„Jetzt eine Absicherung institutionalisieren, die im Ernstfall greift“

von am 25.06.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Medienwirtschaft

„Jetzt eine Absicherung institutionalisieren, die im Ernstfall greift“
Dr. Christoph Palmer, Geschäftsführer der Produzentenallianz

Filmbranche uneins, wie die 120 Millionen Euro des Hilfsfonds verteilt werden sollen

25.06.2020. Interview mit Dr. Christoph Palmer, Vorsitzender der Geschäftsführung der Allianz Deutscher Produzenten – Film & Fernsehen e.V

In einem Interview mit medienpolitik.net drängt Dr. Christoph Palmer auf einen schnellen Ausfallfonds für die Filmwirtschaft: Jetzt sei eine „Absicherung zu institutionalisieren, die im Ernstfall greift.“ Die Produzentenallianz plädiert für einen durch staatliche Garantien abgesicherten Fonds mit einem Volumen von 80 bis 100 Mio. Euro für Film- und TV-Produktionen. Die staatlichen Mittel der Bürgschaft dieses Fonds sollten nach dem Vorschlag der Produzentenallianz sowohl aus Bundes- wie aus Ländermitteln bereitgestellt werden und alle Neuproduktionen sowie wiederaufgenommene Produktionen absichern, erläutert der Vorsitzende der Geschäftsführung der Produzentenallianz. Wie der Ausfallfonds konkret finanziert wird, ist allerdings weiter unklar. Von den geplanten 120 Mio. Euro sind nur die Hälfte für die kommerzielle Filmwirtschaft vorgesehen (Ausfallfonds, Rekapitalisierung der FFA, Stärkung der Förderung durch den DFFF) die andere Hälfte ist für Kinos und den Verleih geplant. Zwar seien alle Verbände der Filmwirtschaft von der Notwendigkeit eines Ausfallsfonds überzeugt, doch naturgemäß bestünden zwischen den Verbänden und ihren Mitgliedern „unterschiedliche Vorstellungen über die Dringlichkeit unterstützender Maßnahmen“, so Palmer.

medienpolitik.net: Herr Palmer, im Zusammenhang mit den Corona-Hilfen des Bundes für die Filmwirtschaft haben Sie auf die Notwendigkeit eines Ausfallfonds hingewiesen. Warum existiert ein solcher Fonds bisher nicht?

Palmer: Es ist richtig: Die Kino- und Fernsehwirtschaft ist auf ein Sicherungssystem angewiesen, damit existenzbedrohende Ausfallrisiken durch Covid-19 nicht allein Produktionsunternehmen schultern müssen und Finanzierungspartner wieder bereit sind, Zwischenfinanzierungen zur Verfügung zu stellen. Da abzusehen ist, dass kurzfristig verhandelte Unterstützungsleistungen mit den Sendern, etwa mit ARD und ZDF, nicht fortdauernd erneuert werden, ist es umso wichtiger, jetzt eine Absicherung zu institutionalisieren, die im Ernstfall greift. Wir stehen deshalb im engen Austausch mit den politischen Verantwortlichen. Uns ist klar, dass solch ein Instrument wohlüberlegt sein muss und dessen Einrichtung nicht über Nacht realisierbar ist. Gleichwohl ist es aus unserer Sicht dringend notwendig, möglichst rasch zu handeln, damit der Branchen-Motor wieder in Fahrt kommen kann. Wir sind optimistisch, dass zeitnah eine angemessene Lösung gefunden wird, die die umfassende Wiederaufnahme der Herstellung von Film- und Fernsehproduktionen einschließlich Serien ermöglicht.

