„Public Value heißt künftig mehr Public Value im Netzwerk“

von am 09.09.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Digitale Medien, Gesellschaftspolitik, Journalismus, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

„Public Value heißt künftig mehr Public Value im Netzwerk“
Prof. Dr. Karola Wille, Intendantin des Mitteldeutschen Rundfunks, MDR

Öffentlich-rechtliche Sender wollen sich noch stärker am Gemeinwohl orientieren

09.09.2020 Interview mit Prof. Dr. Karola Wille, Intendantin des MDR

Im „Leipziger Impuls II“ reagieren Intendanten öffentlich-rechtlicher Sender im deutschsprachigen Raum, unter ihnen Thomas Bellut, Intendant des ZDF und Tom-Buhrow, ARD Vorsitzender, mit einer grundsätzlichen Erklärung zur Gemeinwohlorientierung (Public Value) auf die gesellschaftliche Debatte über die Notwendigkeit und programmliche Ausrichtung ihrer Medienhäuser. Die Entwicklungen in der „Corona-Krise“ hätten die Notwendigkeit einer konsequenten Gemeinwohlausrichtung der öffentlich-rechtlichen Sender verstärkt, heißt es in dem Papier. So soll der Dialog mit dem Publikum ausgebaut werden, da ein vertrauensvoller Diskurs mit der Gesellschaft „ein Schlüssel für Akzeptanz und Glaubwürdigkeit der Arbeit öffentlich-rechtlicher Medien“ sei. Angesichts europaweiter Kritik an der Struktur und Arbeitsweise ihrer Anstalten verpflichten sich die Senderverantwortlichen zu mehr Transparenz und vielfältigerer inhaltlicher Innovationen für die öffentliche Meinungsbildung. Zugleich wird der Aufbau von Plattformen öffentlich-rechtlicher und privater Medienanbieter mit Partnern aus dem Produktions-, Kultur- und Kunstbetrieb angekündigt. Der Leipziger Impuls sei im Kern ein Impuls für eine Zukunftsdebatte für Public Service Medien, erläutert die Initiatorin der Proklamation, MDR-Intendantin Karola Wille, ihre Intentionen im Interview. Dafür sollten Kommunikationsräume, beispielsweise durch Vernetzen der Mediatheken und das Teilen von Inhalten, entwickelt werden. Public Value heiße künftig immer mehr Public Value im Netzwerk.

medienpolitik.net: Frau Wille, im Dezember 2019 hatte der MDR einen „Leipziger Impuls“ initiiert. Was gab den Impuls für den Impuls?

Wille: Wir feiern in diesen Wochen 30 Jahre deutsche Einheit. Gerade Leipzig steht für zigtausend mutige Menschen, die hier auch für Meinungsfreiheit und für freie unabhängige Medien auf die Straße gingen. Der MDR ist aus dieser demokratischen Bewegung heraus entstanden. Zugleich werden diese Werte von verschiedenen Strömungen heute wieder angegriffen. Aus diesen Erfahrungen sehen wir uns ein Stück weit als Motor, wie öffentlich-rechtlicher Rundfunk seinen Wert für die Gesellschaft – für die demokratischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger – in einer immer digitaleren aber auch immer polarisierteren Welt, selbstbewusst aber auch selbstkritisch reflektiert und schärft. Dabei sind wir nicht allein: in der ARD läuft derzeit wieder eine große Public Value Kampagne – unter dem Claim „Wir sind Deins.“ Die SRG, der ORF, aber auch das ZDF und das Deutschlandradio haben gemeinsam mit der ARD-Vorsitzanstalt, WDR, und dem Lehrstuhl von Prof. Timo Meynhardt von der Handelshochschule Leipzig ihre Überlegungen in unseren Leipziger Impuls einfließen lassen. In verschiedenen Handlungsfeldern beschreiben wir, wo öffentlich-rechtliche Medien in einer veränderten digitalen Kommunikationswelt neu denken müssen, wie ein Gemeinwohlbeitrag in diesem Zusammenhang entsteht, der auch alle Bürgerinnen und Bürger anspricht. Es reicht nicht, über eine große Reichweite zu verfügen, auch der Nachweis des Public Value gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern ist von zukunftssichernder Bedeutung. Deshalb ist der Leipziger Impuls im Kern ein Impuls für eine Zukunftsdebatte für Public Service Medien.

medienpolitik.net: Was oder wen wollten Sie damit anstoßen?

