Der Ausfallfonds nur ein Torso?

von am 27.07.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Medienförderung, Medienwirtschaft, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk

Der Ausfallfonds nur ein Torso?
Produktion der ARD-Serie „Sturm der Liebe“ unter Corona-Bedingungen mit Gesichtsmaske und notwendigem Abstand

Drei-Säulen-Konzept für Kino- und TV-Produktionen soll Ausfallfonds noch retten

27.07.2020. Von Helmut Hartung, Chefredakteur medienpolitik.net

Das Rettungspaket „Neustart Kultur“, das am 3. Juli vom Bundestag beschlossen worden ist, sieht auch 50 Millionen Euro für einen Ausfallfonds für den Abbruch oder die Unterbrechung von Kinofilmproduktionen vor, die sich aus der Corona-Pandemie ergeben könnten. Die  Produzentenallianz fordert einen solchen Risikofonds seit drei Monaten für Spielfilm- und TV-Produktionen, da Versicherungen solche Notfälle nicht absichern. Die Staatsministerin für Kultur und Medien, Prof. Monika Grütters, hat jetzt den Entwurf des Konzepts für den Ausfallfonds erarbeitet, der jedoch nur eine sehr begrenzte Zahl von Produktionen abdeckt und die Erwartungen der Filmwirtschaft nach einem umfassenden Risikoschutz nicht erfüllt. So soll der Ausfallfonds nur für den beschränkten Zeitraum vom 15. August 2020 bis 30. Juni 2021 „in einem klar und verbindlich begrenzten finanziellen Rahmen die Abfederung ausschließlich nicht versicherbarer, typischer Pandemierisiken übernehmen.“ Wird der Ausfallfonds damit zu einem Torso?

Um dennoch alle Produktionsbereiche abzusichern und eine „solidarische Risikoabfederung“ zu ermöglichen, regt die Kulturstaatministerin ein Drei-Säulen-Modell an: Der Bund würde einen wesentlichen Teil des Risikos im Kinofilmbereich sowie bei hochwertigen Serienproduktionen absichern, ergänzt durch die Länder. Die Länder sollten zusätzlich das Risiko der TV-Produktionen abfedern, die sie gefördert haben. Die Sender, wie auch die Plattformen, sollten das Risiko für ihre Eigenproduktionen selbst und umfassend tragen. Doch die Länder sind teilweise noch unentschlossen und die Sendergruppen lehnen bisher, unter Verweis auf bisherige Hilfsleitungen eine finanzielle Beteiligung an einen Ausfallfonds ab.

Wir fragen in einigen Staatskanzleien und bei den vier großen TV-Gruppen nach, ob sie einen bundesweiten Ausfallfonds bei pandemiebedingten Produktionsstopps für Kino- und Fernsehproduktionen für notwendig erachten und ob sie sich an so einem Fonds finanziell beteiligen würden.

Berlin / Christian Gaebler, Staatssekretär und Chef der Senatskanzlei Berlin

„Wie auch in vielen anderen Branchen, sind die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Dreh- und Produktionsbetrieb in Deutschland erheblich. Der fehlende Versicherungsschutz gegen die Auswirkungen der Pandemie führt zu einem hohen wirtschaftlichen Ausfallrisiko. Für die Filmwirtschaft, die in Berlin – aber auch in anderen Bundesländern – ein wichtiger Kultur- und Wirtschaftsfaktor ist, hat das Thema oftmals bereits eine existenzielle Bedeutung. Deshalb ist ein bundesweiter Ausfallfonds zwingend notwendig, um den Filmstandort Deutschland nachhaltig zu sichern. Da Produktionen oftmals an verschiedenen Standorten aktiv sind, ist eine zentrale Anlaufstelle für die Betroffenen sehr sinnvoll. Es ist zugleich aber wichtig, die bestehenden Pläne des Bundes zu ergänzen, um den großen und bisher nicht abgedeckten Bereich der Fernsehproduktionen abzusichern. Deshalb sollte mit einem Länderfonds – als zweite Säule neben der Bundesförderung – eine umfassende Unterstützung der Produktionsstandorte sichergestellt werden. Berlin setzt sich sehr für ein solches Modell ein und ist auch bereit, sich mit bis zu 10 Millionen Euro an einem solchen Fonds zu beteiligen. Wir hoffen, dass weitere Länder sich diesem Vorhaben anschließen, um schnell eine gute Lösung für diese wichtige Branche zu finden.“

