Nachrichten mit Perspektive

von am 15.05.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Journalismus, Kommunikationswissenschaft, Medienwissenschaft, Studie

Nachrichten mit Perspektive

Lösungsorientierter und konstruktiver Journalismus in Deutschland – Eine Studie der Otto Brenner Stiftung

Von Prof. Dr. phil. Stephan Weichert, Professor für Digitalen Journalismus an der Universität der Künste in Berlin, Dr. phil. Leif Kramp, Forschungskoordinator Zentrums für Medien, Kommunikations- und Informationsforschung (ZeMKI) der Universität Bremen

Redaktionen und Journalisten in Deutschland versuchen, auch in Krisenzeiten eine problemfixierte Berichterstattung mit konstruktiven Ansätzen zu ergänzen. Sie sehen darin eine Chance, „den Journalismus“ nachhaltig zu verändern, so das Fazit von „Nachrichten mit Perspektive“. In der Studie werden Konzepte konstruktiver und lösungsorientierter Berichterstattung vorgestellt und erste praktische Umsetzungen in Deutschland analysiert. Mit Berichten aus der Praxis, intensiven Interviews mit Experten und einem breiten Serviceteil ist „Nachrichten mit Perspektive“ mehr als eine Einführung für Kritikern wie Protagonisten der Konzepte. Die Welt ist besser, als es die Medien den Menschen glauben machen wollen. Diese Erkenntnis drängt sich als Hauptmotiv derjenigen auf, die in Deutschland bereits konstruktive oder lösungsorientierte Berichterstattung regelmäßig praktizieren. Mit zwölf ausgewiesenen Expertinnen und Experten haben wir intensive Gespräche über Potenziale, Risiken und gelebte Praxis des vergleichsweise jungen Paradigmas für den Journalismus gesprochen. Nachfolgend werden die Analysebereiche zusammengefasst, um darauf aufbauend ein prägnantes Fazit zu ziehen.

Aus Sicht der befragten Journalistinnen und Journalisten ist ein Problemfokus in der redaktionellen Nachrichtenauswahl dominant und omnipräsent, der das Weltgeschehen nur ausschnitthaft und damit in unzureichender Weise darstellt. Dass allgemein Negativität und Konfliktorientierung vorherrschen, erkennen die Befragten einhellig als blinden Fleck in der konventionellen Berichterstattung, die vor allem in den Nachrichten zuweilen in einer Krisenfixierung erstarrt. Aus diesem Defizit heraus erklären die Befragten ihr Ziel, diesen Kreislauf der Negativität durchbrechen zu wollen. Dass dies in der Praxis durchaus möglich ist, bestätigen diejenigen Redaktionsleiterinnen und Redaktionsleiter, die teilweise schon länger mit konstruktiven oder lösungsorientierten Ansätzen experimentieren. Sie verbinden damit unter anderem auch den journalistischen Anspruch, die als zunehmend wahrgenommene Polarisierung in Teilen der Bevölkerung ausgleichen, um so adäquater mit Nachrichtenangeboten an die Lebenswirklichkeit der Mediennutzerinnen und -nutzer anschließen zu können – dies ergibt sich zumindest als ein zentraler Erfahrungswert in der praktischen Umsetzung lösungsorientierter Ansätze.

