„Ehrlich gesagt, finde ich das ein Unding“

von am 19.08.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Medienförderung, Medienwirtschaft, Privater Rundfunk, Verlage

„Ehrlich gesagt, finde ich das ein Unding“
Malte Krückels, Die Linke, Staatssekretär für Medien sowie Bevollmächtigter beim Bund des Freistaats Thüringen

Thüringen kritisiert Filmversicherungen, zeigt sich aber skeptisch gegenüber einem Ausfallfonds

19.08.2020. Interview mit Malte Krückels, Die Linke, Staatssekretär für Medien sowie Bevollmächtigter beim Bund des Freistaats Thüringen

Thüringens Medienstaatssekretär kritisiert gegenüber medienpolitik.net, dass die Versicherungen nicht für coronabedingte Produktionsausfälle aufkommen wollen. Allerdings ist er nicht davon überzeugt, dass der gegenwärtig favorisierten Ausfallfonds „das richtige Instrument“ sei. Die konzertierte Hilfsaktion von Bund- und Länderförderern im April und Mai, als kurzfristig eine große Zahl an Kino-Produktionen eingestellt werden musste, habe dagegen gut funktioniert. Durch die Corona-Pandemie sei die Medienvielfalt im Freistaat gefährdet, betont Malte Krückels: „Gerade durch seine spezielle Struktur ist der Medienmarkt in Thüringen eine sehr sensible Branche.“ Ziel einer staatlichen Förderung müsse es deshalb sein, pandemiebedingte Insolvenzrisiken einzelner Veranstalterinnen und Macher zu reduzieren, damit insgesamt langfristig irreparable Schäden von der Medienlandschaft abgewendet werden könnten. Thüringen hat deshalb ein Hilfs-Sonderfonds in Höhe von fünf Millionen Euro bereitgestellt. Von der 20-Millionen-Euro-Unterstützung für private Hörfunksender werden ca. 500.000 Euro nach Thüringen fließen.

medienpolitik.net: Herr Krückels, wie sind die Medien in Thüringen bisher wirtschaftlich und von der Akzeptanz durch die Pandemiezeit gekommen?

Krückels: Die Medien in Thüringen waren und sind in besonderem Maße von den pandemiebedingten Auswirkungen betroffen. Erfreulicherweise ist die Akzeptanz der Medien in der Zeit gestiegen, aber die wirtschaftliche Situation ist je nach Branche ziemlich schwierig. So zeigt sich grundsätzlich und damit krisenunabhängig, dass für den Rundfunk hohe technische Übertragungskosten entstehen. Beim privat-kommerziellen Hörfunk stellen die terrestrischen Verbreitungskosten regelmäßig den zweitgrößten Anteil nach den Personalkosten dar. Während krisenbedingt höhere Anforderungen an einen verstärkten personellen Einsatz und an die journalistische Qualität gestellt werden, bricht gleichzeitig ein Großteil der Werbung weg. Jedoch ist der private Rundfunk wegen seiner ganz überwiegenden Finanzierung aus Werbung um ein Vielfaches stärker, sogar existenziell, betroffen, als der beitragsfinanzierte öffentlich-rechtliche Rundfunk. Eine ähnliche Situation ist bei den Verlagen gegeben. Insbesondere Anzeigenblätter und Stadtteilzeitungen sind nahezu in Gänze auf Werbeschaltungen angewiesen. Gerade bei diesen Printverlagen war und ist die Pandemie zum Teil auch existenzbedrohend.

medienpolitik.net: Sehen Sie durch die wirtschaftlichen Probleme die Gefahr einer Schwächung der Medienvielfalt in Thüringen?

Krückels: Ja, diese Gefahr besteht. Gerade durch seine spezielle Struktur ist der Medienmarkt in Thüringen eine sehr sensible Branche. Ziel einer staatlichen Förderung muss es deshalb sein, pandemiebedingte Insolvenzrisiken einzelner Veranstalterinnen und Macher zu reduzieren, damit insgesamt langfristig irreparable Schäden von der Medienlandschaft abgewendet werden können. Dies ist sowohl mit Blick auf die Sicherung der Meinungs- und Informationsvielfalt als auch zur Sicherung redaktioneller Arbeitsplätze in Thüringen von besonderer Bedeutung. Private Medienmacherinnen und Medienmacher in Thüringen, die aufgrund der Corona-Pandemie hohe Umsatzeinbußen zu verzeichnen haben, sollen daher temporär durch eine anteilige Förderung unterstützt werden.

