„Ein großer Trugschluss“

von am 06.05.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Medienförderung, Medienwirtschaft

„Ein großer Trugschluss“
Christine Berg, Vorstandsvorsitzende des HDF Kino

Die Hälfte der Kinos kann spätestens Mitte Juni vor der Insolvenz stehen

06.05.2020. Christine Berg, Vorstandsvorsitzende des HDF KINO

Für Gaststätten und Hotels steht der Fahrplan für den Ausstieg aus dem Lockdown fest. Für Kinos und andere kulturelle Einrichtungen fehlt ein solches Szenario bisher von den Ländern. Autokinos, die vielerorts kurzfristig entstehen, sind nach Aussage von Christine Berg, keine Alternative. Diese seien „keineswegs wirtschaftlich erfolgversprechend“. Zudem sei zu befürchten, so die Vorstandsvorsitzende des HDF KINO, dass durch das wachsende Angebot an Autokinos die Unterstützung bzw. Wiedereröffnung der regulären Kinobetriebe in der Politik in den Hintergrund geraten könne. Frei nach dem Motto: Die Branche hilft sich selbst am besten. Das sei allerdings ein großer Trugschluss. Wenn nicht alle Kinos schnell mehr finanzielle Unterstützung erhielten, könne bis spätestens Mitte Juni die Hälfte der Kinos vor der Insolvenz stehen.Trotz dieser historisch einmaligen Notlage“, so Berg weiter, „werden gewohnte Wege gegangen und nur Kinoprogrammpreise aufgestockt. Tatsächlich gibt es bis heute kein Konzept, das der Mehrzahl der Betriebe hilft.“

medienpolitik.net: Frau Berg, mehr als sechs Wochen sind Kinos geschlossen, gibt es schon Insolvenzen?

Berg: Tatsächlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Kinos in die Knie gehen. Bei einer internen Mitgliederumfrage gab jedenfalls die Hälfte der Betriebe an, spätestens Mitte Juni vor der Insolvenz zu stehen.

medienpolitik.net: Dreiviertel der Betriebe, die an der Umfrage teilgenommen haben, geben an, bereits erste Zahlungen in Form von Kurzarbeitergeld, Soforthilfen oder Krediten erhalten zu haben. Ist das zu wenig?

Berg: Es ist sehr gut, dass es diese Zahlungen gibt, aber sie sind ein Tropfen auf dem heißen Stein. Es gibt zwar Kurzarbeitergeld, aber immer noch keine Lösung für Minijobber und Werkstudenten, auf die unsere Branche zwingend angewiesen ist. Die Soforthilfen für Kinoprogrammpreisträger decken bei weitem nicht die weiterlaufenden Betriebskosten der Kinos ab Die Beantragung von KfW-Krediten über die Hausbanken ist zu langwierig. Hinzu kommt, dass wir die Verluste der Schließungszeit – bei 3 Monaten Schließung wurden weiterlaufende Kosten von 186 Millionen Euro für die Kinos ermittelt – dieses Jahr nicht mehr aufholen werden. Kurzum: Die Kinos benötigen schneller mehr Geld. Außerdem muss die Unterstützung auch bei allen Kinos ankommen. Aktuell fallen die mittelständischen und großen Häuser durch sämtliche Fördertöpfe. Die Krise trifft aber alle Kinos gleich hart.

medienpolitik.net: Wie wird den großen Kinos, mit mehr als sieben Sälen, die ungefähr die Hälfte des Marktes ausmachen, geholfen?

Berg: Natürlich können diese Häuser ebenfalls auf Kurzarbeit und Darlehen zurückgreifen, reale Zuschüsse zur Deckung von z.T. extrem hohen Fixkosten stehen ihnen jedoch nicht zur Verfügung. Es ist schon erstaunlich, wie wenig von Seiten der Regierung, aber auch der Branche selbst, die gesamte Kinolandschaft in den Blick genommen wird. Trotz dieser historisch einmaligen Notlage werden gewohnte Wege gegangen und nur Kinoprogrammpreise aufgestockt. Tatsächlich gibt es bis heute kein Konzept, das der Mehrzahl der Betriebe hilft.

„Es gibt bis heute kein Konzept, das der Mehrzahl der Kinos hilft.“

medienpolitik.net: Wie kann eine Insolvenzkette verhindert werden? 

Berg: Wir benötigen quasi sofort zusätzliche Mittel, um die auflaufenden Kosten in Höhe von 186 Millionen zu bedienen. Hierfür haben wir gemeinsam mit der SPIO gegenüber der Politik einen Infrastrukturfonds eingefordert, der die nicht reduzierbaren Betriebskosten während der Schließungsphase mit 4,62 EUR pro fehlende Besucher bezuschussen sollte. Zusätzlich werden auch weitere Mittel für die Phase der schrittweisen Wiedereröffnung benötigt, denn wir wissen alle, dass durch die Umsetzung der Sicherheits- und Hygieneauflagen zum Teil zusätzliche Kosten anfallen und wir eine ganze Weile weiter vom Normalbetrieb entfernt sein werden.

medienpolitik.net: Was bedeutet es für die Verleiher, wenn die Kinos noch einige Wochen geschlossen sind?

