„Wir sind mit den Künstlern solidarisch“

von am 07.04.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Digitale Medien, Dualer Rundfunk, Kulturpolitik, Medienwirtschaft, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

„Wir sind mit den Künstlern solidarisch“
Peter Boudgoust, Präsident von ARTE

Abrufzahlen der ARTE-Mediathek um das Anderthalbfache erhöht

07.04.2020. Interview mit Peter Boudgoust, Präsident von ARTE GEIE

Auch ARTE hat sein Programm kurzfristig geändert und bietet vor allem über seine Mediathek zusätzliche kulturelle Highlights in neu entwickelten Formaten. Dazu gehören Konzerte des Geigers Daniel Hope Hope@Home, oder iIn der Reihe „Moment Musical“ internationale Künstler wie Anna Prohaska oder Avi Vital live im traditionellen Berliner Meistersaal. In der Reoihe „The Art of Museums“ kann man von zu Hause aus acht bedeutende Museen in acht Ländern besuchen. Wie Peter Boudgoust, Präsident von ARTE GEIE, in einem Interview mit medienpolitik.net informiert, erreicht der Sender gegenwärtig sowohl linear als auch digital überdurchschnittliche Zahlen. Im Vergleich zum gleichen Zeitraum in 2019 konnten in den letzten zwei Wochen die Abrufzahlen auf das Anderthalbfache gesteigert werden.  „Als Kultursender möchte sich ARTE mit den Künstlern und Künstlerinnen solidarisch zeigen – und gleichzeitig seinem Publikum trotz Ausgangs- oder Kontaktsperre Kulturgenuss ermöglichen“, betont der ehemalige SWR-Intendant.

medienpolitik.net: Herr Boudgoust, wie versteht ARTE in der aktuellen Situation seinen Programmauftrag?

Boudgoust: Wir nehmen unseren Programmauftrag noch ernster als sonst und setzen ihn auch um. Wir erleben eine Krise einer außergewöhnlichen Intensität. Die Welt gerät aus den Fugen. Gerade jetzt brauchen unsere Mitmenschen ein Fernsehprogramm, das Hintergrund, Orientierung, aber auch unterhaltsame Inspiration bietet. Die Zuschauer wissen, dass sie diese Konstellation bei ARTE finden.

medienpolitik.net: Die Corona-Krise legt das Kunst- und Kulturleben lahm und entzieht nicht nur den Künstlern die Existenzgrundlage, sondern auch dem Publikum den Zugang zu lebendiger Kultur. Welchen Ausgleich kann ARTE bieten?

Boudgoust: Es wurden zahlreiche Initiativen gestartet, an denen wir uns mit großer Selbstverständlichkeit beteiligen. Als Kultursender möchte sich ARTE mit den Künstlern und Künstlerinnen solidarisch zeigen – und gleichzeitig seinem Publikum trotz Ausgangs- oder Kontaktsperre Kulturgenuss ermöglichen. Dieses Engagement wird auch zu Recht von unseren Zuschauern erwartet. Gleich zu Beginn der Krise haben wir beschlossen, uns an der Aktion #United We Stream zu beteiligen, bei der zahlreiche Berliner Clubs täglich ein mehrstündiges digitales Konzert anbieten. In Zusammenarbeit mit dem Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) überträgt ARTE die Veranstaltungen im Livestream auf seinem Digitalangebot ARTE Concert. ARTE zeigt darüber hinaus das tägliche Wohnzimmerkonzert des Geigers Daniel Hope Hope@Home, das die KollegInnen des ZDF für uns produzieren. In der Reihe „Moment Musical“ sind internationale Künstler wie Anna Prohaska oder Avi Vital live im traditionellen Berliner Meistersaal zu sehen. ARTE Concert bietet zudem ein tägliches Streaming-Rendezvous für Opernfans an und präsentiert jeden Abend ab 19.00 Uhr ein Highlight der älteren und jüngeren Opernspielzeiten.

„Über alle Zeitschienen erreichen wir deutlich mehr Zuschauer, die zudem durchschnittlich jünger sind als vor der Krise.“

medienpolitik.net: Die Zuschauerzahlen beim linearen Fernsehen steigen, inwieweit profitiert davon auch ARTE?

Boudgoust: Anfangs hatten wir leicht sinkende Marktanteile, wie das oft in Ausnahmesituationen der Fall ist. Insgesamt aber verzeichnet auch ARTE ausgezeichnete Zahlen. Sowohl in Deutschland als auch in Frankreich profitieren wir derzeit von dem groβen Zuspruch unserer Mitbürger fürs Fernsehen. Über alle Zeitschienen erreichen wir deutlich mehr Zuschauer, die zudem durchschnittlich jünger sind als vor der Krise. Digital verzeichnen wir ebenfalls überdurchschnittliche Zahlen. Im Vergleich zum gleichen Zeitraum in 2019 konnten in den letzten zwei Wochen die Abrufzahlen auf das Anderthalbfache gesteigert werden.

medienpolitik.net: Ist das Zuschauerinteresse in Deutschland und Frankreich unterschiedlich?