Hamburg / Behörde für Kultur und Medien

„Die Behörde für Kultur und Medien erachtet einen bundesweiten Fonds zur Absicherung von pandemiebedingten Ausfällen für geförderte Kinofilme-, Serien- und Fernsehproduktionen grundsätzlich für sehr sinnvoll, um die Filmproduktionsbranche in den kommenden Monaten in ihrer Existenz zu sichern und zur Belebung des Produktionsgeschehens beizutragen. Inwieweit dieser Fonds tatsächlich vollumfänglich alle Produktionsgenres abdeckt, ist aktuell noch Gegenstand der Diskussionen. Inwieweit sich Hamburg an einem gemeinsamen Fonds beteiligen kann, wird derzeit ausgelotet.“

NRW / Nathanael Liminski, Staatssekretär und Chef der Staatskanzlei des Landes Nordrhein-Westfalen

„Uns ist es wichtig zu signalisieren, dass wir die Medienbranche nicht nur in guten Zeiten unterstützen, sondern ihr auch in schweren Zeiten unter die Arme greifen. Hier möchte ich einmal die Filmbranche herausheben, die in den letzten Monaten durch die Drehstopps in besonderer Weise von den Auswirkungen der Corona-Pandemie betroffen war. Aus diesem Grund sind wir gerade mit der Kulturstaatsministerin Monika Grütters und den anderen Ländern in konstruktiven Gesprächen zu einem bundesweiten Ausfallfonds bei pandemiebedingten Drehausfällen. Nordrhein-Westfalen wird sich an diesem Fonds beteiligen. Dafür stellen wir zehn Millionen Euro zur Verfügung. Dabei ist uns wichtig, dass nicht nur Produktionsfirmen, die auf Kino spezialisiert sind, berücksichtigt werden können, sondern auch der Bereich der Fernsehfilmproduktion. Wenn der Bund das nicht machen kann oder will, sollten die Länder mit den großen Fernsehstandorten das selbst in die Hand nehmen.“

Sachsen-Anhalt / Rainer Robra, Minister für Kultur und Chef der Staatskanzlei

„Die Corona-Pandemie verändert unser aller Leben und dies gilt auch für die Bedingungen für Kino- und Fernsehproduktionen. Einschränkungen aufgrund von gesundheitspolitisch notwendigen Schutzmaßnahmen überprüfen wir regelmäßig, ob sie weiter verhältnismäßig sind. Als Medienminister des Landes habe ich ein besonderes Interesse daran, alles zu tun, dass Sachsen-Anhalt weiterhin ein attraktiver Produktionsstandort bleibt. Darüber hinaus haben wir als Land die Mitteldeutsche Medienförderung mit zusätzlichen Mitteln in Höhe von rund 300.000 Euro ausgestattet, um damit corona-bedingten Mehraufwand bei Produktionen abdecken zu können und arbeiten daran, die Kinos gemeinsam mit dem Bund zu stärken. Der Bund hat nunmehr angekündigt, dass er Produktionen zusätzlich mit einem Ausfallfonds für pandemiebedingte Produktionsstopps absichern möchte und führt hierzu intensive Gespräche mit der Versicherungsbranche. Sobald die Kriterien für einen solchen Ausfallfonds vorliegen werden wir prüfen, inwiefern diese Mittel auch den Produzenten in Sachsen-Anhalt helfen können. Weiterhin ist mir als Kulturminister des Landes bei den Hilfen natürlich ein Blick auf die gesamte Kulturlandschaft in Sachsen-Anhalt wichtig.

