„Eine finanziell am Limit stehende FFA nützt niemandem“

von am 03.04.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Medienförderung, Medienwirtschaft

„Eine finanziell am Limit stehende FFA nützt niemandem“
Peter Dinges, Vorstand der Filmförderungsanstalt (FFA)

FFA befürchtet Ausfall ihrer Fördermittel durch Corona-Shutdown um ein Drittel

03.04.2020. Interview mit Peter Dinges, Vorstand der Filmförderungsanstalt (FFA)

Kinoschließungen, Drehverbote und rechtliche Unsicherheiten haben die Filmwirtschaft zum Stillstand gebracht. In Modellrechnungen haben die Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (SPIO) und ihre Mitgliedsverbände die Folgen eines dreimonatigen Ausfalls kalkuliert. Die langfristigen Umsatzeinbußen der Branche belaufen sich demnach auf zwei Mrd. Euro. 36 Prozent der knapp 80.000 Arbeitsplätze sind gefährdet. Den 6.700 Unternehmen droht eine Insolvenzwelle. Kurzfristig besteht ein Förderbedarf von 563,5 Mio. Euro, um die Krise zu überstehen. Die SPIO und ihre Mitgliedsverbände schlagen daher einen Stabilitätsfonds Filmwirtschaft vor. Wie Peter Dinges in einem medienpolitik.net-Gespräch betont, Müsse es Ziel der Hilfen sein, „den oft kleinen Unternehmen ohne große Reserven zu ermöglichen, diese hoffentlich beschränkte Zeit zu überstehen, ohne zum Insolvenzrichter gehen zu müssen“. Von Art und vor allem auch vom Umfang der notwendigen Mittel her seien hierzu jedoch nur Wirtschafts- und Finanzministerien von Bund und Ländern in der Lage. Wie die gesamte Branche sei auch die FFA vom Corona-Shutdown betroffen. Der gegenwärtige Ausfall von Filmabgabe und Darlehensrückzahlung werde die ohnehin begrenzten Mittel grob geschätzt um ein Drittel verringern.

medienpolitik.net: Herr Dinges, die Filmwirtschaft ist in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage, welche Maßnahmen halten Sie für besonders vordringlich, um die Existenzbedrohung für viele Unternehmen zu reduzieren?

Dinges: Für alle Wirtschaftsbereiche – ja für die ganze Gesellschaft – ist dies eine existenzielle Situation. Das gilt im besonderen Maße auch für die Filmwirtschaft. Ein gemeinschaftliches Kinoerlebnis ist auf unabsehbare Zeit ebenso wenig möglich, wie Filmteams am Set zusammenzubringen oder Festivals und Messen im Ausland zu besuchen. Darunter leidet die ganze Branche. Vordringlich sind daher vor allem schnelle und unbürokratische Liquiditätshilfen und akute finanzielle Entlastungen von Steuern und Abgaben für Produzenten, Verleiher, Vertriebe, Kinos und alle übrigen Unternehmen der Filmwirtschaft. Das gilt auch für ihre Beschäftigten, die oft als Selbständige oder kurzzeitig tätig sind und jetzt vor dem Nichts stehen. Ziel muss es sein, es den oft kleinen Unternehmen ohne große Reserven zu ermöglichen, diese hoffentlich beschränkte Zeit zu überstehen, ohne zum Insolvenzrichter gehen zu müssen. Von Art und vor allem auch vom Umfang der notwendigen Mittel her sind hierzu nur Wirtschafts- und Finanzministerien von Bund und Ländern in der Lage. Ich freue mich und bin dankbar dafür, wie schnell die zuständigen Stellen in Deutschland bereits gehandelt haben. Die verschiedenen Programme – insbesondere auch das erleichterte Kurzarbeitergeld – sind ein Anfang für die Branche, und sicher kann darüber nachgedacht werden, wie diese Programme noch passgenauer auf die Kulturwirtschaft zugeschnitten werden können. In einer solchen Situation sind natürlich auch die Filmförderungen in Bund und Ländern gefragt – keine Frage! Wir sind uns dieser Verantwortung bewusst, und so gab es kein Zögern, uns hier gemeinschaftlich in einen solidarischen Hilfsfonds einzubringen.

medienpolitik.net: Die FFA bildet zusammen mit dem BKM und den Länderförderern einen Hilfsfonds. Welche Summe erwarten Sie für diesen Fonds? Wie hoch wird der Anteil der Länderförderer sein?

