„Plattformbetreiber sollten nicht zu Richtern werden“

von am 12.05.2020 in Aktuelle Top Themen, Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Internet, Kommunikationswissenschaft, Medienordnung, Medienpolitik, Medienregulierung, Medienwissenschaft, Netzpolitik, Social Media

„Plattformbetreiber sollten nicht zu Richtern werden“
Dr. Jan-Hinrik Schmidt, Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut

Soziale Medien haben ihren Charakter durch die Corona-Krise nicht verändert

12.05.2020. Interview mit Dr. Jan-Hinrik Schmidt, Senior Researcher digitale interaktive Medien & politische Kommunikation, Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut

Während der Corona-Pandemie wurden Video-Chats zwischen Großeltern und ihren Enkeln, Videos mit Grußbotschaften, die über soziale Netzwerke geteilt wurden, als wichtige seelsorgerische Mittel in der Corona-Krise gelobt und wegen ihrer positiven Rolle bei der Bewältigung der Krise gepriesen. Von Hate Speech und Drohungen war kaum mehr etwas zu hören oder zu lesen.  Wandeln sich soziale Netzwerke, weil sie mehr für Alltagskontakte und Informationen genutzt werden, zu Friendly Speech anstelle von Hate Speech? Nach Auffassung von Dr. Jan-Hinrik Schmidt habe sich die Nutzung selbst nicht grundlegend verändert, sondern nur der Blick auf die sozialen Medien. „Soziale Medien waren und sind vorrangig Medien der Alltagskommunikation, mit deren Hilfe sich Menschen in ihren erweiterten sozialen Netzwerken über Themen von persönlicher Relevanz austauschen“, so der Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut. Der Informationsbedarf habe sich mittlerweile aufgefächert, insbesondere bei denjenigen Gruppen in der Bevölkerung, die nach alternativen Erklärungen und Sichtweisen suchen, werden eher in den sozialen Medien fündig, so Schmidt.

medienpolitik.net: Herr Schmidt, die Nutzung der klassischen Medien hat – auch bei Jugendlichen – zugenommen. Verlieren soziale Medien damit für die Information und Meinungsbildung an Bedeutung?

Schmidt: Nein, das kann man aus den aktuell beobachtbaren Veränderungen nicht ableiten. Aber sie machen deutlich, was auch vorher schon galt: Die sozialen Medien können die Informations- und Orientierungsleistung, die journalistisch-publizistische Medienangebote erbringen, zwar erweitern und in einigen Situationen für einige Nutzergruppen auch ersetzen. Aber dies gilt eben nicht für die gesamte Bevölkerung, und auch nicht für alle Informationsbedürfnisse. In Hinblick auf die gegenwärtige Pandemie ist in diesem Zusammenhang insbesondere zu beachten, dass sich Informationsbedarfe zu einem Thema wandeln. Sicherlich vereinfacht und holzschnittartig lassen sich zumindest zwei Phasen unterscheiden: Zu Beginn der Krise stand das Bedürfnis im Mittelpunkt, einen möglichst laufenden Überblick zu der Entwicklung der Pandemie und den politischen Beschlüssen zu bekommen. Publizistische Medien, sowohl überregionale als auch lokale und regionale Angebote, konnten hier verlässliche und vertrauenswürdige Informationen an ein Massenpublikum vermitteln, was viel zur Orientierung ihres Publikums in einer neuartigen Situation beigetragen hat. Inzwischen sind wir in einer anderen Phase angelangt: Das Orientierungsbedürfnis ist nicht verschwunden, da es ja nach wie vor darauf ankommt, etwa über die Veränderungen in den Kontaktbeschränkungen informiert zu bleiben. Doch die Informationsbedarfe haben sich mittlerweile aufgefächert, insbesondere bei denjenigen Gruppen in der Bevölkerung, die nach alternativen Erklärungen und Sichtweisen suchen. Sie werden eher in den sozialen Medien fündig. 

medienpolitik.net: Wandeln sich soziale Netzwerke, weil sie mehr für Alltagskontakte und Informationen genutzt werden – Friendly Speech anstelle von Hate Speech?
Schmidt: Auch hier hat sich meiner Ansicht nach die Nutzung selbst nicht grundlegend verändert, wohl aber unser Blick auf die sozialen Medien. In den vergangenen Jahren standen – aus gutem Grund – die problematischen Nutzungsweisen unter besonderer Beobachtung. Wir haben öffentlich viel über Hassrede, Verunglimpfung, Aufstachelung etc. diskutiert, weil diese Art der Kommunikation die Grundlagen der verständigungsorientierten Öffentlichkeit untergräbt. Aber soziale Medien waren und sind vorrangig Medien der Alltagskommunikation, mit deren Hilfe sich Menschen in ihren erweiterten sozialen Netzwerken über Themen von persönlicher Relevanz austauschen. Der überwiegende Teil dieser Alltagskommunikation verläuft – mehr oder weniger – höflich und zivilisiert, weil die meisten Menschen sich in den sozialen Medien eben nicht mit Wildfremden über umstrittene politische Themen austauschen, sondern den Kontakt mit Personen halten, die sie kennen. Die Beschränkungen des Kontakts im physischen Raum haben uns nun sehr unvermittelt vor Augen geführt, dass das Internet und die sozialen Medien schon lange vorher zu wichtigen Medien der Beziehungspflege geworden waren.

