Medienhäuser reduzieren Beteiligungen

von am 01.07.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Medienwirtschaft, Studie, Verlage

Medienhäuser reduzieren Beteiligungen
Das Verlagshaus von Axel-Springer in Berlin
Charles Yunck

01.07.2020. Corona-Krise erhöht Druck auf Anpassung der Geschäftsmodelle von Medienhäusern

Deutsche Medienunternehmen haben erstmals seit Beginn ihrer Diversifikationsoffensive vor mehr als 10 Jahren ihre Investitionen in Beteiligungsgesellschaften merklich reduziert und sich verstärkt auf ihre bestehenden Marken fokussiert. Insgesamt haben sich die Beteiligungs-Aktivitäten der Branche um 7% verringert. Besonders stark gingen dabei die Inkubator-Beteiligungen zurück (-19%), während reine Finanzinvestitionen – abseits vom Kerngeschäft – mit beachtlicher Geschwindigkeit gegen den Trend wuchsen (+24%). Das geht aus der Studie „Konzentration bitte! – M&A und Digitalisierungstrends in der deutschen Medienindustrie“ der internationalen Strategieberatung EY-Parthenon hervor. Die Beteiligungsverkäufe oder Einstellungen von Geschäftstätigkeiten betrafen vor allem werbefinanzierte Geschäftsmodelle und B2B/ B2C-Services und fanden sowohl im Inland als auch im Ausland statt. Insbesondere digital aktivere Medienhäuser wie Axel Springer, ProSiebenSat.1 und Ströer haben Beteiligungen abgebaut. Auch Gruner + Jahr hat den Vorjahreskurs fortgesetzt und sein Portfolio bereinigt, während Burda, entgegen dem allgemeinen Trend, seine Beteiligungen ausgeweitet hat.

Im Jahr 2020 stehen 50 Abgängen nur 16 Zugänge gegenüber, während im Vorjahr noch 25 Abgänge durch 37 Zugänge überkompensiert wurden. Insbesondere digital aktivere Medienhäuser wie Axel Springer, ProSiebenSat.1 und Ströer schichten in diesem Jahr um bzw. bauen Beteiligungen ab. Auf Axel Springer (Netto-Rückgang um 14 % bei 5 Zugängen und 21 Abgängen) und ProSieben-Sat.1 (Netto-Rückgang um 5 %) entfallen gut 60 % aller Veränderungen. Während bei Axel Springer bereits im Vorjahr eine Kehrtwende abzusehen war (7 Abgänge bei 6 Zugängen), haben sich ProSiebenSat.1 und Ströer erst in diesem Jahr dem Kurs angeschlossen und ziehen sich verstärkt aus Beteiligungen zurück. Auch Gruner + Jahr setzt seinen Vorjahreskurs fort und bereinigt sein Portfolio um 29 %, während Burda entgegen dem allgemeinen Bereinigungstrend einen Zuwachs um 12 % aufweist. Dagegen halten die weniger digital aktiven Medienhäuser wie die Rheinische Post (1 Abgang), Funke, Madsack und DuMont (jeweils keine Veränderung) ihre geringere Anzahl Beteiligungen nahezu vollständig. Haben sie womöglich im Vorfeld schon kritischer als der Wettbewerb ausgewählt? Neben den exemplarisch diskutierten Medienhäusern zeigen sich auch weitere deutsche Medienspieler digital aktiv. Beispielhaft sei hier die Bauer Media Group erwähnt. Diese hat zum einen das Zeitungsgeschäft gestärkt, etwa durch den Zukauf der Mediengruppe Mitteldeutsche Zeitung von DuMont. Zum anderen hat Bauer im Rahmen der Transformation hin zu einem Multi-Business-Unternehmen weltweit in neue Geschäftsfelder wie Online-Vergleichsportale oder digitale Vertriebs- und Marketingdienstleistungen investiert. Dazu zählen zum Beispiel die Beteiligungen an Camilyo Online Ltd. und Mono Solutions, zwei Marketing-Anbieter von digitalen Services für kleine und mittelständische Unternehmen, sowie die Grupa Tense, ein polnischer Anbieter für Search Engine Optimization. Doch was treibt diese verstärkte Dynamik der Umschichtung bis hin zur Portfoliobereinigung? Wir beobachten, dass kleinere Marken zunehmend eingestellt oder alternativ in größere Marken integriert werden. Gruner + Jahr beispielsweise hat diverse kleinere Plattformen im Bereich Transport und Automobil vom Netz genommen (z. B. EuroTransport.de, Portale für Autos, LKW und Transport) und 4WheelFun in Auto, Motor und Sport aufgehen lassen.

Medienhäuser sind weniger experimentierfreudig

Es scheint zugleich, als würden die Medienhäuser weniger experimentierfreudig und bündelten Kräfte für die Erschließung neuer Felder. Burda beispielsweise beteiligte sich in diesem Jahr an Sweetescape, einer Online-Plattform zur Vermittlung von Fotografen mit AI-basierter Bearbeitung und Sortierung von Fotos. Ein Abbau ist über nahezu alle Kategorien außer E-Commerce-Shops zu beobachten und betrifft wie bereits im Vorjahr besonders stark die Beteiligungen im Bereich Ad Networks. Neben dem Inland lässt sich eine rückläufige Entwicklung gleichermaßen im Ausland erkennen. Beteiligungen an Unternehmen mit klassischer Werbung oder Paid Content sind bereits seit 2016 rückläufig. Im Jahr 2020 lassen sich nun auch ähnliche Tendenzen für B2B- und B2C-Serviceleistungen erkennen. Die Medienhäuser bereinigen in diesen Bereichen ihre Portfolios verstärkt (B2B-Services –11 % und B2C-Services –5 %) und konzentrieren ihre Geschäftsaktivitäten nun eher auf Mutterportale im Portfolio. In diesem Zug werden redundante Dienstleister häufig ganz abgebaut oder Einzelelemente integriert. Wie auch in den vergangenen Jahren entfernen sich die Medienhäuser weiter von werbebasierten Modellen (–7 %), allen voran Gruner + Jahr. Das Unternehmen reduziert derartige Beteiligungen insbesondere in den Bereichen Transport (z. B. 4WheelFun, siehe oben, sowie EuroTransport.de) und Sport und Fitness, wobei Beteiligungen teilweise nicht gänzlich eingestellt, sondern zusammengelegt werden (bspw. MeinLaufpartner.de mit Runner’s World, einem Marktplatz für Laufpartner). Im B2B-Bereich baut Axel Springer von allen Medienhäusern am meisten Beteiligungen ab.

