„Wenn wir erst eine Krise benötigen, um kreativ zu sein, stimmt was nicht.“

von am 11.08.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Medienwirtschaft, Privater Rundfunk, Rundfunk

„Wenn wir erst eine Krise benötigen, um kreativ zu sein, stimmt was nicht.“
Jörg Graf, Geschäftsführer von RTL Television

RTL mit wenig Programmausfällen in der Corona-Krise und keiner Reduzierung von fiktionalen Produktionen

11.08.2020. Interview mit Jörg Graf, Geschäftsführer von RTL Television

RTL hat während der Corona-Pandemie drei tägliche Serien („Unter Uns“, „Alles was zählt“, „GZSZ“) ohne Sendeunterbrechung produziert. Das sei für ihn, so Jörg Graf „das größte Event“. „Wir wollten unbedingt vermeiden“, so der RTL-Geschäftsführer, die Wiederholungsquote massiv zu steigern.“ Man sei glücklich und stolz, dass das gemeinsam mit den Produzenten-Partnern gelungen sei, für das 2. Halbjahr und nach den Sommerferien wieder mit vielen, frischen Programmen an den Start gehen zu können. Auch geplante Event-Produktionen wie „Faking Hitler“, „König von Palma“ oder „Boris Becker“ (AT) sollen alle realisiert werden. Die einzige Frage sei, „wann können wir wo und was so produzieren, dass es verantwortbar ist und den hoch angesetzten Qualitätslevel nicht beeinträchtigt, erläutert Graf. RTL wolle seiner LocalHero-Strategie in der Krise umso mehr folgen und hier gute Inhalte maßgeschneidert für sein Publikum produzieren.

medienpolitik.net: Herr Graf, die Mediengruppe RTL Deutschland hat im Juli einen Monatsmarktanteil von starken 27,3 Prozent (14-59) erreicht. Wegen oder trotz Corona?

Graf: Aktuell sind vor allem zwei Effekte zu beobachten: Es herrscht weiterhin ein sehr großes Bedürfnis nach Information und gleichzeitig sehen sich die Menschen nach Ablenkung durch Unterhaltung. Die Mediengruppe RTL bietet mit ihren Sendern, Formaten und Digital-Angeboten beides: glaubwürdige Information und ausgezeichnete Unterhaltung. Hinzu kommen auch wieder erstklassige Sportangebote. Das haben die Menschen im Juli erneut mit hohem Interesse und den starken Reichweiten belohnt. Zuletzt zählte beispielsweise RTL Aktuell zu den Top 5 der meistgesehenen Sendungen bei RTL. Die Nachrichten und News Spezials zur Corona-Pandemie erreichten bei unserer Nachrichtenmarke n.tv zudem starke Marktanteile von im Schnitt bis zu 7,6 Prozent. Dies alles geschieht dank des tollen Engagements aller Kolleg*innen unter den weiterhin extrem erschwerten Bedingungen.

medienpolitik.net: Wie haben Sie mögliche Programmausfälle seit März durch die Corona-Pandemie bisher kompensiert? Durch mehr Wiederholungen?

Graf: Wir wollten unbedingt vermeiden, die Wiederholungsquote massiv zu steigern. Wir sind sehr glücklich und stolz, dass es uns gemeinsam mit unseren Produzenten-Partnern gelungen ist, für das 2. Halbjahr und nach den Sommerferien wieder mit vielen, frischen Programmen an den Start gehen zu können. Wir haben „Ninja Warriors“ produziert, „I can see your Voice“, bereiten die „Kindsköpfe“ (AT) vor, haben mit Oliver Pocher eine neue Late Night etabliert und vieles mehr. Ich möchte da wirklich allen danken, meinen MitarbeiterInnen bei RTL, dem Support der gesamten Mediengruppe, den Produzenten, Moderatoren und allen Mitwirkenden in Produktion und Redaktion.

„Wir wollten unbedingt vermeiden, die Wiederholungsquote massiv zu steigern.“

medienpolitik.net: Viele Produktionen wurden zwischen März und Juni gestoppt oder wurden nicht begonnen. Welche Konsequenzen hat das für RTL in diesem und im nächsten Jahr?

Graf: Drehstopps betreffen vor allem unsere Fiction Produktionen. Hier haben Henning Tewes für TVNOW, Sascha Schwingel als VOX Chef und ich gemeinsam mit den verantwortlichen Redaktionschefs Frauke Neeb und Hauke Bartel inhaltlich einen neuen Weg eingeschlagen. Ganz klar schmerzt das ungemein, wenn man diese neuen Ideen und Stoffe nicht so schnell umsetzen kann wie wir uns das vorgenommen haben. Die Konsequenz ist: Wir werden diesen Weg weiterverfolgen und dann in die Dreharbeiten gehen, wenn es tatsächlich verantwortbar ist. Bis dahin werden wir Programmplätze mit frischen Unterhaltungsideen bespielen.

medienpolitik.net: Können Ausfälle deutscher Produktionen durch den Erwerb von Lizenzen für ausländische Spielfilme oder Serien ausgeglichen werden?

