„Wir sind noch weit vom Vor-Corona-Niveau entfernt“

von am 29.09.2020 in Aktuelle Top Themen, Allgemein, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Medienförderung, Medienwirtschaft, Technik

„Wir sind noch weit vom Vor-Corona-Niveau entfernt“
Stefan Hoff, Vorstandsvorsitzender des Verbands Technischer Betriebe für Film und Fernsehen (VTFF)

Die Hälfte der technischen Betriebe der Filmwirtschaft rechnet mit Umsatzeinbußen von ca. 40 Prozent

29.09.2020. Interview mit Stefan Hoff, Vorstandsvorsitzender des Verbands Technischer Betriebe für Film & Fernsehen (VTFF)

In einer Live-Online-Befragung während der virtuellen Mitgliederversammlung des VTFF haben die Mitglieder ihre Einschätzungen zu den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie angegeben. Fast die Hälfte der VTFF-Mitglieder erwarten für das Jahr 2020 Umsatzeinbußen von um die 40 Prozent, ein Drittel rechnet mit 11-25 Prozent und weniger als ein Viertel hofft, ohne größere negative Auswirkungen durch die Krise zu kommen. Die Hauptursache für die Einbußen sind weniger Aufträge, wovon über 60 Prozent der Mitglieder betroffen sind. Zusätzlich wird über die Hälfte der Unternehmen von erhöhtem Aufwand für Corona-Schutzmaßnahmen belastet. Außerdem stellt ein Viertel eine niedrigere Bezahlung als vor der Krise fest. Insgesamt erwarten daher zwei Drittel der Mitglieder, dass sie sich verändern oder gar verkleinern müssen. Um überhaupt noch weitermachen zu können, sind die staatlichen Corona-Hilfen für die meisten Unternehmen unerlässlich: über 90 Prozent der Mitglieder nehmen Kurzarbeitergeld in Anspruch, etwa die Hälfte hat zusätzliche Kredite aufgenommen, fast ein Drittel beantragt Überbrückungshilfe und ein Drittel erhält Zuschüsse und sonstigen Förderungen.

medienpolitik.net: Herr Hoff, wie ist die aktuelle wirtschaftliche Lage der technischen Betriebe?

Hoff: Die aktuelle Lage ist äußerst schwierig, erfordert von den technisch-kreativen Betrieben große Anstrengung und Gestaltungskraft und ist für die meisten ohne Unterstützung kaum zu meistern. Das liegt auch an dem wirtschaftlichen Druck, der schon vor Corona auf den Unternehmen lastete.

medienpolitik.net: Welche Bereiche sind vor allem betroffen?

Hoff: Die verschiedenen Gruppen im VTFF sind unterschiedlich betroffen, was die Höhe und den Verlauf der Einbußen angeht. So ist den Außenübertragungsunternehmen in den ersten Monaten der Krise nahezu das gesamte Geschäft weggebrochen. Dann lief zwar die Sportproduktion langsam wieder an, aber die ganzen Events, Großveranstaltungen und viele Live-Produktionen fallen auf bislang nicht absehbare Zeit aus. Da muss man schon gut aufgestellt sein, um das länger durchzuhalten, denn für diese Unternehmen reichen die Hilfsmaßnahmen kaum. Einige Studios wiederum konnten fast unvermindert weiter produzieren, haben allerdings einen erheblichen Aufwand durch die Schutzmaßnahmen. Für die fiktionale Postproduktion und VFX fängt die harte Zeit jetzt erst richtig an, sollten neue Projekte ausbleiben, die im Frühjahr und Sommer nicht gedreht wurden. Im Rental- und im Tonbereich sieht es wieder anders, aber ebenso problematisch aus.

medienpolitik.net: Inwieweit werden die Umsatzeinbußen durch die Corona-Hilfen des Bundes und der Länder ausgeglichen?

Hoff: Die Corona-Hilfen von Bund und Ländern gleichen die Umsatzeinbußen nicht aus, sie ermöglichen bestenfalls das Überleben. Fast alle VTFF-Mitglieder nehmen das Kurzarbeitergeld in Anspruch, die Hälfte hat Kredite aufgenommen, die ja wieder getilgt werden müssen, ein Drittel hat Überbrückungshilfen beantragt und ein Drittel erhält Zuschüsse und andere Förderungen. Dies alles ist unabdingbarer Teil ihres Krisenmanagements. Wie es ohne oder nach diesen Hilfsmaßnahmen aussieht, vermögen wir uns noch nicht vorzustellen.

