Ein Signal des Aufbruchs und der Hoffnung

von am 17.09.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Medienförderung, Medienwirtschaft

Ein Signal des Aufbruchs und der Hoffnung
Prof. Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien

Kinos erhalten 155 Millionen Euro Corona-Hilfe von der Bundesregierung

17.09.2020. Von Prof. Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien

Gerade mal ein gutes halbes Jahr ist seit der Berlinale vergangen – und doch fühlt es sich an, als lebten wir in einem anderen Zeitalter. Die 70. Jubiläumsausgabe der Berlinale war das letzte Filmfestival, das vor dem Lockdown gerade noch so wie geplant stattfinden konnte – mit viel Glück ohne Corona-Infektionen. Hunderte Menschen Sessel an Sessel, vereint in der wundervollen Weltentrücktheit eines dunklen Kinosaals: Das wäre wenig später undenkbar gewesen. Und das ist es in dieser Form leider bis heute. Umso mehr freue ich mich, dass die 20. Jubiläumsausgabe der Filmkunstmesse Leipzig, unterstützt mit Mitteln aus meinem Kulturetat, live und mit Publikum stattfinden kann – als erste öffentliche Veranstaltung für die deutsche Kino- und Verleihbranche nach dem Lockdown. Im Corona-Jahr 2020 ist diese Woche im Zeichen der Filmkunst weit mehr als ein Fest für Cineasten und eine Feier der bundesweit bedeutendsten Messe für die Filmkunstkinos und -verleiher. Es ist ein Signal des Aufbruchs und der Hoffnung, dass es nach einem niederschmetternden Halbjahr nun allmählich wieder aufwärts geht.

Dass der Bund hier in Leipzig aus meinem Etat (mit bis zu 10,5 Millionen Euro) den Bau eines künftigen Filmkunsthauses fördert, dürfen Sie getrost als ein weiteres Zeichen der Zuversicht und auch der Wertschätzung für die lebendige, regionale Kinokultur interpretieren.

Die Begeisterung, die während eines Filmfestivals in der Luft liegt, die Neugier auf das Festivalprogramm und die Leidenschaft, mit der über Filme diskutiert wird, all das zeigt, dass das Kino als Gemeinschaftserlebnis Qualitäten hat, die man sich selbst mit dem neuesten 65-Zoll Bildschirm nicht nach Hause auf die Couch holen kann. Kino lässt uns zusammenrücken – wenn aktuell schon nicht physisch wegen Corona, so doch zumindest im Bewusstsein, im gemeinsamen Mitfühlen. Man teilt ein emotionales Erlebnis – auch später noch, wenn der Filmstoff Gesprächsstoff wird. Gerade in ländlichen Regionen mit wenig kulturellen Angeboten ist es das Kino, das Menschen aus ihren digitalen Filterblasen und Echokammern holt. Umso trauriger ist aktuell der Blick in dünn besetzte Kinosäle. Mir ist schmerzlich bewusst, dass die Kinobranche durch die Corona-Pandemie besonders hart getroffen wurde: zunächst durch die Schließung und jetzt durch die Abstandsregeln und Auflagen, die zu erheblichen Verlusten an den Kinokassen führen. Die wirtschaftliche Belastung ist nach wie vor enorm. Deshalb ist es wichtig, sehr differenziert darüber nachzudenken, wie man mit pragmatischen Konzepten das kulturelle Leben wieder ins Laufen bekommen kann. Das ist das Mindeste, was wir Künstlerinnen, Künstlern und der Kulturbranche insgesamt schuldig sind, und es ist notwendig, um zu retten, was wir über viele Jahre gehegt und gepflegt haben: die Vielfalt unserer Kulturlandschaft, die kulturelle Grundversorgung auch in ländlichen Regionen, zu der gerade die Kinos beitragen.

Für die konkreten Bestimmungen, welche öffentlichen Räume unter welchen Bedingungen öffnen, tragen die Länder die Verantwortung. Das führt im Moment dazu, dass Deutschland neu ins Kino kommenden Filmen statt den roten Teppich einen Flickenteppich regional unterschiedlicher Auflagen ausrollt. Das muss sich ändern, damit deutschlandweite Filmstarts sich auch für die Verleiher lohnen und die Branche mittelfristig wieder auf die Beine kommt. Dafür werde ich mich bei den Gesprächen der Bundesregierung mit den Ländern weiterhin einsetzen. Um die Not kurzfristig zu lindern, haben wir eine ganze Reihe von Hilfsmaßnahmen für die Kinobranche beschlossen, die ich Ihnen zur Einstimmung auf die Diskussion über den „Neustart der Filmindustrie“ kurz vorstellen möchte:

„Deutschland rollt neu ins Kino kommenden Filmen statt den roten Teppich einen Flickenteppich regional unterschiedlicher Auflagen aus.“

  • Zunächst einmal profitieren die Kinos wie alle kleinen und mittelständischen Unternehmen von den allgemeinen Wirtschaftshilfen der Bundesregierung: den Sofort- und Überbrückungshilfen des Bundeswirtschaftsministeriums, den Steuererleichterungen, den Liquiditätshilfen über die KfW, der Besserstellung im Insolvenzrecht und der Erleichterung der Kurzarbeit.
  • Insbesondere mit Blick auf die Situation der Arthouse-Kinos habe ich im Mai einen einmaligen Sonderpreis in Höhe von fünf Millionen Euro an die Preisträger des BKM-Kinoprogrammpreises der letzten drei Jahre vergeben.
  • Darüber hinaus sind auch im Rahmen des Konjunkturprogramm NEUSTART KULTUR – der so genannten Kulturmilliarde – Mittel in beträchtlicher Höhe für die Kinos eingeplant. Allein 165 Millionen Euro davon gehen als zusätzliche Hilfen an die Filmbranche – und davon wiederum bis zu 75 Millionen Euro in den Erhalt der Kinoinfrastruktur in Deutschland.
  • Mit 5 Millionen Euro habe ich die Mittel für das Zukunftsprogramm Kino I auf 22 Millionen Euro für dieses Jahr aufgestockt. Außerdem haben wir die Förderbedingungen für dieses Programm deutlich erleichtert, um neben Modernisierungen auch pandemiebedingte Schutzmaßnahmen zu ermöglichen. Angesichts der großen Nachfrage planen wir für nächstes Jahr eine Fortsetzung dieses Investitionsprogramms.
  • Im Zukunftsprogramm Kino II berücksichtigen wir mit 40 Millionen Euro Investitionszuschüssen auch die Kinos, die bisher noch keine Bundesförderung für pandemiebedingte Schutzmaßnahmen erhalten konnten. Zuschüsse gibt es beispielsweise für Online-Ticketing-Systeme,
    für die Modernisierung von Belüftungssystemen, für eine andere Besucherführung oder für die Sanierung von Sanitäranlagen.
  • Mit weiteren 30 Millionen Euro wollen wir die Kinos in der Phase der Wiedereröffnung mit Zuschüssen zu laufenden Betriebskosten unterstützen – sozusagen ein Zukunftsprogramm Kino III. Dieses Programm soll im Oktober starten. Es sieht eine Förderung pro Kinostandort vor, nicht nach Unternehmen, und die Förderung soll möglichst komplementär zu den Hilfen des Bundeswirtschaftsministers und einzelner Länder greifen. Ich weiß, dass das für viele von Ihnen zwei besonderes wichtige Aspekte sind …
  • … genauso wie die Stärkung der Verleihförderung: Mir ist bewusst, dass den Kinos derzeit noch die Filme fehlen, um wieder durchstarten zu können, und dass die Verleiher vielfach auch die hohen Vorkosten für einen Kinostart unter den aktuellen Unsicherheiten scheuen. Dies führt zu erschwerten Bedingungen bei der Verwertung von Kinofilmen und erhöht das finanzielle Risiko des Verleihs. Im Rahmen von NEUSTART KULTUR ist deshalb ein umfangreiches Maßnahmenpaket für den Verleih und Weltvertrieb von Kinofilmen in Deutschland vorgesehen. Dafür werde ich bis Ende 2021 insgesamt bis zu 15 Millionen Euro bereitstellen.
    • Die kulturelle Verleihförderung wird daraus mit 4 Millionen Euro verstärkt. Die Anpassung der Kriterien für die kulturelle Verleihförderung, die dank des Aufwuchses möglich ist, greift diverse Punkte auf, die von den Verleiherverbänden schon seit Jahren gefordert werden, insbesondere eine substantielle Anhebung der Höchstfördersumme von 50.000 Euro auf 150.000 Euro. Diese Änderungen kommen gerade den kulturell anspruchsvollen deutschen Filmen, den Festivalerfolgen und Kritikerlieblingen, zu Gute, die im Kino leider allzu oft kaum sichtbar sind.
    • 10 Millionen Euro werden im Rahmen der Auftragsverwaltung durch die FFA für die Stärkung der wirtschaftlich orientierten Verleihförderung in Deutschland ausgereicht. Eine weitere Million kommt dem Vertrieb deutscher Filme im Ausland zugute.
  • Damit weiterhin eine Filmförderung auf hohem Niveau möglich ist, habe ich außerdem die FFA – deren Einnahmen aus der Filmabgabe durch Kinoschließungen stark zurückgegangen sind – mit 19 Millionen Euro aus meinem Etat unterstützt. Eine starke FFA kommt der gesamten Branche zugute.
  • Neben Kinos, Verleih und FFA wollen wir auch die Kinofilmproduktion beim Neustart unterstützen. Zwar kann inzwischen unter Einhaltung von Hygienekonzepten wieder gedreht werden. Allerdings bleibt das Risiko von Covid19-Infektionen am Set bestehen. Es droht die Unterbrechung oder schlimmstenfalls der Abbruch des Projekts. Klassische Ausfallversicherungen decken pandemiebedingte Schäden bisher nicht ab. Hier setzt der Ausfallfonds mit einem Volumen von 50 Millionen Euro an, der in der vergangenen Woche gestartet ist: Er ersetzt Schäden bei angemeldeten bundesgeförderten Produktionen infolge von Covid19-bedingten Produktionsstörungen. Einige Länder haben erfreulicherweise zugesagt,
    sich ebenfalls zu beteiligen. Mit dieser neuen Sicherheit können die Filmproduktionen ihre Arbeit wiederaufnehmen. Auch das stärkt die gesamte Branche. Wichtig ist, dass auch Länder und Sender nun ihrer Verantwortung gerecht werden und einen Ausfallfonds zugunsten von Fernsehproduktionen aufsetzen. Denn auch hier besteht ein entsprechender Bedarf, um die Vielfalt im Fernsehbereich und der dortigen Produktionslandschaft zu sichern.   

