Die 100 Jahre alte Filmkultur ist bedroht

von am 12.08.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Medienförderung, Medienwirtschaft, Plattformen und Aggregatoren

Die 100 Jahre alte Filmkultur ist bedroht
Helmut Hartung, Chefredakteur medienpolitik.net

Kinos fürchten wegen fehlender attraktiver Filme und unflexibler Hygienevorschriften um ihre Existenz

12.08.2020. Von Helmut Hartung, Chefredakteur medienpolitik.net

„Unsere Unternehmen, die zum Teil in mehreren Generationen aufgebaut wurden und mit insgesamt mehr als 50 Prozent aller Leinwände Kinokultur und Unterhaltung anbieten, sehen ihr Lebenswerk bedroht, wenn nicht kurzfristig weitere Hilfen ganz konkret auch unseren Unternehmertypus unterstützen“, schildern mittelständische, familiengeführte Filmtheaterunternehmen, die in großer Sorge über ihre wirtschaftliche Zukunft sind, ihre schwierige Lage in einem offenen Brief an Kulturstaatsministerin Monika Grütters. In den letzten fünf Jahren hatten die Unterzeichner sowie weitere Kinobetreiber mehrere 100 Millionen Euro in den deutschen Kinopark investiert, heißt es in dem Schreiben weiter. Es wurden Standorte in der Provinz mit hochwertigen Kinoangeboten versehen, neue Servicekonzepte entwickelt und die Anzahl und Vielfalt der Filmangebote deutlich erhöht. Diese Infrastruktur und die über 100 Jahre alte und einzigartige Art des Filmgenusses sei zurzeit dramatisch bedroht. Auch ohne eine neue pandemiebedingte Schließungswelle werde ein nennenswerter Teil der deutschen Filmtheater diese Krise ohne weitere Hilfen nicht überleben. Deshalb fordern die Filmtheater kurzfristig zusätzliche Hilfen und einen Kinogipfel. Was sind die Gründe für diesen dramatischen Appell?

Christine Berg, Vorstandsvorsitzende des HDF KINO hatte bereits wenige Tage zuvor eindringlich zur Solidarität der Filmbranche aufgerufen: „Gemeinsam Handeln anstatt Alleingang“, ist ihre Forderung. „Die jüngsten Ereignisse rund um die Distribution von Filmen und das Umgehen einer Auswertung im Kino zeigen: Hier wird ein Spiel mit dem Feuer getrieben und in dieser unverschuldeten Krise ein bewährtes sowie erfolgreiches Geschäftsmodell außer Kraft gesetzt. Wenn große, tolle Filme, die für die Leinwand gemacht sind, nicht auch dort gezeigt werden, bleiben die vorhandenen Marktmöglichkeiten ungenutzt“ erklärt Berg. Sollten die Partner der deutschen Kinos auf eine kurzfristig motivierte Verschiebe- und Ausweichtaktik setzen, spielten sie nicht nur mit der Zukunft der Filmtheater, sondern auch mit der Vielfalt und Unabhängigkeit der gesamten Branche.

Attraktive Filme kommen nicht ins Kino

Den Kinos machen die teilweise unmotivierten Hygieneauflagen und damit verbunden das Fehlen zugkräftige Spielfilme zu schaffen. Das liegt weniger daran, dass sie durch die Corona-bedingte Drehunterbrechungen nicht produziert werden konnten, sondern es fehlt an der Bereitschaft, bereits fertige Filme in die Kinos zu bringen. So sollen alle geplanten Filme der Reihen „Star Wars“ und „Avatar“ je um ein Jahr verschoben werden. Tom Cruises „Top Gun: Maverick“ wird nicht im Dezember, sondern erst im Juli 2021 erscheinen und die Comic-Verfilmung „Black Widow“ mit Scarlett Johansson wurde in den Herbst gelegt. Andere Filme der großen Studios wie der Familienfilm „Trolls World Tour“ landen statt auf der Leinwand auf Streamingplattformen. So wird der Mega-Blockbuster „Mulan“, nachdem der Kinostart immer wieder verschoben wurde, im September bei Disney+ starten.