„Konstruktiv“ und „lösungsorientiert“ berichten: Begriffsklärung und redaktionelle Ansätze Die befragten Redaktionsverantwortlichen zielen mit ihrem Bestreben, konstruktive bzw. lösungsorientierte Ansätze in ihren redaktionellen Workflow zu integrieren, im Grunde alle in eine ähnliche Richtung: Sie streben nach einer ganzheitlicheren, nachhaltigeren und ausgewogeneren Berichterstattung. Dabei schließen sie mal stärker, mal schwächer an die vom Constructive Institute bzw. dem Solutions Journalism Network entwickelte Programmatik und Didaktik an – oder kombinieren zumindest einige Teile davon. Die Spanne reicht von Auffassungen wie die Adrian Feuerbachers (NDR), die in den Ansätzen eine Rückbesinnung auf die eigentlichen Qualitäten ordentlicher journalistischer Arbeit – wie Ausgewogenheit und Vollständigkeit in der Berichterstattung über das Orts- und Weltgeschehen – sehen, bis hin zu Hoffnungen wie die von Ellen Heinrichs (Deutsche Welle), dass mithilfe der Ansätze ein fundamentales Umdenken in der journalistischen Praxis hin zu einer innovationsoffeneren Redaktionskultur – auch hinsichtlich des digitalen Publikumsdialogs – stattfinden könnte. Dies geschieht laut keinem und keiner der Befragten nach einem standardisierten Schema der Anpassung redaktioneller Arbeitsabläufe; auch fehlt es an einer geschlossenen Systematik. Vielmehr erschließt sich die Adaption lösungsorientierter und konstruktiver Ansätze mittels redaktionsinterner Aushandlungsprozesse, die von einer partiellen Einbindung des Publikum-Feedbacks instruktiv begleitet wird. In den Facetten eines konstruktiven Journalismus bzw. eines Lösungsjournalismus wird vor dem Hintergrund der jeweils unterschiedlichen redaktionellen Organisationskontexte und Zielvorgaben von den Befragten eine Möglichkeit gesehen, traditionelle journalistische Aufgaben und Qualitätsversprechen insgesamt besser und möglicherweise wirtschaftlich erfolgreicher erfüllen zu können.

Auswirkungen auf Arbeitsprozesse und Distributionsformen

Die journalistische Praxis muss sich nicht neu erfinden, um solide Rahmenbedingungen für eine konstruktive bzw. lösungsorientierte Form der Berichterstattung zu schaffen: Aus Sicht der Befragten zeigen erste Erfahrungen in den ausgewählten Redaktionen, dass sich weder die journalistische Recherche noch die Darstellungsformen grundlegend verändern müssen, um derlei Ansätze in der redaktionellen Arbeit einzusetzen. Was sich jedoch wandeln muss, ist die Offenheit gegenüber Themen und Sujets, die Journalistinnen und Journalisten zuweilen aus dem Blick verlieren. Gerade Blickwinkel auf bestimmte Themen, bei denen perspektivische, also auf die Zukunft gerichtete Aspekte eine stärkere Beachtung finden, sind im konstruktiven Lösungsjournalismus gefragt. In den Gesprächen für die vorliegende Studie wurde in dem Zusammenhang auch der Hoffnung Ausdruck verliehen, dass die aktive Aneignung journalistischer Inhalte durch die Nutzerinnen und Nutzern selbst auf diese Weise qualitativ verbessert werden und damit ein Mehrwert in Abgrenzung zu anderen Informationsangeboten entstehen könnte – stattzwingend nur die Reichweite zu erhöhen. Im Ziel geht es einigen Befragten darum, das gesellschaftliche Engagement und damit die Verbesserung der eigenen Lebensbedingungen in den Vordergrund des Erzählens zu stellen, was unter anderem doch auch – in Abhängigkeit der praktizierten Ausprägung – als kategoriale Verschiebung des journalistischen Berufsethos in Richtung Aktivismus, Kampagne oder Agitation gedeutet werden könnte.

Rezeption von und Partizipation durch die neuen Ansätze Resonanzboden und Aktivitätspotenzial des Publikums sind besonders bei konstruktiver bzw. lösungsorientierter Berichterstattung ausschlaggebend: Reichweite, Verweildauer, Leserinnen- und Leserbindung oder Sharing- Rate in sozialen Netzwerken sind deutlich höher als bei problemorientierten Geschichten. Überhaupt scheint der höhere Partizipationsgrad der Grund zu sein, warum sich Redaktionen auf das konstruktive Paradigma einlassen. Die Mehrheit der Befragten schaut insbesondere auf die jungen Zielgruppen und hofft, dass Lösungsgeschichten bei diesen Alterskohorten gut ankommen, da das konventionelle stressbeladene Nachrichtengeschehen ausgeklammert wird. Sich auflösende gesellschaftliche und politische Sicherheiten, die die Gesellschaft zur Neuorientierung und zum Umdenken zwingen, tun ihr Übriges. Zwar möchte keiner und keine der Befragten für sich reklamieren, ihre Nutzerinnen und Nutzer proaktiv zum Handeln bewegen zu wollen, es scheint aber Einigkeit in dem Punkt zu geben, dass es, im Ganzen gesehen, um eine positive Beeinflussung der Zivilgesellschaft mithilfe des Journalismus gehen muss – und sei es nur, um ausgewogener zu berichten, Druck auf die Politik auszuüben oder hasserfüllte Online-Kommunikation von Nutzerinnen und Nutzern einzudämmen. Darüber hinaus können sich alle Expertinnen und Experten diverse Aktivitäten und Aktionen vorstellen, die redaktionell initiiert oder zumindest begleitet werden. Darunter ein Reigen an Mitmachaktionen, Veranstaltungen oder Abstimmungen, die das (soziale) Engagement der Nutzerinnen und Nutzer produktiv stimulieren können.

