Schnellschüsse verschärfen die Krise der Kinos

von am 29.04.2020 in Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Medienförderung, Medienwirtschaft

Schnellschüsse verschärfen die Krise der Kinos
Dr. Christian Bräuer, Vorstandsvorsitzender der AG Kino, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH in Berlin und der Programmkino Ost GmbH in Dresden

Die Verlängerung der Laufzeit des Filmförderungsgesetzes ist richtig

29.04.2020. Von Dr. Christian Bräuer, Vorstandsvorsitzender der AG Kino und Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH in Berlin und der Programmkino Ost GmbH in Dresden

Die Verlängerung der Laufzeit des Filmförderungsgesetzes ist richtig. Viele von uns ignorieren schon aus verzweifeltem Zweckoptimismus, dass wir uns noch immer am Anfang der Corona-Pandemie befinden. Die Kinos sind seit nunmehr über sechs Wochen bundesweit geschlossen. Noch immer wissen wir nicht, wie viel länger sie noch geschlossen bleiben. Weder gibt es bislang zielgerichteten Förderprogramme für die Kinos. Ohne gezielte Soforthilfen wird ein Großteil der Kinos die Krise nicht überleben. Was es bedeutet, wenn die Filmförderungsanstalt in immensem Ausmaß Einzahler dauerhaft verliert, wovon ohne Soforthilfen auszugehen ist, ist nicht auszumalen. Ein solches Szenario würde ein jetzt beschlossenes FFG schon bei Inkrafttreten obsolet machen.

Noch gibt es keinen Fahrplan, wann die Filmtheater unter der Voraussetzung, dass die Infektionszahlen beherrschbar bleiben, ihre Türen wieder öffnen dürfen. Dabei verfügen gerade sie über die räumlichen Gegebenheiten, Hygienekonzepte mit Abstandsregeln umzusetzen. Dabei könnten gerade die Kinos mit ihren Angeboten für die Nachbarschaft einen Ausgleich schaffen, um das Leben mit Auflagen erträglich zu machen. Wir wissen nicht, wann es wieder etwas wie Normalbetrieb in der Filmbranche geben wird. Klar ist aber, dass es noch lange dauert, bis wir wieder bei Festivals die Vielfalt der Siebten Kunst feiern, bis wieder so etwas wie Normalität am Set oder im Kino möglich ist. Auch nach der Wiederaufnahme des Spielbetriebs wird es lange dauern, bis die Kinos zum Business-as-usual zurückkehren, sei es, weil Auflagen keine Vollkapazitäten ermöglichen, sei es, weil gerade das ältere Publikum und Risikogruppen noch länger das Zusammensein mit Fremden in geschlossenen Räumen vermeiden werden, sei es, weil Festivals als Plattform und Vitrinen für Filmkunst fehlten oder sei es, weil Studios angesichts des Vorgenannten mit dem Start großer Filme zögern.

Wie gefährlich eine Pandemie für die Vielfalt von Film ist, zeigt ein Blick auf die Auswirkungen der Spanischen Grippe 1918. Die US-amerikanische Filmbranche war bis zum Ausbruch der Pandemie vielfältig und unabhängig, doch durch die wirtschaftlichen Schäden bündelte sich im Anschluss der Markt bei wenigen Studios in Hollywood, die über Jahrzehnte Bedingungen in der Produktion, Distribution und Abspiel diktierten. Wo sich Marktmacht konzentriert, leidet die künstlerische Vielfalt. Hauptfokus der gesamten Filmbranche muss es daher sein, in der jetzigen Krise das wirtschaftliche Überleben so vieler Marktteilnehmer wie möglich zu sichern. Dass die Kinos für dieses Ziel auch bereit sind, für sie harte Entscheidungen im Interesse der Sicherung anderer Branchenzweige zu treffen, haben sie in den vergangenen Wochen bewiesen.

