„Das größte Risiko ist regionales UKW-Radio“

von am 28.07.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Digitale Medien, Dualer Rundfunk, Hörfunk, Lokalfunk, Medienpolitik, Medienwirtschaft, Rundfunk, Werbung

„Das größte Risiko ist regionales UKW-Radio“
mit Erwin Linnenbach, Geschäftsführer der National German Radio

Im Oktober starten weitere 16 nationale DAB-Programme

28.07.2020. Interview mit Erwin Linnenbach, Geschäftsführer der National German Radio

Ab Oktober sollen 16 weitere national verbreitete DAB-Programme starten. Antenne Deutschland hatte im Februar dieses Jahres das Leipziger Unternehmen National German Radio GmbH exklusiv mit der Platzierung der freien Übertragungskapazitäten auf der ersten und einzigen privaten nationalen DAB+ Plattform, dem sogenannten 2. DAB+ Bundesmux, beauftragt. Die internationale Interessenbekundung startete im März und steht nun kurz vor dem Abschluss. Die Antenne Deutschland GmbH & Co KG ist ein Konsortium der Absolut Digital GmbH & Co. KG und der Media Broadcast GmbH. Das Unternehmen hatte im Rahmen der Ausschreibung des Plattformbetriebes für die erste und letzte private DAB+ Plattform den Zuschlag der Landesmedienanstalten für die Veranstaltung und Verbreitung von nationalen Radioprogrammen erhalten. Schon in der ersten Phase des Netzausbaus für die nationale DAB+ Plattform von Antenne Deutschland werden Ende 2020 etwa 67 Millionen Einwohner das neue Bouquet mit 16 Programmen empfangen können. 

medienpolitik.net: Herr Linnenbach,was reizt Sie als erfahrenen Hörfunkmanager am Risikounternehmen DAB+?

Linnenbach: Wovon reden Sie? DAB+ als Radiotechnologie wächst rasant in der Nutzung und wird ab Herbst weiter stark dynamisch zulegen. Das größte Risiko ist doch mittlerweile regionales UKW-Radio! Deshalb hat es mich gereizt, als die Antenne Deutschland mich gefragt hat, ob ich in der knappen Zeit von März bis Juli mithelfen wolle, eine spannende Auswahl an Veranstaltern zu begeistern, aus denen die Antenne Deutschland dann ein interessantes Bouquet zusammenstellt. Das klang ziemlich herausfordernd, zumal ja auch noch die Corona-Pandemie kam. Also habe ich natürlich ja gesagt.

medienpolitik.net: Der 2. DAB+ Bundesmux soll im Oktober starten. Ist der Start durch die Corona-Pandemie und die damit verbundenen finanziellen Einbußen für die privaten Veranstalter gefährdet?

Linnenbach: Im Gegenteil. Die strategisch handelnden Radiounternehmen haben sofort erkannt, dass sich die Chancen durch den 2. DAB+ Bundesmux durch die Auswirkungen der Pandemie für sie sogar erhöhen. Die jüngste Ausweisung der Media-Analyse bestätigt eindrucksvoll, dass sich das Audionutzungsverhalten der Menschen weiter differenziert und regionale lineare Radiosender zunehmend weniger Grundgesamtheit an Hörern zur Verfügung steht. National ist das Hörerpotenzial für ein bestimmtes Format natürlich viel höher. Schauen Sie sich Radio BOB an. Mittlerweile ist das ehemalige regionale UKW-Programm aus Hessen der reichweitenstärkste Sender der gesamten REGIOCAST. In meinen Gesprächen mit den Veranstaltern war sofort zu erkennen, wer wirklich strategisch denkt und wer nur taktisch agiert. Der 2. DAB+ Bundesmux wird jedenfalls einen enormen Gattungsdruck erzeugen, sowohl auf dem Hörer- als auch auf dem Werbemarkt. Und er wird einer offensichtlich enorm angeschlagenen lokalen und regionalen Radiolandschaft in Deutschland ein sehr ernst zu nehmender Wettbewerber sein.

medienpolitik.net: Die technische Reichweite des 1. DAB+ Bundesmux, der vor fast zehn Jahren gestartet ist, liegt bei ca. 2/3 der Bevölkerung. Wann erwarten Sie eine 100-prozentige nationale DAB+ Abdeckung?