Derzeit sind die Bedingungen für einen Ausfallfonds des Bundes noch unklar. Die Auswirkungen für die einzelnen Länder sind sehr unterschiedlich und die Situation etwa in Nordrhein-Westfalen wird sich deutlich von der in Sachsen-Anhalt unterscheiden. Bei Fernsehproduktionen ist festzustellen, dass im besonderen Maße die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten diese beauftragen und deshalb auch eine besondere Verantwortung für den Erhalt der Fernseh-Produktionslandschaft haben. Ich freue mich, dass sie diese auch wahrnehmen.“

ARD / Prof. Dr. Karola Wille, MDR-Intendanten, ARD-Filmintendantin

„Als ARD und ARD Degeto Film GmbH begrüßen wir den Vorstoß der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien, Frau Prof. Monika Grütters, im Rahmen eines Ausfallfonds 50 Millionen Euro für die Übernahme von pandemiebedingten Ausfallkosten bei Kinofilmproduktionen und hochwertigen Serienproduktionen bereitzustellen. Dies ist für die Branche ein sehr wichtiges Signal und ein ganz wesentlicher Rückhalt. Zugleich setzen wir uns dafür ein, dass dieser Fonds auf Fernsehproduktionen erweitert oder ein ergänzender Fonds seitens der Länder eingerichtet wird, da ein großer Teil der Produzentinnen und Produzenten im Bereich der Fernsehwirtschaft tätig ist.

In Wahrnehmung unserer Verantwortung als größter Auftraggeber für die Produktions- und Kreativbranche in Deutschland haben wir uns in dieser schwierigen Zeit von Anfang an als verlässliche Partner der deutschen Produzentinnen und Produzenten erwiesen und schnell und pragmatisch ein umfangreiches Bündel an Unterstützungs- und Sofortmaßnahmen auf den Weg gebracht. So bemühen wir uns an vielen Stellen um ein pragmatisches Vorgehen, um Liquidität zu gewährleisten (beispielsweise durch das Vorziehen von Raten bei bestehenden Verträgen) und beteiligen uns bereits seit März 2020 gegenüber unseren Produktionspartnerinnen an 50 Prozent der Mehrkosten, die durch Corona-bedingte (auch mehrmalige) Produktionsstopps entstehen, Zusätzlich zu diesen Maßnahmen übernehmen die ARD-Anstalten die Finanzierung der Hygienemaßnahmen für Neuproduktionen entsprechend ihres Finanzierungsanteils (in zahlreichen Fällen also zu 100%), damit die Dreharbeiten wieder aufgenommen werden können. Die ARD unterstützt somit seit Beginn der Krise mit erheblichem finanziellem Engagement die Kreativwirtschaft. Ihre freiwilligen Leistungen hat sie erneut bis 31.07.2020 verlängert. Ohne institutionelle Absicherung der aufgrund der Pandemie weiterhin bestehenden Risiken wird eine weitgehend uneingeschränkte Wiederaufnahme allerdings nicht möglich sein. Deshalb unterstützen wir die Forderung, den großen Bereich der Fernsehproduktionen in dieser Krisenzeit durch die Bereitstellung eines aus staatlichen Garantien gesicherten Notfallfonds zu unterstützen. Einer unmittelbaren Beteiligung der Landesrundfunkanstalten an einem solchen Fond stehen im Übrigen rechtliche Bedenken entgegen.“

ProSieben.Sat.1 / Dr. Stefan Gärtner, SVP Koproduktion & Filmpolitik und Geschäftsführer der SevenPictures Film GmbH

„Die mittelständisch geprägte Produktionswirtschaft wird kaum in der Lage sein, weitere Einbußen durch krankheitsbedingte Produktionsstopps oder gar einen zweiten Lockdown zu kompensieren. Selbst wenn sich die Sender nochmals substantiell an den Kosten beteiligen sollten, wäre das für viele Produzenten nicht zu stemmen. Hinzu käme, dass zumindest wir als Privatsender angesichts der Corona-bedingten Umsatzeinbußen, für jede einzelne Produktion eine dezidierte Abwägung von Chancen und Risiken vornehmen müssten und unterm Strich deutlich weniger Aufträge vergeben könnten. Wir haben uns zugunsten der Produzenten substantiell und zeitnah an den Mehrkosten des ersten Lockdowns beteiligt. Zusätzlich leisten wir unseren Beitrag, in dem wir trotz der genannten Umsatzeinbußen massiv lokale Produktionsaufträge vergeben, anstatt auf Wiederholungen und Lizenzware zu setzen und bei diesen die Pandemie-bedingten Mehrkosten in der Durchführung der Produktion tragen. Jetzt sind im nächsten Schritt Bund und Länder in der Verantwortung. Eine weitere Beteiligung von uns als Privatsender sehen wir nicht und es wäre auch nur fair, wenn beispielsweise beim Bundesmodell alle Verwerter der dort abgesicherten Kino- und SVOD/TV-Produktionen in den Ausfallfond einzahlen würden.“

