„Die derzeitige Situation ist besser als zu befürchten war“

von am 03.08.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Medienwirtschaft, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

„Die derzeitige Situation ist besser als zu befürchten war“
Volker Herres, Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen.

Anteil der Wiederholungen im Ersten im Sommer nicht höher als in den vergangenen Jahren

03.08.2020. Interview mit Volker Herres, Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen

„Für die zweite Jahreshälfte nach den Sommerferien haben wir genug sendefertiges fiktionales Programm mit vielen Highlights von der neuen Staffel „Babylon Berlin“ bis zu den Dreiteilern „Oktoberfest 1900“ und „Das Geheimnis des Totenwaldes“, der Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen in einem medienpolitik.net-Interview. Im Herbst- und Winterprogramm werden im Ersten zudem viele großartige Event-Produktionen zur Ausstrahlung kommen, so Volker Herres und natürlich seien auch neue in Vorbereitung. Die derzeitige Situation sei besser als im Frühjahr zu befürchten war, betont der ARD-Programmchef. Die Produktionsunternehmen hätten einen richtig guten Job gemacht: Es gäbe keinen Unterschied in der Qualität und Emotionalität gegenüber ‚vor Corona“-Folgen‘. Herres bestreitet, dass es in diesem Jahr mehr Wiederholungen gäbe: „Die Anteile von Wiederholungen und Erstsendungen dürften in etwa gleich sein wie in den Jahren zuvor.“ Allerdings sei nicht klar, zu welchen Lücken es im nächsten Jahr kommen könnte. Corona-bedingte Abbrüche seien jederzeit möglich. Deshalb sei ein mit „staatlicher Hilfe aufgelegten Absicherungs-Fonds“ für die Filmwirtschaft dringend erforderlich.

medienpolitik.net: Herr Herres, in der Filmwirtschaft existieren durch die Corona-Pandemie zahlreiche Probleme. Was ist gegenwärtig Ihr größtes Problem als Programmdirektor des Ersten?
Herres: Zunächst das Positive: Die derzeitige Situation ist besser als im Frühjahr zu befürchten war. Viele Produktionen sind wieder angelaufen. So konnte etwa die Doppelfolge zum 50-jährigen Jubiläum des „Tatort“ fertiggestellt werden, in der erstmals die Teams aus München und Dortmund gemeinsam ermitteln. Unsere Telenovelas sind am Nachmittag schon mit Episoden, die unter Corona-Bedingungen gedreht wurden, auf Sendung. Die Produktionen haben einen richtig guten Job gemacht: Es gibt keinen Unterschied in der Qualität und Emotionalität gegenüber „Vor Corona“-Folgen. Aber es ist klar, dass sich die Pandemie auch im nächsten Jahr auf das Programm auswirkt. Wie groß die Lücken bei Erstausstrahlungen dann sind, ist genauer absehbar, wenn wir Ende des Jahres wissen, was im Sommer und Herbst produziert werden konnte. Die Pandemie ist nach wie vor Realität und es kann jederzeit zu Verzögerungen und auch Drehstopps kommen. Die deutschen Film- und Fernsehproduzenten können mit den neuen Hygienekonzepten nur drehen, wenn es gelingt, Corona-bedingte Ausfälle auch abzusichern. Deshalb brauchen wir einen, mit staatlicher Hilfe aufgelegten Absicherungs-Fonds für die Filmwirtschaft, sonst werden viele Produzenten das Drehrisiko nicht eingehen können.

medienpolitik.net: Der Weimarer Tatort „Der kalte Fritte“ erzielte bei seiner Wiederholung mit einem Marktanteil von gut 20 Prozent den Tagessieg am Sonntag in der Primetime. Ist das ein Anstoß, mehr zuschauerattraktive Wiederholungen zu senden?
Herres: Anlässlich des „Tatort“-Jubiläums können die Zuschauer ja ihren Wunsch-„Tatort“ selbst auswählen. Und diese Voting-Aktion ist ein schöner Erfolg, der aber nicht den Anspruch des Ersten mindert, dem Publikum auch künftig möglichst viele Erstsendungen zu präsentieren.

medienpolitik.net: Auch Wiederholungen von Rate-Shows am Nachmittag wie „Gefragt – Gejagt“ oder „Wer weiß denn sowas XXL“ von 2018, am Samstag um 20.15 Uhr wiederholt, erreichten sehr gute Quoten. Worauf führen Sie das zurück?
Herres: Vor allem darauf, dass es attraktive und beliebte Shows sind. Auch wenn bei der Erstausstrahlung sechs Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer eingeschaltet haben, ist eine Wiederholung für mehr als 70 Millionen Menschen eine Premiere.