Wille: Die Leistungen und Aufgaben des öffentlich-rechtlichen Rundfunks werden derzeit wieder intensiv diskutiert. Dies ist für eine von den Bürgerinnen und Bürgern solidarisch getragene Organisation auch gut und richtig so. Wir wollen mit dem Leipziger Impuls diese für den Prozess der Meinungsbildung und damit für die Demokratie insgesamt wichtige Zukunftsdebatte mit anstoßen, wichtige Interessengruppen aus Gesellschaft, Kultur, Politik sowie Bürgerinnen und Bürger zusammenbringen, ihnen zuhören, gemeinsam debattieren und gern auch konstruktiv streiten. Denn Public Value liegt immer auch im Auge des Betrachters. Eine Debatte über die Rolle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist zwingend eine Debatte über ganz elementare Fragen der Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung der unserer Gesellschaft dienenden Kommunikationsinfrastruktur unter digitalisierten Rahmenbedingungen. Wir alle wissen, unsere Kommunikationsinfrastruktur mit ihren demokratiesichernden Funktionen ändert sich rasant: längst verstärken die Wirkmechanismen der Algorithmen das Risiko von Filterblasen, weil Inhalte gezielt auf Interessen und Neigungen der Nutzerinnen und Nutzer zugeschnitten werden. Dies ist auf den ersten Blick ein individueller Nutzen, auf den zweiten Blick kann dies aber zu Abschottung und fehlender Offenheit führen. Demokratie und politische Meinungsbildung benötigen aber die Konfrontation mit anderen Perspektiven, und das muss auch im Netz und im digitalen Zeitalter gewährleistet sein.

„Im Diskurs mit der Gesellschaft müssen wir den gesellschaftlichen Nutzen unserer öffentlich-rechtlichen Angebote immer wieder selbstkritisch reflektieren und auch belegen.“

medienpolitik.net: Der Begriff „Gemeinwohl“ durchzieht den 1. Impuls und jetzt auch den 2. Impuls. Wann ist öffentlich-rechtlicher Rundfunk gemeinwohlorientiert? Woran misst sich das?

Wille: Zunächst: Das Gemeinwohldenken hat in der Gegenwart neu an Fahrt aufgenommen. Umfragen zeigen, dass Gemeinwohlthemen für die Menschen wichtig sind. Traditionell wird der gesellschaftliche Wertbeitrag öffentlich-rechtlicher Medien anhand verschiedener Wertedimensionen erfasst. Wir haben diese für die ARD wie folgt definiert:

  • Teilhabe im Sinne eines Rundfunks für alle, der identitätsstiftend ist und zum Zusammenhalt beiträgt.
  • Unabhängigkeit, die die Verantwortung für eine überparteiliche und ausgewogene Berichterstattung umfasst.
  • Qualität, die hochwertige und exzellente Inhalte erfordert.
  • Vielfalt, die die Vielfalt des Angebotes, der Akteure, Themen, der Perspektiven und der journalistischen Darstellungsformen umfasst.
  • Regionalität als DNA der ARD.
  • Ein gemeinwohlorientierter Innovationsanspruch, der Veränderung und Entwicklung begünstigt.

Das gilt unverändert. Die Frage ist allerdings: Wie übersetzen wir diesen Gemeinwohlbeitrag in eine sich verändernde Gesellschaft und wie erfüllen wir ihn im digitalen Zeitalter? Die Verfasser der Leipziger Impulse sind überzeugt, dass wir zu verschiedenen Handlungsfeldern neu denken müssen. Dies betrifft beispielsweise die Schaffung neuer, innovativer Ansätze für die öffentliche Meinungsbildung, wie Dialog- und Diskursformate oder neue kreative Formen der Erzählweise. Mehr denn je gehört dazu, Vielfalt für alle Angebote und in allen Bereichen als Gemeinwohlqualität verantwortungsvoll zu gestalten und dafür einen entsprechenden Zugang zu ermöglichen. Ein wichtiger Wertbeitrag kann auch darin bestehen, dass wir uns in Gemeinwohlnetzwerke mit anderen Institutionen und privaten Unternehmen einbringen. Denn selbstverständlich leisten auch viele andere Akteure wichtige Beiträge zum Gemeinwohl, die in einem Netzwerk noch besser für die Gesellschaft nutzbar gemacht werden können. Beispielsweise bietet das neue gemeinsame digitale Kulturangebot der ARD, das vernetzt mit ZDF und DLR entstehen soll, hierfür großes Potential. Denn schon heute ist klar: die Veränderungen sind längst disruptiv und tiefgreifend. Gegenüber internationalen Global Playern können wir nur mit gemeinsamen Plattformen bestehen. Alle im Leipziger Impuls genannten Felder fordern uns zu intensivem Nachdenken und konsequentem Handeln heraus.

medienpolitik.net: Ist die Gemeinwohlorientierung das wichtigste Kriterium für die Relevanz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im Spektrum der Medien?

