„Public Value ist der Kern des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“

von am 11.06.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Digitale Medien, Journalismus, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk

„Public Value ist der Kern des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“
ORF-Generaldirektor Dr. Alexander Wrabetz

ORF erreichte während des Corona-Höhepunkts 93 Prozent der Bevölkerung

11.06.2020. Interview mit Dr. Alexander Wrabetz, Generaldirektor des ORF

Der österreichische öffentlich-rechtliche Rundfunk (ORF) erhielt für seine Berichterstattung in den vergangenen Wochen Zuspruch von ungewohnter Seite: Der Medienbeauftragte von Kanzler Sebastian Kurz, Gerald Fleischmann, lobte den ORF in den höchsten Tönen. Der ORF „trägt hier wesentlich staatspolitische Verantwortung“, erklärte Fleischmann. „Der ORF ist umfassend dem Informations- und Bildungsauftrag nachgekommen.“ Und: „Diese Krise hat die Bedeutung des ORF noch einmal klar vor Augen geführt. Viele, die früher den Sender verkaufen wollten oder den ORF zerschlagen, denken um.“ Der ORF hat allein in Radio und Fernsehen seit Mitte März mehr als 700 Sondersendungen und -programmierungen ausgestrahlt. Insgesamt wurden 93 Prozent der Bevölkerung erreicht und informiert. Die ORF.at-Nutzung hat sich im ersten Corona-Monat auf 176 Mio. Visits fast verdoppelt.Die krisenhaften Entwicklungen der letzten Zeit, die Corona-Krise und zuvor in Österreich auch das sogenannte Ibiza-Video und seine Folgen, haben sehr deutlich gezeigt, welch gesellschafts- und demokratiepolitisch relevante Funktion öffentlich-rechtlicher Rundfunk hat“, betont dazu Dr. Alexander Wrabetz, Generaldirektor des ORF in einem medienpolitik.net-Interview.

medienpolitik.net: Herr Wrabetz, welche gesellschaftspolitische Bilanz können Sie für den ORF bisher aus der Berichterstattung über die Corona-Pandemie ziehen?

Wrabetz: Die krisenhaften Entwicklungen der letzten Zeit, die Corona-Krise und zuvor in Österreich auch das sogenannte Ibiza-Video und seine Folgen, haben sehr deutlich gezeigt, welch gesellschafts- und demokratiepolitisch relevante Funktion öffentlich-rechtlicher Rundfunk hat. Eine unabhängige mediale Grundversorgung der in Österreich lebenden Menschen ist unverzichtbarer Bestandteil der Infrastruktur. Das klingt etwas theoretisch, die hohe Nutzung unserer Programme zeigt aber, dass die Bürgerinnen und Bürger dies tatsächlich auch erwarten. Ich denke, in den vergangenen Monaten wurde auch vielen, die den ORF sonst kritisch sehen, klar, welchen Wert unabhängiger öffentlich-rechtlicher Rundfunk darstellt. Und zwar nicht nur in der Information. Auch in der Kultur, der Bildung, der Wissenschaft, der Religion und dem Sport wurden die Sonderprogrammierungen, die wir zur Versorgung der Österreicherinnen und Österreicher und zur Unterstützung der jeweiligen Zielgruppen während des Lockdowns vorgenommen haben, sehr gut angenommen.

medienpolitik.net: Welche Resonanz hat diese Berichterstattung in der Öffentlichkeit gefunden?

Wrabetz: Der öffentliche Auftrag bedeutet für den ORF eine sehr große Verantwortung. Und es freut mich, dass wir dieser Verantwortung gerecht werden konnten, und zwar in allen unseren Medien in Radio, Fernsehen, online und in den Landesstudios, wie die durchwegs positive Resonanz zeigt. Der ORF hat allein in Radio und Fernsehen seit Mitte März mehr als 700 Sondersendungen und -programmierungen ausgestrahlt, es gab umfassende Online-Berichterstattung im ORF.at-Netzwerk und in den Landesstudios. Wir haben damit insgesamt 93% der Bevölkerung erreicht und informiert. Im Fernsehen hat die „Zeit im Bild1“ am 15.3.2020 mit der Verkündung der Corona-Schutzmaßnahmen mit rd. 2,9 Millionen Seherinnen und Sehern die größte Reichweite seit Beginn der elektronischen Messung vor 25 Jahren erzielt. Die ORF.at-Nutzung hat sich im ersten Corona-Monat auf 176 Mio. Visits fast verdoppelt.

„In den vergangenen Monaten wurde auch vielen, die den ORF sonst kritisch sehen, klar, welchen Wert unabhängiger öffentlich-rechtlicher Rundfunk darstellt.“

medienpolitik.net: Welche Erfahrungen zieht der ORF aus den vergangenen Monaten?