„Hauptfokus der gesamten Filmbranche muss es sein, in der jetzigen Krise das wirtschaftliche Überleben so vieler Marktteilnehmer wie möglich zu sichern.“

Ein neues FFG muss einen fünfjährigen Normalbetrieb nach der Corona-Krise gestalten. Annahmen aus den 2010er-Jahren, wie sich das kommende Jahrzehnt entwickeln wird, sind völlig überholt. Denn nach Bewältigung der Corona-Pandemie wird die Welt eine andere sein. Auch die Filmwelt. Vermutlich wissen wir frühestens Mitte nächsten Jahres, wie sich der Markt verändert hat, wie stark die Marktmonopolisierung vorangeschritten ist und wer die lange Durststrecke nicht überwunden hat oder massiv geschwächt aus ihr hervorgeht. Schon vor der aktuellen Krise hat die Machtkonzentration auf allen Ebenen der Filmbranche besorgniserregende Ausmaße angenommen. Sicher ist: Superhelden, Star Wars und alles, was Algorithmen belohnen, wird es auch nach der Krise geben. Aber was ist mit dem kulturell anspruchsvollen Film? Phänomene wie „Systemsprenger“ und „Parasite“ zeigen, wie entscheidend Filmfestivals und der exklusive Start im Kino für die Veredelung eines Films über alle Verwertungsstufen hinweg und im Erfolgsfall über viele Jahre und Jahrzehnte hinaus ist. Programmkinos bringen Filmkunst nicht nur in die Nachbarschaft. Durch ihr Herzblut und Engagement können Filme zum Phänomen werden. Werke wie die vorgenannten hätten bei einer ausschließlichen Online-Verwertung niemals so viele Menschen gesehen. Diese Filme brauchen jedes einzelne Kino und jeden einzelnen Gast, damit sie gemacht werden können. Ansonsten geht uns eine ganze Kunstform verloren.

Was bedeutet all dies für die Novellierung des FFG?

Das globalisierte Geschäft bedienen bestens die US-Amerikaner und auch China wird eine stärkere Rolle spielen. Der europäische Filmmarkt hingegen bleibt mittelständisch geprägt oder er verschwindet. Beides, die sprachliche und kulturelle Vielfalt ebenso wie die kleinteilig fragmentierte Struktur, sind Last und Chance zugleich. Ohne die Kenntnis über die Struktur der Filmbranche nach dem Shutdown lassen sich schwerlich Weichen für die Zukunft stellen. Derzeit benötigen wir dringend die volle Konzentration der Förderinstitutionen und der für die Branche zuständigen Politik darauf, die filmwirtschaftlichen Folgen des Stillstands abzumildern und die nationale wie europäische Filmwirtschaft überhaupt am Leben zu halten.

Im Übrigen ist es wichtiger denn je, die nun gewonnene Zeit für die überfällige Strukturdebatte über Ziele und Mittel der Filmförderung zu führen. Denn in den letzten Jahren hat die Quantität zu-, die Qualität abgenommen. Jahr für Jahr zeigt sich, dass mehr Filme nicht zu mehr Besuchern führen. In den letzten Jahren hat dadurch der (Gruppen-)Nutzen des deutschen Films massiv abgenommen. Es braucht dringend Konzepte zur Gegensteuerung. Mit Mittelware durchzukommen war schon vor der Corona-Krise vorbei. Das Publikumsverhalten wird danach noch gnadenloser sein. Es braucht daher eine kluge Moderation und innovative Konzepte, denn nur wenn sich die mittelständische Produzenten-, Verleih- und Kinowirtschaft weiter professionalisiert und national wie international besser zusammenarbeitet, wird diese wettbewerbsfähig bleiben. Daher muss die Professionalisierung, zu der der Markt offenkundig allein von sich heraus nicht in der Lage ist, im Fokus der Novellierungsdebatte stehen. Es ist eine Herausforderung und es braucht Zeit, qualitative Ansätze in den rechtlichen Rahmen des Filmförderungsgesetzes zu übertragen. Wichtige Bausteine sind die Stärkung der Eigenkapitalstruktur bei Produktion, Verleih und Kino. Wenn das FFG als abgabebasiertes System im heutigen Sinne erhalten bleiben soll, braucht es auf der Ebene der BKM eine massive Gewichtsverlagerung, um die drastische Schieflage im deutschen Fördersystem auszugleichen. Die Existenz einer nationalen Filmförderung ist ein hohes Gut. Dies gilt es zu wahren und zu schützen. Mit Schnellschüssen wird die Krise nur verschärft. Es gilt, die Zeit zu nutzen. Vor allem gilt es, die Infrastruktur, den Kulturort Kino in seiner ganzen Vielfalt zu bewahren. Denn sterben die Kinos, stirbt auch das FFG. Ein angemessener Ausgleich der entgangenen Rohrerlöse ist unverzichtbar, ebenso eine massive Aufstockung der Kinoprogrammpreise oder eine vergleichbare Arthouseförderung, um die Kino- und Programmvielfalt zu erhalten. Die Uhr läuft. Für die Novelle haben wir nur zwei Jahre! Das ist angesichts der bisher größten Krise des 21. Jahrhunderts wenig Zeit.

