„Der Journalismus muss sein Erscheinungsbild im Internet überdenken“

von am 18.06.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Digitale Medien, Internet, Journalismus, Kommunikationswissenschaft, Medienkompetenz, Medienpolitik, Medienwissenschaft, Social Media

„Der Journalismus muss sein Erscheinungsbild im Internet überdenken“
Dr. Sascha Hölig, Leibniz-Institut für Medienforschung

Klassische journalistische Medien beschädigen mit ihren Inhalten in sozialen Netzwerken oft ihre Glaubwürdigkeit

18.06.2020. Interview mit Dr. Sascha Hölig, Leibniz-Institut für Medienforschung │ Hans-Bredow-Institut

Die deutliche Mehrheit der erwachsenen Onliner in Deutschland ist der Ansicht, dass ein unabhängiger Journalismus für das Funktionieren einer Gesellschaft wichtig ist (79 %). Auffällig sind die Meinungsunterschiede in den Altersgruppen. Während fast 90 Prozent der über 55-Jährigen einen unabhängigen Journalismus für wichtig halten (88 %), sind es in der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen lediglich 56 Prozent. Insgesamt betrachtet fast jeder Neunte dieser Altersgruppe unabhängigen Journalismus als unwichtig (11 %), und 15 Prozent haben keine Meinung dazu. Dies sind Ergebnisse des Reuters Institute Digital News Reports, dessen deutsche Teilstudie vom Leibniz-Institut für Medienforschung in Hamburg erarbeitet wurde. Insgesamt basiert die Studie auf 80.155 Befragten aus 40 Ländern auf sechs Kontinenten. Das Nachrichteninteresse und die Nachrichtennutzungshäufigkeit bleiben auf hohem Niveau stabil. 94 Prozent der erwachsenen Onliner nutzten im Januar 2020 mindestens mehrmals pro Woche die Nachrichten (2019: 95 %) und 71 Prozent sagen, dass sie sehr oder überaus an Nachrichten interessiert sind (2019: 68 %). Merklich gegenüber dem Vorjahr angestiegen sind die Anteile der interessierten 18- bis 24-Jährigen (50 %, +7 Prozentpunkte) und 25- bis 34-Jährigen (66 %, +9).

medienpolitik.net: Der „Reuters Institute Digital News Report“ wird seit 2012 publiziert. Welches sind die wichtigsten Veränderungen innerhalb von neun Jahren?

Hölig: Wir sehen zum Beispiel, dass das Fernsehen in diesem Jahr zwar noch immer die Nachrichtenquelle mit der größten Reichweite und den höchsten Relevanzzuschreibungen ist, dass die Tendenz aber gleichzeitig rückläufige Anteile für das lineare Programmfernsehen aufzeigt, während das Internet von immer mehr Onlinern regelmäßig als Nachrichtenquelle genutzt und auch wichtiger wird. Insbesondere das Smartphone ist in den vergangenen Jahren stetig auch in den höheren Altersgruppen als Gerät zum Abrufen von Nachrichten wichtig geworden, auf Kosten von Laptops bzw. PCs. Interessant ist auch die Betrachtung wie sich das Vertrauen in Nachrichten entwickelt hat. In den vergangenen Jahren sind die Anteile der Internetnutzer, die ganz allgemein den Nachrichten vertrauen, leicht rückläufig. Dabei steigt nicht unbedingt die explizite Ablehnung, aber Menschen werden unsicherer in ihrer Entscheidung, ob sie den Nachrichten vertrauen können. Man sieht aber gleichzeitig auch, dass das Vertrauen in ganz bestimmte Nachrichtenmarken stabil bleibt. Das ist ein deutliches Indiz dafür, dass die Nachrichtenlandschaft, der Nutzerinnen und Nutzer begegnen, insgesamt nicht sonderlich vertrauenserweckend ist. Gleichzeitig bleibt das Vertrauen in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und andere etablierte journalistische Traditionsmarken weitgehend stabil. Auch das langfristige Beobachten des Partizipationsverhaltens ist interessant. Es ist keinesfalls so, dass sich immer mehr Menschen rund um die Nachrichtenberichterstattung im Internet aktiv beteiligen. Die Anteile derjenigen, die Nachrichten teilen oder diskutieren bleiben auf einem geringen Niveau stabil. Auch, dass die Partizipationsambitionen keine Frage des Alters sind, ist ein stabiler Befund. Vielmehr zeigt sich von Jahr zu Jahr, dass Onliner, die sich selbst im linken oder rechten Teil des politischen Spektrums verorten, anteilig eher Artikel teilen, kommentieren und liken als Nutzer in der politischen Mitte.

medienpolitik.net: Fast jeder Neunte Insgesamt der 18- bis 24-Jährigen betrachtet unabhängigen Journalismus als unwichtig (11 %). Zeigt sich hier der gewachsene Einfluss sozialer Netzwerke bei der Meinungsbildung?

