Der Journalismus entspricht oft nicht den Erwartungen des Publikums

von am 24.06.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Gesellschaftspolitik, Journalismus, Kommunikationswissenschaft, Medienwissenschaft

Der Journalismus entspricht oft nicht den Erwartungen des Publikums

24.06.2020. Studie: Bevölkerung erwartet stärker kontrollierenden, politisch-aktivistischen Journalismus

Objektiv berichten, analysieren und Geschehnisse einordnen. Das – darüber sind sich Journalisten und ihr Publikum in Deutschland einig – sind die wichtigsten Aufgaben des Journalismus. Aber auch Toleranz und kulturelle Vielfalt innerhalb der Gesellschaft zu fördern, sei geboten. Besonders wichtig ist dem Publikum außerdem, dass Journalisten ihre Quellen transparent machen und ihre Themenauswahl erläutern. Dies sind Ergebnisse der Studie „Was Journalisten sollen und wollen“, vom Leibniz-Institut für Medienforschung │ Hans-Bredow-Institut (HBI). Ergebnis: Zwischen beiden Parteien herrscht große Einigkeit darüber, was Journalismus leisten sollte. „Dies umfasst in erster Linie die klassischen journalistischen Aufgaben der objektiven Berichterstattung sowie der Analyse und Einordnung. Auch die Förderung von Toleranz und kultureller Vielfalt wird auf beiden Seiten als besonders wichtige journalistische Aufgabe erachtet“, so Prof. Dr. Wiebke Loosen, Senior Researcher am HBI. Insgesamt zeigt die Studie aber auch, dass die Bevölkerung einem kontrollierenden, politisch-aktivistischen Journalismus mehr Wichtigkeit beimisst, als die meisten Journalistinnen und Journalisten ihn in ihrer täglichen Arbeit als Aufgabe betrachten.

Im Zuge des fortschreitenden Wandels der Medienumgebung und des Journalismus ist die Beziehung zwischen Journalismus und Publikum zu einem zentralen Untersuchungsgegenstand der Journalismusforschung geworden. Ein Großteil dieser Forschung wurde durch den sogenannten „Participatory Turn’“ im Journalismus angeregt, der vielfältige neue Arbeitsroutinen in Redaktionen und Nutzungspraktiken auf Seiten des Publikums mit sich gebracht hat. Seit einigen Jahren wird in der Journalismusforschung daher die „(Wieder-)Entdeckung des Publikums“ beobachtet und ein „Audience Turn“ im Journalismus diskutiert. Im Zuge dieser Entwicklungen haben sich die Ansprüche des Publikums an den Journalismus verändert. So erwartet das Publikum inzwischen mehr Transparenz und eine stärkere Orientierung hin zu Partizipation und Dialog. Die allgegenwärtige Medienkritik in Nutzerkommentaren, das geringe Vertrauen von Teilen der Bevölkerung in die Medien, sinkende Abonnentenzahlen bei Tageszeitungen sowie die geringe Zahlungsbereitschaft für Online-Journalismus sind ebenfalls Indikatoren dafür, dass der Journalismus oft nicht den Erwartungen des Publikums entspricht. So grundlegend die Veränderungen der Beziehung zwischen Journalismus und Publikum auch sein mögen, sie sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich im Grunde um eine (noch) relativ stabile soziale Beziehung handelt, die im Wesentlichen durch einen Angebot-/Nachfragezyklus gekennzeichnet ist, in dem der Journalismus kommunikative Angebote macht und dem Publikum die Macht zukommt, diese Angebote anzunehmen oder nicht. Während jedoch viel über Kritik am Journalismus geredet wird und auch einiges darüber bekannt ist was Journalisten als ihre beruflichen Aufgaben betrachten wissen wir vergleichsweise wenig darüber, was die Bevölkerung (derzeit) vom Journalismus erwartet. Noch spärlicher sind empirische Befunde über den Zusammenhang zwischen journalistischen Selbst- und Fremderwartungen, sprich: in welchem Verhältnis Publikumserwartungen zu dem stehen, was Journalisten selbst als ihre professionellen Aufgaben betrachten.

„Das Publikum erwartet mehr Transparenz und eine stärkere Orientierung hin zu Partizipation und Dialog.“

Allerdings ist die Zahl an Studien zu dieser Frage in den letzten Jahren gestiegen. Dies kann als weiterer Indikator für den „Audience Turn” im Journalismus und in der Journalismusforschung gelten: die in weiten Teilen rückläufige Inklusionsfähigkeit des Journalismus (z. B. in Form von Reichweitenverlusten insbesondere bei Tageszeitungen) und die gleichzeitig gestiegenen Inklusionsansprüche des Publikums (die sich z. B. im hohen Aufkommen von Nutzerkommentaren zeigen) werfen die zunehmend drängende Frage auf, wie kongruent journalistische Selbsterwartungen und Erwartungen des Publikums (noch) sind.