Linnenbach: Tatsächlich war die gemeinsame Initiative zum 1. DAB+ Bundesmux damals mit Deutschlandradio meine Aufgabe – seit nunmehr acht Jahren habe ich mich damit kaum befasst. Auf dem 2. DAB+ Bundesmux wird vermutlich keiner der Player eine 100% Abdeckung anstreben. Das würde ich als Veranstalter auch gar nicht wollen. Ab einem bestimmten Punkt macht es betriebswirtschaftlich schlicht keinen Sinn mehr, noch die letzte Ecke in Deutschland abdecken zu wollen. Mit den jetzigen Sendestandorten erreicht der Mux ab Oktober etwa 67 Millionen Menschen in Deutschland. Das ist meines Erachtens nach betriebswirtschaftlich optimal gewählt. Zudem ist in den Verträgen schon jetzt verbindlich eine Ausbaustufe für in ein paar Jahren geregelt, die kostengünstig nochmals wirtschaftlich sinnvoll und relevant weitere Hörer- und Vermarktungschancen bringt.

„Wer nach der letzten Ausweisung der MA ernsthaft denkt, dass DAB+ nicht funktioniert oder chancenlos ist, wird in wenigen Jahren keinen erfolgreichen Radiosender mehr führen.“

medienpolitik.net: Die Hörerreichweite für DAB+ betrug 2019 sogar nur 22,7 Prozent (laut Medienanstalten) der deutschen Haushalte. Was macht DAB+ für nationale private Hörfunkanbieter dennoch interessant?

Linnenbach: Dass die Nutzung jeden Tag wächst und sich dies auch progressiv weiterentwickeln wird. Schauen Sie, selbst 22,7 Prozent der deutschen Haushalte sind bereits mehr als zehnmal so viele Haushalte als beispielsweise ein landesweiter Privatsender in Mecklenburg-Vorpommern oder Thüringen erreichen kann. Würde man unterstellen, dass das zu wenig ist, müssten die meisten regionalen Radiosender in Deutschland den Sendebetrieb einstellen. Zudem sind die UKW-Verbreitungskosten eines großen regionalen Senders mit den bundesweiten DAB+-Verbreitungskosten vergleichbar. Letztere werden sogar quasi täglich günstiger, je mehr neue DAB+-Hörer dazukommen. Wenn Sie sich also heute zu nahezu gleichen Konditionen zwischen einem 10-Jahres-Vertrag regionaler UKW-Terrestrik in Thüringen oder Mecklenburg-Vorpommern oder einem nationalen DAB+ Kanal entscheiden müssten, wäre es ja schon nahezu einfältig, wenn Sie den regionalen UKW-Vertrag unterschreiben.

medienpolitik.net: Die Bürger sind immer noch sehr zögerlich, von UKW zu DAB+ zu wechseln. Was könnte sie dazu treiben?

Linnenbach: Das sehe ich anders. Allein im vergangenen Jahr hat die Zahl der DAB+ Empfangsgeräte in Deutschland gegenüber dem Vorjahr um rund 35 Prozent zugenommen. Der Produktlebenszyklus von DAB+ Empfängern ist längst in die dynamische Wachstumsphase eingetreten. Die Verpflichtung der Autoindustrie zum Einbau der Geräte in PKWs ab Januar 2021 wird das noch einmal enorm beschleunigen. Und vergessen Sie nicht, dass zu den erfolgreichen Programmen auf dem 1. DAB+ Bundesmux nun 16 nationale Sender hinzukommen, die selbst enormen Druck in Gattungs- und Programmmarketing erzeugen werden. Es sind ja auch einige Veranstalter dabei, die das crossmedial tun werden, was national ja überhaupt erstmals Sinn macht. Dazu hat auch der neue Vermarkter ganz andere Chancen, die Programme national zu entwickeln.

medienpolitik.net: Erst wenn die tatsächliche analoge Restnutzung unter zehn Prozent der Gesamtnutzung fällt, soll laut VAUNET die dreijährige Übergangsphase von UKW zu DAB beginnen. Wann wird das sein?

Linnenbach: Nie. Ich halte das für ein ganz merkwürdiges Thema. Zumindest meine Generation wird das nicht erleben.

„Wir haben bisher keinen deutschen Hörfunkmarkt, sondern durch die 14 Landesmedienanstalten und die jeweilige Gesetzgebung quasi 14 verschiedene Radioangebots- und Nutzungsmärkte.“

medienpolitik.net: Die privaten Radios haben eine Infrastrukturförderung gefordert. Die Kosten des Umstiegs werden mit ca. 500 Millionen Euro angegeben. Eine solche Förderung ist nicht in Sicht. Ist DAB+ damit letztendlich chancenlos?

