„‘Tenet‘ kann eine Trendwende bedeuten“

von am 25.08.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Medienförderung, Medienwirtschaft

„‘Tenet‘ kann eine Trendwende bedeuten“
Holger Pfaff, Geschäftsführer Cinedom Köln

Cinedom-Geschäftsführer fordert mehr Vertrauen und Unterstützung durch die Verleiher

25.08.2020. Interview mit Holger Pfaff, Geschäftsführer Cinedom Köln

Am morgigen 26. August soll erstmals nach vier Monaten wieder ein amerikanischer Blockbuster in den deutschen Kinos starten: „Tenet“. Der Kinofilm hat mehr als 200 Millionen Dollar gekostet, dazu kommen mehrere Millionen für Werbung. In den USA ist nur ein Fünftel der Kinos offen. Deshalb wurden in den vergangenen Monaten bei vielen US-Filmen die Starttermine ausgesetzt. Auch „Tenet“ hätte längst starten sollen: Fünf Mal wurde er verschoben. Doch nun hat „Tenet“ zuerst außerhalb der USA in insgesamt 70 Ländern Premiere. Ein Novum. Die deutschen Kinobetreiber hoffen, nun endlich wieder neu, mit ausreichend Besuchern, starten zu können. „‘Tenet‘ kann eine Trendwende für die Verleiher bewirken“, betont Holger Pfaff, Geschäftsführer des Cinedoms Köln, „falls der Film erfolgreich in den Kinos anläuft. Wir nehmen derzeit bei den Vorverkäufen für den Film ein großes Interesse wahr.“ In dieser Situation, so Pfaff müssten sich Kinobetreiber und Verleiher gegenseitig unterstützen, daher wäre aus seiner Sicht ein gemeinschaftlicher Ansatz zur Belebung des Kino- und Filmmarkts notwendig. Der Cinedom ist ein Multiplex-Kino in Köln. Es bietet 3748 Sitzplätze in 14 Sälen und ist damit das fünftgrößte deutsche Kino seiner Art.

medienpolitik.net: Herr Pfaff, der Cinedom in Köln hat seit Anfang Juli geöffnet. Es bietet 3.300 Sitzplätze in 14 Sälen. Wie viele Plätze haben Sie seitdem täglich im Schnitt verkauft?

Pfaff: Seit unserer Wiedereröffnung am 2. Juli besuchen uns täglich im Schnitt mehrere hundert Gäste. Selbstverständlich schwankt die Zahl je nach Wochentag. Zu den Wochenenden steigt die Nachfrage bekanntermaßen und entsprechend dynamisch haben wir auch unsere Anzahl an Kinosälen und die Personalplanung, den Wochentagen und Kinoprogramm angepasst. Derzeit haben wir fünf der vierzehn Säle täglich, und weitere fünf Säle nur temporär geöffnet und können jederzeit flexibel reagieren. Aufgrund der Corona-Regelungen sind aber auch die Saalkapazitäten stark beschränkt, so dass auch nur weniger als 50 Prozent der angebotenen Plätze systemisch belegt werden.

medienpolitik.net: Und wie viele waren es vor der Pandemie?

Pfaff: Das Jahr 2020 hatte vielversprechend begonnen. Bis Mitte März konnten wir die Besucherzahlen gegenüber dem Vorjahr merklich steigern. Nimmt man jedoch die aktuellen Monate Juli und August, dann liegen wir bei der Auslastung im Vergleich zu 2019 bei aktuell nur etwa 10 bis 20 Prozent vom Vorjahr.

medienpolitik.net: Was heißt das finanziell für das Kino?

Pfaff: Die derzeitige Situation ist für die gesamte Kinobranche – und damit auch für uns – sehr schwierig. Wir geben im Rahmen der derzeitigen Möglichkeiten unser Bestes, um unseren Gästen ein möglichst unbeschwertes und großartiges Kinoerlebnis bieten zu können. Das erfordert einen höheren Aufwand und zusätzlich versuchen wir mit attraktiven Angeboten unsere Kunden zu einem Kinobesuch zu motivieren. Die Umsätze seit der Wiedereröffnung decken jedoch kaum die operativen Kosten. Wir wollten auch gegenüber dem Filmverleih ein Zeichen setzen, jetzt fehlt uns unter anderem der Content, um unsere Kunden auch nachhaltig für einen Kinobesuch zu begeistern. Wir setzen daher große Hoffnung auf die aktuell noch geplanten Filmstarts. Ansonsten werden auch wir ergänzende Maßnahmen für weitere Kosteneinsparungen prüfen müssen.

„Die Umsätze seit der Wiedereröffnung decken kaum die operativen Kosten.“

medienpolitik.net: Die Bundesregierung hat mit dem Zukunftsprogramm Kino ebenso wie die Länder zusätzliche Hilfen bereitgestellt. Wie weit kommen Sie damit?

Das Cinedom in Köln

Pfaff: Die Hilfen sind alle an bestimmte Kriterien geknüpft. Schon vor der Krise hatten wir über eine Weiterentwicklung hinsichtlich Digitalisierung und Automatisierung nachgedacht. Unser neues Branding sollte den Startschuss dazu einleiten. Die Projekte wurden krisenbedingt vorerst zurückgestellt. Aktuell prüfen wir, inwieweit sich einzelne Aspekte gegebenenfalls mit Unterstützung realisieren lassen.

medienpolitik.net: Es gibt auch die Anregung eines Kinogipfels, um von Kinobetreibern, Verleihern, Fördern und der Politik kurzfristig über eine Verbesserung der Situation zu beraten. Was halten Sie von dieser Idee?