„Wie es ohne oder nach den Hilfsmaßnahmen aussieht, vermögen wir uns noch nicht vorzustellen.“

medienpolitik.net: Sie hatten im Mai knapp 350 Millionen Euro Soforthilfe gefordert, um zu überleben. War das nicht übertrieben?

Hoff: Bereits im März, also vor einem halben Jahr hat der VTFF einen Krisenfonds gefordert, der auf einer Schätzung der gesamten ungedeckten Fixkosten aller Produktionsdienstleister bei größeren Produktionseinschränkungen bis in das nächste Jahr hinein basierte. Das war recht realistisch und vorsorglich; solche Szenarien sollten in die Überlegungen der Politik und der Gesellschaft einfließen. Es sind ja dann einige Teilforderungen wie Zuschüsse für KMUs, längeres Kurzarbeitergeld, besser abgesicherte Kredite und Fixkostenübernahme durch Überbrückungshilfen umgesetzt worden. Dafür gebührt der Politik Anerkennung, auch wenn man sich manches noch besser hätte vorstellen können.

medienpolitik.net: Die Förderer fördern weiterhin Produktionen, die TV-Sender haben – so sagen sie zumindest – ihre Aufträge nicht reduziert. Da müsste es doch auch bei Ihnen laufen?

Hoff: Maßvolle Lockerungen, von der Branche mit großem Engagement umgesetzte Arbeitsschutzmaßnahmen und mutige Produktionsunternehmen führen zu wachsenden Produktionstätigkeiten. Das spüren und unterstützen die technischen Dienstleister natürlich mit großer Erleichterung. Dennoch sind wir im Ganzen noch weit von dem Vor-Corona-Niveau entfernt, es fehlen die oben genannten Sport- und Kulturevents, Industrieaufträge, internationale und dokumentarische Formate.

„Ohne Ausfallfonds würde der Restart weiterhin gebremst verlaufen und Drehabbrüche könnten zu erneuten Produktionsrückgängen führen.“

medienpolitik.net: Welche Auswirkungen hätte es auf Ihre Branche, wenn es zu keinem Ausfallfonds II für TV-Produktionen käme?

Hoff: Der Restart würde weiterhin gebremst verlaufen und Drehabbrüche könnten zu erneuten Produktionsrückgängen führen. Das würde die gesamte Branche enorm zurückwerfen.

medienpolitik.net: Sie gehen nach einer aktuellen Umfrage davon aus, dass zwei Drittel der Mitglieder erwarten, „dass sie sich verändern oder gar verkleinern müssen.“ Wie viele Arbeitsplätze könnte das treffen?

Hoff: Von Arbeitsplatzabbau ist glücklicherweise bislang kaum die Rede. Noch greift das Kurzarbeitergeld, die Unternehmen hoffen auf eine weitere Belebung des Produktionsmarktes und dass sie wieder ihre vorherige Größe erreichen. Dabei rechnen viele mit Veränderungen, über die wir gerade im Verband diskutieren. Außerdem waren qualifizierte Mitarbeiter vor der Corona-Krise sehr gefragt, diese möchte und darf man gerade jetzt nicht verlieren.

medienpolitik.net: Sie betonen die Solidarität der Filmwirtschaft. Was heißt das konkret?

Hoff: Schauen, was die anderen machen, wie es ihnen geht und unterstützen, wo man kann. Viele Unternehmen sorgen sich nicht nur um ihre Mitarbeiter, sondern auch um das freie Personal. Es heißt auch, dass jeder seinen Teil zu den Schutzmaßnahmen und zum Restart beiträgt. Im Verband wird der Informations- und Erfahrungsaustausch, der Zusammenhalt und die Ermutigung von vielen gerade jetzt als hilfreich erachtet. Der VTFF tritt für fairen Wettbewerb und partnerschaftliche Zusammenarbeit auch in schwierigen Zeiten ein.

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