Graf: Die Corona-Krise ist ja keine deutsche Erscheinung. Hollywood steht aus meiner Sicht viel mehr still, als unsere deutsche Produktionslandschaft. Wir wollen unserer LocalHero-Strategie in der Krise umso mehr folgen und hier tolle Inhalte maßgeschneidert für unser Publikum produzieren. Ich habe den Eindruck, dass sich Deutschland im Umgang mit der Krise relativ gut schlägt.

„Ich halte es für einen Irrglauben, dass Corona dramaturgisches Handwerk in eine neue Richtung treibt.“

medienpolitik.net: Drehbücher müssten umgeschrieben, die Drehstäbe und Besetzungen reduziert werden. Sind unter diesen Umständen noch Event-Produktionen möglich?

Graf: Ehrlich gesagt finde ich den größten Event, dass wir drei tägliche Serien („Unter Uns“, „Alles was zählt“, „GZSZ“) ohne Sendeunterbrechung gemeistert haben. Alle drei Serien haben eine riesige Fanbase. Die Kollegen der UFA haben mit Ihren Teams einen unglaublichen Job gemacht, das hinzubekommen. Aber ihre Frage zielt auf Produktionen wie „Faking Hitler“, „König von Palma“, „Boris Becker“ (AT) oder viele andere aufwendige Serien ab, die Sascha Schwingel, Henning Tewes und ich für unsere Gruppe realisieren wollen. Unser Plan ist gesetzt. Wir werden sie alle realisieren. Lieber heute als morgen. Die einzige Frage ist, wann können wir wo und was so produzieren, dass es verantwortbar ist und den hoch angesetzten Qualitätslevel nicht beeinträchtigt.

medienpolitik.net: Ab wann rechnen Sie wieder mit der „planmäßigen“ Produktion von Auftragsproduktionen?

Graf: Das würde ich selbst gerne wissen. Wir gehen möglichst agil, flexibel und spontan mit der Situation um. Es ist wie es ist und wir müssen unserer Verantwortung als Manager mehr nachkommen denn je. Entscheiden, schnell sein, Verantwortung gegenüber Mitarbeitern beweisen und immer die nächste Idee für die nächste Situation schon denken.

„Mittlerweile ist der Wunsch unseres Publikums nach einer Rückkehr zu Verlässlichkeit und einer neuen Normalität zu spüren.

medienpolitik.net: Wird es durch Corona bedingt, auch neue innovative Formate geben?

Graf: Wenn wir erst eine Krise benötigen, um uns kreativ in Gang zu setzen, stimmt was nicht. Wir haben tatsächlich aus der Not heraus via Skype senden müssen. Mit mäßigem Erfolg. Ich halte es für einen Irrglauben, dass Corona dramaturgisches Handwerk in eine neue Richtung treibt. Im Grunde ist mittlerweile der Wunsch unseres Publikums nach einer Rückkehr zu Verlässlichkeit und einer neuen Normalität zu spüren. Das heißt für uns, schlichtweg weiter das erfolgreichste Programm in Deutschland zu machen.

medienpolitik.net: Werden Sie, wie ARD und ZDF, die Unterstützung von Produzenten bei Drehunterbrechungen durch die Corona-Pandemie ebenfalls fortsetzen?

Graf: Die Frage lässt mich tatsächlich nicht ganz kalt. Ich finde, dass mein Kollege Henning Tewes sich enorm einsetzt für eine Branchen-Lösung (siehe Gastbeitrag in der FAZ vom 5.8.2020*). Die Mediengruppe RTL ist deshalb so erfolgreich, weil wir mit starken, kreativen und klugen Menschen zusammenarbeiten. Produzenten, Regisseuren, Autoren, Kameraleuten, Producern und so vielen mehr. Ich muss gestehen, dass wir durch und durch privatwirtschaftlich und auf Umsetzung geprägt sind. Uns persönlich fällt es oft schwer nachzuvollziehen, was so unglaublich schwierig daran ist, eine gute Lösung (siehe oben) wie von uns vorgeschlagen dann auch einfach mal umzusetzen.

*https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/warum-wir-einen-corona-fonds-fuer-fernsehproduktionen-brauchen-16890047.html

Print article