Wille: Ja, der gesellschaftliche Wertbeitrag ist die DNA und definiert die Schlüsselrolle öffentlich-rechtlicher Medien. Dies betrifft unseren Auftrag für einen offenen Meinungs- und Willensbildungsprozess in unserer demokratischen Gesellschaft ebenso wie die kulturellen Dimensionen unseres Handelns. Und diese Gemeinwohlorientierung muss jeweils zeitgemäß verstanden und durch aktive Steuerung und Führung in unseren Medienhäusern immer wieder neu umgesetzt werden. Wir erleben ja eine fundamentale Umkehr des über viele Jahrzehnte vorhandenen Sender-Empfänger-Prinzips der massenmedialen Kommunikation. Mit der zunehmenden Individualisierung bzw. Personalisierung des Medienkonsums haben sich auch handelnde Akteure und Finanzierungsmodelle grundsätzlich geändert. „Daten“ werden zum neuen Zahlungsmittel. Die Rolle des Medienmachers unterliegt damit auch einem steten Wandel. Zuhören ist wichtig, um zu verstehen und genauso wichtig ist es, das „Bürgerurteil“ ernst zu nehmen.

„Wir müssen noch stärker neuartige mediale Brücken bauen, die den Dialog zwischen den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen unterstützen.“

medienpolitik.net: Da Sie dieses „Gemeinwohl“ so betonen, hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk hier anscheinend noch Defizite. Welche sind das?

Wille: Im Diskurs mit der Gesellschaft müssen wir den gesellschaftlichen Nutzen unserer öffentlich-rechtlichen Angebote selbstverständlich immer wieder selbstkritisch reflektieren und auch belegen. Ich bin überzeugt: Auch wenn die Zeit der gemeinsamen medialen Lagerfeuer in Teilen der Vergangenheit angehört, ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk heute wichtiger denn je. Alle public Service-Medienhäuser sind derzeit dabei, im Digitalen ihre publizistische Relevanz zu stärken. In einer digitalen Medienordnung, in der die Grenzen zwischen Werbung und Fakten verschwimmen und Algorithmen Meinungen verstärken sowie Fake News verbreiten, muss der öffentlich-rechtliche Rundfunk ein relevantes Gegengewicht bilden – so wie es das Bundesverfassungsgericht in seinem jüngsten Urteil betont hat.

medienpolitik.net: Was muss sich programmlich und strukturell ändern?

Wille: Alle öffentlich-rechtlichen Medienhäuser gestalten derzeit intensiv den digitalen Transformationsprozess. So stehen in der Digitalagenda der ARD die digitalen Produkte wie die Mediathek, die Audiothek, der KiKA-Player oder auch Funk im Mittelpunkt unseres Tuns – es geht um Auffindbarkeit und Sichtbarkeit unserer vielfältigen Inhalte und um das Erschließen neuer Nutzergruppen mit exzellenten Netzinhalten. Zudem geht es darum, gemeinwohlorientierte Kommunikationsräume zu entwickeln, beispielsweise durch Vernetzen der Mediatheken und das Teilen von Inhalten. Public Value heißt künftig immer mehr Public Value im Netzwerk. Wir müssen noch stärker neuartige mediale Brücken bauen, die den Dialog zwischen den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen unterstützen. Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang z.B. unser Meinungsbarometer für Mitteldeutschland „mdrFRAGT“ erwähnen, das sich seit dem ersten Impuls zu einem beeindruckenden Erfolg im Sinne von Publikumsdialog und Gemeinwohlorientierung entwickelt hat. Auf dieser Plattform für Online-Befragungen können unsere Beitragszahlerinnen und -zahler regelmäßig ihre Meinung zu gesellschaftlich aktuellen Themen äußern. So erfahren wir unmittelbar von den Menschen aus unserem Sendegebiet, was sie denken und was Mitteldeutschland bewegt. Mittlerweile gehören fast 30.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zur mdrFRAGT-Gemeinschaft.

medienpolitik.net: Nun gibt es einen 2. Impuls. Warum?

