„Corona wird in der Film- und Fernsehbranche Spuren hinterlassen“

von am 16.07.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Medienförderung, Medienpolitik, Medienwirtschaft, Verlage

„Corona wird in der Film- und Fernsehbranche Spuren hinterlassen“
Nathanael Liminski, Staatssekretär und Chef der Staatskanzlei des Landes Nordrhein-Westfalen

NRW fordert Berücksichtigung von Fernsehproduktionen bei Ausfallfonds

16.07.2020. Interview mit Nathanael Liminski, Staatssekretär und Chef der Staatskanzlei des Landes Nordrhein-Westfalen

Seit Wochen fordern die Produzenten einen Ausfallfonds, der bei erneuten pandemiebedingten Produktionsstopps, für die damit verbundenen zusätzlichen Kosten aufkommt. Versicherungen weigern sich bisher, solche Risiken zu übernehmen. In der jüngst vom Bundestag verabschiedeten „Kulturmilliarde“ sind auch 50 Millionen für einen Ausfallfonds, jedoch nur für Kinoproduktionen, vorgesehen. Allerdings erwarten sowohl die Kulturstaatsministerin Monika Grütters als auch die Produzenten, dass sich an diesem Not-Fonds sowohl die Länder als auch die großen TV-Sendergruppen beteiligen. NRW will 10 Millionen Euro bereitstellen, auch Bayern hat Unterstützung zugesagt. NRW erwartet, so Nathanael Liminski gegenüber medienpolitik.net, „dass nicht nur Produktionsfirmen, die auf Kino spezialisiert sind, berücksichtigt werden können, sondern auch der Bereich der Fernsehfilmproduktion. Wenn der Bund das nicht machen kann oder will, sollten die Länder mit den großen Fernsehstandorten das selbst in die Hand nehmen.“ Im Zusammenhang mit der schwierigen Situation der Kinos verweist der Chef der NRW-Staatskanzlei darauf, dass ein Abstand von 1,5 Metern zwischen den Besuchern nicht notwendig ist, solange nachverfolgbar sei, wer auf welchem Platz gesessen habe.

medienpolitik.net: Die NRW-Wirtschaft hat insgesamt unter der Corona-Pandemie gelitten. Dennoch hat die Landesregierung der Film- und Medienwirtschaft im Bundesland besondere Aufmerksamkeit geschenkt und über die Unterstützung durch den Bund hinaus weitere Hilfe zugesagt. Warum?

Liminski: Weil es um Arbeitsplätze, Wertschöpfung und Kultur geht. Die Film- und Medienwirtschaft in Nordrhein-Westfalen ist mit ihrer Innovationskraft von hoher Bedeutung für unser Land. Rund 463.000 Beschäftigte arbeiten in über 25.000 Unternehmen der Medien- und Kommunikationsbranche. Gemeinsam erwirtschaften sie jährlich einen Umsatz von rund 143 Milliarden Euro. Diese Zahlen unterstreichen die herausragende Position Nordrhein-Westfalens als Medien-Digital-Land. Uns ist es wichtig zu signalisieren, dass wir die Medienbranche nicht nur in guten Zeiten unterstützen, sondern ihr auch in schweren Zeiten unter die Arme greifen. Hier möchte ich einmal die Filmbranche herausheben, die in den letzten Monaten durch die Drehstopps in besonderer Weise von den Auswirkungen der Corona-Pandemie betroffen war. Aus diesem Grund sind wir gerade mit der Kulturstaatsministerin Monika Grütters und den anderen Ländern in konstruktiven Gesprächen zu einem bundesweiten Ausfallfonds bei pandemiebedingten Drehausfällen. Nordrhein-Westfalen wird sich an diesem Fonds beteiligen. Dafür stellen wir zehn Millionen Euro zur Verfügung. Dabei ist uns wichtig, dass nicht nur Produktionsfirmen, die auf Kino spezialisiert sind, berücksichtigt werden können, sondern auch der Bereich der Fernsehfilmproduktion. Wenn der Bund das nicht machen kann oder will, sollten die Länder mit den großen Fernsehstandorten das selbst in die Hand nehmen.

medienpolitik.net: Die aktuelle Formatt-Studie hat es bestätigt: NRW ist der wichtigste TV-Standort Deutschlands, bezogen auf die TV-Produktionen und TV-Sender. Worauf führen Sie erfolgreiche Entwicklung zurück?