Wrabetz: Im Wesentlichen zwei: Erstens hat der ORF – notgedrungen – einen großen Schritt in der Digitalisierung seiner Arbeitsprozesse und -organisation gemacht. Fast ¾ unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern waren im Homeoffice aktiv und haben von dort aus, digital vernetzt und ohne Qualitätsverlust, ihre Sendungen und Beiträge gestaltet. Mobiles Arbeiten, ressortübergreifende Zusammenarbeit in multimedialen Teams und autonomes Produzieren wurde während des Lock-Downs für viele zur Selbstverständlichkeit. Das werden wir nun auch in den Arbeitsalltag im Normalbetrieb übernehmen, wo es sinnvoll ist. Zweitens spielt neben der großen Bedeutung unserer klassischen linearen Medien vor allem auch der Online-Bereich eine immer größere Rolle. Das ist auf den ersten Blick eine banale Erkenntnis, aber wir sehen, dass vor allem das junge Publikum unsere Inhalte auch in den Online-Medien und sozialen Netzwerken sucht und wir mit unseren gesetzlich limitierten Möglichkeiten nicht mitkommen. Es gibt da eine Nachfrage, die wir derzeit nicht voll umfänglich bedienen können. 

medienpolitik.net: Es ist ein neues ORF-Gesetz in Vorbereitung, dessen Entwurf ursprünglich in diesem Jahr vorliegen sollte. Inwieweit sollten diese Erfahrungen im neuen ORF-Gesetz Berücksichtigung finden?

Wrabetz: Es hat ja schon vor Corona einen Konsens gegeben, dass die rechtlichen Rahmenbedingungen für den ORF im Online-Bereich angepasst werden müssen. Dass viele diesbezügliche Regelungen im ORF-Gesetz nicht mehr zeitgemäß sind, ist jetzt noch deutlicher geworden, denke ich. Wenn wir die Bevölkerung umfassend erreichen wollen, dann müssen wir großflächiger und mit neuen Formaten, im digitalen Bereich und im Social-Media-Bereich, tätig werden können. Dazu müssen wir aber auch entsprechend produzieren dürfen, das heißt unter anderem eine Ausweitung der 7-Tage-Frist für die Zurverfügungstellung von Inhalten online, produzieren für online-first bzw. online-only usw.

medienpolitik.net: Der ORF verfolgt eine konsequente Digitalisierungsstrategie. Inwieweit hat sich diese in den vergangenen Wochen ausgezahlt?

Wrabetz: Wir wollen den ORF vom Public Service Broadcaster zu einer Public Service Plattform weiterentwickeln. Dass wir sowohl intern in unseren Produktionsprozessen mit der Digitalisierung schon recht weit sind, ist uns in den vergangenen Wochen und Monaten ebenso zugutegekommen, wie dass der ORF nicht nur in Radio- und Fernsehen Marktführer ist, sondern sich auch online in Österreich eine sehr starke Position erarbeitet hat. Das Publikum ist es also gewohnt, unsere öffentlich-rechtlichen Inhalte auch online zu nutzen.   

medienpolitik.net: Welche ersten Schlussfolgerungen kann man für die Weiterentwicklung dieser Strategie ziehen?

Wrabetz: Im Digitalzeitalter kann der ORF langfristig nur bestehen, wenn es gelingt, die Transformation vom Public Service Broadcaster zu einer Public Service Plattform erfolgreich zu managen. Der ORF ist hier auf einem sehr guten Weg: Denken Sie etwa an ORF.at, die meistgenutzte heimische News-Website, an die TVthek oder an unsere neueste digitale Plattform, die Radiothek! Herzstück unserer Digitalstrategie ist ein neues multimediales Streaming-Angebot – der sogenannte ORF-Player – an dem wir mit Hochdruck arbeiten. Um unsere Digitalstrategie voll umsetzen zu können, brauchen wir jedoch die entsprechenden Rahmenbedingungen von der Medienpolitik und mehr Spielraum für die digitale Entwicklung!

 „Wir wollen den ORF vom Public Service Broadcaster zu einer Public Service Plattform weiterentwickeln.“

medienpolitik.net: Mitarbeiter der aktuellen Redaktion des ORF (ZIB) haben für Wochen im ORF gelebt. Welche positiven oder negativen Ergebnisse hat das gebracht?