Hölig: Hier zeigt sich eher, dass das was journalistische Anbieter in sozialen Medien teilweise in den Umlauf bringen, langfristig der Wahrnehmung des Journalismus schadet. Sie folgen zu oft der Logik sozialer Medien, dass nur das viel Aufmerksamkeit bekommt, was emotional, polarisierend und dramatisch ist. Damit wird gerade für junge Nutzer die Abgrenzung hochwertiger journalistischer Leistung zu den vielen aufgeregten Stimmen in sozialen Medien immer weniger wahrnehmbar und dementsprechend erscheint auch der Journalismus unwichtiger, eben weil er sich oftmals nicht abhebt. Junger Nutzer sind an Nachrichteninhalten interessiert, aber die Formen wie Journalismus ihnen begegnet, sind oft eher anbiedernd als inhaltlich überzeugend. 

„Die Nachrichtenlandschaft ist insgesamt nicht sonderlich vertrauenserweckend. Gleichzeitig bleibt das Vertrauen in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und andere etablierte journalistische Traditionsmarken weitgehend stabil.“

medienpolitik.net: Kann diese Bewertung auch damit zusammenhängen, dass Jugendliche nicht wissen, was „unabhängiger Journalismus“ ist?

Hölig: Das hat auf der einen Seite etwas mit Nachrichtenkompetenz zu tun, also dem Wissen wie guter Journalismus arbeitet. So etwas wie das Zwei-Quellen-Prinzip, Überprüfen von Fakten, redaktionelle Diskussionen, investigative Recherchen etc. Auf der anderen Seite hat das aber auch etwas damit zu tun wie Journalismus derzeit auftritt, insbesondere im Internet. Da werden diese Ansprüche der journalistischen Aussagenproduktion gern mal über Bord geworfen, zu Gunsten schneller Veröffentlichungen und hoher Aufmerksamkeit um jeden Preis.

medienpolitik.net: Gegenüber dem Vorjahr sind die Anteile der an Nachrichten interessierten 18- bis 24-Jährigen angestiegen (50 %, +7 Prozentpunkte). Ist das nicht ein Widerspruch zu dem vorher gesagten?

Hölig: Das ist kein Widerspruch, sondern zeichnet vielmehr ein Gesamtbild über den Zustand der Beziehung zwischen Jugendlichen und Journalismus. Jugendliche interessieren sich für Nachrichten und sie nutzen sie auch. Aber manchen unter ihnen ist das Prinzip „Journalismus“ etwas fremd. Sie sind skeptisch gegenüber dem was ihnen an „Nachrichten“ im Netz begegnet. Aus ihrer Perspektive unterscheiden sich „Nachrichten“, die aus journalistischen Quellen kommen, in ihrer Tonalität, Themenauswahl und Aufmachung oft nicht von Inhalten aus nicht journalistischen Quellen. Die Strategie, die der Journalismus in den vergangenen Jahren verfolgt hat, um junge Nutzer insbesondere in den sozialen Medien zu erreichen, scheint nicht nachhaltig für das Gütesiegel „Journalismus“ zu sein.

„Was journalistische Anbieter in sozialen Medien teilweise in den Umlauf bringen, schadet der Wahrnehmung des Journalismus. Sie folgen zu oft der Logik sozialer Medien, dass nur das Aufmerksamkeit bekommt, was emotional, polarisierend und dramatisch ist.“

medienpolitik.net: Für 30 Prozent der 18- bis 24-Jährigen sind soziale Medien die wichtigste Nachrichtenquelle. Dagegen steht ein ausgesprochen geringes Vertrauen gegenüber Nachrichten aus sozialen Medien. Wie erklärt sich dieser Widerspruch?