Mediengruppe RTL Deutschland / Henning Tewes, COO Programme Affairs & Multichannel und Co-Geschäftsleiter TVNOW

„Wir halten einen solchen Fonds gerade in der jetzigen Phase des Wiederhochfahrens der Produktionen für unbedingt notwendig. Der Vorschlag war bereits zentrales Ergebnis des von der Mediengruppe RTL im Mai initiierten „Runden Tischs Fernsehen“ der gesamten Branche. Wichtig ist, dass auf diesem Wege neben dem Kino sehr zeitnah auch der Neustart der TV-Produktionen abgesichert wird. Wir begrüßen ausdrücklich, dass einige Länder wie z.B. Nordrhein-Westfalen bereits die Speisung eines solchen TV-Fonds in Aussicht gestellt haben, um die Produktionswirtschaft zu stärken. Die Mediengruppe RTL hat in der ersten Phase der Pandemie schnell und solidarisch Lösungen mit den Produzenten gefunden und dabei trotz schwieriger Lage im Werbemarkt einen signifikanten Anteil der angefallenen Verschiebe- und Abbruchkosten übernommen. Diese Risiken können wir perspektivisch nicht länger auffangen, zumal wir neben den erheblichen Produktionsbudgets für die anlaufenden Projekte auch die Mehrkosten der Hygieneauflagen tragen. Wir möchten unsere Content-Offensive gerne fortsetzen und möglichst viele der geplanten Vorhaben beauftragen – der Fonds ist dafür ein ganz wesentlicher Baustein, der nun schnell aktiviert werden muss.“

ZDF

„Die Corona-Pandemie hat auch auf die Bedingungen und Risiken für die Herstellung von Fernsehproduktionen deutscher Unternehmen großen Einfluss. Das betrifft die Produzent*innen und das ZDF als Auftraggeber und Verwerter gleichermaßen. Das ZDF begrüßt das Engagement der BKM im Kulturbereich in diesen Krisenzeiten ausdrücklich. Aktuelle Medieninhalte sind für die Produzenten aber auch für die Medienanbieter wie das ZDF und nicht zuletzt für die Zuschauer*innen in diesen Krisenzeiten von noch größerer Bedeutung. Um dauerhaft während der Phase der Pandemie produzieren zu können, ist ein Ausfallfond für Film- und Fernsehproduktionen aus Sicht des ZDF daher notwendig. Das ZDF hat bereits verschiedene Maßnahmen zur Sicherung der Produktionen im Rahmen der Corona-Pandemie getroffen. So hat das ZDF erklärt, sich zu 50 Prozent an den durch Covid–19-bedingten Mehrkosten bei Auftragsproduktionen zu beteiligen. Zudem wurde die Möglichkeit geschaffen, auf Antrag zur Verbesserung der Liquidität von Produktionsunternehmen Zahlungen vorzuziehen. Im Rahmen von Koproduktionen hat das ZDF zugesagt, sich ebenfalls bis zu 50 Prozent (entsprechend des prozentualen Finanzierungsanteils des ZDF) an den Covid –19-bedingten Mehrkosten zu beteiligen. Zudem wurde der Kurzarbeitertarifvertrag der Produzentenallianz mit Verdi und dem BFFS vom ZDF anerkannt. Auch werden im Rahmen von neuen Beauftragungen coronabedingte Mehrkosten eingepreist und damit vom ZDF übernommen. Mit diesen Maßnahmen bekennt sich das ZDF zu seiner Verantwortung für die Produzentenlandschaft in Deutschland. Allerdings sind durch diese Maßnahmen die finanziellen Grenzen zur Abmilderung der Corona-Folgen des ZDF weitestgehend ausgereizt. Deshalb begrüßt das ZDF die Überlegungen zu einem Aufbau eines staatlich abgesicherten Ausfallfonds für Fernsehproduktionen und unterstützt diese ausdrücklich. Diesem Fond würde gerade für den Fall eines zweiten Lockdowns eine wichtige Bedeutung für die deutsche Produzentenlandschaft.“

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