Verschwörungstheorien statt Falschmeldungen

von am 05.05.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Digitale Medien, Internet, Netzpolitik, Netzpolitik, Plattformen und Aggregatoren, Social Media, Studie

Verschwörungstheorien statt Falschmeldungen

Kommunikationswissenschaftler analysieren Facebook-Posts von alternativen Nachrichtenmedien

05.05.2020. In Zeiten der Corona-Pandemie haben sogenannte alternative Nachrichtenmedien im deutschsprachigen Raum nur wenige Falschmeldungen (Fake News) verbreitet – stattdessen neigen sie stärker zur Veröffentlichung von Verschwörungstheorien. Zu diesem Ergebnis kommen Kommunikationswissenschaftlerinnen und Kommunikationswissenschaftler der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) in einer aktuellen Untersuchung. Das vierköpfige Forscherteam unter der Leitung von Prof. Dr. Thorsten Quandt untersuchte 120.000 Posts, die von Anfang Januar bis zum 22. März über den Social-Media-Kanal „Facebook“ veröffentlicht wurden – davon 15.000 von den alternativen Nachrichtenmedien, der Rest von klassischen Medienhäusern. Die Studie ist online erschienen.

Die COVID-19-Pandemie hatte nicht nur schwerwiegende politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Auswirkungen, sondern auch Medien- und Kommunikationssysteme auf beispiellose Weise tangiert. Während traditionelle journalistische Medien versucht haben, sich an die sich schnell entwickelnde Situation anzupassen, haben alternative Nachrichtenmedien im Internet den Ereignissen ihren eigenen ideologischen Touch verliehen. Solche Stimmen wurden kritisiert, weil sie die gesellschaftliche Verwirrung fördern und potenziell gefährliche „falsche Nachrichten“ oder Verschwörungstheorien über soziale Medien und andere Online-Kanäle verbreiten. Die aktuelle Studie analysiert die sachlichen Grundlagen solcher Befürchtungen in einer ersten rechnergestützten Inhaltsanalyse der Ausgabe alternativer Nachrichtenmedien auf Facebook während der frühen Corona-Krise auf der Grundlage eines großen deutschen Datensatzes von Januar bis zur zweiten Märzhälfte 2020.

„Die Analyse zeigt, dass sich die Alternativmedien während der Corona-Krise gerne die Faktenlage zurechtbiegen und Gerüchte sowie einzelne Verschwörungstheorien verbreiten.“

Als „alternative Nachrichtenmedien“ werden Angebote bezeichnet, die sich als kritische Gegenstimme und Korrektiv zu journalistischen „Mainstream-Medien“ verstehen und vor allem online aktiv sind. Sie sind in den vergangenen Wochen vermehrt in die Kritik geraten, da ihnen vorgeworfen wird, die Bevölkerung durch gezielte Falschmeldungen zu gefährden. „Unsere Analyse zeigt, dass es, anders als Politiker, Journalisten und die Öffentlichkeit vermuten, kein nennenswertes Maß an frei erfundenen Nachrichten gibt. Vielmehr hat sich gezeigt, dass sich die Alternativmedien während der Corona-Krise gerne die Faktenlage zurechtbiegen und Gerüchte sowie einzelne Verschwörungstheorien verbreiten. Diese Medien vermischen in ihren Veröffentlichungen das Leugnen des Klimawandels, die Flüchtlingskrise, Weltuntergangstheorien und das Coronavirus“, erläutert Thorsten Quandt.

Von den 120.000 Facebook-Posts, die die Wissenschaftler analysiert haben, befassten sich in den drei Monaten rund 20.000 inhaltlich mit dem Coronavirus. Am Anfang gab es nur wenige Berichte zu diesem Thema, seit März dominiert das Thema dagegen die Berichterstattung – sowohl in den alternativen als auch in den klassischen Massenmedien. „Die alternativen Medien verbreiten ihre Botschaften subtil in einer harmlos wirkenden Kommunikationsstrategie. Offensichtliche Falschmeldungen passen nicht zu dieser Vorgehensweise. Wir haben jedoch populistische Tendenzen in ihren Beiträgen festgestellt“, betont Thorsten Quandt. „Es gab zahlreiche kritische oder beleidigende Äußerungen gegenüber handelnden Politikern wie beispielsweise Bundeskanzlerin Angela Merkel oder Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Damit verfolgen die Alternativmedien das Ziel, langfristig eine kritische Haltung gegenüber Politikern, Flüchtlingen, dem Klimawandel oder schlicht ‚dem System‘ zu schüren.“

„Die Alternativmedien tragen durch die Konstruktion einer widersprüchlichen, bedrohlichen und misstrauischen Weltansicht, die jede ‚offizielle‘ Aussage in Frage stellt, zur öffentlichen Verwirrung bei.“

Die Analyse ergab, dass die alternativen Nachrichtenmedien den in früheren Untersuchungen identifizierten Nachrichtenmustern und ideologischen Grundlagen treu bleiben. Obwohl sie keine offensichtlichen Lügen verbreiten, teilen sie vorwiegend übermäßig kritische, sogar antisystemische Botschaften, die sich der Ansicht der Mainstream-Nachrichtenmedien und des politischen Establishments widersetzen. Mit diesem Pandemiepopulismus tragen sie zu einer widersprüchlichen, bedrohlichen und misstrauischen Weltanschauung bei, wie sie in dieser Analyse ausführlich dargestellt wird.

Die Auswertung der Facebook-Daten belegt, dass alternative Nachrichtenmedien Verschwörungstheorien über die Herkunft des Coronavirus verbreiten: Die Chinesen hätten zum Beispiel das Virus als Waffe entwickelt, die verbreitet würde, um den Westen zu zerstören. Damit riefen die Alternativmedien eine beachtliche Anzahl von Reaktionen hervor. „Wir fanden mehrere Fälle, in denen ihre Aussagen an anderer Stelle aufgriffen wurde, beispielsweise in den YouTube-Kanälen von Verschwörungstheoretikern, die als sekundäres Verbreitungssystem dienen. Sie bezeichnen die Botschaften der alternativen Nachrichtenmedien als glaubhaft“, sagt Thorsten Quandt. „Die Alternativmedien können durch die Konstruktion einer widersprüchlichen, bedrohlichen und misstrauischen Weltansicht, die jede ‚offizielle‘ Aussage in Frage stellt, zur öffentlichen Verwirrung beitragen. Bislang fehlen aber Daten über den Zusammenhang zwischen dem Konsum alternativer Nachrichtenmedien und riskantem Verhalten während der Corona-Pandemie.“ Die Diskussion über Verbote solcher Medien sieht Thorsten Quandt jedoch kritisch: „Gerade in Krisenzeiten spiegelt sich die Stärke einer Demokratie in ihren offenen und pluralistischen Debatten.“

In einer zweiten Studie wollen die WWU-Wissenschaftler die Facebook-Veröffentlichungen der klassischen Nachrichtenmedien untersuchen und mit denen der Alternativmedien vergleichen.

Zur Studie: https://arxiv.org/abs/2004.02566

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