Liminski: Wir sind nicht nur Fernsehstandort Nr. 1 in Deutschland, sondern auch einer der größten und attraktivsten Produktionsorte in Europa. Das liegt an vielen Faktoren. Ob attraktive Förderbedingungen, renommierte Studios, kompetente Dienstleister oder faszinierende Original-Locations – Nordrhein-Westfalen bietet optimale Bedingungen für jede Filmproduktion, für internationales Kino und Autorenfilme ebenso wie für Dokumentationen oder TV-Filme. Innovative Köpfe zieht es seit vielen Jahren an Rhein und Ruhr, da hier neben den großen bekannten Unternehmen auch kleinere Produktionsfirmen junge Medienschaffende anziehen. Die Formatt-Studie bestätigt, dass die Filmunternehmen in Nordrhein-Westfalen in den Jahren 2017 und 2018 bundesweit die mit Abstand höchsten Volumina in der Produktion von Fernsehfilmen und -serien aufweisen konnten. Mit der Film- und Medienstiftung NRW haben wir einen erstklassigen Partner in der Stärkung des Medienstandorts, deren Spielraum wir als Landesregierung seit 2017 deutlich erhöht haben – mit über 60 Prozent mehr Fördermitteln, so viel wie nie in der Geschichte der NRW-Filmförderung. Die Ergebnisse der jetzt vorgestellten Studie bestätigen uns in diesem Kurs.

„Wir müssen nun daran arbeiten, dass keine strukturellen Schäden bleiben.“

medienpolitik.net: Sehen Sie diese positive Tendenz durch die Corona-Pandemie bedroht?

Liminski: Natürlich wird Corona auch in der Film- und Fernsehbranche Spuren hinterlassen. Viele Unternehmen hatten in den letzten Monaten keine Aufträge oder Produktionsausfälle und waren auf staatliche Unterstützung angewiesen. Wie sich die Corona-Pandemie auf die Produktion von Fernseh- und Filmformaten auswirkt, wird die nächste Formatt-Studie der Jahre 2019 und 2020 genau beleuchten. Ich bin insgesamt zuversichtlich, was den Fernsehmarkt in Nordrhein-Westfalen und in Deutschland angeht. Wir haben von März bis Mai beobachten können, dass die Menschen wieder viel mehr ferngesehen haben. Zum einen weil sie wussten, dass gerade in dieser Zeit das Fernsehen wertvolle Informationen zur aktuellen Lage liefert. Zum anderen bot sich in Lockdown-Zeiten gute TV-Unterhaltung besonders an, um sich auch einmal abzulenken. Wir müssen nun daran arbeiten, dass keine strukturellen Schäden bleiben.

medienpolitik.net: Die Kinobranche hat jüngst errechnet, dass die Ausfälle bis zu 250 Millionen Euro betragen können. Müssen für die Kinos weitere Förderungen durch das Land NRW beschlossen werden?

Liminski: Die Landesregierung hat bereits frühzeitig mit der Film- und Medienstiftung NRW die Arthouse-Filmtheater durch das Kino-Soforthilfeprogramm mit 325.000 Euro unterstützt. Auch Kinos waren antragsberechtigt für die NRW-Soforthilfe. Nordrhein-Westfalen hat diese zusätzlich mit eigenen Mitteln für die Gruppe der Unternehmen mit bis zu 50 Beschäftigten verstärkt. Wichtiger als alle Hilfsprogramme ist die Aussicht auf Umsatz. Nordrhein-Westfalen hat immer für einen Kurs der Verhältnismäßigkeit geworben, der nicht nur die Verbreitungszahlen des Virus zum Maßstab nimmt, sondern auch ganzheitlich die Auswirkungen der Maßnahmen im Blick hat. Deshalb haben wir bereits früh die Möglichkeit geschaffen, dass die Kinos unter Einhaltung von Hygiene- und Infektionsschutzauflagen wieder öffnen können. Natürlich ist die Situation für viele Kinobetreiber noch nicht so wie vor Beginn der Pandemie. Auch die großen Blockbuster aus den USA lassen noch weiter auf sich warten. Wir beobachten die Situation genau und sind in Gesprächen mit den zentralen Kino-Verbänden und einzelnen Kinobetreibern im Land. Auch das jüngst verabschiedete Bundesprogramm „Neustart Kultur“ hat die Unterstützung von Kultureinrichtungen im Blick. Hier werden wir schauen, welche Möglichkeiten es für Kinos gibt, Förderungen zu erhalten.

medienpolitik.net: Kinos, Theater und andere Kulturveranstalter beklagen, dass die Abstandsregeln für Inhouse-Veranstaltungen zu dogmatisch und unwirtschaftlich seien. Sollten diese Regeln geändert werden, um mehr Besuchern Zutritt zu Kulturveranstaltungen zu ermöglichen?