Das Ausmaß an Problemen der Kinos beschreibt auch eine Pressemeldung der Kinokette CINEMAX:

Kinos droht Insolvenzwelle

Kim Ludolf Koch, Geschäftsführer von Cineplex Deutschland

29.04.2020. „Nur eine rasche Kinoeröffnung und Förderungen können eine weitreichende Insolvenzwelle mittelständischer Kinounternehmen vermeiden!“ Davon ist Kim Ludolf Koch, Geschäftsführer von Cineplex Deutschland, Europas größter Kooperation mittelständischer Kinounternehmen und Deutschlands stärkster Kinomarke überzeugt. Grund für diese Prognose liegt in der lang andauernden Schließung und den Folgewirkungen, die einen Besucherrückgang zwischen 35 und 50 Prozent zum Vorjahr erwarten lassen. In einer wirtschaftlichen Stellungnahme hat der Hauptverband Deutscher Filmtheater (HDF-Kino in Berlin) ermitteln lassen, dass der Fixkostenanteil pro fehlendem Besucher rund 4,60 Euro beträgt (https://www.hdf-kino.de/wp-content/uploads/Fachliche-Stellungnahme-Corona-Kinowirtschaft_RMC_GESAMT_02.04.2020-.pdf). Damit kommen 180 bis 260 Mio. Verluste für die rund 1700 Filmtheater in Deutschland zu. Die 26 Familienunternehmen, die in der Cineplex-Gruppe seit fast 25 Jahren zusammenarbeiten, betreiben über 90 Kinos (Multiplexe, traditionelle Kinos und Programmkinos) in 70 Städten mit rund 540 Leinwänden und etwa 18 Mio. Besuchern im Jahr. Die Kinos liegen mit wenigen Ausnahmen in Klein-und Mittelstädten und stellen häufig das einzige kulturelle Angebot der Gemeinden dar. Der Verlust für die Gruppe beläuft sich auf rund 30 bis 40 Mio. Euro. Dieser setzt allerdings voraus, dass deutliche Mietsenkungen, Kurzarbeit und Sparmaßnahmen im Fixkostenbereich in Höhe von mehr als 30 Prozent realisiert werden können. Während zu Beginn der Corona-Ausbreitung noch eine Wiedereröffnung nach Ostern erwartet wurde, dürften noch einige Wochen vergehen. Der Wiedereinstieg wird nicht ganz einfach, dennoch muss er zügig angegangen werden, idealerweise in allen Bundesländern und allen Kinotypen gleichzeitig. Die Kinobetreiber der Cineplex-Gruppe stehen zu ihrem Produkt Kino und zu ihren Besuchern und Kunden. Und daher auch zu ihrer Verantwortung dieses nur vertretbar und sicher anzubieten. Mit einem durchgängigen Schutz-und Hygienekonzept ist das möglich. Die Kinos sind durch Online-Buchung, Entzerrung von Spielzeiten, genügend Abstandzwischen den Kunden im Saal und Foyer in der Lage, Abstand zu gewährleisten und Warteschlangen zu vermeiden. Das Publikum schaut während der Vorstellung in eine Richtung und es gibt kaum Interaktion, so dass in entsprechend vorbereiteten Kinos mindestens ein vergleichbares Schutzniveau realisiert werden kann wie in der Gastronomie, ÖPNV, Gottesdiensten oder im Einzelhandel. Oder um es anders zu sagen: innerhalb der Öffentlichkeit gibt es kaum einen sichereren Ort als das Kino. Doch die Phase der Wiedereröffnung müssen die Unternehmen auch erleben können. Seit Jahren weist der HDF auf die dünne Kapitaldecke der Kinos hin und fordert den mittlerweile auch von der Politik anerkannten Bedarf an Investitionshilfen. Die bislang angebotenen Hilfspakete auf Kreditbasissind für Branchen, die verlorenen Umsatz nicht einmal im Ansatz aufholen können, unbrauchbar. Und die ohnehin nur wenigen Programmkinos zugänglichen Zuschüsse der meist föderalen Länderförderung sind ungeeignet, eine mehrmonatige Schließung mit hohen Fixkosten für Gebäude, Kapitaldienst und überwiegend dem Kurzarbeitergeld nicht zugänglichen Personal zu überstehen. Die Programmkinoförderung verkennt im Übrigen auch, dass auch Kinos ohne Programmprämien wertvolle Kulturarbeit leisten.

