„Wir halten den Förderbetrieb wie geplant aufrecht“

von am 01.04.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Medienförderung, Medienwirtschaft

„Wir halten den Förderbetrieb wie geplant aufrecht“
Petra Müller, Geschäftsführerin der Film- und Medienstiftung NRW

Hilfsprogramm für Filmwirtschaft läuft an – NRW fördert auch weiterhin neue Projekte

01.04.2020. Interview mit Petra Müller, Geschäftsführerin der Film- und Medienstiftung in NRW

Die Bundes- und Länderförderer haben ein gemeinsames Hilfsprogramm mit Maßnahmen für die Bereiche Produktion, Verleih und Kino entwickelt. Das Hilfsprogramm umfasst ein Gesamtvolumen von 15 Mio. Euro. Das Hilfsprogramm bezieht sich auf von verschiedenen Fördereinrichtungen gemeinsam geförderte Projekte und soll dort greifen, wo alle anderen im Kontext der Corona-Krise ergriffenen Hilfsmaßnahmen und Förderprogramme des Bundes und der Länder nicht in Anspruch genommen werden können. Aktuell werden in NRW keine neuen Drehgenehmigungen erteilt, bereits genehmigte Dreharbeiten sind nur mit großen Einschränkungen möglich. Wie Petra Müller in einem medienpolitik.net–Interview erläutert, hält NRW den Förderbetrieb wie geplant aufrecht. „Die für dieses Jahr geplanten Sitzungen für Film- und Serienförderung, Verleihförderung, Gamesförderung, Entwicklungsstipendien etc. werden wie angekündigt stattfinden, aktuell natürlich als Telefonkonferenzen, aber sie finden statt“, bekräftigt die Geschäftsführerin der Film- und Medienstiftung NRW.

medienpolitik.net: Frau Müller, was ist gegenwärtig vordringlich, um der Filmwirtschaft in NRW zu helfen?

Müller: Wichtig ist jetzt vor allem, weiter zu fördern, damit Produzent*innen nicht in Engpässe geraten und ihre künftigen Projekte weiter entwickeln können. Darüber hinaus haben wir gemeinsam mit allen Bundes- und Länderförderer ein Hilfsprogramm für bereits geförderte Produktionen und Verleih-Projekte aufgesetzt, die aufgrund der Corona-Situation nicht wie geplant realisiert werden können. Für die Kinos, die bis auf weiteres geschlossen bleiben, hat die Filmstiftung gemeinsam mit dem Land NRW eine erste Soforthilfe aufgesetzt, die bereits ausgezahlt wurde. Die darüber hinaus erforderlichen Hilfen für Produktionen, Dienstleister und Kreative, Kleinunternehmen, Solo-Selbstständige und Freiberufler liegen beim Bund und beim Land NRW. In der vergangenen Woche sind hier beispiellose Hilfsprogramme verabschiedet worden von denen auch die Filmbranche mit ihrem hohen Anteil an Freiberuflern und Solo-Selbständigen profitiert. Und gerade diese sollten jetzt schnell staatliche Hilfen beantragen. Mit über 700 Freiwilligen konnten die Bezirksregierungen in NRW seit vergangenem Wochenende an die 200.000 Soforthilfen zur Auszahlung bringen.

medienpolitik.net: Dürfen in NRW derzeit noch Dreharbeiten stattfinden?

Müller: Aktuell werden in NRW keine neuen Drehgenehmigungen erteilt, bereits genehmigte Dreharbeiten sind nur mit großen Einschränkungen möglich, im öffentlichen Raum werden nach unserem Wissen keine Arbeiten mehr zugelassen. Auf Privatgelände und in privaten Räumlichkeiten könnten Dreharbeiten theoretisch noch stattfinden. In den NRW Studios darf kein Publikum mehr vor Ort sein, nur noch die für die Produktion unabdingbare Personen. Einerseits wäre eine bundesweit einheitliche Handhabung wünschenswert zum Schutz von Cast und Crews, aber auch hinsichtlich haftungsrechtlicher Bedingungen. Andererseits führt das zwangsläufig zur weiteren Verschiebungen und Unterbrechungen von Produktionen. Im Studio Babelsberg sind zum Beispiel in der vergangenen Woche 800 Mitarbeiter freigestellt worden. Das ist auch und gerade im Entertainment, eine schwierige Entscheidung.

medienpolitik.net: Kommen wir zurück auf das Hilfsprogramm der Bundes- und Länderförderer, das Ende vergangener Woche Kraft getreten ist. Wie sieht das Programm konkret aus?

Müller: Gemeinsam mit den Kolleg*innen der Bundes- und Länderförderungen hat die Film- und Medienstiftung ein Hilfsprogramm für bereits geförderte Projekte in den Bereichen Produktion und Verleih auf den Weg gebracht. Das Programm soll bei pandemiebedingten Verschiebungen, Unterbrechungen und Abbrüchen von Projekten helfen und beruht im Wesentlichen auf Mehrkostenförderung. Will sagen, bei Abbruch von Dreharbeiten oder Verleihprojekten verzichten alle beteiligten Förderungen auf die Rückforderung bereits ausgezahlter bzw. verausgabter Mittel, bei Unterbrechung und Verschiebung von Drehs und Verleihmaßnahmen beteiligen sich die Förderer gemeinsam an den entstandenen Mehrkosten. Die Mehrkostenförderung wird als bedingt-rückzahlbares zinsloses Darlehen ausgereicht, Regionaleffekte werden nur soweit möglich und wirtschaftlich sinnvoll gefordert. Zur Finanzierung dieser Maßnahmen haben wir einen virtuellen Fonds in Höhe von insgesamt 15 Mio. Euro konzipiert, zu dem Bundes- und Länderförderer anteilig beitragen.

