„Wir gehen auch neue Wege“

von am 20.04.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Digitale Medien, Hörfunk, Kreativwirtschaft, Livestream, Medienwirtschaft, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

„Wir gehen auch neue Wege“
Katja Marx, NDR, Programmdirektorin Hörfunk

Die Zugriffszahlen auf die NDR-Podcasts haben sich vervierfacht

20.04.2020. Interview mit Katja Marx, NDR, Programmdirektorin Hörfunk

„Alle NDR Radioprogramme bekommen zurzeit enorm viel Zuspruch von den Hörerinnen und Hörern. Wir erhalten unglaublich viele Mails, Anrufe, Kommentare und Messenger-Nachrichten“, erläutert Katja Marx in einem medienpolitik.net-Interview. Auch Jüngere würden wieder die klassischen Medien für sich entdecken. Das ändere dennoch nichts daran, so die NDR-Hörfunkprogrammdirektorin, „dass wir unsere Radio- und Fernsehangebote stärker auf die veränderte Mediennutzung jüngerer Menschen ausrichten müssen. Der Erfolg unserer Podcasts zeigt ja, wie das geht.“ Die Abrufzahlen der Podcasts haben sich beim NDR allein im März gegenüber dem Vormonat vervierfacht. Antreiber dafür waren in erster Linie NDR Info und „Das Coronavirus-Update“. Als Podcast kommen alle Folgen des Gesprächs mit dem Virologen Christian Drosten zusammen mittlerweile auf über 30 Millionen Abrufe. „Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen das Genre Podcast gerade für sich entdecken“, so Marx.

medienpolitik.net: Frau Marx, der NDR produziert einen Podcast mit Christian Drosten, einem der bekanntestem Virologen Deutschlands. Wie ist es dazu gekommen und wie stark wird der Podcast nachgefragt?

Marx: Die Initiative geht zurück auf meinen Kollegen Norbert Grundei. Als Chef von N-JOY leitet er unser NDR Audiolab THINK RADIO, an dem auch NDR Info und dessen Wissenschaftsredaktion beteiligt sind. Dort entstand schon sehr früh die Idee für ein tägliches Format, das mehr Tiefe und Erklärung ermöglicht als ein 3-minütiges Telefoninterview in der Frühstrecke. Christian Drosten war mit seinen fundierten Kenntnissen über diesen Virustyp bereits vorher bei uns im Programm zu hören und sagte umgehend zu. Inzwischen arbeiten an dem Podcast allein bei NDR Info bis zu zehn Kolleginnen und Kollegen mit. Sie produzieren diverse Fassungen für die gesamte ARD, halten die Moderatorinnen auf dem neuesten wissenschaftlichen Stand und sichten und beantworten um die tausend Zuschriften, die NDR Info zu diesem Podcast erreichen – pro Tag. Das Format läuft in mehreren Radiosendern der ARD, im NDR Fernsehen und bei tagesschau24, dazu auf diversen Plattformen. Als Podcast kommen alle Folgen zusammen mittlerweile auf 30 Millionen Abrufe. Der Podcast trifft das Bedürfnis der Menschen nach unaufgeregter, fundierter Information, nach Fakten und Einordnung. Das ist bester Informationsjournalismus. 

medienpolitik.net: Gibt es durch die Corona-Krise generell eine gewachsene Podcast-Nachfrage?

Marx: Wir erleben ein starkes, alles überstrahlendes Informationsbedürfnis. Davon profitieren auch unsere Podcasts: Ihre Abrufzahlen haben sich allein im März gegenüber dem Vormonat vervierfacht. Antreiber dafür ist natürlich in erster Linie NDR Info und „Das Coronavirus-Update“. Gleichzeitig beobachten wir in der ARD Audiothek, dass auch Inhalte abseits der Corona-Thematik zulegen: Unsere preisgekrönten Podcasts „Leonora – mit 15 zum IS“, „Enke – Leben und Tragik eines Torhüters“ oder „Deutschland3000 – ’ne gute Stunde mit Eva Schulz“ zum Beispiel. Politische Inhalte und der Themenbereich Wissen werden sehr viel abgerufen, aber auch Formate für Kinder, die nun zuhause bleiben müssen. Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen das Genre Podcast gerade für sich entdecken.

