„Wir haben die Sorgen der Branche sehr ernst genommen“

von am 17.08.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Medienförderung, Medienwirtschaft, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Privater Rundfunk

„Wir haben die Sorgen der Branche sehr ernst genommen“
Judith Gerlach, Bayerischen Staatsministerin für Digitales

Bayern fordert TV-Sender zur Beteiligung am Ausfallfonds auf

17.08.2020. Interview mit Judith Gerlach, Bayerische Staatsministerin für Digitales

Bayern ist einer der wichtigsten Filmstandorte in Deutschland. Deshalb ist es für die Filmbranche auch über die Landesgrenzen hinaus von zentraler Bedeutung, wie Drehbuchautoren, Produzenten, Verleiher oder Kinobetreiber durch die Pandemie kommen. Die Staatsregierung hatte, wie Judith Gerlach betont, „die Film- und Kinowirtschaft bereits seit Beginn der Pandemie intensiv im Blick.“ Der Anteil des Freistaates an einem Nothilfefonds der Filmförderer von 15 Millionen Euro beträgt rund 3,4 Millionen Euro. Für die Kinos stehen 12 Millionen Euro als Anlaufhilfe nach deren Wiedereröffnung zur Verfügung. Auch die Filmtheater-Programmprämien des FFF Bayern wurden verdoppelt. Als eines von bisher vier Ländern hat die Landesregierung auch sehr schnell eine Beteiligung an einem Ausfallfonds zugesagt.Der Ausbau des staatlichen Ausfallfonds“ so bekräftigt die Bayerische Staatsministerin für Digitales, „kann nur in enger Partnerschaft mit den TV-Sendern ermöglicht werden.“ Daher würde es Bayern begrüßen, wenn die TV-Sender eine starke Bereitschaft signalisieren würden, sich an dem Ausfallfonds zu beteiligen.

medienpolitik.net: Frau Gerlach, wie ist die Filmwirtschaft Bayerns bisher durch die Pandemiezeit gekommen?

Gerlach: Bayern ist einer der wichtigsten Filmstandorte in Deutschland. Wir hatten deshalb die Film- und Kinowirtschaft bereits seit Beginn der Pandemie intensiv im Blick. Wir haben enge Gespräche geführt und die Sorgen der Branche sehr ernst genommen. Nach den bereits verkündeten Lockerungen, insbesondere nach Aufhebung der allgemeinen Ausgangsbeschränkungen, wurden vermehrt wieder Filmdreharbeiten aufgenommen. Auch die Kinos dürfen seit dem 15. Juni ihre Türen wieder für Besucher öffnen, wenn auch aufgrund der nach wie vor bestehenden Pandemiesituation unter Einhaltung eines Schutz- und Hygienekonzeptes.

medienpolitik.net: Bayern gehört zu den stärksten Standorten der Filmwirtschaft in Deutschland. Welche Hilfen hat die Staatsregierung für diese Branche bisher bereitgestellt?

Gerlach: Angesichts der Corona-bedingten Umstände haben wir zur Unterstützung der bayerischen Film- und Kinowirtschaft umfangreiche finanzielle und strategische Maßnahmen getroffen. Gleich unmittelbar nach dem Lockdown hat sich Bayern mit dem FilmFernsehFonds Bayern an einem gemeinsamen Nothilfefonds der Länderfilmförderer und der Filmförderanstalt für die Filmproduzenten und die Verleiher beteiligt. Dieser Nothilfefonds mit einem Gesamtvolumen von 15 Millionen Euro deckt Mehrkosten ab, die bei bereits geförderten Filmprojekten aufgrund der Corona-Einschränkungen entstanden sind. Der Anteil des Freistaats daran beträgt rund 3,4 Millionen Euro. Unabhängig davon haben wir an der bisherigen Filmförderpraxis in Bayern festgehalten. Für selbständige Filmschaffende greift ein Rettungsschirm für die Kulturbranche. Insgesamt wurden hier fast 200 Millionen Euro vorgesehen. Davon wurden 140 Millionen. Euro für die „Künstlerhilfe“ bestimmt, über die soloselbstständige Künstler bis zu 1.000 Euro monatlich für die Dauer von 3 Monaten beantragen können.