„Wir sind uns mit unseren Gesellschaftern einig, dass wir für NRW weitere zielgerichtete Fördermaßnahmen entwickeln werden.“

medienpolitik.net: Was muss man sich unter einem Virtuellen Fond vorstellen und wie wird das Verfahren aussehen?

Müller: An Filmfinanzierungen sind in der Regel mehrere Förderungen, Sender, Verleiher und weitere Finanziers beteiligt. Deshalb haben wir uns auf ein möglichst einfaches Verfahren verständigt. Das sieht so aus, dass der betroffene Produzent oder Verleiher einen Antrag über seine nachweislich pandemiebedingten Mehrkosten gleichzeitig an alle beteiligten Förderungen stellt. Nach Abzug der Finanzierungsanteile von Sendern und Verleihern beteiligen sich die Förderungen an den Mehrkosten im Verhältnis zu ihren ursprünglichen Förderanteilen. Das heißt, wenn die Film- und Medienstiftung ursprünglich mit 20 Prozent zur Förderung eines Projektes beigetragen hat, wird sie sich in diesem Verhältnis auch an der Förderung der Mehrkosten beteiligen. Nach diesem schlichten Prinzip wollen wir jetzt schnell und unbürokratisch vorgehen. Virtueller Fond bedeutet in diesem Zusammenhang, dass alle Förderungen ihren jeweiligen Anteil an den Mehrkosten projektbezogen an den Antragsteller auszahlen, und das bis zu einem rechnerischen Gesamtvolumen von 15 Millionen – 10 Millionen in der Produktion, 3 Millionen im Verleih. Für die Kinos haben wir zunächst 2 Millionen angenommen für Maßnahmen angenommen, die dann bei Bundes- und Länderförderern unterschiedlich aussehen können.

medienpolitik.net: Welche Art Maßnahmen sind für die Kinos geplant? Sollte der Zukunftsfond Kino für den in diesem Jahr 17 Mio. Euro geplant sind, aufgestockt oder in einen Hilfsfonds umgewandelt werden?

Müller: Die Filmstiftung den NRW-Kinos hat bereits vergangene Woche Soforthilfen für ausgezeichnete Kinotheater ausgezahlt, so hat es auch Berlin angekündigt. Darüber hinaus wird gerade die Umwandlung der Beteiligungen zum Zukunftsfond Kino der BKM in Zuschüsse zur Finanzierung der laufenden Kosten der Kinos geprüft. Die FFA hat im Rahmen des gemeinsamen Hilfspaketes zugesagt, Kinos offene FFA-Abgabezahlung und Darlehensforderungen zu stunden, auch das eine gute Nachricht und ein wichtiges Signal.

„Wir wollen nach Kräften dazu beitragen, dass die Branche diese außerordentlich schwierige Phase durchsteht und Zukunftsperspektiven für die Zeit nach Corona entwickeln kann.“

medienpolitik.net: Werden denn diese Maßnahmen und Hilfsprogramme ausreichen?

Müller: Bundes- und Länderförderer wollen das Hilfsprogramm ab sofort starten und müssen zunächst schauen, wann die Fördernehmer belastbare Verschiebungsszenarien und Kostenschätzungen vorlegen können. Dabei wird man auch ein Auge darauf haben, dass Produzenten, Verleiher und Kinos gleichzeitig alle staatlichen, unternehmensbezogenen Hilfen nutzen. Ob dann all diese Hilfsmaßnahmen ausreichen, hängt letztlich davon ab, wie lange die Corona-Pandemie andauern wird, das werden die kommenden Wochen zeigen. Aber wir sind uns mit unseren Gesellschaftern einig, dass wir für NRW weitere zielgerichtete Fördermaßnahmen entwickeln werden.

medienpolitik.net: Darüber hinaus liegen sicher zahlreiche neue Anträge für die „normale“ Förderung von Kinoproduktionen oder Fernsehserien bei Ihnen vor. Wie gehen Sie damit um?

Müller: Wie gesagt, wir halten den Förderbetrieb wie geplant aufrecht. Die für dieses Jahr geplanten Sitzungen für Film- und Serienförderung, Verleihförderung, Gamesförderung, Entwicklungsstipendien etc. werden wie angekündigt stattfinden, aktuell natürlich als Telefonkonferenzen, aber sie finden statt. Entsprechend arbeitet das Team der Film- und Medienstiftung, und insbesondere die Förderabteilung, wie gewohnt, fällige Förderverträge werden geschlossen und Fördermittel für die dringend benötigte Liquidität ausgezahlt. Das Team arbeitet aus dem Home Office, ist aber wie immer erreichbar für Fördernehmer*innen und Antragsteller*innen. Wir wollen nach Kräften dazu beitragen, dass die Branche diese außerordentlich schwierige Phase durchsteht und Zukunftsperspektiven für die Zeit nach Corona entwickeln kann.

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