„Die Pandemie ist nach wie vor Realität und es kann jederzeit zu Verzögerungen und auch Drehstopps kommen.“

medienpolitik.net: Wenn mehr Zuschauer Wiederholungen linear sehen, bedeutet das, dass die Nutzung der Mediathek rückläufig ist?

Herres: Nein, das bedeutet es keineswegs. Die Abrufzahlen der ARD Mediathek steigen kontinuierlich, unabhängig von der linearen Fernsehnutzung. Und wir sind ja längst dazu übergegangen, in der Mediathek weit mehr als den Abruf linear ausgestrahlter Sendungen anzubieten. Es gibt viele Angebote bereits vorab und darüber hinaus auch weit mehr und exklusive Angebote. Aktuell zum Beispiel eine exklusive Werkschau zum 75. Geburtstag des weltbekannten Regisseurs Wim Wenders mit 28 seiner Filme, mehr als 20 Kurzfilmen und Portraits und Interviews mit Wegbegleiterinnen und Wegbegleitern. Oder zum Start der dritten Staffel von „Babylon Berlin“ am Sonntag, den 11. Oktober 2020, können alle Folgen von der ersten Staffel an in der ARD Mediathek abgerufen werden.

medienpolitik.net: Ist der Wiederholungsanteil im Ersten jetzt in den Sommermonaten höher als in vergangenen Jahren?

Herres: Die Anteile von Wiederholungen und Erstsendungen dürften in etwa gleich sein wie in den Jahren zuvor. Denn wenn im Sommer die Gesprächssendungen im Ersten pausieren, zeigen wir stattdessen Premieren von 90-minütigen Dokumentarfilmen. Die sechsteilige Reihe „Exclusiv im Ersten“ (seit 29. Juni 2020, montags ab 21:45 Uhr) umfasst aktuelle Reportagen, die Missstände analysieren und betroffene Menschen zu Wort kommen lassen. Mit den Reihen „SommerKino im Ersten“ (seit 26. Juni 2020, mit 13 Filmen) und „FilmDebüt im Ersten“ (ab 18. August 2020, mit 12 Filmen) bietet Das Erste Erstausstrahlungen von qualitativ hochwertigen und attraktiven Produktionen. Zudem startet am 4. August 2020 die 4. Staffel „Die Kanzlei“ mit 13 neuen Folgen.  Und selbstredend hat Das Erste tagtäglich über große Strecken aktuelle Berichterstattung im Programm und kommt mit Sondersendungen dem Informationsbedürfnis der Zuschauer nach. Allein bei den beiden Telenovelas „Rote Rosen“ und „Sturm der Liebe“, die – wie erwähnt – Corona-bedingt Drehpausen einlegen mussten, haben wir außerplanmäßig Wiederholungsstrecken eingesetzt.

medienpolitik.net: Es gab in den vergangenen Wochen interessante Programme aus Archivmaterial zu sehen: historische Fußballspiele oder im rbb einen Zusammenschnitt von Waldbühnenkonzerten mit einzigartigen Konzertausschnitten. Sollte man auch in „normalen“ Zeiten diesen Schatz aus 50 Jahren ARD mehr nutzen?

Herres: Einen Fußballklassiker zu wiederholen ist schön und gut. Aber ein Live-Spiel kann dies nicht ersetzen. Der sportliche Wettbewerb lebt ja davon, dass der Ausgang offen ist. Bei Konzerten ist dies anders, da will man die (bekannte) Musik, die Stimmung und Performance der Künstler erleben. Ich glaube, die ARD nutzt die Schätze der vergangenen Jahrzehnte durchaus in den verschiedenen Programmen. Auch im Ersten zeigen wir ja regelmäßig Klassiker. Denken Sie nur an „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ oder „Der kleine Lord“ im Weihnachtsprogramm. Wiederholungen sind ja nicht grundsätzlich schlechter als Erstausstrahlungen. Sie sind für viele Zuschauer auch liebgewonnene Begleiter, die man gerne wiedersieht.

„Wenn wir uns jetzt aus dem hiesigen Markt zurückziehen und stattdessen stärker auf den Einkauf ausländischer Ware setzen würden, wäre das ein falscher Schritt.“

medienpolitik.net: Viele Produktionen wurden zwischen März und Juni gestoppt oder wurden nicht begonnen. Welche Konsequenzen hat das für Das Erste in diesem und im nächsten Jahr?

Herres: Für die zweite Jahreshälfte nach den Sommerferien haben wir genug sendefertiges fiktionales Programm mit vielen Highlights von der neuen Staffel „Babylon Berlin“ bis zu den Dreiteilern „Oktoberfest 1900“ und „Das Geheimnis des Totenwaldes“ – um aus der Vielzahl dessen, auf was sich die Zuschauer freuen können, nur wenige Produktionen herauszugreifen. Wie es im kommenden Jahr aussieht, lässt sich derzeit noch nicht exakt absehen. Ich bin aber optimistisch.

medienpolitik.net: Können Ausfälle deutscher Produktionen durch den Erwerb von Lizenzen für ausländische Spielfilme oder Serien ausgeglichen werden?