„Vermeidbare Infektionsrisiken müssen wir auf jeden Fall auch in den Kinos unbedingt vermeiden.“

medienpolitik.net: Und für die Kinos?

Gerlach: Auch für die Kinos gibt es umfangreiche Unterstützungen. Bereits im April hat das Bayerische Staatsministerium für Digitales eine Sofortkinoprämie in Höhe von jeweils 5.000 Euro pro Kinostandort vorgesehen und damit insgesamt an 155 Kinostandorte in Bayern ausbezahlt. Die jährlich im Herbst vergebenen Filmtheater-Programmprämien des FFF Bayern wurden vorgezogen und auf insgesamt 860.000 Euro verdoppelt. Davon profitierten dieses Jahr insgesamt 83 bayerische Kinos mit Prämien zwischen 10.000 Euro und 25.000 Euro. Weitere 12 Millionen Euro stehen als Anlaufhilfe für die Kinos nach deren Wiedereröffnung zur Verfügung. Und die Kinos konnten selbstverständlich auch die allgemeinen, für Wirtschaftsbetriebe vorgesehenen Corona-Soforthilfen sowie die Überbrückungshilfe beantragen.

medienpolitik.net: Reicht das für einen erfolgreichen Neustart aus? Die Kinos haben aufgrund fehlender attraktiver Filme und Hygienerichtlinien, die nur eine Auslastung von 25 – 30 Prozent der Platzkapazitäten ermöglichen, weiterhin wirtschaftliche Probleme. Werden Sie die Unterstützung der Kinos ausbauen?

Gerlach: Das Förderprogramm „Kino-Anlaufhilfe“ läuft bis Ende des Jahres und wurde bisher von den Kinos in Bayern gut angenommen. Nach der Wiedereröffnung der Kinos wurde die maximal zulässige Zuschauerzahl auf mittlerweile 200 Personen in geschlossenen Räumen stufenweise erhöht. Die Auflagen werden immer wieder an der aktuellen Corona-Situation gemessen. Vermeidbare Infektionsrisiken müssen wir aber auf jeden Fall auch in den Kinos unbedingt vermeiden.

Der Ausbau des staatlichen Ausfallfonds kann nur in enger Partnerschaft mit den TV-Sendern ermöglicht werden.“

medienpolitik.net: Gegenwärtig wird über einen Ausfallfonds der Länder für unterbrochene oder abgebrochene Film- und Fernsehproduktionen verhandelt. Wie wird sich Bayern in diesen Fonds einbringen?

Gerlach: Auch hier war Bayern als Vorreiterbundesland bereits seit Ende April im engen Austausch mit den zuständigen Vertretern der Filmbranche. Aus diesem Grund hat die Staatsregierung zunächst fünf Millionen Euro für einen staatlichen Ausfallfonds vorgesehen. Wir begrüßen die Initiativen zum Aufbau dieses Ausfallfonds und setzten uns dafür ein, dass er so schnell wie möglich aufgestellt wird. Damit sollen Filmproduktionen durch die bestehende Absicherung wieder anlaufen können.

medienpolitik.net: Sollen sich auch die TV-Sendergruppen (privat und öffentlich-rechtlich) an einem Ausfallfonds beteiligen?

Gerlach: Bayern ist ein wichtiger Fernsehstandort und die TV-Sender sind enge Partner aller wichtigen filmfördernden Bundesländer. Die TV-Sender sind außerdem auch enge Partner und Auftraggeber für die filmproduzierende Branche. Der Ausbau des staatlichen Ausfallfonds kann daher nur in enger Partnerschaft mit den TV-Sendern ermöglicht werden. Daher würde es Bayern begrüßen, wenn die TV-Sender eine starke Bereitschaft signalisieren würden, sich an dem Ausfallfonds zu beteiligen, mit dem die Risiken bei einem Corona-bedingten Projektabbruch abgesichert werden sollen.

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