medienpolitik.net: Die Produzentenallianz hat ein Konzept für einen solchen Ausfallfonds entwickelt. Wie sieht dieses Konzept aus?
Palmer: Die Produzentenallianz sieht in ihrem Vorschlag einen durch staatliche Garantien abgesicherten Fonds mit einem Volumen von 80 bis 100 Mio. Euro für Film- und TV-Produktionen vor. Ausgangspunkt ist die Sicherstellung der Liquidität im Falle eines Corona-bedingten Abbruchs oder einer Unterbrechung der Produktionstätigkeit. Die staatlichen Mittel der Bürgschaft dieses Fonds sollten nach dem Vorschlag sowohl aus Bundes- wie aus Ländermitteln bereitgestellt werden und alle Neuproduktionen sowie wiederaufgenommene Produktionen absichern. Für den Schadensfall ist eine gewisse Selbstbeteiligung des Produzenten vorgesehen.

medienpolitik.net: Welche Erfahrungen gibt es hier aus anderen europäischen Ländern?

Palmer: Österreich ist mit gutem Beispiel vorangegangen und hat einen Fonds über 25 Mio. Euro ohne Selbstbehalt eingerichtet.  Auch in Frankreich hat sich gezeigt, dass die Politik in der Lage ist, rasch solch eine Lösung bereit zu stellen. Wir sind optimistisch, dass Deutschland hier sehr schnell aufholen wird. Im Kulturpaket der Bundesregierung sind für den Filmbereich 120 Mio. Euro vorgesehen; wir sind noch immer optimistisch, dass davon 50 bis 60 Mio. Euro für die Ausstattung des Ausfallfonds reserviert werden. Auch die Länder sollen sich finanziell engagieren. Wenn kein Schadensfall eintritt oder nur wenige Abbrüche stattfinden, stehen die Mittel wieder für andere Maßnahmen zur Verfügung. Entscheidend ist jedoch die Absicherung, nur diese ermöglicht das Wiederanlaufen der Produktion, weil ohne eine solche Absicherung kein Produzent und kein Dritter, der Zwischenfinanzierungen bereitstellt, das Risiko eingehen kann, da die Filmversicherungen die Ausfallrisiken aufgrund ihres Pandemieausschlusses in den Versicherungsbedingungen nicht versichern.

„Ich befürchte von Normalität sind wir noch ein gutes Stück entfernt.“

medienpolitik.net: Warum sollen Bund und Länder zusammen die Mittel für den Ausfallfonds bereitstellen?
Palmer: Film ist ein Wirtschafts- und Kulturgut. Im Kompetenzgefüge des Grundgesetzes ist der Bund primär für die wirtschaftliche Förderung, die Länder für die kulturelle Förderung zuständig. Wir wissen jedoch, dass sich beide Bereiche, nämlich die wirtschaftliche und die kulturelle Film- und Fernsehförderung überlappen. Daher sollten die Länder ebenso wie der Bund den Ausfallfonds unterstützen, am besten im Verhältnis ein Drittel zu zwei Drittel.

medienpolitik.net: Bis Ende des Monats können alle Kinos wieder öffnen, die unterbrochenen Dreharbeiten wurden inzwischen fortgesetzt. Wie normal ist für die Produzenten das Geschäft inzwischen wieder?

