen. Auch für die landesweiten Radios ist die personelle und wirtschaftliche Lage schwierig, wenn wohl auch nicht so existentiell wie beim Thüringer Lokal-TV. Hier höre ich, dass auch bei Hörfunkveranstaltern das Thema Kurzarbeitergeld eine wichtige Rolle spielt. Gerade auch hier sind daher Soforthilfen nötig. Die TLM sieht eine wichtige Aufgabe darin, dass die Bedeutung der Medienanbieter, aber auch ihre wirtschaftlich problematische Situation in Richtung Landesregierung kommuniziert und nach Lösungsmöglichkeiten gesucht wird. Außerdem werden weitere Unterstützungsmöglichkeiten geprüft. Es braucht die Hilfe jetzt – für manchen Rundfunkveranstalter können sonst Unterstützungsangebote zu spät kommen!

medienpolitik.net: Welchen Beitrag leisten Bürgermedien gegenwärtig zur Information?
Mit welchen Schwierigkeiten haben diese gegenwärtig zu kämpfen?

Die sechs Thüringer Bürgerradios in Eisenach, Erfurt, Jena, Nordhausen, Saalfeld und Weimar haben regulär drei Aufgaben umzusetzen: Das sind erstens der offene Zugang für die Bürger zum Radiomachen, zweitens das Umsetzen von Medienbildungsprojekten mit zumeist Kindern und Jugendlichen sowie drittens das Senden lokaler Informationsangebote. Bürgerradios sind Ort der Begegnung und Vernetzung. In Zeiten der Corona-Krise wären diese für ehrenamtliche Medienmacher mit der Gefahr von Infizierung verbunden. Gegenwärtig sind daher die Bürgerradios für den öffentlichen Betrieb geschlossen. Dies bedeutet, dass die ehrenamtlichen Radiomacher momentan nicht aus den Studios senden können und somit ihre Sendungen teilweise zu Hause produzieren. Darüber hinaus finden in den Räumlichkeiten der Sender keine medienpädagogischen Projekte statt. Aufrechterhalten wird dennoch der tagesaktuelle Radiobetrieb, der durch die hauptamtlichen Mitarbeiter realisiert wird. Die Corona/Covid19-Krise spielt in der Berichterstattung eine große Rolle. Per Telefoninterview werden beispielsweise Politiker, Mediziner, Wissenschaftler, Unternehmer, Freiberufler, Lehrer, Geistliche und Bürger zu Themen wie beispielsweise Hilfskredite, social distancing, Hamsterkäufe, Homeoffice oder Nachbarschaftshilfe befragt. Auch lassen sich Besonderheiten im Programm erkennen. Beispielsweise werden Gottesdienste übertragen, Denkaufgaben zum Mitmachen gesendet oder mit Kindern und Jugendlichen gemeinsam Hausaufgaben über das Radio gelöst. Außerdem wird von den Radiohörern auch das Ausstrahlen von Wiederholungen honoriert. Das Eisenacher Wartburg-Radio 96.5 hat – um ein Beispiel zu bringen – aufgrund des Ausfalls des diesjährigen „Sommergewinns“ einen Veranstaltungszusammenschnitt des letzten Jahres gesendet, was von den Eisenacher Bürgern dankbar angenommen wurde. Der gegenwärtige „Notbetrieb“ wird aus jetziger Sicht voraussichtlich bis 26. April 2020 aufrechterhalten.

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