„Erfreulicherweise ist die Akzeptanz der Medien gestiegen, aber die wirtschaftliche Situation ist je nach Branche ziemlich schwierig.“

medienpolitik.net: Thüringen hat einen Hilfs-Sonderfonds in Höhe von 5 Mio. Euro für Medien bereitgestellt. Für welche Medien wird dieser Fonds verwendet?

Krückels: Das in dem Sondervermögen für die Medien vorgesehene Volumen soll insbesondere für private Hörfunkveranstalter, für Printverlage in den Bereichen Anzeigenblätter, Stadtteilmagazine und Publikationen für die Regionen sowie im Kinobereich eingesetzt werden.

medienpolitik.net: Wann kann das Geld ausgezahlt werden?

Krückels: Wir arbeiten daran, dass die Gelder noch im August beantragt und bestenfalls auch bereits ausgezahlt werden können.


medienpolitik.net: Der Bundestag hat im Rahmen des Programm Neustart Kultur 20 Mio. Euro für die Unterstützung von Hörfunksendern beschlossen. Wofür sind diese Mittel bestimmt?

Krückels: Der private Hörfunk ist ein wichtiges Element der Medienvielfalt in Deutschland. Die zahlreichen privaten Hörfunkveranstalter in Deutschland bieten den Bürgerinnen und Bürgern Zugang zu flächendeckenden, verlässlichen Informationen. In Krisensituationen ist dies wichtiger, denn je. Der Förderansatz des Bundesprogrammes ist die vorübergehende, maximal hälftige Übernahme von Distributionskosten, die unabhängig vom Inhalt anfallen und insoweit inhaltsneutral sind. Diese Kosten sind leicht ermittelbar und eine Ausreichung kann ohne eine Marktverzerrung umgesetzt werden.

medienpolitik.net: Wie wird dieses Geld aufgeteilt? Wird von diesem Geld auch etwas nach Thüringen fließen?

Krückels: Es ist vorgesehen, diese Bundesmittel im Wesentlichen entsprechend der Verbreitungskosten auf die Länder zu verteilen. Von der Höhe entspricht dies auch ungefähr dem Königsteiner Schlüssel, so dass mit bis zu 500.000 Euro für die Thüringer Privatradios zu rechnen ist.

„Wir werten die Erfahrungen der Länder aus, um zeitnah zu entscheiden, ob das Pandemiegeschehen eine dichtere Besetzung von Kinosälen erlaubt.“

medienpolitik.net: Thüringen engagiert sich im Rahmen seiner Möglichkeiten auch für die Filmwirtschaft. Wie bewerten Sie die Situation der Produktionsfirmen und Kinos im Bundesland?

Krückels: Die Situation für die Filmwirtschaft ist schwierig: Dreharbeiten mussten unterbrochen oder verschoben werden, was die ohnehin knapp kalkulierten Finanzierungen weiter in die Höhe treibt. Über die Mitteldeutsche Medienförderung, die wir gemeinsam mit Sachsen-Anhalt, Sachsen, dem MDR und dem ZDF als Gesellschafter tragen, konnte in vielen Fällen schnell und unbürokratisch geholfen werden. Inzwischen kann unter Beachtung der Hygienemaßgaben auch wieder produziert werden. Es hat sich allerdings gezeigt, dass die klassischen Filmversicherungen das Risiko eines coronabedingten Produktionsausfalls nicht übernehmen wollen. Ehrlich gesagt, finde ich das ein Unding. Wenn mal eine Situation auftritt, in der die privaten Filmversicherer gefragt sind, machen die sich einen schlanken Fuß. Hilfsweise finden nun zwischen Bund, Ländern, Sendern und der Branche Gespräche statt. Allerdings sieht die Lage in jedem Land anders aus, so dass auch hier auf die jeweilige Situation vor Ort angemessen reagiert werden muss.

medienpolitik.net: Was ist mit den Kinos?