Maßnahmen und Bedarfe zur Förderung beider Konzepte

Fehlende Ressourcen – oftmals sind es Zeit- und Personalmangel – stehen der redaktionellen Implementierung konstruktiver bzw. lösungs orientierter Ansätze häufig entgegen. Zumindest werden diese als schwierige Herausforderung von den Befragten erlebt, wenn es darum geht, konstruktive Berichterstattung breiter und tiefer im Redaktionsalltag zu verankern. Interne Workshops, externe Tagungen und kleinere informelle Arbeitskreise fördern gleichwohl den Austausch unter Gleichgesinnten und bilden derzeit die effektivste Maßnahme in punkto Lösungssuche und Lösungsansätze. Niedrigschwellige Schulungs- und Weiterbildungsangebote zu verankern, die eine systematische Adaption lösungsorientierter Ansätze in allen Redaktionsbereichen ermöglichen, bleibt der einhellige Wunsch aller Befragten. Dies gilt sowohl auf Leitungs- und Chefin nen- bzw. Chefebene als auch in der Aus- und Weiterbildung, etwa von Volontärinnen und Volontären. Dabei stehe der persönliche Austausch unter Kolleginnen und Kollegen in der Wahrnehmung der Befragten im Vordergrund, den Webinare oder Datenbanken nicht ersetzen können.

Ausblick und Zukunft von konstruktivem und lösungsorientiertem Journalismus Kollaboration und Vernetzung sind aus Sicht der Interviewpartnerinnen und -partner das „Gebot der Stunde“, um gemeinsam die Zeit und Mühe aufzubringen, medienübergreifend an lösungsorientierten Themen zu arbeiten. Dies ist offenkundig auch dem Umstand geschuldet, dass immer weniger Personal in den Redaktionen immer aufwändigere Recherchen stemmen muss. Wegweisend könnte aus Sicht einiger Befragter der bevorstehende Generationswechsel in den Redaktionen sein, der in den nächsten Jahren möglicherweise zu mehr Akzeptanz konstruktiver Berichterstattung führen könnte und damit das Bewusstsein für die Bedeutung von Perspektiven im journalistischen Kontext wachsen wird. Dabei ist die Suche der Qualitätsmedien nach einem Mehrwert für Nutzerinnen und -nutzer entscheidend, um Ansätze des konstruktiven und lösungsorientierten Journalismus in Deutschland nachhaltig zu verankern. Mit Blick auf jüngere Mediennutzerinnen und -nutzer im Social-Media-Bereich wird hier von einer Mehrheit der Expertinnen und Experten ein großes journalistisches Poten zial gesehen. Offen bleibt, ob das Paradigma des konstruktiven bzw. lösungsorientierten Journalismus zu einer großen Bewegung in Deutschland wird, mittels derer Redaktionen „bekehrt“ werden, die Schwerpunkte ihrer Berichterstattung entsprechend zu ändern. Einigkeit besteht darin, dass es sich nicht um einen vorübergehenden Trend handelt; vielmehr ist ein Szenario wahrscheinlich, dass diese Bemühungen dann überflüssig werden könnten, wenn die Redaktionen davon in der Breite mehrheitlich – in unterschiedlichsten Ausprägungen – Gebrauch machen.