„Die Beschränkungen des Kontakts im physischen Raum haben uns vor Augen geführt, dass das Internet und die sozialen Medien schon lange vorher zu wichtigen Medien der Beziehungspflege geworden waren.“

medienpolitik.net: Die sozialen Netzwerke sind Janusköpfig: Tragen soziale Netzwerke in der aktuellen Situation durch die Verbreitung von Fakes und Unwahrheiten eher zu einer Verunsicherung und Fehlverhalten von Bürgern während der Corona-Krise bei oder ist ihr Nutzen angesichts der sozialen Isolation größer?

Schmidt: Das lässt sich pauschal nicht beantworten, weil beide Phänomene – Verwirrung und Verunsicherung durch die Informationsfülle einerseits, soziale Unterstützung und Ausgleich für fehlende direkte Sozialkontakte andererseits – sich nicht ausschließen.

medienpolitik.net: Die WHO spricht von einer „Infodemie“ im Zusammenhang mit Fakes News über soziale Netzwerke. Aber schaffen klassische Medien, auch mit ihren Online-Angeboten, nicht einen Ausgleich und führen Fake News ad absurdum?
Schmidt: Ja, die publizistischen Medien bilden (im Großen und Ganzen) einen wichtigen Gegenpol zu den ungeprüften, teils auch manipulativen Informationen, die in manchen Bereichen der sozialen Medien zirkulieren. Sie können Falschmeldungen korrigieren und Verschwörungstheorien oder andere „alternative Fakten“ entkräften und aufklären. Doch auch hier gilt: Diese korrigierende Wirkung greift nicht bei allen Nutzergruppen gleichermaßen. Neben der in Deutschland nach wie vor sehr großen Mehrheit, die sich vorrangig über publizistische Medien informieren, gibt es auch Bevölkerungsgruppen, die diesen Angeboten nicht (mehr) vertrauen und sich von dem „Mainstreamjournalismus“ abgewandt haben. Sie verfolgen möglicherweise noch dessen Berichterstattung, nutzen sie aber immer wieder nur als Anlass, um sich in ihrer eigenen abweichenden oder alternativen Meinung bestätigen zu können.

„Ich denke nicht, dass es eine gute Idee ist, die Plattformbetreiber zu Richtern zu machen, die über die Löschung von Inhalten in diesem sensiblen Bereich der Meinungsbildung entscheiden müssen.“

medienpolitik.net: Sollte die Politik die Netzwerke zwingen, Falschmeldungen innerhalb kurzer Zeit zu entfernen?

Schmidt: Nein, weil das in dieser Form aus meiner Sicht ein unverhältnismäßiger Eingriff wäre. Natürlich sind Äußerungen, die strafrechtlich relevant sind, wie bisher schon zu sanktionieren. Aber innerhalb der Grenzen der Meinungsfreiheit gibt es ja ein durchaus breites Spektrum von „Falschmeldungen“ – bewusste oder unbewusste Irreführung, geglückte oder missglückte Satire, ungewollte Fehler in der Berichterstattung oder Ansichten, die nicht durch wissenschaftliche Evidenz gedeckt sind. Hier wird sich nicht für alle Fälle eindeutig und unstrittig klären lassen, ob bzw. dass es sich in der Tat um „Falschmeldungen“ handelt; ich denke nicht, dass es eine gute Idee ist, die Plattformbetreiber zu Richtern zu machen, die über die Löschung von Inhalten in diesem sensiblen Bereich der Meinungsbildung entscheiden müssen. Durchaus sinnvoll sind aber Maßnahmen der Plattformbetreiber, die Verbreitung von faktenbasierten Informationen zu fördern – z.B. durch das prominente Verlinken entsprechender Übersichtseiten von anerkannten Gesundheitsorganisationen oder das Verweisen auf „Faktenchecks“ durch unabhängige Institutionen. Zudem hielte ich es für gerechtfertigt, die Empfehlungsalgorithmen so zu kalibrieren, dass zweifelhafte Informationen nicht massenhaft weiter verbreitet werden. Das Recht auf Meinungsäußerung wäre damit gewahrt, aber die automatisierte und ungeprüfte Verbreitung entsprechender Botschaften wäre erschwert.

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