Boudgoust: Das Interesse der Zuschauer hat sich nicht wesentlich verändert, weder in Deutschland noch in Frankreich. Wichtige Geschichts- oder Gesellschaftsdokumentationen wie „Die Geschichte des Drogenhandels“, die wir am 31. März zeigten, der Vierteiler „Colonia Dignidad“, die Dokus „Stalins James Bond Richard Sorge“ oder „Mobile Zukunft“ über Stadtverkehr in der Zukunft erfreuen sich des gleichen Erfolgs. Genauso die Berichterstattung über das Coronavirus. Bei Spiel- oder Fernsehfilmen lassen sich gröβere Unterschiede erkennen. Auch wenn ein sehr deutscher Film wie z. B „Nachts, wenn der Teufel kam“ von Richard Siodmak auch in Frankreich sein Publikum findet, stellen wir bei Filmen, die eine eher nationale Handschrift haben, weiterhin Unterschiede in der Akzeptanz fest.

medienpolitik.net: Inwieweit haben Sie ihr Programm in den vergangenen Wochen der Pandemie-Krise angepasst?

Boudgoust: Wie bereits gesagt, versuchen wir unsere Solidarität mit den Kulturschaffenden zu bekunden und möchten auch im Fernsehen Kulturereignisse einem breiteren Publikum zugänglich machen. Am Sonntag, 5. April, haben wir beispielsweise die fantastische Zirkusshow des kanadischen „Cirque du Soleil“ in der Primetime gesendet.


medienpolitik.net: Alle TV-Angebote haben die aktuelle Information mit Specials und zusätzlichen Talks oder Reportagen ausgebaut. Wie aktuell kann und will ARTE über die Corona-Epidemie informieren?

Boudgoust: ARTE behandelt die Pandemie-Krise ebenso wie das tagesaktuelle Geschehen: in unserem täglichen Nachrichtenmagazin ARTE Journal, in unseren Reportagen, insbesondere unsere Reportage-Reihe „Re“, aber auch in unseren Webformaten. Gemein ist diesen Sendungen, dass sie auf Europa und die Welt blicken und die nationale Perspektive eher den nationalen Sendern überlassen. Dies unterscheidet unsere Nachrichten sehr stark von denen anderer Sender. Wegen unserer Zweisprachigkeit wären Talksendungen bei ARTE nicht das adäquate Format.

medienpolitik.net: Sie sprachen die Wohnzimmerkonzerte z.B. mit Daniel Hope oder „Moment Musical“ aus dem leeren Berliner Meistersaal an. Wie ist hier das Interesse der Nutzer?

Boudgoust: Diese Programme genieβen einen starken Zuspruch. #United We Stream verzeichnet bis heute Montag über 1 Mio. Videoviews, Hope@Home ca 250 000.

medienpolitik.net: Inwieweit vergütet ARTE diese „Auftritte“?

Boudgoust: Wie sonst natürlich auch werden die Künstler und die Kreativen für ihr Engagement auf unserem Sender vergütet. Niemals kommt dem ein so hoher Stellenwert zu wie im Moment.

„Wie sonst natürlich auch werden die Künstler und die Kreativen für ihr Engagement auf unserem Sender vergütet.“

medienpolitik.net: Educ’ARTE ist ein SVoD-Bildungsangebot, das sich an Schulträger, Bildungseinrichtungen und Schulen richtet, die ARTE-Angebote gegen eine Vergütung nutzen können. Die Schulen sind jetzt geschlossen. Pausiert jetzt auch Educ’ARTE?

Boudgoust: Im Gegenteil. Seit dem 16. März 2020 bietet ARTE Education allen weiterführenden Schulen in Deutschland zur Unterstützung des Fernunterrichts seine interaktive Schulmediathek „Educ’ARTE“ kostenlos an. Die Resonanz ist enorm mit bereits mehr als 10.000 Anmeldungen allein auf deutscher Seite. Nun weitet das Tochterunternehmen von ARTE France Développement sein Angebot auch auf die österreichischen Schulen aus.

medienpolitik.net: Es kommt zu Produktionsausfällen und Verschiebungen. Wie weit wird das ARTE-Programm darunter in den nächsten Monaten leiden?

Boudgoust: Es ist sehr erfreulich, dass die heutige Fernsehtechnologie es erlaubt, nun sehr viele Aufgaben von zu Hause übernehmen zu können, beispielsweise einen Bericht zu schneiden oder Kommentare einzusprechen. Insofern können wir unser Nachrichtenangebot im Groβen und Ganzen aufrechterhalten. Die Spezifizität des Senders ist es allerdings, zwei Programme zu liefern: eines auf Deutsch und eines auf Französisch. Bei vielen Sendungen kann leider zurzeit tatsächlich die zweite Sprachfassung nicht rechtzeitig fertiggestellt werden. Die Primetime-Programme versuchen wir prioritär zu behandeln. Als Ersatzprogramm bemühen wir uns um Senderrechte für hochwertige Wiederholungen zu Themen, die nach wie vor aktuell und relevant sind.

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