Konstruktiver und lösungsorientierter Journalismus auf dem Prüfstand

„Schönfärberei“, „Bevormundung der Leserinnen und Leser durch gezielt gestreute positive Nachrichten“, „Weltverbesserungs-Journalismus“ oder sogar „eine unjournalistische Vorgehensweise“, die in Zeiten von „Lügenpresse“- Anwürfen als riskant eingestuft wird  – mit solchen oder ähnlichem Vorurteilen und Anwürfen sehen sich die befragten Journalistinnen und Journalisten bisweilen seitens skeptischer Redaktionsmitglieder oder aus den Reihen des Publikums konfrontiert, wenn sie die Vorzüge des konstruktiven bzw. lösungsorientierten Journalismus thematisieren. Vollkommen problemfrei ist die Praxis der beiden Schulen also nicht, zumal sie hierzulande in den Kinderschuhen steckt: Formate, Strukturen, Themensetzungen und praktische Herangehensweisen sind in deutschen Redaktionen in einem Experimentierstadium – und folgen zuweilen kaum einer Systematik oder Logik. Es finden sich vielfältige und zuweilen kreative, teils auch erratische Umsetzungen und digitale Formate, die vor allem eines im Blick haben: gesellschaftliche Perspektiven und Lösungsansätze aufzuzeigen, wenn es um Reizthemen wie die ökologischen Klimakrise, Armut, politischen Populismus oder – wie zuletzt – Innovationen im Gesundheitswesen vor dem Hintergrund der weltweiten Corona-Epidemie geht. Dabei versteht sich konstruktive bzw. lösungsorientierte Berichterstattung mitunter als wesentlicher Teilbereich wissenschaftsjournalistischer Herangehensweisen nicht nur an wissenschaftliche oder gesundheitspolitische, sondern auch an allgemeinere soziologische oder wirtschaftliche Kernprobleme. Die aus der vorliegenden Untersuchung folgenden Handlungsempfehlungen werden insofern anhand verschiedener Fragen zum konstruktiven und lösungsorientierten Journalismus dargestellt, bevor ein Fazit und Ausblick durch die Autoren vorgenommen werden.

Wozu überhaupt konstruktiver oder lösungsorientierter Journalismus? So facettenreich wie die redaktionelle Bandbreite ist, so unterschiedlich sind auch die Motive der Protagonistinnen und Protagonisten, die sich im Bereich konstruktiver und/oder lösungsorientierter Journalismus tummeln. Bislang handelt es sich vor allem um Akteure, die – ohne institutionellen Zusammenhalt – diese Ansätze in ihren Redaktionen punktuell, mitunter zeitlich begrenzt, aber oft zusätzlich zu ihren regulären beruflichen Verpflichtungen  quasi nebenbei betreiben. Sie alle eint der Anspruch, dass sie in ihrem Tun keine Weltverbesserung sehen, sondern – in einem nicht- aktivistischen Sinne – dem Zynismus-Filter bei der Nachrichtenauswahl etwas entgegensetzen wollen, indem sie sich für mehr Nachhaltigkeit im Journalismus stark machen. „Konstruktiv“ steht dabei nicht im Wiederspruch zu „kritisch“; vielmehr können Journalistinnen und Journalisten mittels substanzieller Recherchen über den Ist-Zustand der Welt hinaus auch etwas über ihren Soll-Zustand aussagen – also: Wo lassen sich weltweit Lösungsbeispiele dafür finden, wie mit einem konkreten Problem mit welchem Ergebnis umgegangen wurde?

Unterschiede und Gemeinsamkeiten von konstruktivem und lösungsorientiertem Journalismus

Lösungsjournalismus kann dabei als Teilaspekt des konstruktiven Journalismus verstanden werden, beide Linien sind aber nicht zwingend deckungsgleich. So kann lösungsorientierte Berichterstattung stets als konstruktiv verstanden werden, ein konstruktiver Beitrag ist aber nicht zwangsläufig auch lösungsorien tiert. Konstruktiver Journalismus und Lösungsjournalismus verfolgen dasselbe Ziel: medialen Wandel anzustoßen, der sich vom negativen Fokus der Medien wegbewegt – jedoch sind die Herangehensweisen der jeweiligen Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlich. Während das Solutions Journalism Network seinen Ansatz vom Produkt bzw. Inhalt her denkt, der Lösungsgeschichte, und dafür auch die entsprechenden Qualitäten festlegt, strebt der konstruktive Journalismus zunächst einen kulturellen Organisationswandel in Redaktionen an.