Palmer: Ich befürchte von Normalität sind wir noch ein gutes Stück entfernt. Richtig ist, dass einige Dreharbeiten wieder aufgenommen wurden. Die Situation der Produktionsunternehmen ist allerdings sehr unterschiedlich. Drehs in Studios sind für kleinere Teams und unter Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln oftmals durchführbar. Natürlich hängt hier vieles auch vom Motiv und dem Genre ab. Filme oder eine Serienepisode, die etwa eine Kuss- oder Liebesszene enthalten, stellen die Produktion schon vor Herausforderungen. Schauspielerinnen und Schauspieler müssen in solchen Fällen in Quarantäne und regelmäßig getestet werden. Ähnliches gilt etwa auch für Actionszenen, in denen die Protagonisten sehr nahe miteinander interagieren müssen. Und über all diesen wieder aufgenommenen Produktionen hängt das Risiko eines drohenden erneuten Abbruchs. Es gibt deshalb auch viele Produzenten, die darüber nachdenken, Drehs ins nächste Jahr zu verlagern, in der Hoffnung, dass die Situation dann wieder größere Freiheiten erlaubt und weniger kostenintensive Sicherheitsmaßnahmen notwendig macht. Kurz gesagt: Ja, Drehen ist möglich, allerdings unter bedeutend schwierigeren Bedingungen und nur mit kostenintensiven Sicherheitsmaßnahmen. Und auch hier schließt sich der Kreis: Bevor größere Film- und Kinoproduktionen – eben auch solche, mit aufwendigen Sets und größerer Crew – wieder richtig ins Rollen kommen können, bedarf es einer Sicherheit im Falle Corona-bedingter Drehstopps. Sonst werden viele Unternehmen das Risiko nicht eingehen, was den Anteil deutscher Filme im Kino zum Erliegen bringt und den Nachschub frischer TV-Ware schon sehr bald gefährden würde.

medienpolitik.net: Die TV-Sender haben zugesagt, einen Teil der Ausfallkosten zu übernehmen. Sind diese Gelder bereits geflossen? Stehen sie den Produzenten für die Wiederaufnahme der Dreharbeiten zur Verfügung?

Palmer: Das ZDF und die ARD-Landesrundfunkanstalten einschließlich der Degeto haben sich erstmalig im März bereit erklärt, im Fall von Produktionsverschiebungen aufgrund des „Lockdowns“ 50 Prozent der Kosten zu erstatten, die durch den Abbruch und die Verschiebung der Produktion entstanden sind. Auch die privaten Sendergruppen RTL und ProSiebenSat1 haben zugesagt, auf individueller Basis die Mehrkosten zu tragen, das können auch mehr, aber auch weniger als 50 Prozent sein. Die Mehrkosten werden im Rahmen der üblichen Kalkulationsverfahren berechnet und dann gezahlt. ARD und ZDF haben sich zur Stärkung der Liquidität darüber hinaus bereit erklärt, Zahlungsraten aus den Produktionsverträgen vorzuziehen. Dass sich die Produzenten bei vollfinanzierten Produktionen gewünscht bzw. erwartet hätten, dass der Auftraggeber die Mehrkosten vollständig übernimmt, sollte nicht verschwiegen werden. Und zudem sind diese Zusagen auch jeweils zeitlich befristet.

„Bevor größere Film- und Kinoproduktionen – auch solche, mit aufwendigen Sets und größerer Crew – wieder richtig ins Rollen kommen können, bedarf es einer Sicherheit im Falle Corona-bedingter Drehstopps.“

medienpolitik.net: Dreharbeiten sind aktuell mit höheren Kosten durch die Schutzmaßnahmen, Umschreiben der Drehbücher, andere Locations usw. verbunden. Wie problematisch sind diese zusätzlichen Kosten für die Produzenten?

Palmer: Die aus der von der Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse festgesetzten Arbeitsschutzmaßnahmen resultierenden Mehrkosten für Produktionen sind aus unserer Sicht vollumfänglich als Kalkulationspositionen geltend zu machen. Wir haben dazu bereits Gespräche mit den Sendern geführt. Diese Mehrkosten sind zwingend aufzuwenden. Die Sender akzeptieren diese Kosten im Rahmen der Kalkulation bei Neuproduktionen, wobei in vielen Fällen das Budget insgesamt dennoch nicht erhöht wird, obwohl dies wegen der Corona-bedingten Sicherheitskosten notwendig wäre. Konkret heißt das, dass an anderer Stelle eingespart werden muss und auch das geht zulasten der Qualität einer Produktion. Die Sicherheits- und Hygieneregeln führen mitunter dazu, dass mehr Drehtage nötig werden. Sofern kein finanzieller Ausgleich gewährt wird, führt dies zwingend zu Änderungen im Drehbuch.

medienpolitik.net: Wie wichtig ist für die deutsche Produktionswirtschaft ein schneller und erfolgreicher Restart der Kinos?