Es sind aber nicht nur die amerikanischen Filme, die den Kinos fehlen, sondern auch zugkräftige deutsche Produktionen: Constantin Film, einer der erfolgreichsten deutschen Produzenten folgt dem Hollywood-Beispiel: Das Remake „Black Beauty“, für das Kino produziert, soll Ende des Jahres bei Disney+ laufen und zahlreiche zuschauerattraktive Filme wie „Ostwind – der große Orkan“ „After Truth“, „Kaiserschmarrndrama“ oder „Contra“ wurden in den Herbst oder das nächste Jahr verschoben. In einem offenen Brandbrief hat sich Kim Ludolf Koch, Geschäftsführer der mittelständischen Kinokette Cineplex an Martin Moszkowicz, den Vorstandsvorsitzender der Constantin Film AG, gewandt und bat „den wichtigsten Partner großer deutscher Filme“ um Unterstützung und die Branche in dieser schweren Zeit nicht im Stich zu lassen. „Wer hätte gedacht“, so Koch, „dass die Zeit, in der alle Kinos in Deutschland wieder spielen dürfen, grausamer wird als die Zeit der Schließung.“ Doch der außergewöhnliche Appell verhallte ohne Wirkung.

Die Corona-Abstandsregel von 1,50 Meter sind im Kino ein Problem

Während in einigen Bundesländern die Abstandsregelung von 1,50 m bereits abgeschafft wurde, gilt immer noch im überwiegenden Teil des Landes eine faktische Kapazitätsbegrenzung von 75 Prozent. Vor diesem Hintergrund scheuen sich nationale wie internationale Verleihunternehmen mit der Herausbringung dringend benötigter Filmproduktionen. „Die Corona-Abstandsregel von 1,50 Meter ist ein Problem, weil die Säle zu großen Teilen leer bleiben müssen“, stellte auch Monika Grütters fest. Grütters wiederholt damit ihre bislang nicht umgesetzte Forderung nach Abstandsregeln für Kinos von einem Meter. So könnte – wie das bereits andernorts praktiziert wird – zum Beispiel jede Reihe versetzt gefüllt werden. Dass das ohne Gefährdung der Besucher möglich ist, beweist eine in der ersten Julihälfte vom Hermann-Rietschel-Institut (HRI) an der TU Berlin durchgeführte Atemluftstudie. Sie weist nach, dass Menschen während eines Kinobesuchs nur einem Bruchteil möglicher Aerosolmengen ausgesetzt sind, die man im Vergleich dazu im Umfeld eines Büroarbeitsplatzes findet. Über die Hygieneregeln entscheiden die Bundesländer.

Auswertungsfenster soll auch für internationale Kinofilme gelten

Als wären diese Probleme für die Filmtheater nicht dramatisch genug, gefährden die  Streamingdienste noch stärker als bisher schon ihr Geschäftsmodell. Das Auswertungsfenster zwischen dem weltgrößten Kinobetreiber AMC und einem der größten Studios Universal Pictures wird in den USA nunmehr von 90 auf 17 Tage reduziert. Sollte dies auf dem deutschen Markt ebenso Schule machen (immerhin ist die deutsche AMC-Tochter UCI das zweitgrößte deutsche Kinounternehmen), dürfte dies einen weiteren Besucherrückgang provozieren, den viele Unternehmen nicht mehr ausgleichen könnten. In Deutschland existiert bisher für deutsche Produktionen ein verpflichtendes Fenster von sechs Monaten. Das heißt, vorher dürfen die Kinofilme weder auf Plattformen noch im Fernsehen gezeigt. Aus der gleichen Überlegung heraus hat Frankreich ein verpflichtendes Fenster von vier Monaten auch für internationale Produktionen festgeschrieben. Denn es hilft nicht nur dem Kino, sondern auch lokalen Produktionen, wenn gleiche Wettbewerbsbedingungen herrschen. Deshalb bitten die Kinobetreiber in ihrem Brief an Monika Grütters, diese Sperrfristenregelung auch für internationale Produktionen im Gesetz zu prüfen.

Der von der Filmwirtschaft, den Kinobetreibern und Filmliebhabern erhoffte Neustart ist für die Kinos bisher ausgeblieben. „Wenn unsere Auslastungsmöglichkeiten durch die Abstandsregelungen auf dem Niveau bleiben und die publikumsstarken Filme dadurch weiter fehlen, werden wir einen erheblichen Anteil der Kinos verlieren“, so die düstere Prognose von Christine Berg. Deshalb benötigen die Filmliebhaber schnell Hilfe aber auch Solidarität von der Bundespolitik, den Ländern und den Filmproduzenten. Auf einem möglichst kurzfristig einberufenen Kinogipfel könnten Entscheidungen getroffen werden, wie die dramatische Situation der Filmtheaterunternehmen zu entschärfen ist.

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