„Die Filmwirtschaft wird großen Schaden nehmen“

von am 18.09.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Medienförderung, Medienwirtschaft

„Die Filmwirtschaft wird großen Schaden nehmen“
Cinedom-Kino in Köln

Kinobetreiber sehen die Zukunft der Kinos angesichts geringer Besucherzahlen weiter gefährdet

18.09.20. Anlässlich der 20. Filmkunstmesse Leipzig, bei der zum ersten Mal seit langem über 700 Kinobetreiber, Filmverleiher und Filmschaffende aus ganz Deutschland zusammenkommen, tritt die Kinobranche für eine Veränderung der coronabedingten Hygieneregeln in den deutschen Kinos ein. In einer Erklärung heißt es: „Wir bitten die Verantwortlichen in der Politik, mit den Abstandsregeln die Grundlage für die Wiederbelebung des Kinomarkts in Deutschland mit seinen über 1.400 mittelständischen Betrieben zu schaffen. Andernfalls wird die Filmwirtschaft insgesamt großen Schaden nehmen. Die mittelständischen deutschen und europäischen Produzenten und Verleiher werden von Algorythmus-getriebenen Großproduktionen verdrängt und die kulturelle Vielfalt bleibt auf der Strecke.“ Die Bundesländer Sachsen und Nordrhein-Westfalen hätten eine solche Regelung umgesetzt. Auch in vielen unserer Nachbarländer gelten diese Abstandsregelungen. Ebenso verliefen die Festspiele in Salzburg ohne Zwischenfälle. Es sei kein einziger Fall weltweit bekannt, in dem sich jemand im Kino infiziert hätte. „Es müsse allen Beteiligten klar sein, dass auch mit einer Auslastung um 50 Prozent noch kein wirtschaftlicher Kinobetrieb möglich ist“, so der Vorsitzende der AG Kino – Gilde Christian Bräuer.

„Leipziger Erklärung“ Zukunft des Kinos sichern: Abstandsregeln mit Augenmaß

Wir, die Kinobetreiber in Deutschland, bekennen uns zum Gesundheitsschutz und zum Kampf gegen die Ausbreitung des Corona-­‐Virus. Sicherheit und Gesundheit gehen vor und als sozialer Ort sind wir uns unserer Verantwortung voll und ganz bewusst. Die Kinos haben ihre Lüftungszyklen mit maximalem Frischluftanteil erhöht, die natürliche Lüftung ausgeweitet, die Zeiten zwischen den Vorstellungen entzerrt, Plexiglaswände eingezogen, Abstandsmarkierungen angelegt und ganze Saalreihen gesperrt. Über die Kontaktverfolgung und hohe Online-­‐Ticket-­‐Quoten stellen wir zuverlässig und nachweisbar sicher, dass all unsere Gäste im Verdachtsfall kontaktier-­‐und nachvollziehbar sind. Und wir haben die Einhaltung dieser Regeln im Alltag strikt reguliert und kontrolliert. Dank klarer, logischer und nachvollziehbarer Regeln konnten wir unser Publikum nicht nur wiedergewinnen, sondern auch schnell an die Befolgung der neuen Abläufe gewöhnen. Trotz all dieser Bemühungen gilt noch immer in den meisten Bundesländern der Abstand von 1,50 Metern zwischen den Besuchern im Saal, so dass die Auslastung auf 25 bis 30 Prozent beschränkt bleibt. Dies kommt praktisch einem Berufsverbot gleich.

Gerade die kleinen Kinos und Säle sind häufig „ausverkauft“. Mit Besucherzahlen, die oftmals unter 20 liegen. Dies trifft vor allem kulturell anspruchsvolle Filme, Programme für junges Publikum und Produktionen aus der Region. Deshalb appellieren wir an die Politik, die Abstandsregeln bundesweit auf einen Sitzplatz zwischen Besuchergruppen zu reduzieren, ohne Maskenpflicht am Platz während des Films. Im Kino hat jeder einen festgelegten Sitzplatz, schaut gleichgerichtet nach vorne und spricht nicht. Angesichts der Raumhöhe und der Umsetzung von Lüftungskonzepten ist das Risiko einer Ansteckung quasi ausgeschlossen. Dies wurde auch bei Gesprächen mit Vertreterinnen der Charité deutlich: Die von uns diskutierte Lösung, zwischen Besuchergruppen einen Sitzplatz bzw. mindestens einen Meter freizulassen (in den meisten Kinos wären es bei der Bestuhlung mindestens 1,20 Meter) wird als Regelung mit Augenmaß angesehen.

„Es ist kein einziger Fall weltweit bekannt, in dem sich jemand im Kino infiziert hätte.“

Die Bundesländer Sachsen und Nordrhein-­‐Westfalen haben eine solche Regelung umgesetzt. Auch in vielen unserer Nachbarländer gelten diese Abstandsregelungen. Ebenso verliefen die Festspiele in Salzburg nach unserer Kenntnis ohne Zwischenfälle. Es ist kein einziger Fall weltweit bekannt, in dem sich jemand im Kino infiziert hätte. Mit Fortdauer der Pandemie müssen wir nachvollziehbare und faire Regelungen für alle Lebensbereiche finden. Es geht auch darum, die Eigenverantwortung der Besucher wie der Wirtschaftstreibenden wieder zu stärken. Mit der geforderten Regelung erreichen die Kinos eine Auslastung von ca. 50 Prozent und liegen damit noch immer weit unterhalb jeder Normalität. Diese Auslastung ist aber das Minimum, um den deutschen und europäischen Filmmarkt wenigstens im Ansatz wieder zu beleben. Die Filmverleiher*innen können Filme nur dann ins Kino bringen, wenn zumindest die Chance auf eine angemessene Anzahl von Besuchern besteht. Die Kinos brauchen aber die Filme, um als Kulturorte ein vielfältiges Programm anzubieten und so in der Öffentlichkeit wieder wahrgenommen zu werden. Wir appellieren an die Verantwortlichen in der Politik, mit den Abstandsregeln die Grundlage für die Wiederbelebung des Kinomarkts in Deutschland mit seinen über 1.400 mittelständischen Betrieben zu schaffen. Es muss aber auch allen Beteiligten klar sein, dass auch mit einer Auslastung um 50 Prozent noch kein wirtschaftlicher Kinobetrieb möglich ist. Deshalb brauchen wir flankierend Förderprogramme, die den Kulturort Kino nachhaltig sichern. Andernfalls wird die Filmwirtschaft insgesamt großen Schaden nehmen.

Die mittelständischen deutschen und europäischen Produzenten und Verleiher werden von Algorythmus-getriebenen Großproduktionen verdrängt und die kulturelle Vielfalt bleibt auf der Strecke. „Kino ist Kultur und Kultur ist unverzichtbar für eine lebendige Demokratie“, sagte Bundespräsident Frank Walter Steinmeier anlässlich eines Kinobesuchs im Juli. Gerade angesichts der gesellschaftlichen Verwerfungen und der Angriffe auf unsere demokratischen Werte braucht es deshalb nicht nur einen „Wumms“ für die Industrie. Wir müssen die Kultur, auch die Kino-­‐und Filmwirtschaft sichern.

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