„Die Digitalisierung wird durch Corona einen starken Entwicklungsschub erleben“

von am 19.05.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Digitale Medien, Journalismus, Medienpolitik, Medienwirtschaft, Verlage

„Die Digitalisierung wird durch Corona einen starken Entwicklungsschub erleben“
Dr. Klaus Krammer, Sprecher Verein Deutsche Fachpresse Vorstand Krammer Verlag Düsseldorf AG

Fachverlage haben frühzeitig auf Online gesetzt, das zahlt sich jetzt aus

19.05.2020. Interview mit Dr. Klaus Krammer, Sprecher Verein Deutsche Fachpresse Vorstand Krammer Verlag Düsseldorf AG

Für die Fachpresse stellt sich die Situation durch die Corona-Krise nach Einschätzung des Sprechers der Deutschen Fachpresse und VDZ-Vizepräsidenten Dr. Klaus Krammer in Teilen dramatisch dar. Man erlebe einen nicht vorstellbaren Tiefpunkt der Marktentwicklung für Teile der Fachpresse. So rasant und drastisch, wie sich insbesondere das Anzeigen-Minus von bis zu 80 Prozent ergeben hat, das Konferenzgeschäft vollständig zum Erliegen kam und Fachbereiche wie Maschinenbau, Automobilzulieferung, Textil und Mode getroffen wurden, sei es für viele Fachverlage existenzbedrohend. Krammer weiter: „Wir erwarten von der Politik ganz grundsätzlich, dass die Zustellung von gedruckten Zeitschriften heute und in Zukunft diskriminierungsfrei und wirtschaftlich möglich sein muss. Weitere Preissteigerungen bei der Postzustellung, die einen Teuerungsausgleich übersteigen, sind für unsere Fachzeitschriftenverlage nicht mehr verkraftbar.“ Dringend müsse das EU-Presseverlegerrecht umgesetzt werden, damit Verlage wieder an den Ausschüttungen der VG Wort beteiligt werden könnten.

medienpolitik.net: Herr Krammer, von den Tageszeitungen und Publikumszeitschriften gibt es Meldungen über Anzeigenrückgänge und Kurzarbeit. Von den Fachzeitschriftenverlagen, war kaum etwas zu hören. Ist das ein gutes Zeichen?

Krammer: Die Fachverlage sind leider vergleichbar betroffen. Wie ich in der VDZ-Jahrespressekonferenz deutlich gemacht habe, haben Fachzeitschriften aktuell mit Rückgängen von 20 bis 80 Prozent bei den Anzeigenbuchungen zu kämpfen. Je stärker die Branche der Werbetreibenden von der Coronakrise betroffen ist, desto stärker sind auch die Anzeigenrückgänge. Das wirkt sich direkt aus. Je nach Geschäftsmodell trifft das die Fachmedienanbieter unterschiedlich hart, sodass auch zahlreiche Fachverlage Kurzarbeit angemeldet haben. Die Fachmedienbranche insgesamt muss aber durchaus differenziert betrachtet werden. So ist die Nachfrage nach digitalen Inhalten in bestimmten Branchen, beispielsweise Recht und Steuern, stark angestiegen.

medienpolitik.net: Kongresse, Seminare, Fachveranstaltungen sind bis Ende August abgesagt. Welche Rolle spielt dieses Segment für die Fachverlage?

Krammer: Gerade das Veranstaltungsgeschäft mit Kongressen und Messen konnten die Fachmedienhäuser in den zurückliegenden Jahren erfolgreich ausbauen und hierfür ihre starken Printmarken nutzen. Die coronabedingten Einschränkungen haben hier zu einer Vollbremsung geführt, das Geschäft ruht komplett. Natürlich wurden viele Angebote in den digitalen Raum verlagert, aber hier ist die Monetarisierung noch nicht sehr weit fortgeschritten. Für Fachmedienhäuser mit starkem Eventgeschäft ist dieser Lockdown extrem belastend.

„Für Fachmedienhäuser mit starkem Eventgeschäft ist dieser Lockdown extrem belastend.“

medienpolitik.net: Aber Fachzeitschriften werden doch nicht gekündigt, weil Unternehmen z.B. im Handel oder dem Gastgewerbe für einige Wochen schließen muss. Das ist doch eigentlich eine treue Kundschaft?