Berg: Letztendlich sitzen wir alle in einem Boot. Auch die Verleiher können ihre Produkte im Moment nicht adäquat auswerten, denn die Kinos sind der Kanal, der einen Film veredelt und ihm in den nachgelagerten Auswertungsstufen erst zum Gesamterfolg verhilft. Insofern ist die vereinzelte Verlagerung von Starts in den SvoD-Bereich auch nur begrenzt attraktiv. Aber auch wenn es wieder losgeht, sind auf Verleihseite noch längst nicht alle Probleme gelöst. Hier müssen wir sehr eng zusammenarbeiten, um für alle Seiten zufriedenstellende Lösungen zu finden.

medienpolitik.net: Stehen ausreichend attraktive Filme bereit, wenn die Kinos bald wieder starten sollten?
Berg: Sicherlich wird erst einmal Repertoire gezeigt, aber unser Ziel muss es sein, so schnell wie möglich auch neue Filme in den Kinos zeigen zu können u.a. mit MULAN und TENNET sind nach wie vor noch zwei starke Titel für den Sommer angesetzt. Solchen Content brauchen wir, um den Exklusivcharakter von Kino zu betonen und unser Publikum mit attraktiven Inhalten zu begeistern.

„Wichtig ist, dass die Kinos so schnell wie möglich eine verlässliche Perspektive erhalten.“

medienpolitik.net: Auf der Seite von Cinemaxx ist der früheste Filmstart für Ende Juli vorgesehen. Rechnen Sie mit der Öffnung der Kinos nicht früher? Der neue James-Bond-Film ist erst für November geplant.

Berg: Wichtig ist, dass die Kinos so schnell wie möglich eine verlässliche Perspektive erhalten. Dem Krisenstab und den Ländern liegen unsere Maßnahmenpläne im Hinblick auf die Wiedereröffnung in allen Details vor. Hier müssen seitens der Politik jetzt zügig belastbare Entscheidungen getroffen werden. Endgültig eröffnen kann man dann, wenn alle angeordneten Sicherheitsvorkehrungen lückenlos umgesetzt werden können und genug Filme zur Verfügung stehen.

medienpolitik.net: Welchen Vorlauf benötigt man für Marketing, wenn die Kinos wieder öffnen sollen?

Berg: Gemeinsam mit den Verleihern arbeiten wir gerade auf Hochtouren an einer branchenweiten Wiedereröffnungskampagne, die dann auch zügig umgesetzt werden könnte. Was die Bewerbung von einzelnen Titeln angeht, ist in der Regel mit einem Vorlauf von mindestens sechs Wochen zu rechnen.

medienpolitik.net: Wie können die Kinos mit der weitergehenden Kontaktbeschränkung leben? Wie können sie die Regeln zur Kontakteinschränkung einhalten?

Berg: Die beiden Kinoverbände haben ein Schutz- und Hygienekonzept ausgearbeitet und setzen sich für eine Wiedereröffnung mit Abstand und Augenmaß ein. Wir sind davon überzeugt, dass Kinos wie wenige andere Kulturorte die Einhaltung von Mindestabständen durch gezielte Maßnahmen umsetzen können, beispielsweise durch reduzierte Sitzzahlen in den Sälen, Versetzung von Filmstarts zur Reduzierung der Frequenzen in den Foyers, Reduzierung des Publikumsverkehrs in den Kassenbereichen durch verstärktes Online Ticketing, etc.. All dies sind Maßnahmen, die einige unserer Mitglieder im Übrigen bereits zu Beginn der Pandemie erfolgreich umgesetzt haben.

„Wir sind davon überzeugt, dass Kinos wie wenige andere Kulturorte die Einhaltung von Mindestabständen durch gezielte Maßnahmen umsetzen können.“

medienpolitik.net: Rechnen Sie damit, dass in diesem Jahr noch neue Filme produziert und fertiggestellt werden können?

Berg: Ja, natürlich. Bereits im ersten Quartal sind ja bereits Filme gedreht worden, die hoffentlich bald in die Postproduktion gehen werden oder schon sind. Auf diese Filme freuen wir uns schon jetzt ganz besonders. Und natürlich hoffen wir zusammen mit den Produzenten, dass bald wieder gedreht werden kann, denn auch im Bereich der Produktion wird natürlich an der Entwicklung von Sicherheitsstandards gearbeitet, um eine zügige Wiederaufnahme der Arbeiten zu gewährleisten.

medienpolitik.net: Können die vielen Autokinos, die gegenwärtig starten, die Situation für die Kinobetreiber entschärfen?

Berg: Das Thema „Autokino“ ist nicht unproblematisch. Zum einen, weil viele Kinobetreiber von engagierten Bürgermeistern oder Mitbewerbern aus dem Eventbereich regelrecht dazu getrieben werden, solche Großprojekte auf die Beine zu stellen. Und dies, obwohl diese keineswegs wirtschaftlich erfolgversprechend sind, sondern man häufig bei plus minus Null rauskommt. Unbezahlbar ist dabei natürlich, dass man weiter den Kundenkontakt halten kann und das Kino im Gespräch bleibt. Zum anderen steht zu befürchten, dass durch das stetig wachsende Angebot an Autokinos die Unterstützung bzw. Wiedereröffnung der regulären Kinobetriebe in der Politik in den Hintergrund geraten könnte. Frei nach dem Motto: Die Branche hilft sich selbst am besten. Das ist allerdings ein großer Trugschluss.

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