Wrabetz: Der ORF ist, wie gesagt, Teil der kritischen Infrastruktur des Landes und als solche haben wir in enger Abstimmung mit den österreichischen Behörden schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt mit der Ausarbeitung und Umsetzung unserer Notfallpläne begonnen – vom Dienst in getrennten Schichten, strengen Sicherheitsmaßnahmen, redundanter Studio- und Sendeinfrastruktur über das Home-Office bis hin zu den von Ihnen angesprochenen Isolationszonen. Oberstes Ziel war und ist es, den Sendebetrieb unter allen Umständen abzusichern. Dazu haben wir unter anderem in den zentralen Informationseinheiten in Radio, Fernsehen und den Landesstudios Isolationszonen eingerichtet, in denen Teams aus Redaktion und Technik für jeweils zwei Wochen Dienst gemacht haben. Überrascht und gefreut hat mich, dass sich deutlich mehr Kolleginnen und Kollegen freiwillig gemeldet haben, als nötig waren. 

medienpolitik.net: Wie fällt eine wirtschaftliche Bilanz aus? Mit welchen Ausfällen bei Werbung und Gebühren rechnen Sie?

Wrabetz: Wie alle Unternehmen ist natürlich auch der ORF massiv von den negativen wirtschaftlichen Auswirkungen der Coronakrise betroffen. Erstens liegen die Werbeerträge deutlich unter Plan. Zur Erklärung für Ihre Leserschaft: Der ORF hat auf Grund des kleineren österreichischen Medienmarktes einen höheren Anteil an Werbeeinnahmen in seiner Finanzierung als die deutschen Öffentlich-rechtlichen. Zweitens sind auch die Gebühreneinnahmen auf Grund der zunehmenden Arbeitslosenrate rückläufig. Arbeitslose können in Österreich einen Antrag auf Gebührenbefreiung stellen. Und – drittens – hatte der ORF durch die Corona-Krise höhere Kosten durch Sicherheitsmaßnahmen und die zahlreichen Corona-bedingten Sonderprogramme von der Information über die Kultur, die Religion und den Sport bis hin zu den kurzfristig produzierten Bildungsprogrammen für Schüler während des Lockdowns.

medienpolitik.net: Sie wollen im nächsten Jahr 75 Millionen Euro einsparen. Welche Konsequenzen hat das für das ORF-Programm?

Wrabetz: Das ist notwendig, um wieder ausgeglichen bilanzieren zu können. Wobei ein Teil dieser 75 Millionen ja für die Finanzierung zusätzlicher Programme wie der Sportgroßevents aufgewendet wird. Unser Ziel ist es, das Publikum die notwendigen Einsparungen so wenig wir möglich merken zu lassen. Man muss aber dazu sagen, dass der ORF seit ich Generaldirektor bin, also seit 2007, ein nachhaltiges Restrukturierungs- und Einsparungsprogramm umsetzt und mehr als 700 Dienststellen reduziert hat. Gleichzeitig haben wir unser Programmangebot massiv ausgebaut, etwa um unsere TV-Spartenkanäle ORF III – Kultur und Information und ORF Sport+, die TVthek, die Radiothek uvm.

medienpolitik.net: In den vergangenen Tagen wurde der aktuelle Public-Value-Bericht des ORF veröffentlicht. Warum werden diese Berichte regelmäßig erarbeitet und welche Relevanz haben sie für die Akzeptanz der Rundfunkgebühr und des ORF?

Wrabetz: Public Value, die Erzeugung von öffentlichem Mehrwert, ist der Kern dessen, was öffentlich-rechtlicher Rundfunk tut. Er wird von den Beitragszahlern finanziert, um ein unabhängiges und niederschwellig zugängliches Programmangebot an Information, Kultur, Unterhaltung und Sport für alle Bürgerinnen und Bürger abzusichern – eine mediale Infrastrukturdienstleistung, wenn man so will. Und das muss man auch kommunizieren. Aus diesem Grund habe ich bei meinem Amtsantritt 2007 unter der Leitung von Dr. Klaus Unterberger das ORF-Public Value Kompetenzzentrum eingerichtet, das zum einen den Public Value unserer Programme laufend dokumentiert, online unter zukunft.orf.at und in den angesprochenen Berichten. Zum anderen verantwortet es gemeinsam mit der ORF-Medienforschung unser Qualitätssicherungsprogramm, ein System aus quantitativen und qualitativen Studien und Analysen zur Qualitätssicherung. Der ORF dokumentiert hier nicht nur, wie er seine Aufträge in seinen Programmen umsetzt, sondern begleitet sie auch kritisch. Unsere Public-Value-Maßnahmen haben also große Relevanz, denn das beste Argument für die Gebührenakzeptanz ist möglichst hochwertiges Programm, das möglichst viele Menschen erreicht. Der ORF ist hier – bei aller Kritik, die es natürlich auch gibt – auf einem guten Weg.

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