Pfaff: Diesen Ansatz unterstützen wir und möchten uns gerne am gemeinsamen Dialog beteiligen. Als Kölns größtes und modernstes Kino sind wir ein relevanter Kulturort, der seinen Gästen auch zukünftig ein erstklassiges Kinoerlebnis bieten will. Dafür braucht es eine gemeinsame Lösung.

medienpolitik.net: Sind das Hygienekonzept und fehlende Blockbuster der einzige Grund für den Besucherrückgang?

Pfaff: Leider kommen hier momentan viele Faktoren zusammen: Aufgrund der Pandemie herrscht gerade bei Besucher*innen noch viel Unsicherheit, der wir aber mit einem umfangreichen und mit dem Gesundheitsamt Köln abgestimmten Hygienekonzept entgegenwirken. Dazu kommt noch, dass der Sommer generell nicht die besucherstärkste Jahreszeit für das Kino ist. Die fehlenden Blockbuster sind aber definitiv der schwerwiegendste Punkt. Werden diese endlich für das Kino freigegeben, werden sich auch wieder mehr Menschen für das Kino begeistern.

„Als Kölns größtes und modernstes Kino sind wir ein relevanter Kulturort.“

medienpolitik.net: Woher wissen die langjährigen Cinedomgäste und potenziellen Besucher, dass das Kino wieder geöffnet ist?

Pfaff: Auch während unserer temporären Schließung war es uns sehr wichtig mit unseren Gästen kontinuierlich im Dialog zu stehen. Diesbezüglich haben wir vor allem die Kommunikation über unsere Social-Media-Kanäle genutzt. Den Austausch mit unseren Besucher*innen werden wir im gleichen Umfang beibehalten und zukünftig digital noch weiter ausbauen.

medienpolitik.net: Wie vermitteln Sie den Kölnern, dass ein Besuch in Ihrem Kino sicher ist?

Pfaff: Auf der einen Seite haben wir schon vor der Wiedereröffnung unser Hygienekonzept kommuniziert. Auf der anderen Seite nehmen wir natürlich auch das Feedback unserer Gäste ernst und prüfen in Abstimmung mit den aktuellen Vorschriften der Stadt Köln eine mögliche Umsetzung vor Ort. Wir haben die Vorstellungszeiten so gestaffelt, dass wir Ansammlungen im Foyer vermeiden. Der Auslass nach dem Film erfolgt über die Notausgänge der Kinosäle. Die Umsetzung und stetige Prüfung der Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen haben bei uns oberste Priorität, um Mitarbeit*innen und Gäste zu schützen und ihnen ein unvergleichliches Kinoerlebnis bieten zu können. Unser erfolgreiches Bestreben hinsichtlich Arbeitssicherheit wurde uns auch kürzlich von der Berufsgenossenschaft bescheinigt.

medienpolitik.net: Also könnten die geltenden Hygienevorschriften für Kinos gelockert werden?

Pfaff: Das lässt sich aktuell schwer voraussagen, zumal die Fallzahlen derzeit wieder steigen. Wir überprüfen die Entwicklungen täglich und werden auf signifikante Veränderungen selbstverständlich unmittelbar reagieren. Dies ist aber auch von den Vorgaben der jeweils gültigen Coronaschutzverordnung des Landes NRW und des Gesundheitsamtes der Stadt Köln abhängig, mit dem wir weiterhin im engen Austausch stehen.

„Wenn die Verleiher kein Vertrauen ins Kino setzen, dann fällt auf langer Sicht ein wichtiger Vertriebsweg weg und die gesamte deutsche Film- und Kinolandschaft wird langfristig geschwächt.“

medienpolitik.net: Läutet der Kinostart von „Tenet“ ab 26. August nun die Trendwende ein?

Pfaff: „Tenet“ kann eine Trendwende für die Verleiher bewirken, falls der Film erfolgreich in den Kinos anläuft. Wir nehmen derzeit bei den Vorverkäufen für den Film ein großes Interesse wahr. Aufgrund der unvergleichlichen, audiovisuellen Inszenierungen und Effekte, entfaltet der Blockbuster erst im Kino sein vollständiges Potential. Daher bieten wir mit der besten Film- und Tontechnik im Cinedom das ideale Kinoerlebnis dieses Meisterwerks.

medienpolitik.net: Es gibt von Kinobetreibern starke Kritik an deutschen Produzenten, dass auch deutsche attraktive Produktionen verschoben werden. Wie groß ist aus Ihrer Sicht dieses Problem?

Pfaff: Auch hier gilt: Wenn die Verleiher kein Vertrauen ins Kino setzen, dann fällt auf langer Sicht ein wichtiger Vertriebsweg weg und die gesamte deutsche Film- und Kinolandschaft wird langfristig geschwächt. In dieser Situation müssen wir uns gegenseitig unterstützen, daher wäre aus meiner Sicht ein gemeinschaftlicher Ansatz zur Belebung des lokalen Kino- und Filmmarkts sehr wünschenswert.

medienpolitik.net: Was erwarten Sie für Ihr Kino von den kommenden vier Monaten?

Pfaff: Tatsächlich stehen noch einige Filme mit Besucher-Potential in den Startlöchern. Wir hoffen, dass die Verleiher an den bislang gesetzten Terminen festhalten und wir damit spätestens ab Herbst 2020 wieder vermehrt Gäste im Cinedom begrüßen dürfen. Auch hier gilt es, die Entwicklung der Infektionszahlen zu beobachten und zu schauen, wie sich diese auf die Kinobranche und Kundenverhalten auswirken. Ich bin zuversichtlich, dass wir aus dieser Krise gestärkt hervorgehen und Film-Fans weiterhin für den Cinedom und das Erlebnis „Kino“ begeistern können.

Print article