„Die Branche braucht ein Publikum, das Filme als ‚großes Kino‘ auf der Leinwand schätzt.“

Soweit unsere Anstrengungen für den nationalen Neustart der Film- und Kinobranche. Mit Blick auf den internationalen Schwerpunkt dieses Panels will ich zum Schluss noch kurz auf die deutsche EU-Ratspräsidentschaft eingehen, die (nicht nur, aber auch) kulturpolitisch ganz im Zeichen des Corona-Krisenmanagements steht. Denn in der Kultur schlägt das Herz Europas, und gerade Filme fördern Verständnis und Verständigung: Voraussetzungen für ein friedliches Miteinander unterschiedlicher Interessen, Lebensweisen und Weltanschauungen, für Einheit in Vielfalt in Europa. Deshalb habe ich mich gemeinsam mit meinen französischen und italienischen Kollegen dafür stark gemacht, dass die Kultur und damit auch der Film und die Kinos vom Aufbauprogramm „Next Generation EU“ partizipieren können. Außerdem verhandeln die EU-Kommission, das Europäische Parlament und der Rat der EU gerade die Neuauflage des EU-Förderprogramms Kreatives Europa für die Jahre 2021 bis 2027, dessen Unterprogramm MEDIA längst eine wichtige Säule für filmische Projekte ist. Das Programm eröffnet viele Möglichkeiten, den europäischen Film zu stärken. Im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft treiben wir die Verhandlungen voran, um zügig Berechenbarkeit und Kontinuität für kreativen Projekte zu sichern.

Über all diese Fördermaßnahmen auf nationaler und auf europäischer Ebene hinaus braucht die Branche aber natürlich vor allem eines: ein Publikum, das Filme auch in Zukunft als „großes Kino“ auf der Leinwand schätzt. Filmfestivals kultivieren und zelebrieren diese Wertschätzung, diese Liebe zum Kulturort Kino, und deshalb freut es mich ganz besonders, dass die Filmkunstmesse Leipzig auch und erst recht in diesem Jahr des „social distancing“ dazu einlädt, die verbindende, Grenzen überwindende Kraft der Filmkunst zu feiern, und Sie, die Verleiher und Kinobetreiber, hoffentlich ermutigt, in der Krise den Spielraum zu nutzen, den politische Fördermaßnahmen eröffnen. Darin will ich Sie mit einem Klassiker der Weltliteratur bestärken, der 1992 verfilmt wurde und in Deutschland während des Lockdowns vorübergehend ausverkauft war. Ich zitiere einen Dialog aus Albert Camus‘ „Die Pest“: „Tarrou meinte (…), es sei doch besser, sich auf die baldige Öffnung der Tore und die Rückkehr zu einem normalen Leben einzustellen.,Zugegeben‘, sagte Cottard, ,zugegeben, aber was heißt Rückkehr zu einem normalen Leben?‘ ,Neue Filme im Kino‘, antwortete Tarrou lächelnd.“

Rede von Kulturstaatsministerin Monika Grütters bei der 20. Filmkunstmesse Leipzig am 16. September 2020 in Leipzig

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