Wie funktionieren konstruktiver und lösungsorientierter Journalismus in der Praxis? Im Kern des konstruktiven und lösungsorientierten Ansatzes geht es stets darum, durch aufwändige Recherchen Antworten auf Fragen zu finden, die eine möglichst konkrete Lösung in der (nahen) Zukunft beschreiben. Damit leistet der Journalismus einen wichtigen Transfer von gesellschaftlichen Problemen hin zu Lösungsalternativen und Perspektiven, der idealerweise auf empirischen Evidenzen – beispielsweise Statistiken, Hochrechnungen und sonstige Metriken, auch ganz allgemein: Forschung zu Wissens- und Nachhaltigkeitsthemen – basiert. Nicht nur bei den großen Themen, sondern auch im Kleinen, etwa im Lokalteil, stellt die Suche nach regionalen Erfolgsbeispielen, wo und wie es bergauf gehen kann, eine Chance dar. Auch wenn sich nicht alles, was anderswo gut läuft, zwangsläufig als Vorzeigeprojekt eignet, erscheint gerade die Suche nach Lösungen im Lokalen aufgrund der geringen Distanz zu den Mediennutzerinnen und -nutzern als besonders reizvoll, um öffentliche Debatten zu bereichern.

Im Fokus der neuen Konzepte stehen dabei nicht nur traditionelle journalistische Formate wie Interviews, Essays und Reportagen, sondern auch digitales Storytelling für soziale Netzwerke wie Instagram, Facebook oder YouTube sowie neue (nicht-digitale) Ideen vom Festival bis zur Leserinnen- und Leserdiskussion, die den zukünftigen Sound des konstruktiven und lösungsorientierten Journalismus prägen. Das Ganze deckt sich mit den jüngeren Erkenntnissen aus der kommunikations- und medienwissenschaftlichen Nutzungsforschung, dass die Sehnsucht in der Bevölkerung größer wird, mit weniger negativen Nachrichten konfrontiert zu werden und stattdessen mehr über Erfreuliches in der Welt zu erfahren. Gerade eine Lokalredaktion wie die Sächsische Zeitung, die schon einige Jahre damit experimentiert, erfährt mit konstruktiven Geschichten großen Zuspruch seitens des Publikums. Angenommen werden kann auf der Basis empirischer Studien auch, dass Lösungsansätze zunehmend gerade von jüngeren Bevölkerungsteilen, den „Millennials“, die sich als politisch motivierte Generation begreifen und sich aktiv gegen soziale und ökologische Verwahrlosung engagieren, goutiert werden.

Den Bürgerinnen und Bürgern einen konstruktiven Spiegel vorhalten? Nicht zu vergessen ist der Hang zur Negativität im Nachrichtengeschäft: Die hergebrachten Arbeitsweisen der Medien sorgen dafür, dass sich die Gesellschaft insgesamt ein negative res bzw. verzerrtes Bild von bestimmten Bereichen der Gesellschaft aneignet – Beispiel Kriminalität – als es die vorliegenden Fakten und Statistiken zeigen. Dieser Mangel an Differenzierung führt also nicht zu einer realistischeren Berichterstattung. Im Gegenteil, gerade die Negativschlagzeile scheint das Gefahrenpotenzial für den Zusammenhalt westlicher Demokratien zu erhöhen, weil sie dem politischen Populismus in die Hände spielt. Verkürzt gesagt vergiften derlei Negativ-Übertreibungen das politische Klima und die gesellschaftliche Grundstimmung. Journalistinnen und Journalisten können versuchen, diese kommunikative Schieflage mit konstruktiver Berichterstattung ausgleichen, indem sie den Bürgerinnen und Bürgern einen positiven Spiegel vorhalten und aufzeigen, was verändert und verbessert werden könnte.

Was verändert sich im Verhältnis zum Publikum? Zunächst spricht also erst einmal wenig dagegen, die Konzepte der „Konstruktivisten“ und „Lösungsfinderinnen“ in die Praxis umzusetzen, zumal sie das Problem der Zahlungsunwilligkeit der Nutzerinnen und Nutzer mittelfristig lösen könnten. Dass immer weniger Menschen bereit sind, für schlechte Nachrichten zu bezahlen, zeigt sich nach Auffassung der für die Untersuchung Befragten immer deutlicher. Die zumindest vor der Corona-Pandemie zurückgehenden Auflagenzahlen der Zeitungen, unter Druck geratene TV-Quoten und die – bis auf wenige Ausnahmen – sinkenden Reichweiten journalistischer Online-Angebote sprechen für sich. Hierzu gesellt sich der unsichere redaktionelle Umgang mit Hass und Hetze, die sich vor allem in den sozialen Netzwerken Bahn brechen und für eine eskalierende Diskussionskultur sorgen: Eine erkennbare Steigerung produktiver Dialoge und konstruktiver Debatten ist ein wichtiger Nebeneffekt in der gelebten Praxis konstruktiver bzw. lösungsorientierter Geschichten. Stärker ins Zentrum der Betrachtung von Medienhäusern rücken sollte das journalistische Paradigma also schon aus betriebswirtschaftlichem Kalkül heraus, weil die positive Aktivierung der Nutzerinnen und Nutzer für eine engere Bindung und Loyalität zu ihren Medienmarken spricht.