Hölig: Zum einen ist den meisten Menschen bewusst, dass in sozialen Medien auch eine Menge Unfug vor sich geht und viele laute Stimmen um Aufmerksamkeit buhlen. Ihnen ist schon klar, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem Bild, welches man in sozialen Medien zu sehen bekommt und der sozialen Wirklichkeit. Dazu kommt, dass Nachrichteninhalte in den Informationsbedürfnissen dieser Altersgruppe oft keine hohe Priorität haben, was übrigens kein neues Phänomen ist. Soziale Medien werden aus Gründen der Unterhaltung genutzt und um sich zu orientieren was in der eigenen Peergroup vor sich geht. Das ist in diesem Alter besonders wichtig und deshalb werden sie von vielen verwendet. Allerdings kann man auf sozialen Medien kaum unterwegs sein, ohne in irgendeiner Form auch vom aktuellen Nachrichtengeschehen zu erfahren. Die vergleichsweise geringe Relevanz des weltweiten Nachrichtengeschehens für den eigenen Alltag und die gleichzeitige hohe Nutzungsfrequenz sozialer Medien aus anderen Gründen lassen diese Plattformen auch schnell zur Hauptquelle werden, über die man von Nachrichteninhalten erfährt.

medienpolitik.net: Nutzen Jugendliche, für die die sozialen Medien die wichtigste Nachrichtenquelle sind, auch noch andere Medien?

Hölig: Die meisten schon aber der Anteil derer, die das nicht machen, ist insbesondere in der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen deutlich angewachsen. Inzwischen erfahren neun Prozent der Jugendlich einzig über soziale Medien von Nachrichteninhalten. Das ist fast eine Verdopplung im Vergleich zum Vorjahr.

medienpolitik.net: Wie sehr vertrauen Jugendliche Nachrichten die aus den klassischen Medien stammen?

Hölig: In vielen Fällen vertrauen Jugendliche den etablierten Nachrichtenmarken sogar noch mehr als der Durchschnitt der Bevölkerung. Das zeigt, dass sobald man hochwertigen Journalismus explizit aus der allgemeinen Gesamtwahrnehmung von „Nachrichten“ herauslöst, dieser auch wertgeschätzt wird. In der Perspektive der Nutzerinnen und Nutzer wird das was man als „Nachrichten“ tagtäglich wahrnimmt nicht zwangsläufig nur durch guten Journalismus geprägt, insbesondere im Internet. Und an dieser Stelle besteht eine große Chance für den Journalismus sich zu profilieren und zu zeigen, dass man sich von dem abhebt was sonst noch so als „Nachrichten“ daherkommt.

medienpolitik.net: Welche Rolle spielen die sogenannten Alternativen Medien für die Information?

Hölig: Keine ausgesprochen große. Viele Menschen haben schon von den Angeboten gehört, aber nur wenige nutzen sie auch. Es gibt aber kaum jemanden, der sich ausschließlich in diesen Quellen informiert. Vielmehr ist es eine Ergänzung zu einer Vielzahl anderer Nachrichtenquellen. Oftmals geschieht das einfach aus Neugier und um mal eine andere Perspektive auf die Welt zu sehen. Jede Art der Berichterstattung beruht auf Selektionsentscheidungen und das ist den Menschen auch bewusst. Nur haben Onliner, die solche Angebote nutzen, den Eindruck, dass bestimmte Perspektiven in anderen Medien zu kurz kommen.

„Insbesondere jungen Menschen sollte dringend dabei geholfen werden, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, was Journalismus ist und welch wichtige Funktion dieser in einer Gesellschaft hat.“

medienpolitik.net: Die Rolle des klassischen Fernsehens ist leicht zurückgegangen und für 42 Prozent der Onliner dennoch weiterhin die wichtigste Ressource (drei Prozentpunkte weniger als im Jahr 2019). Während der Corona-Pandemie hat das Fernsehen an Bedeutung gewonnen. Ist das Fernsehen also weiterhin das Medium mit der höchsten Glaubwürdigkeit?