Wille: Wie gesagt: Gemeinwohlorientierung ist ein fortlaufender Prozess in der jeweiligen Zeit. Dementsprechend haben sich aus der Corona-Krisenzeit weitergehende Aktzentsetzungen ergeben. Einerseits hat sie unsere eingeschlagene Grundrichtung bestätigt und gleichzeitig beschleunigt die Corona-Krise die Einsicht in die Notwendigkeit einer konsequenten Gemeinwohlausrichtung unserer Medienhäuser. Denn: Systemrelevant ist, was gemeinwohlrelevant ist. Hier gibt unser zweiter Impuls Erfahrungen aus dieser Krisenzeit wieder. So hat die Corona-Krise eine besondere Anforderung an die Transparenz von journalistischen Prozessen gestellt. Die Notwendigkeit zur Transparenz besteht insbesondere im Umgang mit unsicheren Datenlagen und Widersprüchlichkeiten. Entscheidungsprämissen müssen offengelegt werden. Wo keine verlässlichen Wahrheitskriterien vorliegen, entsteht Glaubwürdigkeit durch Wahrhaftigkeit im Streben nach Gemeinwohlorientierung und Erfüllung des öffentlich-rechtlichen Auftrags. Dem Weltbild der Aufklärung verpflichtet, bemisst sich journalistische Qualität auch an der Frage, wie wissenschaftliche Erkenntnisse konstruktiv-kritisch überprüft, datenjournalistisch kompetent aufbereitet und ausgewogen eingeordnet werden. Um dieser Verantwortung gerecht zu werden, müssen Qualität und Quantität des Wissenschaftsjournalismus ausgebaut und enger mit den tagesaktuellen informationsangeboten verzahnt werden.

„Unser wirtschaftliches Handeln muss nachvollziehbar und überprüfbar sein.“

medienpolitik.net: Ihre erste Forderung im 1. Impuls lautet: “Unsere Aufgabe sehen wir darin, neuartige mediale Brücken zu bauen, die den Dialog zwischen unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen unterstützen und damit das Recht auf freie Meinungsäußerung auf verantwortungsvolle Weise kultivieren.“ Sind Ihre Forderungen aus dem 1. Impuls überholt?

Wille: Nein, sie gelten unverändert fort. Im Gegenteil die aktuelle Corona-Krisenlage erfordert gerade den Dialog zwischen unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen. Auch weil allumfassende Einbindung mehr als Meinungsvielfalt bedeutet. Wie in der Krise erkennbar wird, gehört dazu auch, immer wieder über alle Bereiche der Gesellschaft zu berichten und ihre unterschiedlichen vielfältigen Sichtweisen einzubinden, nicht zuletzt um deren Bedeutung für die Daseinsvorsorge und für verschiedene Perspektiven auf das Gemeinwohl sichtbar zu machen.

medienpolitik.net: Sie wollen mit dem 2. Impuls die „Qualität des Öffentlichen“ mitgestalten. Was meinen Sie damit genau? Wie muss sich diese Qualität verändern?

Wille: Die Qualität des Öffentlichen ist eine der entscheidenden Zukunftsfragen für unser demokratisches Gemeinwesen. Gemeint sind die Erfahrungen, die Menschen im öffentlichen Raum machen. Dazu gehört ganz klar die öffentliche Kommunikation und daher sind alle von uns definierten Handlungsfelder darauf ausgerichtet, diese Qualität des Öffentlichen mitzugestalten. In Zeiten der Fragmentierung und Partikularisierung muss es darum gehen, immer wieder eine gemeinsame Diskursgrundlage zu ermöglichen, die Zusammenhang und Zusammenhalt vermittelt. Wenn diese Erfahrungen schwinden, verliert sich das Gemeinsame im Gemeinwesen.

medienpolitik.net: Sie schreiben im 2. Impuls: „Systemrelevant ist, was gemeinwohlrelevant“. Sind Banken immer gemeinwohlrelevant?