Gemein machen mit einer guten Sache oder nicht?

Modernes Heldentum oder Ausdruck eines Helfersyndroms? Der konstruktive bzw. lösungsorientierte Journalismus ist nach dem gängigen Rollenselbstverständnis in diesem speziellen Segment weder Held noch Helfer. Eher trifft es „Ermöglicherin“ oder „Wegweiser“. Dennoch ist der Vorwurf des Aktivismus der unsichtbare Elefant im Raum, den nur wenige Protagonistinnen und Protagonisten gerne von sich aus ansprechen, geschweige denn öffentlich thematisieren. Wann schlägt Journalismus in Aktivismus um? Wie können die „Konstruktivistinnen“ und „Konstruktivisten“ ihre Unabhängigkeit wahren, wenn sie über Klimaretterinnen und andere Lösungsfinder berichten? Trotz der viel geäußerten Wünsche, das Vertrauen und die Glaubwürdigkeit in die Medien steigern zu wollen, will partout kein Journalist und keine Journalistin als Aktivistin bzw. Aktivist gelten – das wird auch in unserer Befragung überdeutlich. Allerdings benennen wohl die meisten Journalistinnen und Journalisten als zentrales Motiv zur Ausübung ihres Berufs, einen Beitrag zum Wohlergehen der Gesellschaft leisten zu wollen. Konstruktive Geschichten zu publizieren, ist in der DNA des Journalismus deshalb im Grunde mit angelegt, wenn man das Ideal von seiner gesellschaftlichen Wächter- Funktion aufbricht und um das Element einer Wegweiser- Funktion erweitert. 

„Einmal Journalismus verbessern, bitte!“ – Wie bitte? Das klingt für ein Fazit spitz formuliert, ist aber angesichts der betriebswirtschaftlichen Verwerfungen von Nachrichtenangeboten, die anderswo noch extremer zutage treten als hierzulande, angezeigt: Der Journalismus wird sich – als Handwerk und als Branche – weiter radikal wandeln (müssen), wenn er künftig (noch mehr) zum gesellschaftlichen Nutzen beitragen soll, als er es derzeit tut. Eine vollständige Rekalibrierung der journalistischen Haltung wird dafür nicht nötig sein, wohl aber, das eigene redaktionelle Wertegefüge, die berufsethischen Normierungen und Grenzen sowie das Verhältnis zu seinen Nutzerinnen und Nutzern immer wieder aufs Neue zu hinterfragen. Konstruktiver bzw. lösungsorientierter Journalismus erscheint nach Auswertung der geführten Interviews mit versierten Akteurinnen und Akteuren in diesem Bereich zumindest als tragfähige Zielgröße. Mit dieser lässt sich in der Gestalt des in den USA inspirierten „Lösungsjournalismus“, wie ihn das Solutions Journalism Network in Workshops und Trainings anbietet, überaus praxisnah arbeiten. Anschaulich wird das Paradigma durch den vom Constructive Institute in Dänemark gelehrten „Konstruktiven Journalismus“, dessen Denkschule bereits viele Medienhäuser in Skandinavien praktizieren. Dieser wiederum bietet den notwendigen theoretischen Überbau, an dem sich Praktikerinnen und Praktiker reiben können, der aber häufig in Fachdiskussionen über die Ausrichtung des journalistischen Selbstverständnisses fehlt. Ich erfahre großes Interesse, auch von deutschen Stiftungen. Aber jetzt sage ich etwas sehr Unverblümtes: Ich denke, man kann eine Menge Großartiges darüber sagen, dass Deutsche sehr gründlich sind und über Dinge nachdenken und vieles in Prozessen gedacht wird. Aber manchmal dauert es wirklich lange und man muss genau umreißen, wie man von A nach B kommen will. Manchmal funktioniert die Welt aber so nicht, manchmal muss man einen gemeinsamen Traum haben und anfangen, einen Umweg zu wählen, um ans Ziel zu gelangen. So arbeite ich normalerweise, erlebe aber, dass das in Deutschland sehr zeitaufwändig ist. Ulrik Haagerup, Constructive Institute