„Innerhalb der Öffentlichkeit gibt es kaum einen sichereren Ort als das Kino.“

„Dabei ist die Rettung der Kinos vergleichsweise preiswert“, konstatiert Koch. „Mit weniger als 10 Prozent der jährlichen Gesamtförderung für Theater, Orchester und Opernhäuser (2,6 Milliarden Euro bei rund 35 Mio. Besuchern laut Nachricht des Deutschen Bühnenvereins) kann der Bestand an einer der wichtigsten Säulen kommunaler Kultur erhalten werden, den pro Jahr rund dreimal mehr Besucher als die Bühnenaufsuchen. Ohne diese Förderung, die auch schon von der SPIO als Zuschuss gefordert wurde, droht der für die Filmwirtschaft systemrelevanten Auswertungslokomotive Kino der Dampf auszugehen. Welche Folgen das für die Spielfilmproduktion und deren Verwertung, die ästhetische Qualität von Filmwerken bei alleiniger Auswertung im Home-Entertainment, aber vor allem für die urbane Lebensqualität hat, lässt sich kaum vorstellen. Am Ende siegen nicht nur der Online-Handel, sondern auch bei der Filmverbreitung die im Ausland sitzenden (und dort Steuern zahlenden) Corona-Gewinner Amazon, Netflix und Konsorten. Aus diesem Grund muss die Unterstützung der gesamten deutschen Kinolandschaft in Form eines Stabilitätsfonds von der Politik umgesetzt werden, will man eine Pleitewelle größeren Ausmaßes verhindern.

Zu Cineplex Deutschland: 26 Familienunternehmen, die seit 1997 unter dem Markennamen zusammenarbeiten. Die Dachgesellschaft erbringt Service-und Einkaufsdienstleistungen für die Gesellschafter, die wirtschaftlich unabhängig und selbständig sind. Im Jahr 2019 erreichte die Gruppe einen Besuchermarktanteil von 15 Prozent. Zu Kim Ludolf Koch: begleitet die Gruppe seit 1996 und ist seit Beginn Geschäftsführer der Dachgesellschaft. Im HDF sitzt er im Hauptausschuss, ist stellvertretendes Verwaltungsratsmitglied der FFA und vertritt Cineplex im Europäischen Kinoverband UNIC.

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