Linnenbach: Ich verstehe noch nicht einmal die Frage. Wozu ist eine Förderung nötig? Die Diskussion erinnert mich an die Petition der Kerzenmacher, durch die die Bevölkerung verpflichtet werden sollte, tagsüber die Jalousien zu schließen, damit sie mehr Kerzen kauft, um im Haus etwas zu sehen. Erstens ist DAB+ längst Realität und zweitens wächst DAB+ jeden Tag. Wer nach der letzten Ausweisung der MA ernsthaft denkt, dass DAB+ nicht funktioniert oder chancenlos ist, wird in wenigen Jahren keinen erfolgreichen Radiosender mehr führen. UKW ist ja nicht erfolgreich gegen DAB+, das ist mir sowieso eine fremde Sicht. Den Leuten ist doch die Technik weitestgehend egal. Sondern entscheidend ist: es wird jetzt viele nationale, sehr attraktive Programme geben, via DAB+ Terrestrik. Und es gibt viele erfolgreiche UKW-verbreitete Lokal- bzw. Regionalprogramme. Die Menschen werden hören was ihnen gefällt, nicht die Technik entscheidet beim Radiohören. Stellen Sie sich einmal vor: In NRW gibt es demnächst plötzlich nicht mehr nur den einen Lokalsender, sondern ich darf als Hörer jetzt auch aus 16 richtigen nationalen Radioprogrammen wählen. Jeder strategisch denkende Programmmacher wird seine nationalen Hörermarktaktivitäten doch zuvorderst am absolut größten Markt hinsichtlich Hörern, Werbegeld und Wettbewerb, also an NRW ausrichten, bevor er sich mit anderen Märkten beschäftigen wird.

medienpolitik.net: Auf beiden nationalen Plattformen werden dann über 30 öffentlich-rechtliche und private Sender zu hören sein. Gibt es bei den neuen Sendern auch innovative Angebote oder ist es nur der alte Wein in neuen Schläuchen?

Linnenbach: Ich finde das Bouquet sehr interessant und es wird ganz viele neue Formate geben. Denken sie bitte daran: wir haben ja bisher auch gar keinen deutschen Hörfunkmarkt, sondern durch die 14 Landesmedienanstalten und die jeweilige Gesetzgebung quasi 14 völlig verschiedene Radioangebots- und Nutzungsmärkte. Manche Programmformate gibt es bisher nur in Berlin, von so etwas hat ein Hörer in NRW, Niedersachsen oder Baden-Württemberg noch nie etwas gehört. Für die meisten Menschen in Deutschland wird das ein Quantensprung im Radio.

medienpolitik.net: Werden die UKW-Hörfunkangebote, die vor allem regional verbreitet werden, Hörer verlieren?

Linnenbach: Ja natürlich. Das tun ja die meisten heute schon und das wird sich beschleunigen.

medienpolitik.net: Welche Konsequenzen hat das breite nationale DAB+ Angebot für die Werbewirtschaft? Ist es bei der immer noch geringen Reichweite überhaupt attraktiv?

Linnenbach: Dass STRÖER, einer der größten Kontaktvermarkter Europas, in Partnerschaft mit Antenne Deutschland und der neugegründeten ad.audio jetzt in den Markt einsteigt, dürfte Ihre Frage bereits ausreichend beantworten. Unverändert hängt ja die Werbegattung Radio bisher im internationalen Vergleich anderen Märkten in allen Kennzahlen weit hinterher. Das hatte auf Basis der föderal völlig heterogenen Entwicklungen des Radios im Wesentlichen drei Gründe: Keine radiotreibenden Unternehmen, keine nationalen Radio-Brands und keine marktgetriebenen Vermarkter. Alle drei Probleme werden jetzt rasant beseitigt. Die Gattung wird von dieser nunmehr endlich geschaffenen „Normalität“ erheblich profitieren und sich innerhalb der Wachstumsbranche Hörökonomie massive Vorteile sichern. Davon wird der gesamte Hörfunk profitieren.

medienpolitik.net: Wird 5G, das in den Startlöchern steht, ein Konkurrent für DAB+?

Linnenbach: Das zu bewerten ist zu früh. Alles was Radio gut tut, finde ich grundsätzlich begrüßenswert.

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