Quo vadis, konstruktiver und lösungsorientierter Journalismus? Zweigeteilt ist der „konstruktive Ausblick“ auf die Potenziale, sich im Hinblick auf eine institutionelle Verortung in Deutschland ergeben: Zum einen sind die bestehenden Konzepte aus den USA und Skandinavien in punkto Übertragbarkeit, Redaktionskultur und Sprachbarrieren eine große Herausforderung für viele Redaktionen; ohne weiteres lassen sich weder die Trainings und der Netzwerkgedanke des Solutions Journalism Network von Tina Rosenberg noch die Idee eines deutschen „Constructive In stitute“, das nach den Vorstellungen von Ulrik Haagerup eng mit dem dänischen Mutterhaus verbunden sein soll, eins zu eins auf deutsche Verhältnisse übertragen. Zum anderen ergibt sich aus der aktuellen Situation der Bedarf, bestehende Aktivitäten in Deutschland zunächst zu systematisieren, zu bündeln und zu verstetigen – dies entspricht übrigens dem aktuellen Wunsch der meisten Befragten. Auch wenn der Einfluss beider Strömungen auf den Journalismus und das gesellschaftliche Fundament, auf das sie sich stützen können, kaum größer sein könnten als es derzeit der Fall ist, bleibt auch die ungeklärte Herausforderung der Finanzierung als derzeit größte strukturelle Hürde beim Auf- und Ausbau weiterer journalistischer Netzwerke und Aktivitäten in Deutschland.

Potenziale des konstruktiven und lösungsorientierten Journalismus – ein Ausblick

Von überall erreichen uns täglich unzählige Schreckensmeldungen über den desolaten Zustand der Welt, zuletzt und aktuell über die Coronavirus-Pandemie. Die Nachrichtenmedien sind es vor allem, die darüber eher problemzentriert und krisenfixiert berichten – Ausnahmen bestätigen die Regel. Es ist deshalb richtungsweisend, wenn Medienschaffende nicht bei Problemanalyse und Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse stehenbleiben, sondern in die Zukunft blicken und – politische, wissenschaftliche, medizinische, wirtschaftliche etc. – Lösungen recherchieren, wie es mit unserer Gesellschaft weitergehen kann. Insgesamt stellt sich die Frage, ob der Angang, das eigene Publikum mit frischen Ideen motivieren oder durch Lösungswege inspirieren zu wollen, überhaupt geeignet ist, nachhaltige Denkimpulse in Redaktionen zu tragen. Jedenfalls scheint es, als könnten die konstruktiven oder lösungsorientierten Prinzipien sowohl auf der handwerklichen als auch auf der publizistischen Ebene einen ideellen Zugewinn für den Journalismus bedeuten, weil sie zur Verbesserung des Metiers an jenen sichtbar gewordenen Sollbruchstellen beitragen, die gerade in Krisenzeiten womöglich seine gesamte Existenz infrage stellen. Auch wenn der konstruktive und der lösungsorientierte Journalismus am ehesten auf einer wissenschaftsjournalistischen Ebene funktionieren kann, bergen beide Paradigmen das Potenzial in sich, sich den Grundtugenden aller journalistischen Fachdisziplinen anzuverwandeln – so zumindest sehen es die Protagonisten beider Konzepte vor. Dies umfasst nicht zuletzt die häufig sehr zeit- und ressourcenintensiven Recherchen bei konstruktiven und lösungsorientierten Geschichten, aber auch die Kreativität bei den umgesetzten Darstellungsformen und natürlich die vielfältigen Interaktionsformen mit einem konstruktiv- geneigten Publikum. Dass die Adaption beider Ansätze in der journalistischen Praxis jedoch nicht ganz unproblematisch und widerstandsfrei ist, zeigt der ganzheitliche Blick: Für beide Ansätze spricht aus Sicht der vorliegenden Untersuchung die Möglichkeit der Selbstreflexion des eigenen Handelns; gegen sie, dass jedes Konzept für sich genommen (noch) zu wenig Stringenz in der praktischen Anwendung aufweist und das Risiko einer ideologischen Überhöhung birgt. Letzteres gilt vor allem für den konstruktiven Journalismus aus Dänemark, dem sämtliche unserer Befragten mitunter skeptischer gegenüberstehen, als dem lösungsorientierten Konzept aus den USA, das als pragmatisch-anwendungsorientierter, aber durchaus auch als beliebiger und weniger konzis verstanden werden kann. Dennoch kann die in Deutschland umstrittenere „Haagerup-Schule“ des konstruktiven Journalismus mit Ansätzen eines normativ-theoretischen Überbaus überzeugen, der im Idealfall auch zu einer selbstkritischen Inventarisierung des journalistischen Denkens und Handelns führt. Was beide Paradigmen nicht vollziehen wollen ist, dass die weit verbreitete Negativsicht im Journalismus nunmehr durch eine Positivsicht ersetzt wird. Vielmehr reiben sie sich an den klassischen Antriebsmotiven im Journalismus, stellen ihre Qualitätsstandards jedoch nicht grundsätzlich infrage. Vor allem wollen beide Denkschulen keine Schönfärberei, keinen Aktivismus und keine ideologische Verschleierung der Realität fördern, auch wenn in der gelebten Praxis gerade die Nähe zum Aktivismus (oder der Unternehmens-PR) aus unserer Sicht problematisiert werden muss, wenn bestimmte Akteure, Initiativen oder Unternehmen als vorbildhafte Beispiele von Lösungswegen skizziert werden. Wir empfehlen daher, den konstruktiven bzw. lösungsorientierten Journalismus als Projekt zu begreifen, in dessen Fokus die politische Bewusstwerdung des journalistischen Systems vor allem im Umgang mit aktuellen Krisen- und Gefahrensituationen steht.