Liminski: Ich verstehe die Sorgen der Betreiber und Veranstalter gut. Kinobetreiber haben uns gesagt, dass aufgrund des Abstandsgebots, das auch im Kinosaal einzuhalten ist, eine maximale Auslastung von 25 bis 30 Prozent der regulären Kapazität entstehen könnte. Das stellt sie vor die Frage, ob der Kinosaal aus Gründen der Wirtschaftlichkeit nicht lieber direkt zugesperrt bleibt. In Nordrhein-Westfalen sind wir hier frühzeitig einen pragmatischen Weg gegangen, indem wir die Rückverfolgbarkeit als alternatives Schutzkonzept eingesetzt haben. Solange nachverfolgbar ist, wer auf welchem Platz gesessen hat, ist bei uns in Nordrhein-Westfalen beim Kinobesuch, im Theater oder in der Oper ein Abstand von 1,5 Metern zwischen den Besuchern nicht notwendig. Wir geben den Betreibern damit mehr Flexibilität an die Hand. Viele Kinos haben zudem eigene Hygiene- und Schutzkonzepte aufgesetzt.

„Schon der Anschein einer direkten oder indirekten Einflussnahme auf journalistisch-redaktionelle Inhalte muss dabei unbedingt vermieden werden.“

medienpolitik.net: Wie sehen Sie die Situation bei den TV-Sendern, die vor allem mit Werbeausfällen konfrontiert worden sind. Ist auch hier zusätzliche staatliche Unterstützung notwendig?

Liminski: Die gesamte Medienbranche ist im Zusammenhang mit der Covid-19-Krise von erheblichen Werbeausfällen betroffen, auch die Rundfunkveranstalter und hier natürlich auch die privaten TV-Sender. Bund und Länder haben umfangreiche branchenübergreifende Hilfspakte geschnürt, um den Unternehmen durch die Krise zu helfen. Diese kommen auch der Medienbranche zu Gute. Die Landesregierung beobachtet auch hier genau die weitere Entwicklung, ob weitere zusätzliche branchenspezifische Hilfen angeraten sind.

medienpolitik.net: Der Bundestag hat jüngst für die Verlage eine Förderung von 220 Millionen Euro angekündigt. Kritiker verweisen auf die dadurch mögliche Gefahr einer staatlichen Einflussnahme auf die Presse. Teilen Sie diese Befürchtungen?

Liminski: Nach dem Beschluss des Bundestages ist die Bunderegierung nun gefordert, ein konkretes Förderkonzept vorzulegen. Erst dann ist eine inhaltliche Bewertung möglich. Als Landesregierung Nordrhein-Westfalen unterstützen wir das Anliegen, die Presse im Prozess der digitalen Transformation zu unterstützen. Im Zusammenhang mit der Covid-19-Krise verschärfen sich die Herausforderungen zusätzlich. Schon der Anschein einer direkten oder indirekten Einflussnahme auf journalistisch-redaktionelle Inhalte muss dabei unbedingt vermieden werden. Andernfalls ist die Unabhängigkeit und damit die Glaubwürdigkeit des Journalismus in Gefahr. Daher ist es wichtig, dass der Grundsatz der Staatsferne gewahrt wird. Diesen Grundsatz haben wir auch bei unserer Krisenhilfe für den privaten Lokalfunk in Nordrhein-Westfalen, der wegen der Covid-19-Pandemie massive Werbeausfälle zu verkraften hat, strikt beachtet. Das Land Nordrhein-Westfalen und die Landesanstalt für Medien stellen im Rahmen des Solidarpakts Lokalfunk NRW gemeinsam insgesamt 700.000 Euro für UKW-Verbreitungskosten zur Verfügung. Das sorgt für Entlastung, ohne dass die redaktionelle Arbeit beeinflusst wird. Dabei trägt der Solidarpakt auch zur Arbeitsplatzsicherung bei, weil die Sender Zusagen der Beschäftigungssicherung gemacht haben. Das hat es so nirgends vorher in Deutschland gegeben. Unser Solidarpakt ist Blaupause für andere Programme. So wird die geplante Hilfe für den privaten Hörfunk im Rahmen des Konjunkturpakets des Bundes voraussichtlich auch auf die technischen Verbreitungskosten rekurrieren. Diese konkreten Beispiele zeigen: Man kann als Land vieles bewegen, um Medienvielfalt auch in schwierigen Zeiten zu sichern.

Aktualisiert am 16.07.2020 um 13.23 Uhr

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