Krückels: Bei den Thüringer Kinos führte der Lockdown von März bis Mai 2020 wie überall zur völligen Schließung. Mit der Inanspruchnahme von Kurzarbeit und bei einigen Kinos auch der Soforthilfen konnte dieser Einbruch finanziell so abgefangen werden, dass Insolvenzen vermieden wurden. In der ersten Lockerungsphase von Juni bis August ist es zwar grundsätzlich möglich, Kinos unter Beachtung strenger Hygienemaßnahmen zu öffnen. Die Hygienemaßgaben, insbesondere die Einhaltung des Mindestabstandes von 1,5 m, führten jedoch dazu, dass nur 20 bis 30 Prozent der Kapazität genutzt werden konnten. Dadurch fielen für die Kinos mit einem oder wenigen Sälen höchstens ein Drittel der Einnahmen aus Ticketverkäufen an, wobei die Zuschauer wohl aufgrund eigener Coronavorbehalte auch dieses Angebot nur zurückhaltend wahrnahmen. Bei den größeren Kinos mit mehr Sälen wurde dies durch flexiblere Saalnutzung bei geringem Filmangebot zum Teil aufgefangen. In der Folge haben auch die Verleiherinnen und Verleiher nur wenig Anreiz, neue Filme in Umlauf zu bringen, da nur ein geringer Umsatz zu erwarten ist. Das verschärft die Situation der Kinos weiter. Wir werten die Erfahrungen der Länder aus, die bereits weitergehende Lockerungen bei den Kinobesuchen zugelassen haben, um zeitnah zu entscheiden, ob das Pandemiegeschehen eine dichtere Besetzung von Kinosälen erlaubt.

„Wir bewerten das Konzept eines Ausfallfonds kritisch, da wir nicht überzeugt sind, dass es sich um das richtige Instrument handelt.“

medienpolitik.net: Wie kann den Kinos geholfen werden?

Krückels: Es würde den Kinos ohne Zweifel sehr helfen, wenn zeitnah entweder der zwingende Mindestabstand auf 1 m (im Wechsel 1 Sitz besetzt, 1 Sitz frei; „Schachbrettmuster“) reduziert oder der Zwang zu Mindestabständen in eine Empfehlung geändert werden kann – bei Einhaltung von Hygienekonzepten. Eine entsprechende Entscheidung kann aber nur unter Beachtung der Entwicklung des Infektionsgeschehens im Land und auf Grundlage des zunehmenden Wissensstands über den Corona-Virus getroffen werden. Mit den Soforthilfen von Bund und Ländern sowie den Überbrückungshilfen des Bundes konnten die Kinos die ersten Monate des Lockdowns und die schwierige Wiederöffnungsphase einigermaßen überstehen. Darüber hinaus haben wir in Thüringen zu Beginn des Jahres eine Investitionsförderung für Kinos eingeführt, von der die Betreiber natürlich auch Gebrauch machen können. Zusätzlich werden wir in Thüringen ab September eine gesonderte Abspielförderung aus Landesmitteln einrichten. Es handelt sich dabei um eine kulturelle Förderung zur Aufrechterhaltung eines Spielbetriebs unter Coronabedingungen, die als Billigkeitsleistung aus dem Sondervermögen für den Zeitraum September bis Dezember 2020 zur Unterstützung der Thüringer Betriebsstätten implementiert werden.

medienpolitik.net: Wird sich Thüringen an einem Ausfallfonds der Länder für unterbrochene oder abgebrochene Dreharbeiten beteiligen?

Krückels: Wir bewerten das Konzept eines Ausfallfonds kritisch, da wir nicht überzeugt sind, dass es sich um das richtige Instrument handelt. Die konzertierte Hilfsaktion von Bund- und Länderförderern im April und Mai dieses Jahres, als kurzfristig eine große Zahl an Kino-Produktionen eingestellt werden musste, hat dagegen aus unserer Sicht gut funktioniert – schnell und vergleichsweise unbürokratisch. Die MDM (Mitteldeutsche Medienförderung) hatte sich als Drei-Länder-Anstalt hier mit großem Engagement eingebracht. Durch gezielte und nach Einzelfallprüfung erfolgte Nachförderung konnten Mehrkosten bei Produktionsausfällen aufgefangen werden.

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