Dinges: Zunächst möchte ich sagen, dass ich mich sehr freue, dass sich FFA, Bund und Länder in kürzester Zeit und im allerbesten Einvernehmen geeinigt haben. Es gab kein Zögern, alle haben sofort mitgemacht, niemand hat Partikularinteressen vor das gemeinsame Ziel gestellt, der Krise schnell und lösungsorientiert zu begegnen – gelebte Solidarität in einer Branche, die sonst ja auch von einem deutlichen Wettbewerb geprägt ist. Zu Ihrer Frage: Das Hilfsprogramm hat ein Gesamtvolumen von 15 Mio. Euro, wovon die Länder 8,5 Millionen Euro beisteuern. Das ist das, was wir gemeinsam machen, als ersten Schritt. Darüber hinaus haben einige Förderer auch eigene Maßnahmen, die je nach Zuschnitt und finanziellen Möglichkeiten von den anderen abweichen können und jedenfalls dazukommen. Auch die FFA beschränkt sich längst nicht auf das gemeinsame Hilfsprogramm, das ja nur für gemeinsame Projekte gilt und das die Projekte, für die wir allein zuständig sind, gar nicht umfasst. Kurz gesagt: Das Engagement der Förderer beschränkt sich nicht auf das gemeinsame Hilfsprogramm.

„Solidarität in einer Branche, die sonst ja auch von einem deutlichen Wettbewerb geprägt ist.“

medienpolitik.net: Produktionen werden storniert, alle Kinos sind geschlossen. Die SPIO hat die FFA „als zentrale Brancheninstitution“ aufgerufen, dieser Ausnahmesituation für die Filmwirtschaft gerecht zu werden. Reichen dazu die jetzt beschlossenen Maßnahmen aus?

Dinges: Nur die 15 Millionen Euro aus dem neuen Hilfsprogramm der Bundes- und Länderförderer werden nicht ausreichend sein, aber nochmal: Die beeindruckenden Wirtschaftsprogramme der Bundes- und Landesregierungen stehen natürlich auch der Film- und Kinowirtschaft offen. Die FFA leistet hier ihren Beitrag. Wir haben vorläufig alle Abgabenzahlungen und Darlehensrückzahlungen ausgesetzt. Bei abgebrochenen oder verschobenen Produktionen verlangen wir nicht nur kein Geld zurück, sondern beteiligen uns vielmehr an dem Abbruchs- und Verzögerungsschaden. Entsprechendes gilt für Verleih- und Videovertrieb, und weitere Maßnahmen für andere Bereiche sind in der Prüfung. Auch die Verkürzung von Sperrfristen ist angesichts der geschlossenen Kinos ein Thema, das wir derzeit mit der Branche diskutieren. Eins sollten wir bei allen Forderungen an die FFA nicht vergessen. Wie die gesamte Branche ist ja auch die FFA selbst vom Corona-Shutdown betroffen. Der gegenwärtige Ausfall von Filmabgabe und Darlehensrückzahlung wird unsere ohnehin begrenzten Mittel grob geschätzt um ein Drittel verringern. Gleichzeitig lösen wir alle unsere Reserven auf, um in Zeiten der Not ein solidarischer Partner zu sein. Das hat Folgen. Die FFA muss aber auch „in der Zeit danach“ weiter in der Lage sein, ihrer ureigensten Aufgabe, nämlich der Förderung neuer Projekte, nachzukommen.  Wir müssen also im Blick behalten, dass die FFA auch – und erst recht – nach dieser Corona-Krise ihre Aufgaben erfüllen können muss. Eine finanziell am Limit stehende FFA nützt am Ende niemandem.

medienpolitik.net: Nach welchen Prioritäten hat die FFA Ihre Maßnahmen beschlossen?

Dinges: Mit der Schließung der Kinos erfolgten nahezu gleichzeitig der Herausbringungsstopp der Verleiher und die Absage von Drehs sowie Verschiebung von Produktionen – mit all ihren negativen Folgen. Die Prioritäten waren danach für uns offensichtlich – auch, wenn uns klar war, dass wir dies nicht allein stemmen konnten, d. h. ohne die Kollegen in Bund und Ländern. Bei einer derart dringlichen und schnellen Umsetzung ist man jedoch gehalten, auch die anderen Bereiche der Branche zu überprüfen und ggf. das Maßnahmenpaket nachzubessern. Dies muss ggf. noch geschehen.