Deutsche Medienhäuser korrigieren ihren Kurs

Erstmals seit Beginn der großen Diversifikation vor ca. 10 bis 15 Jahren werden Investitionen in größerem Maße reduziert. Opportunistische Diversifikationsversuche werden zunehmend eingestellt, kleine Marken oder Spezialisten gehen in großen Marken auf und Beteiligungen mit besonderen Fähigkeiten werden in die Konzerne integriert. Damit treiben die Medienhäuser auch die interne digitale Transformation sowie die Fokussierung ihrer Beteiligungsaktivitäten weiter voran. Insgesamt beobachten wir eine Abkehr von Experimenten, die Stärkung von Kern-Investments und den M&A-unterstützten Aufbau von essenziellen digitalen Fähigkeiten. Einzelne Unternehmen haben zudem zu großen Sprüngen angesetzt und ihre Liquidität deutlich erhöht, die nun in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit ein wesentlicher Erfolgsfaktor für konsequent fortgesetzte Transformation werden kann.

  • Erstmals rückläufige Beteiligungsaktivität seit mehr als 10 Jahren

Medienhäuser weiten ihre Beteiligungen nicht mehr aus. Erstmals seit Auflage dieser Publikation vor ca. 10 Jahren gehen die Aktivitäten um 7 % zurück, bleiben mit ca. 450 Beteiligungen aber auf hohem Niveau. Kurskorrekturen und Fokussierungstendenzen aus dem Vorjahr verstärken sich. Vor allem die digitalen Vorreiter bereinigen ihre arrondierenden „Experimente“ und verstärken ihre großen Marken-Ökosysteme, indem sie artgleiche Beteiligungen ergänzen oder integrieren. Weniger aktive Spieler halten größtenteils ihr – im Vorfeld möglicherweise stärker kuratiertes – Portfolio. Vereinzelt entdecken sie sogar noch Opportunitäten und kaufen entgegen dem Trend zu.

  • Ein Abgesang auf Inkubatoren?

Inkubatorbeteiligungen verlieren dieses Jahr erheblich an Popularität und gehen um 19 % gegenüber dem Vorjahr zurück. Naht damit das Ende von Inkubatoren? Derzeit scheint die Bereinigung vor allem von Axel Springer verhältnismäßig radikal, was aber nicht das Ende der Experimente bedeutet. Neue echte „Einhörner“ aus deutschen Inkubatoren sehen wir nicht, es gibt jedoch sehr wohl einzelne Erfolgsgeschichten. Vor allem erfüllen Inkubatoren einen weiteren Zweck: Sie entwickeln quasi als agile F&E-Einheit dringender denn je benötigte digitale Fähigkeiten, bevor junge Unternehmen in die Kern- oder Fokusmarken integriert werden.

  • Von Medienhäusern zu Finanzinvestoren?

Medienhäuser leisten sich nach wie vor finanziell vielversprechende Investments in beliebige Geschäftsmodelle. Im Gegensatz zu den Vorjahren trennen sie solche Investitionen inzwischen aber klarer vom Kern ab und kaufen sie über ihre dedizierten Venture-Arme. So nehmen Venture-Inves-titionen in diesem Jahr um 24 % zu. Die Medienhäuser stärken damit reine Finanzinvestitionen als diversifiziertes Standbein, das kernnähere Umsatz-ströme ergänzt. Schwerpunktmäßig engagieren sich die Medienhäuser in Zukunftstrends wie beispielsweise InsurTechs, autonomem Fahren und AI.

  • Große Schritte und deren Erfolge

Zwei Beispiele radikaler Veränderungen bewegen die Medienwelt seit 2018: Sowohl ProSiebenSat.1 als auch Axel Springer haben Finanzinvestoren an Bord geholt und treiben digitale Transformationsprozesse mit erheblichem Fremdkapital und organisatorischer Restrukturierung voran. Erste zielgerichtete Akquisitionen machen sich bereits in jüngsten Kennzahlen bemerkbar: Commerce von ProSiebenSat.1 schaffte ein Umsatzwachstum von 16 % (bzw. 8 % bereinigt um Konsolidierungs- und Währungseffekte), Digital Media bei Axel Springer konnte um 2 % wachsen.

  • Erfolgsfaktoren für die Transformation – auch in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit

Die digitale Transformation darf auch bei wirtschaftlicher Unsicherheit nicht verlangsamt werden. Der Aufbau von Fähigkeiten rückt dabei ins Zentrum, z. B. durch interne Entwicklung und Training oder durch Anwerben von Talenten. Kulturwandel und mangelnde Agilität stellen jedoch häufig erhebliche Transformationshürden dar, die durch M&A bzw. Startups genommen werden können. Voraussetzungen: Die Investitionen erfüllen klare Rollen, die Investitionszeitpunkte und -höhen sind darauf zugeschnitten und es existiert ein passendes Führungsmodell mit guter Balance von Kontrolle und Freiheiten

Print article