Krammer: Fachzeitschriften sind für Wirtschaft und Wissenschaft unentbehrlich, gerade in diesen Zeiten. Sie informieren und vernetzen, bringen Marktpartner zusammen und vermitteln neueste wissenschaftliche Erkenntnisse. Ja, unsere Leser und Nutzer sind treue Kunden, das merken wir auch. Aber – sollten sich durch die Coronakrise die Marktstrukturen der einzelnen betreuten Branchen deutlich verändern und zu starken Konzentrationseffekten führen, werden unsere Zielgruppen auch zwangsläufig kleiner. Und schließlich müssen die Fachzeitschriften heute natürlich auch die Leser erreichen, die im Moment zu großen Teilen im Homeoffice arbeiten. Unsere Fachverlage und Fachmedienhändler haben hier verschiedenste Lösungen entwickelt, wie beispielsweise die Zustellung digitaler Ausgaben, um diese Herausforderungen zu meistern.

medienpolitik.net: Sie haben bei der VDZ-Jahresressekonferenz davon gesprochen, dass das Anzeigengeschäft bei vielen Verlagen um bis zu 80 Prozent zurückgegangen ist. Die Fachzeitschriften bedienen sehr hochwertige und attraktive Zielgruppen. Ist diese sicher kurzzeitige Delle nicht zu verkraften?

Krammer: Niemand weiß im Moment, ob wir es hier mit einer kurzzeitigen Delle zu tun haben. Kein Unternehmen kann einen solchen Umsatzrückgang einfach wegstecken und wieder zum Tagesgeschäft übergehen. Ganz entscheidend für anzeigenbasierte Geschäftsmodelle wird daher sein, wie schnell die gesamtdeutsche Wirtschaft aus dem Lockdown wieder starten kann und die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen steigt. Wie entwickelt sich der private Konsum, was machen Tourismus und Gastronomie, wie sieht es mit der Automobilbranche aus? Wenn unsere Kunden wieder Umsatz machen können, wird sich das auch für uns positiv auswirken.

medienpolitik.net: Die Fachzeitschriften haben schon relativ früh auf Online gesetzt. Das scheint sich auszuzahlen. Vor dem Lockdown (Februar 2020) stiegen die Visits der Top-30-Platzierten in Summe um 33 Prozent. Worauf führen Sie diesen Anstieg zurück?

Krammer: Qualitativ hochwertige und zuverlässige Inhalte sind gefragt wie nie, das gilt besonders in Krisenzeiten. Unsere Kunden suchen Orientierung, müssen Informationen einordnen und brauchen Fach-Know-how, um ihrer Arbeit nachgehen zu können. Fachverlage stellen diese Inhalte für ihre Zielgruppen auf vielfältigen Kanälen zur Verfügung. Wie das erfolgreich funktioniert zeigen sowohl unsere acht Preisträger der „Fachmedien des Jahres 2020“ sowie die drei prämierten „Fachjournalisten des Jahres 2020“.

medienpolitik.net: Verzeichnen Sie wie die Publikumszeitschriften auch mehr Abos für die Digitalangebote?

Krammer: Ja, wir verzeichnen auch eine verstärkte Nachfrage nach digitalen Abos, aber auch nach digitalen Fachmedienprodukten insgesamt. Das können beispielsweise auch digitale Fachbücher, Datenbankzugänge, Workflow-Lösungen und Softwaretools sein.

„Sollte der Leser in Zukunft mehr digitalen Medien nachfragen, werden wir entsprechende Produkte zur Verfügung stellen.“

medienpolitik.net: Werden die Erfahrungen aus der Corona-Epidemie den Umstieg von Print zu Online beschleunigen?

Krammer: Ich gehe davon aus, dass die Digitalisierung durch die Corona-Erfahrungen einen weiteren, starken Entwicklungsschub erleben wird. Im Mittelpunkt all unserer Bemühungen steht der Kunde mit seinen Bedürfnissen. Aktuell genießt die gedruckte Fachzeitschrift hier einen hohen Stellenwert, das haben auch wieder die Zahlen der LAE 2019 belegt. Sollte der Leser aufgrund seiner Corona-Erfahrungen in Zukunft mehr digitalen Medien nachfragen, werden wir diesen Wunsch ganz sicher annehmen und entsprechende Produkte zur Verfügung stellen.

medienpolitik.net: Was erwarten Sie von der Politik an Hilfe? Könnte die Infrastrukturhilfe von 40 Millionen Euro, bei der der VDZ einen Anteil für die Zeitschriften fordert, überhaupt helfen?

Krammer: Wir erwarten von der Politik ganz grundsätzlich, dass die Zustellung von gedruckten Zeitschriften heute und in Zukunft diskriminierungsfrei und wirtschaftlich möglich sein muss. Weitere Preissteigerungen bei der Postzustellung, die einen Teuerungsausgleich übersteigen, sind für unsere Fachzeitschriftenverlage nicht mehr verkraftbar. Weiterhin brauchen wir dringend ein Belastungs-Moratorium, um das digitale und klassische Verlagsgeschäft nicht weiter unter Druck zu setzen. Hierzu gehört an erster Stelle die E-Privacy-Verordnung, die digitale Werbung und Telefonmarketing bedroht. Ganz dringend muss auch das EU-Presseverlegerrecht umgesetzt werden, damit Verlage wieder an den Ausschüttungen der VG Wort beteiligt werden können.

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