Was das konkret für den Journalismus bedeutet, liegt auf der Hand: Für unsere Gesellschaft, die mehr denn je nur als soziale Gemeinschaft funktionieren kann, wenn sie die aktuellen globalen Risiken minimieren will, geht es um eine kollektive Feuerprobe, die vor allem durch Wagnis, Engagement und Innovation gemeistert werden kann. Der Journalismus übernimmt dabei eine systemrelevante Schnittstellen- und Vermittlungsfunktion, indem er genau von diesen weltweit stattfindenden Wagnissen, Engagements und Innovationen berichtet – durchaus mit kritischer Distanz, aber eben auch vorbildhaft, vorausschauend und wertschätzend. Das ist ein vergleichsweises neues Momentum gesellschaftlicher Kommunikation, in der die Mitwirkung und Einbindung des Publikums eine zentrale Rolle spielt, um gesellschaftliche Visionen im Spagat zwischen Tradition und Moderne zu verwirklichen. Es widerstrebt zwar der Rolle von Journalistinnen und Journalisten, sich mit einer Sache gemein zu machen, allerdings können sie Haltung zeigen und Position beziehen. Es muss unseres Erachtens künftig noch stärker darum gehen, dass der Journalismus in seiner Verantwortungslogik und gemäß seines Selbstbildes aktiv an der Gestaltung einer friedlichen globalisierten Zivilgesellschaft mitwirken muss. Um Kritikerinnen und Kritikern des konstruktiven bzw. des lösungsorientierten Ansatzes gezielt etwas entgegenzusetzen, erwähnten die Befragten des Öfteren die Möglichkeiten, den eigenen intellektuellen und handwerklichen Horizont erweitern zu können, verstanden als neuen Denkraum zur Weiterentwicklung journalistischer Wertevorstellungen und Normierungen. Gerade deshalb erscheint es an dieser Stelle angeraten, die Debatte über die beiden Strömungen im Verhältnis von journalistischer Praxis und ihrer pädagogischen Qualitäten im Dienst der publizistischen Aufklärung zu versachlichen und ihre möglichen Einflüsse unaufgeregt zu diskutieren.

Zur Studie: https://www.otto-brenner-stiftung.de/wissenschaftsportal/informationsseiten-zu-studien/nachrichten-mit-perspektive/

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