„Die FFA muss aber auch „in der Zeit danach“ weiter in der Lage sein, ihrer ureigensten Aufgabe, nämlich der Förderung neuer Projekte, nachzukommen.“

medienpolitik.net: Ruht damit die nächste Zeit die Vergabe von Fördermitteln für neue Produktionen?

Dinges: Nein, sie ruht natürlich nicht. Die Förderung ist unser Kerngeschäft, und heute zugesagte Förderungen sind die Voraussetzung dafür, dass die Branche in der Zeit danach wieder hochfahren kann. Ebenso klar ist, dass Reise- und Kontaktverbote auch für die Mitglieder von Förderkommissionen gelten, abgesehen davon, dass sich die Prioritäten in dieser Zeit für viele Menschen verschoben haben. Während einer in unserer Gesellschaft nie gekannten Pandemie mit all ihren schrecklichen Auswirkungen kann man auch das „Fördergeschäft“ nicht betreiben, als wäre nichts gewesen. Deshalb haben wir einige Sitzungen in drei Bereichen verschoben; sie werden kurzfristig nachgeholt.

medienpolitik.net: Läuft das Kino-Zukunftsprogramm so wie geplant weiter oder wird es umgewidmet?

Dinges: Das Zukunftsprogramm Kino läuft weiter. Ob und wie damit auf die aktuelle Situation reagiert werden kann, ist offen und wird gerade diskutiert. Offen ist allerdings auch, ob Kinos derzeit überhaupt investieren können und wollen. Hier habe ich meine Zweifel.

„Jetzt kopflos eine Online-Verwertung für alle Titel zu fordern, ist genauso wenig sinnvoll wie das starre Festhalten an Sperrfristen, die für diese Situation gar nicht gemacht sind.“

medienpolitik.net: Für den Bereich der Sperrfristenverkürzung sollen die gesetzlichen Möglichkeiten maximal ausgeschöpft werden. Was heißt das konkret, können jetzt geförderte Kinofilme vor einer Kinopremiere – wo nicht klar ist, wann diese stattfindet – in einem TV-Sender oder über eine Plattform verbreitet werden?

Dinges: Die FFA wird keine Sperrfristen für Filme verkürzen oder aufheben, die nach der Krise von den Kinos dringend gebraucht werden. Jetzt kopflos eine Online-Verwertung für alle Titel der nächsten Wochen oder Monate zu fordern, ist genauso wenig sinnvoll wie das starre Festhalten an Sperrfristen, die für diese Situation gar nicht gemacht sind. Wir müssen flexibel reagieren, jeden Einzelfall genau betrachten und die verschiedenen Interessenlagen berücksichtigen. Wir sind jedenfalls im Gespräch mit der Branche, wir bemühen uns um eine Lösung. Eine Voraussetzung für die Verkürzung oder gar Aufhebung von Sperrfristen für bestimmte Titel ist aber in jedem Fall, dass die Kinos nennenswert an den Einnahmen beteiligt werden und diese Maßnahmen zeitlich beschränkt sind. Beispielhaft ist die vorgezogene VoD-Vermarktung von „Die Känguru-Chroniken“. Der Film wird für 17 Euro in Streaming-Portalen angeboten, ein Teil der Erlöse geht an die Kinos, und wenn der Kinobetrieb wieder angefangen hat, gibt es einen Neustart – „und zwar aufgemotzt“, wie der Verleih mitgeteilt hat.

medienpolitik.net: Wird die FFA zur zentrale Koordinierungsstelle für die Unterstützung für die Filmwirtschaft?

Dinges: Nein, die FFA ist nicht die zentrale Koordinierungsstelle für die Filmwirtschaft, steht aber mit allen Beteiligten im kontinuierlichen Austausch und nimmt auch Koordinierungsaufgaben war, wenn dies gewünscht ist. Wir brauchen übrigens gar keinen zentralen Koordinator, wir brauchen die Bereitschaft von allen Geforderten, gemeinsam solidarisch und sachorientiert zu handeln. Dass diese Bereitschaft gelebt wird, ist in dieser ansonsten extremen Zeit eine kleine positive Botschaft.

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