Herres: Möglich ist grundsätzlich vieles. Aber wir streben das jetzt nicht an, und planen derzeit so, dass wir das Programm vor allem im Hauptabend mit attraktiven Neuproduktionen bestücken können. Wir haben ja nicht zuletzt auch eine Verantwortung gegenüber den vielen Kreativen und Produktionsfirmen, diese gerade jetzt, in schwierigen Zeiten, zu beauftragen und damit deren Zukunft und Fortbestand zu sichern. Wenn wir uns jetzt aus dem hiesigen Markt zurückziehen und stattdessen stärker auf den Einkauf ausländischer Ware setzen würden, wäre das ein falscher Schritt.

medienpolitik.net: Drehbücher mussten umgeschrieben, die Drehstäbe und Besetzungen reduziert werden. Sind unter diesen Umständen noch Event-Produktionen möglich?

Herres: Im Herbst- und Winterprogramm werden im Ersten viele großartige Event-Produktionen zur Ausstrahlung kommen, und natürlich sind auch neue in Vorbereitung. Wie bereits gesagt, können wir im Moment aber leider nicht abschätzen, wie sich die Drehbedingungen entwickeln werden, da dies auch von der weiteren Entwicklung der Corona-Pandemie und den Möglichkeiten der Ausfallabsicherung abhängen wird.

„Sie werden auch in näherer Zukunft selten Masken und Desinfektionsmittel in Filmen sehen.“

medienpolitik.net: Ab wann rechnen Sie wieder mit der „planmäßigen“ Produktion von Auftragsproduktionen?

Herres: Die Dreharbeiten zu Auftragsproduktionen haben schon Mitte Juni begonnen und werden mit allen Sicherheitsvorkehrungen und gebotenen Hygiene-Maßnahmen kontinuierlich, aber stetig weiter aufgenommen. So entstehen beispielsweise gerade mehr als sechs neue Filme für die beliebte „Endlich Freitag im Ersten“-Reihe sowie auch neue Fernsehfilme und Serien für verschiedene Sendeplätze im Ersten. Sukzessive und behutsam wurde der Produktionsbetrieb wieder hochgefahren und bietet – falls es so bleiben kann – eine gewisse Planungssicherheit.

medienpolitik.net: Wird es durch Corona bedingt, auch neue innovative Formate geben?

Herres: Einige Formate haben sich ja schon in letzter Zeit den Bedingungen anpassen müssen, zum Beispiel wurden Comedy-Sendungen im Home Office oder Talkshows ohne Publikum produziert. Kein glücklicher Zustand, denn viele Formate benötigen die direkte Interaktion mit dem Publikum. Wenn Sie mit ihrer Frage darauf abzielen, ob etwas Innovatives aus dieser Krisenzeit hervorgegangen ist, so möchte ich auf das neue Format „ARD extra“ verweisen, das wir seit Beginn der Corona-Krise einsetzen. „ARD extra“ wurde und wird in der Corona-Berichterstattung von Millionen Zuschauern als verlässliche und vertrauensvolle Orientierungsmöglichkeit genutzt. Die Menschen mit aktuellen und hintergründigen Informationen zu erreichen, Ihnen Beiträge zur Meinungsbildung zu liefern, bleibt unser vorderstes Ziel.

medienpolitik.net: In fiktionalen Filmen und Serien sind bisher keine Masken oder Abstandsregeln zu sehen. Der Alltag ist noch wie im Februar 2020. Aber müsste so eine Pandemie nicht eine Fundgrube für Fernsehproduzenten und Programmdirektoren sein?
Herres: Sie werden auch in näherer Zukunft selten Masken und Desinfektionsmittel in Filmen sehen. Erstens passt es nicht in den Kosmos bestimmter Serien, zweitens ist es unmöglich die Situation der Pandemie zur Zeit der Ausstrahlung vorherzusagen, da zwischen Konzeption der Geschichten und Ausstrahlung mehrere Monate vergehen können. Und drittens sind Filme etwas Intimes, sie erzählen Geschichten, spiegeln innere Welten wieder, Konflikte und Liebesbeziehungen. Wie ist das gesellschaftliche Miteinander? Diese zentrale Frage wird sich sicherlich auch in fiktionalen Programmen widerspiegeln. Wie wollen wir leben? Das wird die Kernfrage der diesjährigen ARD-Themenwoche sein. Im Fokus steht der Klimawandel, aber es wird auch um die Frage gehen, wie Corona unser Leben verändert. In vielen Formaten und in unterschiedlichen Medien hoffen wir auf eine rege Diskussion mit unseren Zuschauern, Nutzern und Hörern.

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