Hölig: Die Zuwendung zum Fernsehen zu Beginn der Pandemie resultiert aus einer Mischung aus Übertragungsweg und Vertrauen in die professionelle Nachrichtenproduktion. Das Fernsehen als Nachrichtenquelle hat in derartigen Situationen drei entscheidende Vorteile. Erstens wird live gesendet. Das signalisiert eine Aktualität der Berichterstattung, die besonders in sich schnell entwickelnden Ereignislagen bedeutsam ist. Zweitens transportiert das Fernsehen Bilder zu diesem aktuellen Geschehen. Dadurch erhält die Berichterstattung Authentizität, weil man sich mit „eigenen“ Augen ansehen kann was gerade passiert. Und drittens ist den Menschen auch implizit bewusst, dass andere Menschen sich ebenfalls im Fernsehen informieren. Dadurch bekommen diese Informationen eine Art gemeinsam geteilter Verbindlichkeit, an der sich alle gemeinsam orientieren können. Gerade im Fall von sich schnell verändernden Maßnahmen zur Reduzierung der Ansteckungsgelegenheiten, die für alle und überall gelten, wird das Fernsehen als Massenmedium besonders relevant. Das relativiert sich aber auch wieder, wenn die extreme Ausnahmesituation, in der sich ein bestimmtes Geschehen auf einen bestimmten zeitlichen Punkt fokussiert, weiterentwickelt und, wie in diesem Fall, das Infektionsgeschehen und die entsprechenden Maßnahmen heterogener werden und es mitunter große Unterschiede in zeitlicher und örtlicher Hinsicht gibt. Neben diesen technischen Gegebenheiten der Informationsübertragung spielt aber auch der Produktionszusammenhang eine Rolle. Nutzerinnen und Nutzern ist durchaus klar, dass es einen Unterschied zwischen institutionalisierter und professionalisierter Nachrichtenproduktion mit ihren Recherchemöglichkeiten, dem Korrespondentennetz, einer redaktionellen Auseinandersetzung, einer technischen Infrastruktur etc. und einer One-Person-Show gibt, in der sich jemand im Internet hinsetzt und mal eben irgendwas schreibt oder in die Handykamera spricht.

medienpolitik.net: Welche medienpolitischen Schlussfolgerungen ergeben sich insgesamt aus den Entwicklungen, die der „Reuters Institute Digital News Report“ seit einigen Jahren aufzeigt?

Hölig: Die Daten machen uns auf zwei zentrale Aspekte aufmerksam, in denen Handlungsbedarf besteht. Das eine ist der Aspekt der Medien- bzw. Nachrichtenkompetenz. Insbesondere jungen Menschen sollte dringend dabei geholfen werden, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, was Journalismus ist und welch wichtige Funktion dieser in einer Gesellschaft hat. Es geht nicht darum, zu sagen ihr müsst das und das lesen, hören oder anschauen, sondern darum, aufzuzeigen, warum Journalismus für eine Demokratie wichtig ist. Welchen Stellenwert das Herstellen von Öffentlichkeit hat, das Kontrollieren von Politik und Wirtschaft, das Aufdecken von Skandalen etc. Dazu gehören auch Informationen und Diskussionen über die Produktionsbedingungen, wie den Pressekodex, das Zeugnisverweigerungsrecht, die Auskunftsansprüche; aber auch ein Verständnis über das was man unter Konstruktion von Realität versteht, also Fragen die sich um (falsche) Ausgewogenheit von Perspektiven und Argumenten, die Selektion in Produktion und Wahrnehmung, die Reduktion von Komplexität und der Plausibilität von oft unterstellten Monokausalbeziehungen innerhalb Ereignissen sowie dem Aushalten von Ambivalenzen drehen. Das alles ist wichtig, um Journalismus von anderen Formen des Publizierens und Meinungäußerns abgrenzen zu können, genauso wie guten von schlechten Journalismus.

Zu dieser Befähigung des Publikums gehört aber auch, dass der Journalismus sein Erscheinungsbild überdenkt. Zweifelsohne gibt es großartige journalistische Erzeugnisse, keine Frage. Aber das Gesamtbild, welches insbesondere jungen Internetnutzerinnen und -nutzern als Nachrichten begegnet, wird nicht unbedingt von dieser Art des Qualitätsjournalismus geprägt. Vielmehr hat sich der Journalismus in einen Wettkampf mit vielen anderen Stimmen im Internet begeben. Dabei passt er sich an vielen Stellen zu sehr der Aufmerksamkeitslogik sozialer Medien an und vergisst seine eigentlichen Tugenden. Dadurch verschwindet eine wichtige Abgrenzung gegenüber anderen Akteuren und er erscheint in der Wahrnehmung als eine Quelle, die sich nicht sonderlich von anderen unterscheidet. Warum sollte man ihm dann mehr vertrauen als anderen? Warum sollte ich im Idealfall dafür sogar noch Geld bezahlen? Wenn sich der Journalismus auf seinen redlichen Kern besinnt und der Beliebigkeit entgegentritt, hat er eine gute Chance, auch aus der Perspektive junger Menschen wieder wichtiger zu werden. Aber dafür darf nicht die kurzfristige Aufmerksamkeitsgenerierung ohne Rücksicht auf Verluste im Vordergrund stehen.

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