Der lange Marsch

von am 09.06.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik

Der lange Marsch
Helmut Hartung, Chefredakteur medienpolitik.net

Kann das Rettungsprogramm der Bundesregierung eine Konsolidierung der Filmwirtschaft verhindern?

09.06.2020. Von Helmut Hartung, Chefredakteur medienpolitik.net

Die Bundesregierung will mit ihrem aktuellen Rettungs- und Zukunftsprogramm den Filmbereich mit 120 Millionen Euro unterstützen. Zugute kommen die Mittel vor allem Kinos, auch Mehrbedarfe bei Produktion und Verleih werden finanziert. Zusammen mit den 17 Millionen Euro aus dem Zukunftsfonds Kino, 15 Mio. Euro Unterstützung von den Fördereinrichtungen und Sonderprogrammen einiger Bundesländer wie Bayern, Hamburg oder NRW stehen der Filmwirtschaft fast 160 Millionen Euro für einen Neustart zur Verfügung. Doch reicht das aus, um eine Konsolidierung und damit einer Schwächung dieser wichtigen Kulturbranche, verbunden mit einem Verlust an Kreativität und Arbeitsplätzen, zu verhindern?

Finanzielle Unterstützung für unterbrochene Dreharbeiten bei Fernsehproduktionen haben auch die öffentlich-rechtlichen Sender sowie ProSiebenSat.1 zugesagt. Dazu kommen die Mittel aus dem Corona-Hilfspaket für die Wirtschaft, vom dem Kinos, Filmproduzenten, Verleiher, Drehbuchautoren, Kameraleute etc. allerdings nur bedingt profitieren, da die Unternehmen zum großen Teil weniger als zehn Mitarbeiter beschäftigen, diese oft nur Teilzeit arbeiten und zudem viele Fachkräfte wie Regisseure, Komponisten oder Autoren freiberuflich tätig sind. Das bedeutet zum Beispiel für die 1.734 Kinos, die seit Mitte März geschlossen waren, kein Kurzarbeitergeld für 60 Prozent der Beschäftigten, da hier zu einem großen Teil Studenten und Minijobber tätig sind und keine Zuschüsse vom Bund für knapp die Hälfte der Betriebe.

Auf dem Höhepunkt der Corona-Krise Anfang April, hatte die SPIO, in der die wichtigsten Verbände der Filmwirtschaft vereint sind, einen Stabilitätsfonds in Höhe von 563,5 Mio. Euro gefordert. Nach Berechnungen der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft sind 36 Prozent der knapp 80.000 Arbeitsplätze in der Filmwirtschaft gefährdet. Den 6.700 Unternehmen droht eine Insolvenzwelle. Mindestens 422 Filmprojekte in unterschiedlichen Produktionsphasen sind von den Auswirkungen der COVID-19-Pandemie betroffen. Das Investitionsvolumen in diese Filmprojekte liegt bei mehr als einer halben Milliarde Euro. Nach Branchenschätzungen belaufen sich die Umsatzverluste eines dreimonatigen Stillstands der Filmbranche in Folge der Corona-Krise auf zwei Mrd. Euro.

Alles in allem ermöglichen die finanziellen Zuwendungen und günstigen Kredite insgesamt die Chance auf einen erfolgreichen Neustart für die meisten Unternehmen und Freiberufler. Über den Berg ist die Branche damit aber noch lange nicht. Sowohl der Bund als auch die Länder und TV-Gruppen müssen die Filmwirtschaft auf ihrem langen Marsch aus der Krise weiter unterstützen.

Bisher sind erst in elf Bundesländern die Kinos wieder geöffnet, in zwei Ländern erfolgt diese bis Ende des Monats und in Bremen, Niedersachsen und Thüringen steht bis heute kein Eröffnungstermin fest. Doch jeder Tag, an denen Kinos geschlossen sind, bedeutet fehlende Einnahmen und erzeugt zusätzliche Kosten. Zudem benötigen die Lichtspielhäuser zum Start zuschauerwirksame Filme und ein kräftiges Marketing. Dafür ist auch ein fairer Umgang innerhalb der Branche das Gebot der Stunde. Aufgrund des Lockdowns und geschlossener Kinosäle haben die US-Studios eigene Pläne für das Streaming getestet. Aufgrund des Erfolgs kündigte NBC Universal bereits an, nach überstandener Krise einige Filme parallel zum Kinostart in Streamingdiensten anbieten zu wollen. Für die ohnehin bereits angeschlagenen Kinobetreiber könnte ein Machtkampf mit den Produktionsfirmen gefährlich werden. Deshalb benötigen die Kinos jetzt sowohl zugkräftige deutsche als auch amerikanische Produktionen, und zwar exklusiv.

„Sowohl der Bund als auch die Länder und TV-Gruppen müssen die Filmwirtschaft auf ihrem langen Marsch aus der Krise weiter unterstützen.“

Zwar wurde die Produktion von Serien, Fernsehfilmen und Kinoproduktionen nicht nur in Studios, sondern auch in der Öffentlichkeit wieder aufgenommen, aber mit Mundschutz und Abstandsregeln, lassen sich so manche geplante und bereits geförderte Projekte nicht realisieren. Mit dem von der Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse erarbeiteten Arbeitsschutzstandard für Filmproduktionen können zwar Krimis realisieren werden, in denen sowieso Maske und Handschuhe getragen werden müssen, aber kaum Filme oder Serien in denen enge Kontakte und Berührungen erforderlich sind. Deshalb werden Drehbücher umgeschrieben oder Drehtermine verschoben. Hier ist eine ebenso große Flexibilität der technischen Dienstleister, der Filmförderer und Sender erforderlich, um ein Maximum an Produktionen zu ermöglichen.

Die Produzentenallianz hat bereits in den vergangenen Wochen eindringlich für einen Ausfallfonds geworben, damit mögliche Corona-bedingte Ausfallrisiken bei künftigen Filmproduktionen abgesichert werden können. Sogenannte Pandemieschäden sind zurzeit nicht über die abgeschlossenen Versicherungen gedeckt, weshalb das Ausfallrisiko die Produktionsunternehmen voll treffen würde. Gerade für kleine und mittlere Unternehmen, aber auch für große Produzenten sind Produktionsabbrüche schnell existenzbedrohend. Die Produzentenallianz fordert einen Ausfallfonds nach dem Vorbild Österreichs oder Frankreich oder entsprechende Bürgschaften, damit Versicherungsunternehmen künftig die Absicherung entsprechender Ausfallrisiken in ihr Programm nehmen. In Österreich, können die Ausfallzuschüsse pro Produktion bis zu 75 Prozent der Herstellungskosten betragen. Abgewickelt werden die Zuschüsse über den Austria Wirtschaftsservice. Mit diesem Ausfallfonds wird Österreich zum Vorreiter in ganz Europa.

Wenn im Deutschen Bundestag in den nächsten Tagen das Programm „Programm Neustart Kultur“ beschlossen wird, sollte die finanzielle Absicherung eines Ausfallfonds unbedingt enthalten sein. Eine zweite oder dritte Corona-Welle würde die deutsche Filmwirtschaft sonst kaum überleben.

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