medienpolitik.net: Sie sind mit allen Hörfunkprogrammen Online und vor allem mobil präsent. Wie ist hier gegenwärtig die Nutzung? Die Mobilität ist ja eingeschränkt…

Marx: Für viele Menschen fällt gerade der Weg zur Arbeit weg. Wir fahren seltener mit dem Auto, verbringen weniger Zeit im Büro – das sind sonst klassische Radio-Situationen. Gleichzeitig stellen wir fest, dass die Livestream-Abrufe über alle NDR Radioprogramme hinweg im März um 13 Prozent angestiegen sind – vor allem bei NDR Info und bei NDR Info Spezial. Dort läuft nicht 24 Stunden allein Corona, sondern auch Kinder-Hörspiele und Bildungsangebote. Auch d­ie Zugriffszahlen auf unsere Onlineangebote haben sich mehr als verdoppelt. Wir lernen: Nutzung via Stream setzt nicht zwingend Mobilität voraus. Die Leute streamen auch auf dem Sofa und freuen sich über gute Angebote.

„Der Drosten-Podcast trifft das Bedürfnis der Menschen nach unaufgeregter, fundierter Information, nach Fakten und Einordnung.“

medienpolitik.net: NDR 90,3 widmete den Beatles ein ganzes Wochenende. Wie war die Resonanz der Hörer?

Marx: Das Programm von NDR 90,3 verantwortet meine Kollegin Sabine Rossbach als Funkhausdirektorin. Ihr Landesprogramm sendete zum 60. Jahrestag des ersten Beatles-Konzerts in Hamburg ein Wochenende voller Beatles-Beiträge, Gespräche, Geschichten und natürlich sehr viel Musik. Die Resonanz, berichten mir die Kolleginnen und Kollegen, war sehr positiv. Menschen meldeten sich in der Redaktion, um ihre Beatles-Erinnerungen und Memorabilien zu teilen – einige waren sogar selbst noch beim ersten großen Beatles-Konzert in Hamburg im Jahr 1964 dabei.

medienpolitik.net: Hätten Sie diese Idee auch ohne die Corona-Krise so umgesetzt?

Marx: In Hamburg sollte an diesem Wochenende aus demselben Anlass ein Festival stattfinden, das „Come Together – The Hamburg Beatles Experience“. Damit hatte auch 90,3 geplant. Nach der Absage der Veranstaltung beschlossen die Kolleginnen und Kollegen: Jetzt erst recht.

medienpolitik.net: Die TV-Sender erreichen gegenwärtig Rekordquoten. Wie sieht es bei Ihren linearen Radioprogrammen aus? Haben Sie auch mehr Hörer als sonst?

Marx: Leider gibt es in Deutschland für Radio keine mit den Fernsehquoten vergleichbare tagesaktuelle Messung. Wir erhalten die Nutzungszahlen für lineares Radio erst mit einer Verzögerung von rund einem halben Jahr. Unsere jüngsten MA-Zahlen sind ein Blick in die Vergangenheit, vor der Pandemie. Wie groß unser Publikum heute tatsächlich Ist, darüber sagen die Zahlen nichts aus. Was wir aber zweifellos feststellen können: Alle NDR Radioprogramme bekommen zurzeit enorm viel Zuspruch von den Hörerinnen und Hörern. Wir bekommen unglaublich viele Mails, Anrufe, Kommentare und Messenger-Nachrichten. In besonderer Erinnerung geblieben ist mir die Mail eines Hörers an NDR 2: Er schrieb uns aus der häuslichen Quarantäne sinngemäß, er verfüge zwar über ein halbes Dutzend Abos für Netflix, Disney, Sky und Co. – aber nach einer Woche nutze er sie kaum noch und höre stattdessen Radio. Weil dort jemand mit ihm spricht, ihm von der Welt vor der eignen Haustür erzählt – und auch in krisenhaften Zeiten den Humor nicht verliert.

medienpolitik.net: Hören auch Jugendliche wieder mehr lineare Radioprogramme, die ja auch dieses Medium zunehmend weniger nutzen?
Marx: Auch zur Altersstruktur liegen uns heute noch keine Erkenntnisse der Medienforschung vor. Im Fernsehprogramm des NDR beobachten wir in der Tat gerade eine Renaissance des linearen TV als „Fenster zur Welt“, insbesondere in der jüngeren Zielgruppe. Auch für sie bilden die Abendnachrichten plötzlich wieder eine dramaturgische Klammer für den Tag. Das ändert dennoch nichts daran, dass wir unsere Radio- und Fernsehangebote stärker auf die veränderte Mediennutzung jüngerer Menschen ausrichten müssen. Der Erfolg unserer Podcasts zeigt ja, wie das geht.

medienpolitik.net: Ist das Radio zum Erstinformationsmedium zur Corona-Krise geworden oder ist es das Internet?