Palmer: Kino ist ein Gemeinschaftserlebnis, ein Ort der Begegnung mit neuen Filmen. Diese Primärauswertung ist in vielen Fällen entscheidend für den weiteren Erfolgsweg eines Filmes. Film braucht das Kino ebenso wie das Kino Filme braucht. Daher ist es entscheidend, dass die Kinos wieder Filme zeigen dürfen und zwar zu wirtschaftlich tragfähigen Bedingungen. Nur im Autokino kann der Kinofilm nicht überleben.

„Natürlich mag die Hoffnung bestanden haben, die Verbände würden sich einvernehmlich auf eine Verteilung der Gelder auf die verschiedenen Hilfsmaßnahmen einigen.“

medienpolitik.net: Sie sprachen bereits die 120 Millionen Euro an Hilfsgeldern für die Filmbranche an. Reicht das für einen Neustart aus? Die SPIO hatte 563 Millionen Euro gefordert.

Palmer: Hier muss man zwei Dinge unterscheiden: Die SPIO und ihre Mitgliedsverbände haben im April eine fundierte Schätzung der allein durch den Lockdown in den verschiedenen von ihm betroffenen Bereichen der Filmwirtschaft entstandenen Schäden vorgenommen und diese mit der von Ihnen genannten Zahl ermittelt. Bei dem Konjunkturprogramm und seinem Teilprogramm „Neustart Kultur“ geht es jetzt um die Schaffung der Voraussetzungen für einen kraftvollen Wiedereinstieg in eine bis zum Lockdown in vielen Bereichen ja durchaus florierende Filmwirtschaft. Hier können die für den Filmbereich angekündigten 120 Mio. Euro einen wichtigen Baustein darstellen, zumal wenn auch Programme außerhalb dieses Teilbereichs für Unternehmen der Filmwirtschaft zugänglich bleiben. Aber dennoch ist natürlich zutreffend, dass die offensichtlich für den engeren Bereich der kommerziellen Filmwirtschaft vorgesehenen 60 Mio. Euro für die Gesamtheit der dringend anstehenden Maßnahmen (Ausfallfonds, Rekapitalisierung der FFA, Stärkung der Förderung durch den DFFF) nicht ausreichen werden. Hier muss versucht werden, zumindest Teile dieser Aufgaben aus anderen Titeln des Konjunkturprogramms zu finanzieren.

medienpolitik.net: Die Verteilung soll über die Verbände erfolgen. Wieviel Geld wird die Produzentenallianz an die Produzenten verteilen? Nach welchen Prinzipien wird die Verteilung erfolgen?

Palmer: Wir glauben nicht, dass der Vorschlag tatsächlich so gemeint war, dass die Gelder über die Verbände verteilt werden sollen. Welche Institution hier federführend in Verantwortung sein wird, bleibt abzuwarten. Natürlich mag die Hoffnung bestanden haben, die Verbände würden sich einvernehmlich auf eine Verteilung der Gelder auf die verschiedenen Hilfsmaßnahmen einigen. Nicht verwunderlich ist jedoch, dass dies bislang nicht gelungen ist, da naturgemäß zwischen den Verbänden und ihren Mitgliedern unterschiedliche Vorstellungen über die Dringlichkeit unterstützender Maßnahmen bestehen. Gleichwohl stimmen unserer Einschätzung nach auch die anderen Verbände in der Bewertung der Wichtigkeit eines Ausfallsfonds zu, da ein Abbruch der Produktionstätigkeit ja nicht nur den Produzenten, sondern auch allen kreativ an der Entstehung von Filmen Beteiligten, aber auch allen nachgelagerten Verwertern unter Einschluss der Kinos und der Fernsehsender schaden würde.

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