TV-Sender stellen sich weiterhin stur

von am 14.09.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Medienwirtschaft

TV-Sender stellen sich weiterhin stur
Helmut Hartung, Chefredakteur medienpolitik.net

Corona-Hilfsfonds des Bundes gestartet

14.09.2020. Von Helmut Hartung, Chefredakteur, medienpolitik.net

Es ist das wichtigste Thema für die Filmwirtschaft seit Wochen: Der Ausfallfonds für coronabedingte unterbrochene oder abgebrochene Kinofilm- oder TV-Produktionen. Am Freitag nun wurde der Ausfallfonds des Bundes gestartet. Doch er reicht nicht aus, um bei Produzenten und an den Sets Mitwirkenden, das Risiko deutlich zu reduzieren, angesichts wieder steigender Infektionszahlen, Dreharbeiten aussetzen zu müssen.  Der Hilfsfonds in Höhe von 50 Millionen Euro Hilfsfonds soll Schäden bei Kinofilmproduktionen und hochwertigen Serienproduktionen abdecken, die bei Produktionen vom 11. September bis zum 30. Juni 2021 eintreten. Produktionen mit einem majoritären Förderanteil des Bundes werden im Schadensfall mit bis zu 95 Prozent des anerkannten Schadens, maximal aber bis zur Höhe der Gesamtherstellungskosten und maximal in Höhe von bis zu 1,5 Millionen Euro durch die BKM unterstützt.

Produktionen, die majoritär durch die Länder gefördert sind, erhalten bundeseitig im Schadensfall bis zu 750.000 Euro zusätzliche Unterstützung. Ebenfalls bis zu 750.000 Euro soll für diese Produktionen durch die sich am Ausfallfonds beteiligenden Länder bereitgestellt werden. Die Selbstbeteiligung des Herstellers beträgt 5 Prozent des anerkannten Schadens, mindestens aber 10.000 Euro. Die Produzentenallianz begrüßte die von ihr seit Mai angemahnte Regelung und fordert die Richtlinien „sinnvoll anzuwenden und möglicherweise auch nachzujustieren, wenn sich Notwendigkeiten dafür zeigen“.

Versicherungen stehen für solche Schäden nicht ein. Für die höheren Kosten, die den Produzenten durch die Pandemie entstanden sind, kamen bisher zum Teil die Filmförderer der Länder oder die Fernsehsender auf. Das ZDF beispielsweise geht von Mehrkosten von wenigstens 50 Millionen Euro aus. Allerdings sind diese Hilfen bis September befristet. Angesichts der großen finanziellen Risiken, dass durch eine Corona-Infektion Produktionen erneut unterbrochen oder beendet werden müssen, zögern Produzenten ihre geplanten und teilweise auch geförderten Projekte hinaus. Ausfallfonds existieren bereits in zahlreichen Ländern, wie Österreich, Frankreich, Kanada, Großbritannien oder Australien. In Österreich können die Ausfallzuschüsse pro Produktion bis zu 75 Prozent der Herstellungskosten betragen.

„Es ist Konsens unter den Staatskanzleien, dass ein solcher Fonds nur dann zustande kommt, wenn ihn die TV-Sendergruppen und wichtigsten Download-Plattformen mitfinanzieren.“

Da mit dem Ausfallfonds des Bundes allerdings ausschließlich Kinofilm- und High-End-Serienproduktionen abgesichert werden, sind Unternehmen aus dem Bereich der Fernseh- und Auftragsproduktionen weiter dem erheblichen finanziellen Risiko eines Corona-bedingten Drehausfalls ausgesetzt. Ein Bereich, der immerhin drei Viertel der gesamten Branche ausmacht und für eine Mehrheit der Produktionsfirmen in Deutschland das zentrale finanzielle Standbein ist. „Wir hoffen, dass mit der Einrichtung des Ausfallfonds I eine Signalwirkung einhergeht und auf Ebene der Länder und Sender schnell ein Ausfallfonds II nachgezogen wird, der die existenziellen Risiken der Unternehmen auch im Kontext von Fernsehproduktionen absichert, erklärte deshalb Alexander Thies, Vorsitzender der Produzentenallianz.

Mehrere Länder, so Bayern, Berlin, Brandenburg, Hamburg, NRW und Sachsen haben inzwischen zugesagt, sowohl den Ausfallfonds des Bundes als auch einen zweiten Fonds, der vor allem TV-Produktionen absichern soll, zu unterstützen. Allerdings ist es Konsens unter den Staatskanzleien, dass ein solcher Fonds nur dann zustande kommt, wenn ihn die TV-Sendergruppen und wichtigsten Download-Plattformen zu mindestens 50 Prozent mitfinanzieren. Doch bisher existiert aus der Fernsehbranche – abgesehen von Amazon und RTL – dazu weiterhin kaum Bereitschaft, hier mit in die Verantwortung zu gehen. „Neben dem kräftigen Engagement des Bundes brauchen wir auch das Engagement der für den Rundfunk zuständigen Länder und Sender“, sagte Kulturstaatsministerin Monika Grütters. „Wir müssen zusammenstehen, um dieser künstlerischen und technologischen Schlüsselindustrie einen echten Neustart zu ermöglichen. Daher bin ich froh, dass es offenbar einen sehr regen Abstimmungsprozess zwischen Ländern und Sendern zur Absicherung von TV Produktionen gibt und einige Länder zudem bereits zugesagt haben, sich ebenfalls finanziell am Ausfallfonds für Kinoproduktionen und High End Serien zu beteiligen.“

Die TV-Sendergruppen haben in der ersten Phase der Pandemie schnell reagiert und den Produzenten mit der Übernahme eines Teils der zusätzlichen Kosten geholfen. Deshalb ist zu hoffen, dass sie – im eigenen Interesse – ihre bisherige ablehnende Position kurzfristig aufgeben, um damit der Produktionsbranche mehr Sicherheit bei Dreharbeiten und ihren Zuschauern wieder Vorfreude auf neue fiktionale TV-Filme und Serien zu geben. Es geht bei dem Ausfallfonds nicht um einen „staatlichen Fonds“, wie aus den Sendern immer wieder abwehrend zu hören ist, sondern um ein Hilfsangebot, dass von der Branche, die es verwertet und den Ländern die von Filmproduktionen wirtschaftlichen profitieren, mitgetragen wird. In den nächsten Tagen soll ein Gespräch zwischen Länder- und Sendervertretern stattfinden. Vielleicht wird dort endlich der gordische Knoten zerschlagen.

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