Marx: Das eine Medium gegen das andere auszuspielen halte ich für überholt. Heute sind starke Informationsmarken wie NDR Info im besten Fall überall dort, wo Menschen nach glaubwürdigen Informationen und verständlichen Hintergründen suchen. Das kann morgens nach dem Aufstehen das lineare Radio sein, am Nachmittag ein Podcast, zwischendurch Apps und Webseiten. Die Grenzen zwischen den Angeboten wurden erst fließender, inzwischen fallen sie ganz. Das Coronavirus-Update mit Christian Drosten ist ein gutes Beispiel: Das läuft im linearen Radio so erfolgreich wie bei YouTube oder Spotify. Wir geben den Menschen mit unseren Informationsangeboten Sicherheit, das geht über den Inhalt, nicht über den Verbreitungsweg. 

„Es wird derzeit mehr ausprobiert und von einem zugewandten Publikum interessiert aufgenommen.“

medienpolitik.net: Was machen Sie gegenwärtig bei den Radioangeboten anders als vor der Corona-Krise?

Marx: Wir gehen zum einen technisch neuen Wege – nicht zuletzt, weil wir dazu gezwungen sind: Live-Moderation von zuhause und Interviews per Videochat sind ebenso normal geworden wie Live-Konzerte aus dem Wohnzimmer einer Pianistin vom anderen Ende der Welt, z.B. in den „Quarantäne-Konzerten“ bei NDR Kultur. Oder wenn in den „Starken Stücken“ Musikerinnen der NDR Ensembles per Videobotschaft ihre Instrumente und bevorzugte Werke vorstellen, und auch sehr persönlich über ihre momentane Situation sprechen.

medienpolitik.net: Fernsehsendungen werden verschoben, Produktionen unterbrochen. Das ist doch beim Radio sicher kein Problem. Müssen Sie dennoch programmlich improvisieren?
Marx: Produktionen von Hörspielen und Features mussten wir durchaus verschieben. Und natürlich müssen wir programmlich improvisieren, wenn Konzerte oder Lesungen ausfallen, die wir übertragen oder aufgezeichnet hätten. Ansonsten läuft manches, was in den ersten Tagen Improvisation war, inzwischen routinierter: vom Moderationsteam, das die gemeinsame Sendung räumlich getrennt bestreitet, bis zur Redaktionskonferenz per Telefonschalte. Programmausfälle, etwa aufgrund personeller Engpässe, sind uns beim NDR aber bisher – auch dank strikter Prävention – zum Glück erspart geblieben.

medienpolitik.net: Die TV-Sender probieren neue Formate aus (Talkshows aus dem Wohnzimmer). Wie innovativ ist oder muss der Hörfunk in diesen Tagen sein?

Marx: Mit großer Selbstverständlichkeit starten neue Formate und Sendestrecken binnen weniger Tage. Es wird derzeit mehr ausprobiert und von einem zugewandten Publikum interessiert aufgenommen. Nehmen Sie das Beispiel NDR Kultur: Weil Kulturveranstaltungen jetzt nicht stattfinden können, springt das Radio ein, mit der Aktion „Kultur trotz Corona“. Künstlerinnen und Kulturschaffende aus Norddeutschland haben ihre Kunst per Video geschickt – sei es eine Arie, ein Pop-Song, eine Lesung, Kabarettprogramm, Theater-Monolog und vieles mehr. Daraus entstand ein NDR-weiter Thementag in allen Radioprogrammen, im NDR-Fernsehen und auf NDR.de. Unsere hohen Qualitätsstandards und unsere Glaubwürdigkeit, verbunden mit Beweglichkeit und Reaktionsschnelligkeit in krisenhaften Zeiten – das sind schon immer Stärken des Radios.

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