Die ermittelten Befunde zeichnen in der Summe ein detailliertes Bild des Verhältnisses zwischen Journalisten und ihrem Publikum für vier verschiedene redaktionelle Fallstudien, d. h. spezifische Medienangebote und ihre jeweiligen Publika; diese Befunde sind also nicht repräsentativ. Die Zahl der Studien, die sich in vergleichbarer Weise mit der Journalismus/Publikum-Beziehung auf Grundlage repräsentativer Daten aus Bevölkerungs- und Journalistenbefragungen beschäftigen, hat in den letzten Jahren zugenommen. Auch wenn diese „Beziehungsstudien“ nicht für den internationalen Vergleich konzipiert sind, liefern sie doch Evidenzen dafür, dass sich die Erwartungen der Bevölkerung an den Journalismus in verschiedenen Ländern unterscheiden können – ebenso wie die Qualität der Beziehung zwischen Journalismus und Publikum im Hinblick auf das Ausmaß der (In-)Kongruenz zwischen journalistischen Selbsterwartungen und Bevölkerungserwartungen.

„Was deutsche Journalisten am meisten tun wollen, ist auch das, was sie in den Augen der deutschen Bevölkerung tun sollen.“

Überblick über die wichtigsten Ergebnisse:

Die Journalismus/Publikum-Beziehung in Deutschland zeichnet sich durch eine vergleichsweise hohe Kongruenz in Bezug auf die von beiden Seiten als besonders wichtig erachteten Aufgaben des Journalismus aus: Was deutsche Journalisten am meisten tun wollen, ist auch das, was sie in den Augen der deutschen Bevölkerung tun sollen. Dies umfasst in erster Linie die klassischen journalistischen Aufgaben der objektiven Berichterstattung sowie der Analyse und Einordnung. Auch die Förderung von Toleranz und kultureller Vielfalt wird sowohl von Journalisten als auch von der Bevölkerung als besonders wichtige journalistsche Aufgabe erachtet. Besonders wichtig ist in den Augen der Bevölkerung zudem, dass Journalisten die Quellen transparent machen, auf denen ihre Beiträge beruhen.

  • Deutsche Journalisten wollen wenig tun, was sie nicht auch in den Augen der Bevölkerung tun sollen. Gleichzeitig spricht die Bevölkerung aber mehr Aufgaben Wichtigkeit zu, als Journalisten sie als Teil ihrer Arbeit betrachten.
  • Zu den Aspekten, die auf Bevölkerungsseite zwar nicht zu den wichtigsten journalistischen Aufgaben gehören, aber im Durchschnitt immer noch als wichtig eingestuft werden, gehören Aspekte der Transparenz, d. h. Erläuterungen zur Themenauswahl und zur (Un-)Sicherheit von Quellen; Informationen zu vermitteln, die Menschen zu politischen Entscheidungen befähigen; Menschen zur Teilnahme am politischen Geschehen zu motivieren; mit dem Publikum in einen Dialog über aktuelle Themen zu treten; Menschen die Möglichkeit zu geben, eigene Ansichten zu artikulieren; Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen, wenn über Probleme berichtet wird; positive Ideale zu vermitteln; für sozialen Wandel einzutreten; Rat, Orientierung und Hilfestellung für den Alltag zu bieten sowie die Erwartung, dass Journalisten das Publikum bilden.
  • Die Bevölkerung misst Aufgaben, die für einen eher kontrollierenden, politisch-aktivistischen Journalismus stehen, mehr Wichtigkeit bei als Journalisten sie als Teil ihrer Aufgaben betrachten. Hier zeichnet sich eine inhaltliche Differenz im Hinblick auf das Journalismusverständnis ab.
  • Nachrichteninteressen und Mediennutzung haben entscheidenden Einfluss auf die Einschätzung der Wichtigkeit von journalistischen Aufgaben: Interesse an Hard News und die Nutzung von journalistischen Online-Medien haben einen positiven Einfluss darauf, für wie wichtig klassische journalistische Aufgaben erachtet werden.
  • Frauen sprechen Aufgaben im Zusammenhang mit Publikumsdialog, Gemeinschaftsbildung, stärkerem Einbezug von Nutzerkommentaren sowie Erläuterung der journalistischen Themenauswahl signifikant mehr Wichtigkeit zu als Männer; Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen, wenn über Probleme berichtet wird, betrachten beide Geschlechter gleichermaßen als wichtig.

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