Wille: Diese Frage müssen Sie natürlich den Banken stellen, wünschenswert wäre es sicherlich. Der Gedanke hinter dieser Gleichsetzung zielt auf eine Klärung dessen, was systemrelevant sein soll. Was sonst als Gemeinwohlrelevanz wäre der tiefere Sinn hinter dem Begriff „Systemrelevanz“ in einem demokratischen Gemeinwesen. Und dies erfordert entsprechende Handlungsorientierungen.

medienpolitik.net: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat während der ersten Phase der Corona-Epidemie viel Zuspruch erfahren und mehr Zuschauer erreicht – auch Jüngere – als sonst im Durchschnitt. Auf der anderen Seite findet die Gebührenerhöhung anscheinend nach wie vor in der Bevölkerung eine geringe Akzeptanz. Woran liegt das?

Wille: Ich kann nicht bestätigen, dass diese Akzeptanz auf breiter Ebene fehlt. Wir haben aus der breiten Bevölkerung große Dankbarkeit dafür erfahren, wie wir in der Corona-Krise aktuell, zuverlässig, kompetent und unabhängig informiert haben. Damit waren wir für unser Publikum stets ein verlässlicher Kompass. Unser jüngster Nutzermonitor belegt zudem auch eine gewachsene Zustimmung für die Beitragszahlung durch die Bürgerinnen und Bürger. 88 % der Menschen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen vertrauen dem MDR, 62 % sogar im besonderen Maße. 70 % der Menschen in den drei Bundesländern bewerten den MDR als in besonderem Maße gesellschaftlich relevant, dies ist der höchste Wert seit Beginn der Messung vor 4 Jahren. Über die letzten Jahre liegt die Zustimmung zu der Aussage, dass der Rundfunkbeitrag ein unabhängiges und anspruchsvolles Medienangebot sichert, bei stabilen 70 %.

medienpolitik.net: Fragen des sparsamen Umgangs mit den Beitragsgeldern oder Gebührengeldern in Österreich und der Schweiz spielen bei beiden Impulsen keine Rolle. Gehört Sparsamkeit nicht zu einer Gemeinwohlorientierung?

Wille: Selbstverständlich gehört Sparsamkeit zur Gemeinwohlorientierung und daher ist dieser Aspekt auch im 1. Leipziger Impuls unter dem Aspekt der Transparenz enthalten: Unser wirtschaftliches Handeln muss nachvollziehbar und überprüfbar sein. Diese Transparenz stellen wir zum Beispiel auf den ARD-Webseiten und mit unseren Berichten über die wirtschaftliche Lage in allen Landtagen regelmäßig her.

medienpolitik.net: Wie setzt der MDR die Überlegungen der Leipziger Impulse um?

Wille: Der MDR hat dieses Jahr unter den publizistischen Leitgedanken „Miteinander leben“ gestellt. Unsere Angebotswelt in Radio, Fernsehen und Online greift diesen gemeinwohlorientierten Ansatz auf vielfältige Weise auf. Wir haben gerade während der Hochphase der Corona-Krise viele gemeinwohlorientierte Programmschwerpunkte gestartet. So haben wir unsere gut aufgestellten barrierefreien Programmangebote sofort weiter ausgebaut, um alle Menschen inklusiv und umfassend mit den neuesten Informationen versorgen zu können. Zugleich haben viele Menschen während der ersten Corona-Monate Kultur-Erlebnisse schmerzhaft vermisst. Denn Musik ist gerade in Mitteldeutschland, einer der kulturreichsten Regionen Deutschlands, eine prägende Kraft – Kultur ist identitätsstiftend, sorgt für Zusammenhalt. Beim „Lieder- Lieferdienst“ sind daher Musikerinnen und Musiker vom MDR-Sinfonieorchester und vom MDR-Rundfunkchor zu den Menschen gefahren und haben sich bei den Helferinnen und Helfern in der Krise mit Musik bedankt. In wirtschaftlich schwieriger werdenden Zeiten haben wir mit unserem digitalen Filmfestival „Corona Creative“ den Filmemachern in Mitteldeutschland eine Plattform gegeben und sie unterstützt. Wir haben gemeinsam mit Expertinnen und Experten in digitalen Zukunftswerkstätten debattiert, wie die Krise gemeistert werden könnte. Mit der gemeinsamen Orientierung am Gemeinwohl haben wir uns bewusst als öffentlich-rechtlicher Medienanbieter mit Partnern aus dem Produktions-, Kultur- und Kunstbetrieb, etablierten Unternehmen und jungen Start-ups solidarisiert. Diese Netzwerke sichern ein starkes Gemeinwohl-Rückgrat auch in Zeiten großer gesellschaftlicher und ökonomischer Unsicherheit.

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